gms | German Medical Science

50. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie (gmds)
12. Jahrestagung der Deutschen Arbeitsgemeinschaft für Epidemiologie (dae)

Deutsche Gesellschaft für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie
Deutsche Arbeitsgemeinschaft für Epidemiologie

12. bis 15.09.2005, Freiburg im Breisgau

Haben ehemalige Bergleute aus dem Uranerzbergbau der WISMUT ein erhöhtes Leberkrebsrisiko? - Ergebnisse einer Fall-Kontroll-Studie

Meeting Abstract

  • Matthias Möhner - Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin, Berlin
  • Richard Misch - Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin, Chemnitz
  • Manfred Lindtner - Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin, Berlin
  • Heinz Otten - Hauptverband der gewerblichen Berufsgenossenschaften, Sankt Augustin
  • Hans-Gustav Gille - Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin, Berlin

Deutsche Gesellschaft für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie. Deutsche Arbeitsgemeinschaft für Epidemiologie. 50. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie (gmds), 12. Jahrestagung der Deutschen Arbeitsgemeinschaft für Epidemiologie. Freiburg im Breisgau, 12.-15.09.2005. Düsseldorf, Köln: German Medical Science; 2005. Doc05gmds432

Die elektronische Version dieses Artikels ist vollständig und ist verfügbar unter: http://www.egms.de/de/meetings/gmds2005/05gmds134.shtml

Veröffentlicht: 8. September 2005

© 2005 Möhner et al.
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Gliederung

Text

Einleitung und Fragestellung

Eine Korrelation zwischen der Exposition gegenüber ionisierender Strahlung und dem Risiko, an Leberkrebs zu erkranken, wurde sowohl bei der Analyse der Daten der japanischer Atombombenopfer [1] als auch bei den Thorotrast-Patienten [2] festgestellt. Dosimetrische Modelle, die auch für die Abschätzung der Verursachungswahrscheinlichkeit von extrapulmonalen Tumoren durch eine berufliche Strahlenexposition im Bergbau entwickelt wurden, sagen auf der Grundlage dieser Befunde auch ein erhöhtes Leberkrebsrisiko voraus [3]. Epidemiologische Studien an Bergleuten, insbesondere aus dem Uranerzbergbau, zeigen zwar eine erhöhte Mortalität bezüglich Leberkrebs, aber keine Dosis-Wirkungs-Beziehung [4]. Ziel der vorliegenden Studie war es deshalb, mithilfe einer umfangreichen Fall-Kontroll-Studie die Zusammenhänge zwischen beruflicher Strahlenexposition und dem Leberkrebsrisiko näher zu analysieren.

Material und Methoden

Die Studie wurde als quasi eingebettete Fall-Kontroll-Studie durchgeführt. Basis der Untersuchung waren alle männlichen Beschäftigten aus dem ehemaligen Uranerzbergbau der SAG/SDAG Wismut, über die im Gesundheitsdatenarchiv Wismut (GDAW) bzw. der Zentralen Betreuungsstelle Wismut (ZeBWis) beim HVBG Daten vorlagen. Aus diesen ca. 360 000 Männern wurden die Fälle über ein Record-Linkage mit dem Gemeinsamen Krebsregister (GKR) der Länder Berlin, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt und der Freistaaten Sachsen und Thüringen ermittelt. Zusätzlich wurde in den Unterlagen des GDAW nach weiteren Fällen recherchiert. Zur Rekrutierung der Kontrollen wurde eine nach Altersgruppen geschichtete Zufallsstichprobe aus den Probanden ohne Link bezüglich Leberkrebs im GKR gezogen. Für diese potentiellen Kontrollen wurden die erforderlichen Follow-up-Informationen erhoben. Anschließend wurden jedem Fall über ein Matching individuell bis zu zwei Kontrollen zugeordnet, wobei als Matching-Kriterien angesetzt wurden:
a.) möglichst gleiches Geburtsjahr wie der Fall (maximal ± 1 Jahr)
b.) der Kontrollproband erreicht mindestens das Alter, in welchem bei dem korrespondierenden Fall der Leberkrebs diagnostiziert wurde.

Über die von der ZeBWis erhobenen Arbeitsanamnesen in Verbindung mit der von Lehmann et al. [5] entwickelten Job-Exposure-Matrix (JEM) und dem in Kooperation zwischen der Bergbau-Berufsgenossenschaft und dem HVBG entwickelten computergestützten Berechnungsprogramm wurden die individuellen Expositionsprofile für alle Studienprobanden abgeschätzt. Darüber hinaus wurden zu den Probanden aus den im GDAW vorhandenen medizinischen Unterlagen Informationen zu potentiellen Confoundern ermittelt, insbesondere zum Alkohol- und Tabakkonsum sowie zu vorangegangenen Lebererkrankungen.

Die statistischen Analysen wurden unter Ansetzung der konditionalen logistischen Regression vorgenommen. Alle Berechnungen wurden mit dem Statistikpaket STATA 8.2 durchgeführt.

Ergebnisse

Insgesamt konnten 424 Leberkrebsfälle ermittelt werden, denen unter Einhaltung der genannten Matching-Kriterien 790 Kontrollprobanden zugeordnet wurden. Die Ergebnisse bezüglich der Exposition gegenüber Radon und seinen Folgeprodukten (RnFP) sind in Tabelle 1 [Tab. 1] dargestellt. Von der Tendenz her ähnliche Ergebnisse werden erzielt, wenn die Zufuhr an langlebigen Radionukliden (LRN) als Expositionsvariable untersucht wird.

In den vorhandenen medizinischen Akten wurden insgesamt 130 Leberzirrhosen dokumentiert, von welchen 126 auf die Fallgruppe entfielen, was ein rohes Odds Ratio von OR = 118,8 [29,2 - 482,7]95% ergab. Auch wenn der Alkoholkonsum nur qualitativ erhoben werden konnte, so zeichnete dieser bekannte Risikofaktor doch sehr deutlich. Für die Expositionskategorie „sichere Hinweise auf chronischen Alkoholabusus“ wurde OR = 48,3 [21,5 - 108,5]95% ermittelt. Signifikant erhöhte Odds Ratios wurden auch für eine vorangegangene Hepatitis in der Anamnese ermittelt.

Diskussion

Bei alleiniger Betrachtung der beruflichen Strahlenexposition ergeben sich sowohl bezüglich der RnFP als auch hinsichtlich der LRN signifikante Expositions-Wirkungs-Beziehungen. Die Analyse der betrachteten Confounder, insbesondere zum Zirrhosestatus und zum Alkoholkonsum ergibt jedoch um Größenordnungen höhere Odds Ratios, die sogar höher ausfallen, als in der Literatur beschrieben (vgl. [6]). Die Adjustierung der strahlungsassoziierten Odds Ratos nach Zirrhosestatus und Alkoholkonsum führt dazu, dass sich die vorher beobachteten Dosis-Wirkungs-Beziehungen zu RnFP und LRN faktisch auflösen. Folglich dürften primär lebensstilbedingte Faktoren für die beobachtete Überhäufung von Leberkrebs bei strahlenexponierten Bergleuten verantwortlich sein.

Danksagung

Wir danken Frau Dr. B. Eisinger und Frau B. Streller (Gemeinsames Krebsregister) für die Durchführung des Registerabgleiches, sowie Frau Dr. D. Koppisch und Herrn H. Schulz (HVBG) für die Zusammenstellung der Arbeitsanamnesen. Unser Dank gilt ebenfalls Frau Dipl.-Med. S. Grundmann und Herrn Dr. G.M. Pette für ihre Mitarbeit bei der Datenerhebung aus den medizinischen Akten sowie Frau S. Schulze für ihre Unterstützung bei der Follow-up-Recherche.


Literatur

1.
Pierce DA, Shimizu Y, Preston DL, Vaeth M, Mabuchi K: Studies of the mortality of atomic bomb survivors. Report 12, Part I. Cancer: 1950-1990. Radiat.Res; 1996; 146: 1-27.
2.
van Kaick G, Dalheimer A, Hornik S, Kaul A, Liebermann D, Luhrs H, Spiethoff A, Wegener K, Wesch H. The german thorotrast study: recent results and assessment of risks. Radiat Res; 1999; 152: S64-S71.
3.
Jacobi W, Roth P, Noßke D. Mögliches Risiko und Verursachungs-Wahrscheinlichkeit von Knochen- und Leberkrebs durch die berufliche Alphastrahlen-Exposition von Beschäftigten der ehemaligen WISMUT-AG, Neuherberg, GSF-Bericht 1/98. 1998
4.
Darby SC, Whitley E, Howe GR, Hutchings SJ, Kusiak RA, Lubin JH, Morrison HI, Tirmarche M, Tomasek L, Radford EP. Radon and cancers other than lung cancer in underground miners: a collaborative analysis of 11 studies. J Natl Cancer Inst.; 1995; 87: 378-84
5.
Lehmann F, Hambeck L, Linkert KH, Lutze H, Meyer H, Reiber H, Reinisch, Renner HJ, Seifert T, Wolf F. Belastungen durch ionisierende Strahlung im Uranerzbergbau der ehemaligen DDR. HVBG. Sankt Augustin. 1998.
6.
Chiesa R, Donato F, Tagger A, Favret M, Ribero ML, Nardi G, Gelatti U, Bucella E, Tomasi E, Portolani N, Bonetti M, Bettini L, Pelizzari G, Salmi A, Savio A, Garatti M, Callea F. Etiology of hepatocellular carcinoma in Italian patients with and without cirrhosis. Cancer Epidemiol Biomarkers Prev.; 2000; 9: 213-6.