gms | German Medical Science

50. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie (gmds)
12. Jahrestagung der Deutschen Arbeitsgemeinschaft für Epidemiologie (dae)

Deutsche Gesellschaft für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie
Deutsche Arbeitsgemeinschaft für Epidemiologie

12. bis 15.09.2005, Freiburg im Breisgau

Responseverhalten beim Kinder- und Jugendgesundheitssurvey

Meeting Abstract

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  • Panagiotis Kamtsiuris - Robert Koch-Institut, Berlin
  • Michael Lange - Robert Koch-Institut, Berlin
  • Martin Schlaud - Robert Koch-Institut, Berlin

Deutsche Gesellschaft für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie. Deutsche Arbeitsgemeinschaft für Epidemiologie. 50. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie (gmds), 12. Jahrestagung der Deutschen Arbeitsgemeinschaft für Epidemiologie. Freiburg im Breisgau, 12.-15.09.2005. Düsseldorf, Köln: German Medical Science; 2005. Doc05gmds583

Die elektronische Version dieses Artikels ist vollständig und ist verfügbar unter: http://www.egms.de/de/meetings/gmds2005/05gmds143.shtml

Veröffentlicht: 8. September 2005

© 2005 Kamtsiuris et al.
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Gliederung

Text

Einleitung und Fragestellung

Die Bereitschaft von Personen an Surveys teilzunehmen kann von mehreren Faktoren abhängig sein. Wird die Stichprobenziehung über die Einwohnermeldeämter realisiert, so sind bestimmte soziodemographische Merkmale auch für die Nicht-Teilnehmer verfügbar. Sowohl für die empirische Response-Forschung als auch für die Optimierung des Teilnehmergewinnungsprozesses und die Beurteilung der Repräsentivität der erhobenen Daten ist es hilfreich, das Teilnahmeverhalten bei Surveys zu modellieren [1]. In diesem Beitrag wird das Responseverhalten der Zielpersonen beim Kinder- und Jugendgesundheitssurvey analysiert.

Material und Methoden

Seit Mai 2003 wird mit dem bundesweiten Kinder- und Jugendgesundheitssurvey der Gesundheitszustand der 0- bis 17-Jährigen in Deutschland unfassend untersucht. Über drei Jahre hinweg untersuchen drei ärztlich geleitete Teams eine repräsentative Stichprobe von ca. 17.100 Probanden an 167 Orten [2]. Bei den hier durchgeführten Analysen wurden Daten aus den ersten 75 Untersuchungsorten einbezogen. Der Prozess der Gewinnung der Probanden kann in mehrere Teilabschnitte unterteilt werden. Die in der Studie schriftlich eingeladenen Probanden können sich selbst zurückmelden und einen Untersuchungstermin vereinbaren oder durch einen Feldvorbegeher persönlich aufgesucht und gewonnen werden. Ein Teil der Probanden die bereits zugestimmt haben, erscheint jedoch aus unterschiedlichen Gründen nicht im Untersuchungszentrum. Entsprechend wird zwischen vier Zielvariablen in der Analyse unterschieden: (i) aktive Zusage und Teilnahme des Probanden, (ii) Erreichbarkeit des Probanden durch den Feldvorbegeher, (iii) Gewinnung durch den Feldvorbegeher und Teilnahme des Probanden sowie (iv) Nicht-Erscheinen des Probanden im Untersuchungszentrum. Die einbezogenen erklärenden Merkmale beziehen sich auf die Zielpersonen, auf Zeit und Raum sowie auf die Feldvorbegeher und Untersuchungsteams. Um die Effekte der einzelnen Merkmale auf das Responseverhalten und dessen Komponenten zu untersuchen, wurden multiple logistische Regressionen gerechnet.

Ergebnisse

Aktive Zusage und Teilnahme: Der Anteil der Devianz, der durch die einbezogenen Merkmale erklärt wird, ist sehr klein (Pseudo-R2 von 0,045). Das Alter des Kindes, die Nationalität, die Region in der sich der Untersuchungsort befindet, und die Gemeindegröße spielen eine Rolle hinsichtlich des Anteils der eingeladenen Familien, die sich aktiv zurückmelden und an der Studie teilnehmen. Die Wahrscheinlichkeit einer aktiven Zusage und Teilnahme ist signifikant größer bei den 3- bis 13-Jährigen und in Gemeinden bis 49.999 Einwohnern. Dagegen ist die Wahrscheinlichkeit signifikant kleiner bei nicht-deutscher Nationalität und in der Region West.

Erreichbarkeit durch den Feldvorbegeher: Bei der Zielgröße Erreichbarkeit des Probanden beträgt das Pseudo-R2 0,123. Das Alter des Kindes, die Jahreszeit und die Gemeindegröße sowie der eingesetzte Feldvorbegeher beeinflussen die Wahrscheinlichkeit des Erreichens des Probanden. Diese ist größer bei den 7- bis 17-Jährigen, in den Herbst und Wintermonaten und bei den ganz kleinen Gemeinden bis 9.999 Einwohnern.

Probandengewinnung durch den Feldvorbegeher: Hier beträgt das Pseudo-R2 0,035, so dass die Erklärungskraft der herangezogenen Merkmale in diesem Modell am geringsten ist. Die Modellberechnung ergab hier signifikante Unterschiede nach Alter des Kindes, Region und selbstverständlich nach eingesetztem Feldvorbegeher. Bei den 14- bis 17-Jährigen ist die Wahrscheinlichkeit der Gewinnung durch den Feldvorbegeher signifikant geringer. Ähnliches gilt auch für die Regionen West und Nord.

Nicht-Erscheinen des Probanden im Untersuchungszentrum: Die höchste Erklärungskraft besitzen die einbezogenen Merkmale hinsichtlich der Zielvariable „Nicht-Erscheinen des Probanden im Untersuchungszentrum“ (Pseudo-R2 von 0,189). Hier spielen das Alter des Probanden, die Nationalität und die Gemeindegröße sowie der eingesetzte Feldvorbegeher, das eingesetzte Untersuchungsteam und die Art der Gewinnung bzw. Zustimmung eine Rolle. Es sind eher Kinder im Alter von 0 bis 6 Jahren, Nicht-Deutsche, Probanden in den Großstädten und solche die durch den Feldvorbegeher gewonnen wurden, die trotz Zustimmung den vereinbarten Untersuchungstermin nicht wahrnehmen.

Diskussion

Die Analysen zeigen verschiedene, eher schwach ausgeprägte Effekte der einbezogenen erklärenden Merkmale auf das Responseverhalten der Zielpersonen beim Kinder- und Jugendgesundheitssurvey. Hierbei ist deren Wirkung je nach Zielgröße unterschiedlich. Die geringe Erklärungskraft der herangezogenen soziodemographischen Merkmale kann jedoch, in Anlehnung an Koch [3], auch als ein Hinweis für einen schwachen Nonresponse-Bias interpretiert werden.

Die vielfältigen theoretischen Ansätze zur Erklärung der Teilnahmeentscheidung der Zielpersonen in Surveys reichen von der Rational-Choice-Theorie, in der die Teilnahme als eine Kosten-Nutzen-Abwägung gesehen wird, über die Unsicherheits- und Transaktionskostentheorie bis zur Interaktionstheorie zwischen Interviewer/Feldvorbegeher und Zielperson. Obwohl die hieraus resultierenden Hypothesen , aufgrund der begrenzt zur Verfügung stehenden Erklärungsmerkmale, nur teilweise durch die hier durchgeführten Analysen überprüft werden können, liefern diese einige wichtige Erkenntnisse über die Teilnahmewahrscheinlichkeit der Zielpersonen.

Insbesondere brachte die Umsetzung dieser Erkenntnisse im Prozess der Teilnehmergewinnung, im Rahmen der Feldarbeit des Kinder- und Jugendgesundheitssurveys, eine für Gesundheitsuntersuchungen relativ hohe Response von über 65 Prozent.


Literatur

1.
Schräpler J-P. Was kann man am Beispiel des SOEP bezüglich Nonresponse Lernen? ZUMA-Nachrichten 2000; 46: 117-150.
2.
Kurth BM. Der bundesweite Kinder- und Jugendgesundheitssurvey – Das Gesamtkonzept. Das Gesundheitswesen 2002; 64 Sonderheft 1: S3-S11.
3.
Koch A. Teilnahmeverhalten beim ALLBUS 1994. Kölner Zeitshrift für Soziologie und Sozialpsychologie 1997; 49: 98-112