gms | German Medical Science

50. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie (gmds)
12. Jahrestagung der Deutschen Arbeitsgemeinschaft für Epidemiologie (dae)

Deutsche Gesellschaft für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie
Deutsche Arbeitsgemeinschaft für Epidemiologie

12. bis 15.09.2005, Freiburg im Breisgau

Stillen, familiäre Vorbelastung und die Häufigkeit allergischer Erkrankungen bei zweijährigen Kindern

Meeting Abstract

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  • Hermann Pohlabeln - Bremer Institut für Präventionsforschung und Sozialmedizin, Bremen
  • Sylvia Jacobs - Kinderklinik, Delmenhorst
  • Johann Böhmann - Kinderklinik, Delmenhorst

Deutsche Gesellschaft für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie. Deutsche Arbeitsgemeinschaft für Epidemiologie. 50. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie (gmds), 12. Jahrestagung der Deutschen Arbeitsgemeinschaft für Epidemiologie. Freiburg im Breisgau, 12.-15.09.2005. Düsseldorf, Köln: German Medical Science; 2005. Doc05gmds213

Die elektronische Version dieses Artikels ist vollständig und ist verfügbar unter: http://www.egms.de/de/meetings/gmds2005/05gmds125.shtml

Veröffentlicht: 8. September 2005

© 2005 Pohlabeln et al.
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Gliederung

Text

Einleitung und Fragestellung

Die Rolle des Stillens im Hinblick auf die Vermeidung/Entstehung allergischer Erkrankungen bei Neugeborenen wird mehr denn je kontrovers diskutiert. Neben einer Vielzahl von Studien, die die Schutzfunktion der Muttermilch unterstreichen, mehren sich vor allem in den letzten Jahren diverse Veröffentlichungen, die diesen protektiven Effekt in Frage stellen. Basierend auf den Daten einer in Nordwestdeutschland durchgeführten Geburtskohortenstudie wird die Häufigkeit von Symptomen allergischer Erkrankungen bei zweijährigen Kinder mit Blick auf die Stilldauer untersucht.

Material und Methoden

Im Rahmen einer Längsschnittstudie wurden in den Jahren 1999 und 2000 auf den geburtshilflichen Abteilungen von insgesamt fünf Krankenhäusern in Delmenhorst, Wilhelmshaven und Leer 3132 Mütter deutscher Nationalität zu verschiedenen Lebensstilbedingungen und allergischen Erkrankungen innerhalb der Familie befragt. Die Erhebungsinstrumente mit standardisierten Fragestellungen (ISAAC-Studie, MAS-Studie) wurden von den Müttern noch im Krankenhaus ausgefüllt und dort bei der Entlassung abgegeben. Nach einem halben Jahr sowie ein Jahr und zwei Jahre nach Geburt der Kinder wurden die Mütter im Rahmen der routinemäßigen Vorsorgeuntersuchungen U5, U6 und U7 insgesamt drei weitere Male befragt. Hier wurde insbesondere das Stillverhalten der Mütter erfragt, aber auch Fragen nach dem Auftreten allergischer Erkrankungen beim Kind gestellt. Von ca. 54% der bei der Geburt erfassten Mütter erhielten wir die ausgefüllten Fragebögen zu allen drei nachfolgenden Befragungen zurück. Für diese Gruppe von Müttern war es nun möglich, die nach einem halben Jahr (U5) bzw. einem Jahr (U6) gemachten Angaben zum Stillverhalten in Relation zu setzen zum Auftreten allergischer Erkrankungen der Kinder im Alter von zwei Jahren (U7).

Da das Stillverhalten der Mütter ebenso wie das Auftreten allergischer Erkrankungen bei den Kindern stark verknüpft ist mit Einflussgrößen wie Sozialschichtzugehörigkeit und familiärer Vorbelastung, wurden die mit Hilfe logistischer Regression berechneten Odds Ratios (OR) für die genannten Confounder entsprechend adjustiert bzw. stratifiziert [1], [2].

Ergebnisse

Etwa ein Viertel aller Mütter gab an, ihre Kinder nicht gestillt zu haben. Besonders hervorzuheben ist hier der starke Einfluss der Sozialschichtzugehörigkeit: Wurden in der unteren Sozialschicht mehr als 40% der Neugeborenen nicht gestillt, so lag dieser Anteil in der oberen Sozialschicht bei lediglich 15%. Darüber hinaus zeigt sich, dass Kinder aus Familien, in denen es bereits eine allergische Vorbelastung gibt, tendenziell etwas länger gestillt werden als Kinder aus Familien ohne eine solche Vorbelastung. Anzeichen einer allergischen Erkrankung wie Asthma oder Neurodermitis weisen im Alter von zwei Jahren in der hier vorgestellten Studie bereits 23% der Kinder auf. Erwartungsgemäß stark beeinflusst wird das Auftreten der entsprechenden Symptome durch eine allergische Vorbelastung seitens der Eltern. Hierbei zeigt sich, dass der Einfluss einer Erkrankung mütterlicherseits einen etwas stärkeren Einfluss auf die Erkrankung des Kindes hat (OR: 1.47, 95%-KI: 1.14-1.92) als eine allergische Erkrankung seitens des Vaters (OR: 1.33, 95%-KI: 1.01-1.75). Wird die Erkrankungshäufigkeit bei den Kindern in Abhängigkeit vom Stillverhalten der Mutter betrachtet, so zeigt sich nahezu kein Unterschied zwischen der Häufigkeit allergischer Symptome bei gestillten und nicht gestillten Kindern. Wird die Analysegruppe nach familiärer Vorbelastung unterteilt, so zeigt sich bei gestillten Kindern ohne Vorbelastung ein etwas höherer Anteil erkrankter Kinder als bei nicht gestillten Kindern (OR=1.30, 95%-KI: 0.87-1.93). Auf der anderen Seite sind in vorbelasteten Familien gestillte Kinder etwas seltener von allergischen Erkrankungen betroffen als nicht gestillte (OR=0.83, 95%-KI: 0.56-1.24). Besonders hervorzuheben ist bei der hier durchgeführten Studie aber die Tatsache, dass sich bei einer Differenzierung der familiären Vorbelastung nach väterlicher- bzw. mütterlicher Vorerkrankung sehr unterschiedliche Ergebnisse zeigen: Bei Kindern mit einer familiären Vorbelastung, die ausschließlich auf die Mutter des Kindes zurückzuführen ist, sind gestillte Kinder häufiger von allergischen Erkrankungen betroffen als nicht gestillte Kinder (OR: 1.42, 95%-KI: 0.77-2.61). Beruht die familiäre Vorbelastung hingegen nur auf einer Erkrankung des Vaters, so sind gestillte Kinder deutlich seltener von allergischen Erkrankungen betroffen als nicht gestillte Kinder (OR: 0.67, 95%-KI: 0.36-1.23). Wird bei den Auswertungen noch die Dauer des Stillens in Betracht gezogen, so verstärken sich die beobachteten Effekte mit zunehmender Dauer des Stillens.

Diskussion

Die Ergebnisse der hier vorgestellten Längsschnittstudie bestätigen einige kürzlich publizierte Studien zum Thema Stillen und Allergien bei Kindern. So z.B. eine ähnlich konzipierte Längsschnittstudie aus Dänemark, in der sich für das Stillen von Kindern ohne familiäre Vorbelastung eine im Vergleich zu unserer Studie nahezu identische Risikoerhöhung für Neurodermitis ergab [3]. Darüber hinaus gibt es eine gewisse Übereinstimmung unserer Studie mit den Ergebnissen einer Veröffentlichung aus dem Jahr 1999, in der sich ebenfalls Hinweise auf einen Zusammenhang zwischen Erkrankung des Kindes und dem Stillen in Abhängigkeit einer allergischen Vorbelastung durch die Mutter ergaben: Dort zeigte sich, dass Kinder von Müttern mit erhöhtem IgE-Spiegel insbesondere dann auch erhöhte IgE-Werte aufwiesen, wenn sie länger als 4 Monate gestillt wurden - hingegen ergab sich bei Kindern von Müttern mit niedrigen IgE-Werten, dass hier gestillte Kinder durchschnittlich niedrigere IgE-Werte hatten als nicht gestillte Kinder [4]. Leider wird bei fast allen weiteren vergleichbaren Veröffentlichungen zum Thema Stillen und Allergien, wenn überhaupt, i.d.R. nur unterschieden zwischen Kindern ohne und mit elterlicher Vorbelastung – d.h., ohne zu differenzieren zwischen väterlicher und mütterlicher Vorbelastung. Um die von uns gefundenen Effekte besser mit anderen Studien vergleichen zu können, wäre eine entsprechende Unterscheidung aus unserer Sicht sehr wünschenswert. Womöglich zeigt sich, dass die hier vorgestellten Ergebnisse nur ein Artefact sind. Sollten sie sich aber (z.B. durch Reanalysen anderer Studien) bestätigen lassen, so könnte dies durchaus Konsequenzen mit Blick auf entsprechend differenzierte Stillempfehlungen nach sich ziehen.


Literatur

1.
Heinrich J, Popescu MA, Wjst M, Goldstein IF, Wichmann HE. Atopy in children and parental social class. Am J Public Health 1998; 88: 1319-1324
2.
Bergmann KE, Bergmann RL, Bauer CP, Dorsch W, Forster J, Schmidt E, Schulz J, Wahn U. Atopie in Deutschland - Untersuchung zur Vorhersagemöglichkeit einer Atopie bei Geburt. Deutsches Ärzteblatt 1993; 90: 1341-1347
3.
Benn CS, Wohlfahrt J, Aaby P, Westergaard T, Benfeldt E, Michaelsen KF, Bjorksten B, Melbye M. Breastfeeding and risk of atopic dermatitis, by parental history of allergy, during the first 18 months of life. Am J Epidemiol 2004; 160: 217-223
4.
Wright AL, Sherrill D, Holberg CJ, Halonen M, Martinez FD. Breast-feeding, maternal IgE, and total serum IgE in childhood. J Allergy Clin Immunol. 1999; 104: 589-594