gms | German Medical Science

50. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie (gmds)
12. Jahrestagung der Deutschen Arbeitsgemeinschaft für Epidemiologie (dae)

Deutsche Gesellschaft für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie
Deutsche Arbeitsgemeinschaft für Epidemiologie

12. bis 15.09.2005, Freiburg im Breisgau

Die Inzidenz des Akustikusneurinoms und seine möglichen Risikofaktoren aus publizierten Fall-Kontrollstudien

Meeting Abstract

  • Katharina Kunna-Grass - Uni Bielefeld
  • Gabriele Berg - Uni Bielefeld
  • Brigitte Schlehofer - DKFZ Heidelberg
  • Maria Blettner - IMBEI Uni Mainz

Deutsche Gesellschaft für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie. Deutsche Arbeitsgemeinschaft für Epidemiologie. 50. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie (gmds), 12. Jahrestagung der Deutschen Arbeitsgemeinschaft für Epidemiologie. Freiburg im Breisgau, 12.-15.09.2005. Düsseldorf, Köln: German Medical Science; 2005. Doc05gmds482

Die elektronische Version dieses Artikels ist vollständig und ist verfügbar unter: http://www.egms.de/de/meetings/gmds2005/05gmds067.shtml

Veröffentlicht: 8. September 2005

© 2005 Kunna-Grass et al.
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Gliederung

Text

Einleitung und Fragestellung

Das Akustikusneurinom ist ein seltener gutartiger Hirntumor, der vom achten Hirnnerv, dem Hör- und Gleichgewichtsnerv, ausgeht. Gerade in letzter Zeit ist dieser Tumor ins Interesse gerückt, da ein möglicher Zusammenhang des Auftretens dieses Tumors mit dem Gebrauch von Mobiltelefonen diskutiert wird. Ziel dieses Review ist es einen Überblick über den derzeitigen Wissensstand zur Epidemiologie und den Risikofaktoren bei der Entstehung von Akustikusneurinomen zu geben.

Material und Methoden

Es wurde eine Literaturrecherche in Medline anhand von den Schlüsselwörtern "Akustikusneurinom", "vestibuläres Schwannom", "Epidemiologie", "Inzidenz" und "Risikofaktoren" durchgeführt. Eingeschlossen wurden alle Artikel in englischer Sprache, die von 1966 bis Ende 2004 erschienen sind. Ausgewertet wurden alle Artikel zu Inzidenz oder Risikofaktoren des Akustikusneurinoms. Von den insgesamt zwölf gefundenen Studien zur Inzidenz des Akustikusneurinoms lieferten lediglich zehn Studien hinreichende Informationen zur angewandten Methodik und zur zugrunde liegenden Bevölkerung. In acht Fall-Kontroll-Studien sind werden mögliche Risikofaktoren des Akustikusneurinoms unzersucht. Alle diese Studien sind nach 1989 publiziert. Zusätzlich sind zwischen 1989 und 2002 vier Kohortenstudien zu Hirntumoren und ionisierender Strahlung erscjienen, in denen Akustikusneurinome separat ausgewertet werden.

Ergebnisse

Die zehn ausgewerteten Studien zur Inzidenz des Akustikusneurinoms zeigen in den Ländern mit mehreren Erhebungen im Laufe der Zeit eine ansteigende Inzidenz. So lag z.B. in krankenhausbasierten Erhebungen in Dänemark mit einer Bevölkerung von 5,1 Millionen Einwohnern die Inzidenzrate pro 100.000 in den Jahren 1976 bis 1983 bei 0,78. In den Jahren 1983 bis 1990 lag sie bei 0,94, in den Jahren 1990 bis 1995 bei 1,24 und in den Jahren 1996 bis 2004 stieg sie schließlich auf 1,74 [1], [2].

Die Risikofaktoren des Akustikusneurinoms sind bis heute in 13 Publikationen von acht Fall-Kontrollstudien dargestellt worden. Dabei ist die Zahl der analysierten Fälle in allen Studien klein. Im Mittel wurden 93,7 Fälle eingeschlossen, wobei die kleinste Studie 13 Fälle und die größte 159 berücksichtigt. Dabei wurden folgende Risikofaktoren erwähnt: Lärm, Strahlenbelastung durch das Röntgen der Zähne, Handynutzung, Allergien, soziodemografische Faktoren, Händigkeit und diverse Berufe. Lediglich das Röntgen der Zähne (zwei Publikationen) und die Handynutzung (sechs Publikationen) wurden mehrfach untersucht. Der Zusammenhang mit dem Röntgen der Zähne und der Entstehung des Akustikusneurinoms wurde zunächst in einer Studie mit 90 Fällen 86 Nachbarschaftskontrollen untersucht. Dabei ergab sich ein OR von 2,3 (95%CI: 1,1-5,1) [3]. Dieses Ergebnis konnte mit einer Studie mit 46 Fällen und 343 Kontrollen nicht bestätigt werden (OR: 0,8 und 59%CI: 0,3-1,6) [4]. Die erste schwedische Studie zum Risikofaktor der Handynutzung mit 13 Fällen und 26 Kontrollen fand keinen Zusammenhang [5]. Eine Studie aus den USA mit 96 Fällen und 625 Kontrollen fand ein OR von 1,4 (95% CI: 0,6-3,5) [6]. In einer Dänischen Studie mit 106 Fällen und 212 Kontrollen wurde kein Zusammenhang gefunden, auch wenn die Nutzungsdauer des Handys berücksichtigt wurde [7]. Eine weitere Studie aus den USA mit 90 Fällen und 86 Kontrollen fand ebenfalls keinen signifikanten Zusammenhang zwischen der Handynutzung und der Entstehung von Akustikusneurinomen. Allerdings zeichnete sich ein leicht erhöhtes Risiko bei längerer Handynutzung ab [8]. Dieser nicht signifikante Trend wurde ebenfalls in einer schwedischen Studie mit 148 Fällen und 604 Kontrollen gefunden [9]. Die einzige Studie mit einem signifikant erhöhten OR der Handynutzung wurde in Schweden mit 159 Fällen und 159 Kontrollen durchgeführt . Dies gilt allerdings lediglich für die analoge Mobilfunktechnik (OR: 3,5; 95% CI: 1,8-6,8) [10].

Diskussion

Es ist, nicht nur in Dänemark, ein eindeutiger Anstieg in der Inzidenz des Akustikusneurinoms im Laufe der Zeit festzustellen. Man muss allerdings berücksichtigen, dass es immense Fortschritte in der apparativen Diagnostik gegeben hat (seit 1975 die Computertomografie und seit den Achtzigern die Magnetresonanztomografie), so dass heute bereits sehr kleine und asymptomatische Tumore diagnostiziert werden können. Daher ist es schwierig die Inzidenzraten aus verschiedenen Zeitabschnitten miteinander zu vergleichen. Bevor man entscheiden kann, ob es sich bei den ansteigenden Inzidenzraten um einen realen Anstieg oder ein Artefakt, bedingt durch verbesserte Diagnostik, handelt, sollten die Inzidenzraten weiter beobachtet und entsprechende Studien durchgeführt werden.

Die Ergebnisse der Fall-Kontroll-Studien zu den Risikofaktoren des Akustikusneurinoms sind sehr inkonsistent. Ein Grund für diese inkonsistenten Ergebnisse liegt voraussichtlich an der geringen Fallzahl und der dadurch fehlenden Power in den Studien. Die beiden Studien zum Risiko des Röntgen der Zähne kommen zu widersprüchlichen Ergebnissen. Die Studien zur Handynutzung zeigen in der Mehrzahl der Studien keinen Zusammenhang zur Entstehung des Akustikusneurinoms. Allerdings sei darauf hingewiesen, dass die aktuelleren Studien, die eine längere Nutzungsdauer des Handys von mehreren Jahren berücksichtigen können, eine geringfügige Erhöhung des Risikos aufzeigen. Daher ist zum heutigen Zeitpunkt ein Risiko der Handynutzung noch nicht vollständig auszuschließen. Multizentrische Studien wie zum Beispiel die internationale INTERPHONE-Studie, der WHO, die zur Zeit ausgewertet wird, bieten die Möglichkeit, eine ausreichende Power bei der Analyse von Risikofaktoren des Akustikusneurinoms zu erreichen und somit auch kleine Effekte nachweisen zu können.


Literatur

1.
Tos M, Charabi S,Thomson J: Incidende of vestibular schwannomas. Laryngoscope 1999, 109: 736-740
2.
Tos M, Stangerup SE, Caye-Thomasen P, Tos T, Thomsen J: What is the real incidence of vestibular schwannoma? Achives of Otolaryngology 2004, 130: 216-220.
3.
Preston M, Thomas DC, Wright WE, Henderson BE: Noise trauma in the aetiology of acoustic neuroma in men in Los Angeles country. 1979-1985. Br. J Cancer 1989, 59:783-6.
4.
Rodvall Y, Ahlbom A, Pershagen G, Nylander M, SpannareS: Dental radiography after age 25 years, amalgam fillings and tumours of the central nervous system. Oral Oncology 1998; 43: 265-9.
5.
Hardell L, Nasman A, Pahlson A, Hallquist A, Hansson MK: Use of cellular telephones and the risk of brain tumours: A case control study. Int J Oncol. 1999; 15: 113-6.
6.
Inskip PD, Tarone RE, Hatch EE, Wilcosky TC, Shapiro WR Selker RG: Cellular telephone use and brain tumors. N Engl. J Med 2001: 344: 79-86
7.
Christensen HC, Schuz J, Kosteljanetz M, Poulsen HS, Thomsen J, Johansen C: Cellular telephone use and risk of acoustic neuroma. Am J Epidemiol 2004, 159: 277-283
8.
Muscat JE, Malkin MG, Shore RE, Thompson S, Neugut A, Stellman SE: Handheld cellular telephones and risk of acoustic neuroma. Neuroepidemiology 2002, 58: 1304-6.
9.
Lonn S, Ahlbom A, Hall P, Feychting M: Mobile phone use and the risk of acoustic neuroma. Epidemiology 2004; 15:653-9.
10.
Hardell L, Hallquist A, Mild KH, Carlberg M, Pahlson A, Lilja A: Cellular and cordless telephones and the risk for brain tumours Eur J Canc Prev 2002; 11:377-86.