gms | German Medical Science

50. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie (gmds)
12. Jahrestagung der Deutschen Arbeitsgemeinschaft für Epidemiologie (dae)

Deutsche Gesellschaft für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie
Deutsche Arbeitsgemeinschaft für Epidemiologie

12. bis 15.09.2005, Freiburg im Breisgau

Prodromalphase bei inzidenten Patienten mit malignen Lymphomen – Sekundärdatenanalyse auf der Basis der Versichertenstichprobe AOK Hessen/KV Hessen

Meeting Abstract

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  • Peter Ihle - Universitätsklinikum zu Köln, Köln
  • Ingrid Schubert - Universitätsklinikum zu Köln, Köln

Deutsche Gesellschaft für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie. Deutsche Arbeitsgemeinschaft für Epidemiologie. 50. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie (gmds), 12. Jahrestagung der Deutschen Arbeitsgemeinschaft für Epidemiologie. Freiburg im Breisgau, 12.-15.09.2005. Düsseldorf, Köln: German Medical Science; 2005. Doc05gmds521

Die elektronische Version dieses Artikels ist vollständig und ist verfügbar unter: http://www.egms.de/de/meetings/gmds2005/05gmds069.shtml

Veröffentlicht: 8. September 2005

© 2005 Ihle et al.
Dieser Artikel ist ein Open Access-Artikel und steht unter den Creative Commons Lizenzbedingungen (http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/deed.de). Er darf vervielf&aauml;ltigt, verbreitet und &oauml;ffentlich zug&aauml;nglich gemacht werden, vorausgesetzt dass Autor und Quelle genannt werden.


Gliederung

Text

Einleitung und Fragestellung

Zwischen ersten oft unspezifischen Symptomen und der Diagnosestellung liegen je nach Krankheit unterschiedliche lange Zeiträume. Für die Schizophrenie wird nach Häfner et al. [1] eine Prodromalphase von durchschnittlich vier Jahren beschrieben. Die genaue Kenntnis über eine solche Vorphase, deren Dauer und der in diesem Zeitraum auftretenden Symptomatik ist ein wichtiger Aspekt bei der intendierten Verkürzung dieser „diagnosefreien“ Zeit. Das Teilprojekt 6 „Versorgungsforschung“ des Kompetenznetzes „Maligne Lymphome“ hatte daher auch zum Ziel, eine solche Prodromalphase für inzidente Fälle von malignen Lymphomen aufzuzeigen und hinsichtlich unterschiedlicher Versorgungssektoren quantitativ und qualitativ zu beschreiben.

Material und Methoden

Datenbasis für die Studie war eine erkrankungsspezifische Vollerhebung aller Versicherten der AOK Hessen mit einem malignen Lymphom. Beobachtungszeitraum waren die Kalenderjahre 1998 bis 2002.

Im Rahmen der Studie wurden alle medizinisch relevanten Daten der AOK Hessen und KV Hessen erhoben: Stammdaten mit Alter, Geschlecht und Versicherungszeiten, Verordnungsdaten, ambulante ärztliche Versorgung, stationäre Aufenthalte, ambulante Arbeitsunfähigkeitsdaten, Heil- und Hilfsmittel und weitere Sachleistungen, Daten der Pflegeversicherung. Alle Daten standen versichertenbezogen pseudonymisiert zur Verfügung.

Die Definition der inzidenten Fälle von malignen Lymphomen für das Jahr 2001 erfolgte durch das Verfahren der internen Validierung und wurde operational definiert: Als inzident wurde danach ein Versicherter definiert, der im Jahre 2001 erstmalig eine Diagnose “malignes Lymphom“ auf einem Krankenschein oder einer als Krankenhausentlassungsdiagnose für mindestens 2 Quartale dokumentiert hatte oder innerhalb des ersten Quartals mit Diagnosenennung verstarb. „Erstmalig“ in diesem Zusammenhang bedeutete, dass der Patienten in den 3 davor liegenden Jahren 1998 bis 2000 keine Diagnose „Malignes Lymphom“ erhalten hatte. Nach dieser Definition konnten 867 inzidente Fälle in die Untersuchung eingeschlossen werden.

Um die Ergebnisse beurteilen zu können, wurden sie mit den Basiswerten eines „Normalversicherten“ verglichen. Als Kontrollgruppe wurde hierfür eine fünfmal so große alters- und geschlechtsgleiche Paarlingsgruppe definiert (n=4335). Basis für die Definition einer Kontrollgruppe war die Versichertenstichprobe AOK Hessen/KV Hessen, eine 18,75-Zufallstichprobe aus Versicherten der AOK Hessen, und einem Stichprobenumfang von durchschnittlich ca. 375.000 Versicherte pro Kalenderjahr. Die Daten standen ebenfalls für die Kalenderjahre 1998 bis 2002 zur Verfügung [2].

Ergebnisse

Im Vergleich zu der Kontrollgruppe zeigte sich in allen ausgewerteten Sektoren zum Inzidenzzeitpunkt ein deutlicher Anstieg für die inzidenten Fälle, während der jeweilige Parameter in der Kontrollgruppe erwartungsgemäß auf dem Basisniveau verblieb. So stieg der Parameter „Praxistage pro Quartal“ von ursprünglich ca. 6 Tagen in der Inzidenzgruppe auf einen Peak von knapp 14 Tagen an (gegenüber 6 bis 7 Tage in der Kontrollgruppe), um anschließend wieder abzufallen (siehe Abb. 1 [Abb. 1]). Es zeigte sich darüber hinaus jedoch ein Anstieg in der Gruppe der inzidenten Fälle gegenüber der Kontrollgruppe bereits 5 Quartale vor dem Inzidenzquartal: So lag der Wert (im 5. bis 3 Quartal vor Inzidenzzeitpunkt) um ca. einen Praxiskontakt pro Quartal höher als der Wert der Kontrollgruppe. Die Differenz zur Kontrollgruppe betrug im 2. und 1. Quartal bereits 1,5 bzw. 3,0 Praxistage.

Dieser leichte Anstieg bereits vor dem eigentlichen Inzidenzquartal konnte auch in den anderen Sektoren nachgewiesen werden: Bei der Anzahl der Verordnungen und den Pflegekosten zeigte sich ein Anstieg gegenüber der Kontrollgruppe ab dem 4. Quartal, bei den Krankenhaustagen ab dem 3. Quartal. Die Kosten für Heil- und Hilfsmittel hingegen waren erst im letzten Quartal vor Inzidenzzeitpunkt leicht erhöht gegenüber der Kontrollgruppe (190 Euro vs. 120 Euro pro Versicherter pro Quartal).

Diskussion

Die Ergebnisse zeigen, dass die Patientengruppe bereits 4 bis 5 Quartale vor Diagnosestellung gegenüber einer Kontrollgruppe eine erhöhte Inanspruchnahme des medizinischen Versorgungssystems aufweist. Dies äußert sich in einer erhöhten Frequenz des Arztes verbunden mit einer höheren Verordnungsmenge. Die Ergebnisse des parallel durchgeführten Patientenbuchprojekts bestätigen diese Befunde: Bei 28% der Patienten mit Morbus Hodgkin verging nach Angaben der Patienten zwischen erstem Symptom und Diagnosestellung mehr als 7 Monate [3].

Die Ergebnisse zeigen aber auch, dass die Sekundärdatenanalyse von versichertenbezogenen Daten der Gesetzlichen Krankenversicherung geeignet ist, die Prodromalphase einer inzidenten Erkrankung zu beschreiben und gesundheitsökonomisch zu bewerten.


Literatur

1.
Häfner H, Maurer K, Löffler W, Riecher-Rössler A. The influence of age and sex on the onset and course of early schizophrenia. Br J Psychiatry 162:80-86
2.
Ihle P, Köster I, Herholz H, Rambow-Bertram P, Schardt T, Schubert. Versichertenstichprobe AOK Hessen/KV Hessen - Konzeption und Umsetzung einer personenbezogenen Datenbasis aus der Gesetzlichen Krankenversicherung (Zur Veröffentlichung eingereicht)
3.
Fink A, Tscholl E, Franklin J, Zettelmayer U, Schopp A, Schmitz S, Pfreundschuh M, Diehl V, Paulus U. Ergebnisse aus der Versorgungsforschung: Kölner und Saarländisches Lymphomprojekt. Med Welt 2005:56:102-105.