gms | German Medical Science

50. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie (gmds)
12. Jahrestagung der Deutschen Arbeitsgemeinschaft für Epidemiologie (dae)

Deutsche Gesellschaft für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie
Deutsche Arbeitsgemeinschaft für Epidemiologie

12. bis 15.09.2005, Freiburg im Breisgau

Einfluss sozioökonomischer Faktoren auf die Entwicklung der subjektiven Gesundheit im höheren Lebensalter

Meeting Abstract

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  • Anke Christine Saß - Robert Koch-Institut, Berlin
  • Thomas Lampert - Robert Koch-Institut, Berlin

Deutsche Gesellschaft für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie. Deutsche Arbeitsgemeinschaft für Epidemiologie. 50. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie (gmds), 12. Jahrestagung der Deutschen Arbeitsgemeinschaft für Epidemiologie. Freiburg im Breisgau, 12.-15.09.2005. Düsseldorf, Köln: German Medical Science; 2005. Doc05gmds440

Die elektronische Version dieses Artikels ist vollständig und ist verfügbar unter: http://www.egms.de/de/meetings/gmds2005/05gmds050.shtml

Veröffentlicht: 8. September 2005

© 2005 Saß et al.
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Gliederung

Text

Einleitung und Fragestellung

In zahlreichen Untersuchungen konnte gezeigt werden, dass sozioökonomische Ungleichheit im mittleren Lebensalter einen starken Einfluss auf die subjektive Wahrnehmung der Gesundheit wie auch auf objektive Indikatoren der gesundheitlichen Lage hat. Insbesondere über Unterschiede im Bildungsniveau, im Berufsstatus und im Einkommen schlägt sich die sozioökonomische Lage auf die Gesundheit nieder. Sozial Schwächere leiden vermehrt unter Krankheiten, wie z.B. Herzinfarkt, Schlaganfall, Hypertonie, Adipositas, chronische Bronchitis und Depressionen. Sie berichten häufiger von starken Schmerzen und gesundheitsbedingten Einschränkungen im Alltagsleben und schätzen ihre Gesundheit auch subjektiv schlechter ein als die besser gestellte Vergleichsgruppe [1].

Als Folge der in den letzten Jahrzehnten kontinuierlichen Zunahme der Lebenserwartung hat der Lebensabschnitt nach der Phase der aktiven Erwerbstätigkeit sowohl gesamtgesellschaftlich als auch persönlich erheblich an Bedeutung gewonnen. Die Frage nach sozioökonomischen Einflüssen auf Gesundheit und Wohlbefinden, die bisher hauptsächlich für die erwerbstätige Bevölkerung gestellt wurde, stellt sich aufgrund dieser Entwicklung verstärkt auch für Menschen im höheren Lebensalter.

Vor diesem Hintergrund wurde von Dowd und Bengtson die „Age as a Leveler-These“ formuliert. Sie besagt, dass sich der sozioökonomische Gradient in der Gesundheit mit zunehmendem Alter verringert und im sehr hohen Alter nur noch schwach ausgeprägt ist [2]. Auf empirischer Basis, mit Längsschnittdaten aus dem Lebenserwartungssurvey soll diesem Zusammenhang nachgegangen werden.

Material und Methoden

Für die durchgeführten Analysen wurde auf Daten der 1998 im Auftrag des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung (BIB) durchgeführten Befragung „Leben + Gesundheit in Deutschland“ (kurz: „Lebenserwartungssurvey“) zurückgegriffen [3]. Konzipiert wurde der Survey als postalische Wiederholungsbefragung zum Nationalen Untersuchungssurvey 1984/86 und für Ostdeutschland zum Gesundheitssurvey Ost 1991/92. Dieser Datensatz wurde ausgewählt, weil er die Möglichkeit eröffnet, längsschnittliche Analysen der Gesundheit auf der Basis von Individualdaten durchzuführen.

Als Zielgröße und Indikator für den Gesundheitszustand wurde das Vorliegen gesundheitlicher Einschränkungen ausgewählt (Selbstangabe der Studienteilnehmer). Es handelt sich dabei um einen Aspekt der gesundheitsbezogenen Lebensqualität [4]. Die Lebensqualität stellt einen Bereich der subjektiven Gesundheit dar. Der Einfluss sozioökonomischer Faktoren auf die langfristige Entwicklung der gesundheitlichen Einschränkungen wurde geprüft. Dabei wurden drei Faktoren der sozialen Lage berücksichtigt – das Bildungsniveau, der berufliche Status und das Einkommen.

Die Stichprobe umfasst 3939 Personen, die 1984/86 am Nationalen Untersuchungssurvey teilgenommen hatten und 1998 erneut befragt werden konnten. Die Studienteilnehmer – 50,7% waren Männer und 49,3% Frauen – waren zu Beginn der Wiederholungsbefragung 45 Jahre oder älter (Geburtsjahrgänge 1914-1952). Sie wurden entsprechend ihrem Erwerbsstatus den Gruppen Erwerbspersonen (zu t0 und t1): 53,9%, Übergänger (zu t0 Erwerbsperson, zu t1 Rentner/Pensionär): 33,6% und Rentner bzw. Pensionär (zu t0 und t1): 12,6% zugeordnet.

Ergebnisse und Diskussion

Ein Überblick über die Ausprägungen der Variablen „Gesundheitliche Einschränkungen“ zu t0 und t1 zeigt, dass sich dieser Aspekt der Lebensqualität bei den Studienteilnehmern im Zeitraum von 13 Jahren signifikant verschlechterte. Für die nun folgenden Ergebnisse wurde der Fokus aber zumeist auf die individuelle Veränderung der gesundheitlichen Einschränkungen im alltäglichen Leben gerichtet: Verbesserung oder konstant keine/wenige Beeinträchtigungen vs. Verschlechterung oder konstant erhebliche Beeinträchtigungen.

Die Analysen zeigen starke Einflüsse der einbezogenen sozioökonomischen Faktoren aus den Bereichen Bildung, Beruf und Einkommen auf die Veränderung der Lebensqualität der Studienteilnehmer. Modifiziert wird der Einfluss durch den Erwerbsstatus, das Alter und das Geschlecht. Bei Erwerbstätigen waren die Einflüsse von Bildung, Beruf und Einkommen deutlicher ausgeprägt als bei „Übergängern“. Bei Rentnern wurden keine Einflüsse auf die langfristige Entwicklung der Lebensqualität festgestellt. Bei Männern zeigten sich durchgängig stärkere Beziehungen zwischen Sozioökonomie und gesundheitlichen Einschränkungen als bei Frauen. Erwerbstätige Männer mit sehr niedrigem Bildungsniveau haben beispielsweise im Vergleich zu Männern mit Hochschulabschluss ein 3,8-faches Risiko, im Studienzeitraum eine Verschlechterung der Lebensqualität zu erleiden. Für Männer, die im Beobachtungszeitraum von einer Erwerbstätigkeit in den Ruhestand wechselten, reduziert sich der Faktor auf 3,4. Für Rentner ergibt sich kein erhöhtes Risiko. Bei erwerbstätigen Männern mit einem Einkommen aus dem untersten Quintil ist das Risiko um 1,7 erhöht im Vergleich zur einkommensstärksten Gruppe. Auch ein niedriger (aktueller oder letzter) Berufsstatus ist assoziiert mit einem größeren Risiko, im Survey eine kontinuierlich schlechte oder verschlechterte Lebensqualität zu berichten. Die Einflüsse sozioökonomischer Faktoren zeigen sich beim Vergleich der vier einbezogenen Altergruppen insbesondere in der Gruppe der zu t0 40–49-Jährigen. 73,1% der Männer dieser Altersgruppe sind zu beiden Messzeitpunkten Erwerbspersonen, was die o.g. Zusammenhänge zwischen Erwerbstätigkeit und Gesundheit bestätigt.

Die Ergebnisse der Analysen deuten darauf hin, dass die soziale Ungleichheit der Gesundheitschancen und Krankheitsrisiken im mittleren Lebensalter stark ausgeprägt ist und insbesondere im Zusammenhang mit der Erwerbstätigkeit zum Ausdruck kommt. Im höheren Lebensalter finden sich weitaus schwächere Auswirkungen. Damit konnte auf der Basis der Daten des Lebenserwartungssurveys die „Age as a Leveler-These“ von Dowd und Bengtson bestätigt werden.


Literatur

1.
Lampert T, Ziese T. Armut, soziale Ungleichheit und Gesundheit. Bonn: BMGS; 2005. (im Erscheinen)
2.
Dowd JJ, Bengtson VL. Aging in minority populations An examination of the double jeopardy hypothesis. Jounal of Gerontology 1978 33: 427-36
3.
Gärtner K. Lebensstile und ihr Einfluss auf Gesundheit und Lebenserwartung - Der Lebenserwartungssurvey des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung. Materialien zur Bevölkerungswissenschaft Heft 102a. Wiesbaden: BiB; 2001
4.
Ravens-Sieberer U, Cieza A Hrsg. Lebensqualität und Gesundheitsökonomie in der Medizin - Konzepte, Methoden, Anwendung. München: Ecomed; 2000