gms | German Medical Science

50. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie (gmds)
12. Jahrestagung der Deutschen Arbeitsgemeinschaft für Epidemiologie (dae)

Deutsche Gesellschaft für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie
Deutsche Arbeitsgemeinschaft für Epidemiologie

12. bis 15.09.2005, Freiburg im Breisgau

Blutdruckamplitude im mittleren Lebensalter und Demenz-Inzidenz im höheren Lebensalter in einer populationsbezogenen Kohortenstudie

Meeting Abstract

  • Michael Freitag - Johns Hopkins Bloomberg School of Public Health, Baltimore, USA
  • Rita Peila - National Institute on Aging, Bethesda, USA
  • Kamal Masaki - Pacific Health Research Institute, Honolulu, USA
  • Helen Petrovitch - Pacific Health Research Institute, Honolulu, USA
  • Webster Ross - Pacific Health Research Institute, Honolulu, USA
  • Lon White - Pacific Health Research Institute, Honolulu, USA
  • Lenore Launer - National Institute on Aging, Bethesda, USA

Deutsche Gesellschaft für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie. Deutsche Arbeitsgemeinschaft für Epidemiologie. 50. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie (gmds), 12. Jahrestagung der Deutschen Arbeitsgemeinschaft für Epidemiologie. Freiburg im Breisgau, 12.-15.09.2005. Düsseldorf, Köln: German Medical Science; 2005. Doc05gmds265

Die elektronische Version dieses Artikels ist vollständig und ist verfügbar unter: http://www.egms.de/de/meetings/gmds2005/05gmds137.shtml

Veröffentlicht: 8. September 2005

© 2005 Freitag et al.
Dieser Artikel ist ein Open Access-Artikel und steht unter den Creative Commons Lizenzbedingungen (http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/deed.de). Er darf vervielf&aauml;ltigt, verbreitet und &oauml;ffentlich zug&aauml;nglich gemacht werden, vorausgesetzt dass Autor und Quelle genannt werden.


Gliederung

Text

Einleitung und Fragestellung

Die arterielle Hypertonie im mittleren Lebensalter stellt ein Risikofaktor für die Entwicklung einer Demenz im höheren Lebensalter dar [1]. Die zugrundeliegenden Mechanismen und der langfristige Einfluss der einzelnen Blutdruckkomponenten (systolischer, diastolischer und mittlerer arterieller Blutdruck sowie Blutdruckamplitude) auf die kognitiven Fähigkeiten und die Entwicklung einer Demenz sind allerdings noch weitgehend unklar und weniger untersucht worden als deren Einfluss auf kardiovaskuläre Erkrankungen. Die Blutdruckamplitude (Pulsdruck) als Differenz zwischen dem systolischen und diastolischen Blutdruckwert und somit als Maß für die pulsatile Komponente des Blutdrucks, ist mit der Inzidenz von kardiovaskulären Erkrankungen und der Gesamtsterblichkeit assoziiert [2], [3], möglicherweise als Marker für eine erhöhte Steifigkeit der Arterien und dem damit einhergehenden Verlust der Windkesselfunktion [4]. In der Framingham-Kohorte konnte zwar eine zunehmende Bedeutung der Blutdruckamplitude mit höherem Alter in Bezug auf das kardiovaskuläre Risiko gezeigt werden [5], ob diese aber tatsächlich eine praktische Bedeutung über den systolischen Blutdruck hinaus hat, ist weiterhin umstritten [6]. In dieser Studie sollte die Beziehung der Blutdruckamplitude im mittleren Lebensalter und dem Risiko der Demenz-Inzidenz untersucht werden, zu der es bislang noch keine publizierten Studien gibt.

Material und Methoden

Die Honolulu-Asia Aging Study ist eine populationsbezogene Kohortenstudie, die auf dem im Jahr 1965 mit 8006 Teilnehmern der Jahrgänge 1900-1919 begonnenen Honolulu Heart Program aufbaut und somit auf die im mittleren Lebensalter erhobenen Parameter zurückgreifen kann. 1991-1993 wurden alle verbliebenen Teilnehmer, während dieses Zeitraums 71-91 Jahre alt, einer Demenzdiagnostik unterzogen [7]. Die Diagnose einer Demenz wurde nach internationalen Richtlinien in einem Zwei-Stufenprozess gestellt, der eine detaillierte Evaluation einer positiv gescreenten Untergruppe beinhaltete. Die 2505 demenzfreien Teilnehmer stellen den eigentlichen Ausgangspunkt der aktuellen Analyse dar, sie wurden in den Jahren 1994-1996 und 1997-1999 erneut untersucht. Bei den Blutdruckmessungen im mittleren und im hohen Lebensalter waren die Teilnehmer im Mittel 57,9 bzw. 76,9 Jahre alt. Eine Überlebenszeitanalyse mit dem Teilnehmeralter als Zeitachse wurde verwendet, um für Tertile der Blutdruckamplituden im mittleren und hohen Lebensalter, Tertile mittleren arteriellen Drucks und JNC7-Kategorien für den diastolischen und systolischen Blutdruck Hazard Ratios (HR) und 95% Konfidenzintervalle (KI) für die Demenz-Inzidenz zu bestimmen. Die Analysen wurden kontrolliert für Schulbildung, ApoE e4-Allelstatus und kardiovaskuläre Risikofaktoren und Krankheiten.

Ergebnisse

Die 2505 demenzfreien Teilnehmer wurden über eine mittlere Zeit von 5,1 Jahren verfolgt, 189 (7,5%) entwickelten in dieser Zeit eine Demenz. Sowohl in der nur altersadjustierten als auch in der multivariaten Analyse war eine inzidente Demenz signifikant mit den JNC7-Kategorien des systolischen Blutdrucks aus dem mittleren Lebensalter (HR 1,99; 95% KI 1,28-3,08 nur altersadjustiert bzw. 1,77; 95% KI 1,10-2,84 in der multivariaten Analyse für einen systolischen Blutdruck ≥140 mmHg verglichen mit <120 mmHg), aber nicht mit den Tertilen der Blutdruckamplituden assoziiert (HR 1,35; 95% KI 0,93-1,96 nur altersadjustiert bzw. HR 1,12; 95% KI 0,76-1,65 in der multivariaten Analyse für eine Blutdruckamplitude ≥52 mmHg verglichen mit <42 mmHg). Bei Teilnehmern, die nie antihypertensiv behandelt wurden, waren höhere Werte aller 4 Blutdruckkomponenten im mittleren Lebensalter mit der Demenz-Inzidenz vergesellschaftet. In Modellen mit der Blutdruckamplitude und dem systolischen Blutdruck war nur der systolische Blutdruck signifikant mit der Demenz-Inzidenz assoziiert (HR 2,29; 95% KI 1,23-4,25 in der Gesamtgruppe bzw. HR 2,77; 95% KI 1,25-6,15 in der nie behandelten Gruppe in der multivariaten Analyse für einen systolischen Blutdruck ≥140 mmHg verglichen mit <120 mmHg), die Blutdruckamplitude verlor dagegen ihre Signifikanz sowohl in der Gesamtgruppe als auch in der nie antihypertensiv behandelten Untergruppe. In einem Modell, das sowohl den systolischen als auch den diastolischen Blutdruck beinhaltete, waren bei konstant gehaltenem systolischen Blutdruck niedrigere diastolische Drücke (also höhere Blutdruckamplituden) nicht mit einem erhöhten Demenz-Inzidenz Risiko vergesellschaftet. Weder die Blutdruckamplitude noch die anderen Blutdruckparameter im späten Lebensalter hatten eine signifikante Beziehung mit der Demenz-Inzidenz.

Diskussion

In dieser Studie untersuchten wir die Beziehungen der 4 Blutdruckkomponenten im mittleren Lebensalter mit der Demenz-Inzidenz, um die pulsatilen von den nicht-pulsatilen Effekten des Blutdrucks zu unterscheiden. Der systolische arterielle Blutdruck im mittleren Lebensalter war dabei der einzige unabhängige Prädiktor für die Demenz-Inzidenz im späteren Lebensalter. Die Blutdruckamplitude des mittleren Lebensalters hatte keine signifikante Bedeutung über ihre enge Beziehung mit dem systolischen Blutdrucks hinaus (Korrelationskoeffizient R2=0,69). In dieser Population von japanisch-stämmigen Amerikanern war im mittleren Lebensalter eine höhere Blutdruckamplitude mit einem höheren diastolischen Blutdruck vergesellschaftet, so dass die Höhe der Blutdruckamplitude v.a. durch den systolischen Blutdruck bestimmt wurde. Es wäre daher interessant, die beobachteten Assoziationen mit anderen Kohorten zu vergleichen.


Literatur

1.
Launer LJ, Masaki K, Petrovitch H, Foley D, Havlik RJ. The association between mid-life blood pressure levels and late-life cognitive function. The Honolulu-Asia Aging Study. J Am Med Assoc 1995;274:1846-1851.
2.
Benetos A, Rudnichi A, Safar M, Guize L. Pulse pressure and cardiovascular mortality in normotensive and hypertensive subjects. Hypertension 1998;32:560-564.
3.
Glynn RJ, Chae CU, Guralnik JM, Taylor JO, Hennekens CH. Pulse pressure and mortality in older people. Arch Int Med 2000;160:2765-2772.
4.
Mitchell GF, Parise H, Benjamin EJ, Larson MG, Keyes MJ, Vita JA, Vasan RS, Levy D. Changes in arterial stiffness and wave reflection with advancing age in healthy men and women: the Framingham Heart Study. Hypertension 2004;43:1239-1245.
5.
Franklin SS, Larson MG, Khan SA, Wong ND, Leip EP, Kannel WB, Levy D. Does the relation of blood pressure to coronary heart disease risk change with aging? The Framingham Heart Study. Circulation 2001;103:1245-1249.
6.
Pastor-Barriuso R, Banegas JR, Damian J, Appel LJ, Guallar E. Systolic blood pressure, diastolic blood pressure, and pulse pressure: an evaluation of their joint effect on mortality. Ann Intern Med 2003;139:731-739.
7.
White L, Petrovitch H, Ross GW, Masaki KH, Abbott RD, Teng EL, Rodriguez BL, Blanchette BL, Havlik RJ, Wergoske G, Chiu D, Foley DJ, Murdaugh C, Curb JD. Prevalence of dementia in older Japanese-American men in Hawaii: the Honolulu –Asia Aging Study. J Am Med Assoc 1996;276:955-960.