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50. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie (gmds)
12. Jahrestagung der Deutschen Arbeitsgemeinschaft für Epidemiologie (dae)

Deutsche Gesellschaft für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie
Deutsche Arbeitsgemeinschaft für Epidemiologie

12. bis 15.09.2005, Freiburg im Breisgau

Ist die nüchtern Glucose- und Triglycerid-Bestimmung für die Untersuchung der Prävalenz des metabolischen Syndroms erforderlich?

Meeting Abstract

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  • Susanne Moebus - Institut für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie, Essen

Deutsche Gesellschaft für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie. Deutsche Arbeitsgemeinschaft für Epidemiologie. 50. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie (gmds), 12. Jahrestagung der Deutschen Arbeitsgemeinschaft für Epidemiologie. Freiburg im Breisgau, 12.-15.09.2005. Düsseldorf, Köln: German Medical Science; 2005. Doc05gmds561

Die elektronische Version dieses Artikels ist vollständig und ist verfügbar unter: http://www.egms.de/de/meetings/gmds2005/05gmds182.shtml

Veröffentlicht: 8. September 2005

© 2005 Moebus.
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Gliederung

Text

Hintergrund

Mit dem Metabolischen Syndrom wird ein heterogener Symptomenkomplex von Stoffwechselstörungen bezeichnet, dessen klinische Bedeutung in einem deutlich erhöhten Risiko für kardiovaskuläre Morbidität und Mortalität liegt. Obwohl das metabolische Syndrom schon seit den frühen 20iger Jahren des letzten Jahrhunderts beschrieben wurde (insulin resistance syndrom, Syndrom X, tödliches Quartett), konnte sich international keine einheitliche Definition durchsetzen. Derzeit werden im wesentlichen vier verschiedenen Definitionen diskutiert [1], wobei sich die der WHO und des National Cholesterol Education Program Adult Treatment Panel III (NCEP - ATP III) am ehesten durchzusetzen scheinen. Die klinische Definition stützt sich im wesentlichen auf den Nachweis einer arteriellen Hypertonie, einer abdominellen Adipositas, erhöhte Triglyzerid- und niedrige HDL-Cholesterin-Werte sowie teilweise auf eine diabetische Stoffwechsellage. Unterschiede bestehen u.a. in der Wertung einer Hyperglykämie, Insulinresistenz oder auch einer gestörten Glukoseintoleranz. Für die WHO-Definition ist das Vorliegen eines Diabetes mellitus Voraussetzung für die Diagnose metabolisches Syndrom, für die einfacher anwendbare NCEP-ATP III-Definition nicht. Bei letzteren ist eine Nüchternglukose >6.1 mmol/L und ein Triglyceridwert >1.7 mmol/L für die Diagnose Metabolisches Syndrom festgelegt.

Für die Untersuchung des Metabolischen Syndroms in epidemiologischen Studien hängen Fallzahlkalkulation, Logistik der Feldphase und damit verbunden die Höhe finanzieller Aufwendungen deutlich von der verwendeten Definition und der Strenge ihrer Anwendung ab. Entgehen verbreiteter Annahmen liegt hierzu kein wissenschaftlicher Konsens vor. Es wurde daher der Literaturstand synoptisch zusammengefasst mit dem Ziel, die Notwendigkeit der Bestimmung von Nüchternblutparametern zu hinterfragen. Darüber hinaus sollen Möglichkeiten alternativer Erhebungsansätze zur Diskussion gestellt werden.

Ergebnisse

In welcher Form Blutglukose in Studien bestimmt wird – in bezug auf Nüchternstatus oder auch Blutmaterial – wird in der Literatur kontrovers diskutiert und hängt letztlich von der Fragestellung ab. In bezug auf die Bestimmung des Metabolischen Syndroms sind in der Literatur fast ausschließlich Studien mit Nüchtern-Glukosebestimmungen zu finden. Dagegen weisen eine Vielzahl von Studien zum Screening von Diabetes oder zur Untersuchung der Auswirkungen von Hyperglykämien auf verschiedene (kardiovaskuläre) Endpunkte einen eher pragmatischen Erhebungsansatz auf, mit der Bestimmung des Random-Kapillarblutes- bzw. Random-Plasmaglucose (Gelegenheitsblutzucker).

Gründe für diese unterschiedlichen Strategien der Glucosebestimmung könnten darin liegen, dass Studien zum Diabetes (Hypoglykämien) mittlerweile häufig versorgungsepidemiologische Schwerpunkte aufweisen und Fragestellungen eher unter Bedingungen des Praxisalltages durchgeführt werden. Die Untersuchung des Metabolischen Syndroms hingegen ist erst in den letzten Jahren in den Blickpunkt der Forschung geraten und wird somit derzeit eher unter der Ägide epidemiologischer Forschung durchgeführt. Allgemeine Expertenmeinung ist derzeit, dass Arbeiten zu diesem Thema nur dann Anerkennung finden und damit gut publizierbar sind, wenn die einschlägigen Definitionen strikt eingehalten werden.

Die Bestimmung der Triglyceridkonzentrationen im Blut wird zwar - im Gegensatz zur Blutglukose - in den verschiedenen Definitionen des Metabolischen Syndroms nicht ausdrücklich im Nüchtern-Zustand gefordert, es ist aber davon auszugehen, das dies wohl implizit vorausgesetzt wird. Grundannahme für die Nüchternbestimmung ist die hohe intraindividuelle Varianz der Triglycerid-Konzentrationen, insbesondere bedingt durch den Zeitpunkt und Art der Nahrungsaufnahme vor der Blutabnahme. So soll ein Nüchternstatus von 10 - 14 h die Variabilität von Serum-Triglyceriden erheblich vermindern. Allerdings konnten eine ganze Reihe weiterer Einflussfaktoren wie Alter, Geschlecht, Tagesrhythmus, körperliche Aktivität, Rauchen, Alkoholeinnahme, Krankheitszustand sowie insgesamt das Ernährungsverhalten identifiziert werden. Schätzungen aus ca. 30 zwischen 1970 und 1992 publizierten Studien (Schätzer bestimmt durch ein random effect model) haben ergeben, dass die biologische Variabilität für Gesamt-Cholesterin bei 6%, HDL 7.4%, LDL 9.5% und Triglyceride sogar 22.6% liegt [2].

Der Lipidstoffwechsel als ein sehr komplexes und kompliziertes Geschehen, ist in vielen Forschungsbereichen (molekularbiologisch, klinisch, epidemiologisch) noch unverstanden, gut erkennbar an den unterschiedlichsten und sich häufig schnell ändernden Hypothesen und Präventionsempfehlungen. Die Bestimmung klinischer Assoziationen von Triglyceriden zu Herzkreislauf-Erkrankungen wird nicht nur durch die hohe Varianz der Triglycerid-Gehalte erschwert, sondern zusätzlich durch die hohen Korrelationen der Triglycerid-Gehalte mit anderen Blutlipiden, insbesondere der negative Zusammenhang mit HDL.

Insgesamt muss festgestellt werden, dass die Rolle der Triglyceride in bezug auf die Prädiktion kardiovaskulärer Ereignisse unabhängig von etablierten Risikofaktoren noch nicht endgültig geklärt ist. Mögliche Mechanismen der Einflussnahme von Triglyceriden auf die Entwicklung von Herzkreislauf-Erkrankungen sind vielfältig und die Evidenz der Einflussnahme beruht im wesentlichen auf Studien mit Probanden, deren Blutwerte im Nüchternzustand (mindestens 10 - 12 h) erhoben wurden. Durch Ergebnisse neuerer Studien wird derzeit wieder verstärkt spekuliert, dass eine Rolle der Triglyceride in der Entwicklung artheriosklerotischer Prozesse möglicherweise besser in postprandial erhobenen Triglycerid-Gehalten nachweisbar ist [3], [4].

Schlussfolgerung

Entgegen verbreiteter Annahmen, ist kein eindeutiger Standard hinsichtlich der Erfordernis der Bestimmung von Nüchtern-Blutglukose und -Triglyceriden aus der Literatur ableitbar.

Für groß angelegte Studien ist die Vorgabe der Nüchtern-Bestimmung nur mit sehr großem Aufwand umsetzbar. Allgemein anerkannt ist, dass der Nüchternstatus in der Regel auch bei klinischen Studien (Feldstudien) nicht wirklich kontrollierbar ist, die Erhebung im Feld dadurch schwieriger wird und der Einfluss auf den Response (Teilnahmebereitschaft) nicht unterschätzt werden darf. Als alternative Erhebungsansätze sollen modellhaft Möglichkeiten einer pragmatischen random- Blutparameter-Bestimmung, mit einer nachträglichen Umrechung der Werte in bezug auf die Dauer der letzten Mahlzeit sowie ein sogenannter step wise approach, der vorhandene Informationen bestmöglich nutzt, vorgestellt und diskutiert werden.


Literatur

1.
Bloomgarden ZT. Definitions of the Insulin Resistance Syndrome. The 1st World Congress on the Insulin Resistance Syndrome. Diabetes Care 2004;27:824-30
2.
Smith SJ, Cooper GR, Myers GL et al. Biologic variability in concentrations of serum lipids: sources of variation among results from published studies and composite predicted values. Clin Chem 1993;39:1012-22.
3.
Ginsberg HN. Is hypertriglyceridemia a risk factor for atherosclerotic cardiovascular disease? A simple question with a complicated answer. Ann Intern Med. 1997;126:912-4
4.
Eberly LE, Stamler J, Neaton JD. Relation of triglyceride levels, fasting and nonfasting, to fatal and nonfatal coronary heart disease. Arch Intern Med 2003;163:1077-83.