gms | German Medical Science

50. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie (gmds)
12. Jahrestagung der Deutschen Arbeitsgemeinschaft für Epidemiologie (dae)

Deutsche Gesellschaft für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie
Deutsche Arbeitsgemeinschaft für Epidemiologie

12. bis 15.09.2005, Freiburg im Breisgau

Zeitliche Trends bei Krebserkrankungen im Kindesalter in Deutschland und Europa

Meeting Abstract

Suche in Medline nach

  • Peter Kaatsch - IMBEI, Mainz

Deutsche Gesellschaft für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie. Deutsche Arbeitsgemeinschaft für Epidemiologie. 50. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie (gmds), 12. Jahrestagung der Deutschen Arbeitsgemeinschaft für Epidemiologie. Freiburg im Breisgau, 12.-15.09.2005. Düsseldorf, Köln: German Medical Science; 2005. Doc05gmds301

Die elektronische Version dieses Artikels ist vollständig und ist verfügbar unter: http://www.egms.de/de/meetings/gmds2005/05gmds201.shtml

Veröffentlicht: 8. September 2005

© 2005 Kaatsch.
Dieser Artikel ist ein Open Access-Artikel und steht unter den Creative Commons Lizenzbedingungen (http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/deed.de). Er darf vervielf&aauml;ltigt, verbreitet und &oauml;ffentlich zug&aauml;nglich gemacht werden, vorausgesetzt dass Autor und Quelle genannt werden.


Gliederung

Text

Einleitung und Fragestellung

Seit einigen Jahren wird immer wieder darüber berichtet, dass die Inzidenz von Krebserkrankungen im Kindesalter in den Industrienationen in den vergangenen Dekaden angestiegen ist (z.B. [1], [2], [3], [4]). Eine Ende 2004 in Lancet zu dieser Thematik erschienene Veröffentlichung, zusammengestellt aus europäischen Daten und basierend auf über 100.000 Erkrankungsfällen bei Kindern [5] ist in der Fachöffentlichkeit sowie in der Bevölkerung auf großes Interesse gestoßen und intensiv diskutiert worden Die Frage ist, ob ein Anstieg, wenn er beobachtet wird, eine real bestehende Zunahme der Inzidenz darstellt oder ob und inwieweit Artefakte durch Registrierungsmethodik, eine verbesserte Diagnostik oder andere Faktoren hierbei eine Rolle spielen. Dies wird anhand der für Deutschland und Europa vorliegenden Daten in diesem Beitrag gezeigt.

Material und Methoden

Für zeitliche Trendanalysen stehen in Deutschland bevölkerungsbezogen die Daten des Deutschen Kinderkrebsregisters zur Verfügung (http://www.kinderkrebsregister.de/). Es arbeitet seit 1980 und erfasst bundesweit und seit vielen Jahren mit hoher Vollzähligkeit die Krebserkrankungen bei unter 15-jährigen Kindern (seit 1991 auch für die neuen Bundesländer) [6].

Im Rahmen des Projektes ACCIS (Automated Childhood Cancer Information System) wurden Daten zu Kinderkrebs aus europäischen Krebsregistern zusammengeführt [5]. Die Datenqualität und Vergleichbarkeit der Daten aus den einzelnen Registern wurden nach standardisierten Kriterien begutachtet. Nur miteinander vergleichbare und qualitativ hohen Ansprüchen genügende Datensätze wurden in die allgemein verfügbare Datenbank aufgenommen [7]. Dies trifft für 63 bevölkerungsbezogene Krebsregister aus 19 Ländern zu. Diese decken insgesamt etwa 131.000 Erkrankungsfälle bei unter 15-Jährigen ab, die in dem Zeitraum von 1970 bis 2001 erkrankt sind.

Ergebnisse

Betrachtet man für Deutschland den Inzidenzverlauf seit 1980, so entsteht primär der Eindruck eines Anstieges für die Erkrankungen insgesamt in den ersten etwa 7 Jahren und dann wieder ab etwa 1996. Dies relativiert sich beim näheren Betrachten.

Der bis etwa 1987 beobachtete Anstieg ist auf die wachsende Vollzähligkeit in der Anfangsphase der Registrierung zurückzuführen. In der daran anschließenden Periode ist der Anstieg insbesondere durch Artefakte bei der Erfassung der Tumoren des zentralen Nervensystems (ZNS-Tumoren) und des Neuroblastoms bedingt: Bei den ZNS-Tumoren beruht dies - wie auch generell international beobachtet und schon unter anderem Anfang der 80er Jahre beschrieben [8] - unter anderem darauf, dass es sich hierbei um eine sehr heterogene Diagnosengruppe handelt, die, je nach Diagnose, von unterschiedlichen medizinischen Fachdisziplinen behandelt wird. Definitionsgemäß gehören auch die histologisch benignen ZNS-Tumoren zu den zu erfassenden Erkrankungen. Diese werden häufig nicht mit Chemotherapie, sondern nur neurochirurgisch, neuropädiatrisch oder durch Strahlentherapie behandelt. Somit werden diese Erkrankungen von den pädiatrischen Onkologen, die als Haupt-Datenquelle Daten an das Deutsche Kinderkrebsregister übermitteln, oft gar nicht gesehen und von Ihnen entsprechend nicht an das Register gemeldet. Immer wieder konnte auch beobachtet werden, dass sich bei Beginn einer neuen klinischen Studie für eine umschriebene Gruppe von Hirntumor-Diagnosen ein verändertes Meldeverhalten bei den beteiligten Fachdisziplinen zeigte.

Beim Neuroblastom wurde aufgrund eine Modellprojektes zum Screening [9] in denjenigen Bundesländern jeweils höhere Inzidenzen beobachtet, in denen - vorübergehend - ein Screening angeboten wurde. Hierbei wurden die lokalisierten Tumoren verstärkt entdeckt, die sich spontan zurückbilden, üblicherweise gar nicht diagnostiziert und damit natürlich auch nicht gemeldet werden. Dies erklärt die beobachtete Zunahme der Inzidenz.

Betrachtet man die Leukämien, so ist ein scheinbarer Anstieg Mitte der 90er Jahre auf ein höheres, dann aber relativ gleichbleibendes Niveau zu verzeichnen, das sich auf die Gruppe der akuten lymphatischen Leukämien (ALL) beschränkt. Diese Beobachtung ist auf die Einführung einer veränderten Klassifizierung zurückzuführen, die den Klinikern eine andere, die Biologie der Erkrankungen besser abbildende Differenzierung zwischen Non-Hodgkin-Lymphomen (NHL) und ALL ermöglicht. Die Inzidenzen für ALL und NHL zusammen zeigen den für die ALL allein beobachteten stufenförmigen Anstieg nicht.

Insofern ist für Deutschland bislang kein realer Anstieg der Inzidenzen festzustellen.

Die ACCIS-Daten weisen über die drei zugrunde liegenden Dekaden (1970-1998) einen Inzidenzanstieg von etwa 1% pro Jahr in Europa auf. Dieser Anstieg ist für die Erkrankungen insgesamt sowie für die meisten Diagnosengruppen statistisch signifikant (Leukämien, Lymphome, Hirntumoren, Neuroblastome, Weichteiltumoren, Keimzelltumoren, Nierentumoren) [5].

Diskussion

Eine Reihe von Datenanalysen zeigt, dass in den Industrieländern in den letzten vier bis fünf Dekaden ein Anstieg der Krebserkrankungsraten bei Kindern zu verzeichnen ist. Dies ist sicher zum Teil durch generell verbesserte Diagnostik oder Registrierungsartefakte zu erklären. Die Größenordnung der beobachteten Zunahme und die Konsistenz der Ergebnisse veranlassen eine Reihe von Autoren jedoch zu der Aussage, dass der Anstieg nicht allein durch Artefakte erklärbar ist.

Für Deutschland ist eine solche Inzidenzveränderung, die auf einen realen Anstieg der Erkrankungsraten hinweist, bisher nicht zu erkennen. Diese Aussage gilt für den Zeitraum ab etwa 1987, seit dem am Deutschen Kinderkrebsregister eine gleichmäßig hohe Vollzähligkeit der Erfassung vorliegt. Daher widersprechen diese deutschen Daten nicht den für Europa seit den sechziger oder siebziger Jahren beobachteten Inzidenzveränderungen.

Ganz generell ist das Entstehen von Krebs mit beeinflusst durch Lebensstilfaktoren, die Mobiltät der Menschen und die Vielfältigkeit der natürlichen und künstlich geschaffenen Umwelteinflüsse. Bezogen auf Kinder muss allgemein gesagt werden, dass die Ursachen für Krebserkrankungen im Kindesalter noch unbekannt sind. Als beeinflussende Faktoren für das Entstehen von Krebs bei Kindern - ob verursachend oder protektiv - werden jedoch generell genetische Faktoren und familiäre Anamnese, Reproduktionsfaktoren, Verlauf von Schwangerschaft und Geburt, das Immunsystem beeinflussende Faktoren oder Gen-Umwelt-Interaktionen diskutiert. Diese Faktoren haben sich in den vergangenen Dekaden mit Sicherheit verändert, so dass auch eine Veränderung in den Inzidenzen für Krebserkrankungen bei Kindern nicht ganz unerwartet erscheint.


Literatur

1.
McNally RJO, Kelsey AM, Cairns DP et al. Temporal increases in the incidence of childhood solid tumors seen in Northwest England (1954-1998) are likely to be real. Cancer 2001; 92: 1967-1976
2.
Draper GJ. Childhood cancer: trends in incidence, survival and mortality, Eur J Cancer 1995; 31A: 653- 654
3.
Dreifaldt AC, Carlberg M, Hardell L. Increasing incidence rates of childhood malignant diseases in Sweden during the period 1960-1998. Eur J Cancer. 2004; 40(9): 1351-60
4.
Magnani C, Dalmasso P, Pastore G et al. Increasing incidence of childhood leukemia in Northwest Italy 1975-98. Int J Cancer 2003; 105: 552-557
5.
Steliarova-Foucher E, Stiller C, Kaatsch P et al. Geographical patterns and time trends of cancer incidence and survival among children and adolescents in Europe since 1970s (the ACCIS project): an epidemiological study. Lancet 2004; 364: 2097-2105
6.
Kaatsch P. Das Deutsche Kinderkrebsregister im Umfeld günstiger Rahmenbedingungen. Bundesgesundheitsbl Gesundheitsforsch Gesundheitsschutz 2004; 47: 437-443
7.
Steliarova-Foucher E, Berrino F, Coebergh JW, Kaatsch P et al. ACCISpass 1.01, software for analysis and presentation of data on incidence and survival of children and adolescents in Europe. Lyon: European Network of Cancer Registries, 2002
8.
Breslow NE, Langholz B. Childhood cancer incidence: geographical and temporal variations. Int J Cancer 1983; 32: 703-716
9.
Spix C, Michaelis J, Berthold F et al. Lead-time and overdiagnosis estimation in neuroblastoma screening. Statistics in Medicine 2003; 22: 2877-2892