gms | German Medical Science

50. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie (gmds)
12. Jahrestagung der Deutschen Arbeitsgemeinschaft für Epidemiologie (dae)

Deutsche Gesellschaft für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie
Deutsche Arbeitsgemeinschaft für Epidemiologie

12. bis 15.09.2005, Freiburg im Breisgau

Influenza-Pandemien des 20. Jahrhundert im Überblick - besteht die Möglichkeit einer Wiederholung der Pandemie von 1918?

Meeting Abstract

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  • Reinhard Bornemann - Universität Bielefeld

Deutsche Gesellschaft für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie. Deutsche Arbeitsgemeinschaft für Epidemiologie. 50. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie (gmds), 12. Jahrestagung der Deutschen Arbeitsgemeinschaft für Epidemiologie. Freiburg im Breisgau, 12.-15.09.2005. Düsseldorf, Köln: German Medical Science; 2005. Doc05gmds547

Die elektronische Version dieses Artikels ist vollständig und ist verfügbar unter: http://www.egms.de/de/meetings/gmds2005/05gmds065.shtml

Veröffentlicht: 8. September 2005

© 2005 Bornemann.
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Gliederung

Text

Einleitung

Die Influenza-Epidemie 1918 ragt aus den Epidemien der Geschichte heraus und steht in einer Reihe neben der Pest im 14. Jahrhundert und der aktuellen AIDS-Pandemie. Obwohl sich die Epidemie 1918 praktisch über die ganze Welt ausbreitete und geschätzt 20-40 Mio. Menschen starben, und damit mehr als weltweit im 1. Weltkrieg, ist die Erinnerung daran weitgehend verblasst. Weitere Influenza-Pandemien folgten, z.B. 1957 und 1968, wiesen jedoch z.B. eine geringere Mortalität auf. Aktuell, im Gefolge der Vogelgrippe-Ausbrüche in Asien, steigt die Sorge um eine neue Pandemie. Daher erscheint es angebracht, einen historischen Vergleich zwischen den Pandemien des letzten Jahrhunderts zu ziehen, um gemeinsame Faktoren abzuleiten, mit dem Ziel eine besseren Vorhersagemöglichkeit zur Frage der Wiederholungsgefahr einer Pandemie.

Methode

Das historische Material der Influenza-Pandemien des 20. Jhd. wird auf folgende Fragestellungen hin verglichen: Infektiosität und Pathogenität des jeweiligen Erregers, phylogenetische Zuordnung der Erreger bzw. Verknüpfung zu Schweinen und Vögeln als weiteren relevanten Wirten, Ausbreitungscharakteristika z.B. mit Blick auf Lebensumstände und Transportmöglichkeiten („sozialer Vektor“), demographische Besonderheiten sowohl mit Bezug auf die Viruspathogenität als auch auf die Verteilung der jeweils betroffenen Populationen, Anwendung und Wirksamkeit von Kontrollmaßnahmen.

Ergebnisse

Der Ausbruch der Epidemie 1918 in den USA scheint weltweit am besten dokumentiert, in Deutschland z.B. ist die damalige Quellenlage spärlicher. Naturgemäß beziehen sich die historischen Quellen vornehmlich auf klinische Befunde, in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts stehen zunehmend virologische und genetische Methoden zur Verfügung. Die 1918 beobachtete rasche globale und dann lokale Ausbreitung sowie die Pathogenität mit einer um den Faktor 10 und mehr höheren Letalität von bis zu 2,5 % ist seitdem unerreicht. Das Virus ist identifiziert, ein phylogenetischer Stammbaum mit Schweine- und Vogelgrippeviren wurde beschrieben, in den weitere Mutationen der folgenden Epidemien bei Menschen und Tieren eingruppiert werden konnten. Regional existieren zunehmend z.T. sehr ausdifferenzierte Frühwarnsysteme.

Diskussion

Im Zusammenhang mit der Pandemie 1918 erscheinen eine Reihe von epidemiologischen Fragestellungen kaum hinreichend geklärt. Ein wesentlicher Punkt dürfte das Phänomen der „plötzlichen“ Aggressivität des Virus vor allem ggü. explizit einer „Positivselektion“ junger und gesunder Menschen, vs. der ansonsten Betroffenheit z.B. alter und kranker Menschen sein. Unklar erscheint auch die extrem rasche Ausbreitung weltweit. Am Beispiel der USA ist zwar durchaus nachvollziehbar, wie sich die Krankheit mittels des Zugverkehrs rasch auch über große Entfernungen oder wie sie sich lokal innerhalb engerer Bezugsrahmen wie z.B. Rekrutenschulen ausbreiten konnte. Eine ähnlich detaillierte bzw. konzise Beschreibung v.a. des letztgenannten Phänomens, analog etwa der Cholera-Beschreibung durch John Snow, scheint jedoch noch auszustehen. Einen interessanten Gesichtspunkt stellt auch das Thema „Evolution der Virulenz“, bezogen auf größere Zeitdimensionen, dar, das möglicherweise nicht ausreichend berücksichtigt wird. Insgesamt kann aufgrund der Erfahrungen von 1918 und danach, trotz Vorhandensein umfangreicher diagnostischer, präventiver und therapeutischer Möglichkeiten, die Befürchtung nicht zurückgewiesen werden, dass eine Wiederholung von 1918 möglich ist und eine realere Bedrohung darstellen kann, als andere Infektionen von allgemeiner Aufmerksamkeit. Die Betrachtung der historischen Dimension von Infektionserkrankungen erscheint unerlässlich zur adäquaten Beurteilung von aktuellen epidemiologischen Szenarien.


Literatur

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Witte W: Erklärungsnotstand. Die Grippe-Epidemie 1918-1920 in Deutschland unter besonderer Berücksichtigung Badens, Diss., Ruprecht-Karls-Univ. Heidelberg 2003