gms | German Medical Science

49. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie (gmds)
19. Jahrestagung der Schweizerischen Gesellschaft für Medizinische Informatik (SGMI)
Jahrestagung 2004 des Arbeitskreises Medizinische Informatik (ÖAKMI)

Deutsche Gesellschaft für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie
Schweizerische Gesellschaft für Medizinische Informatik (SGMI)

26. bis 30.09.2004, Innsbruck/Tirol

Tumoren der Atemwege: Untersuchung des Rauchverhaltens und Veränderung des Rauchverhaltens durch die Diagnosestellung

Meeting Abstract (gmds2004)

  • corresponding author presenting/speaker Hiltrud Merzenich - Epidemiologisches Krebsregister Niedersachsen, Oldenburg, Deutschland
  • Maria Blettner - Institut für Medizinische Biometrie, Epidemiologie und Informatik, Universität Mainz, Mainz, Deutschland
  • Ingo Langner - Universität Bielefeld, Fakultät für Gesundheitswissenschaften, Bielefeld, Deutschland
  • Joachim Kieschke - Epidemiologisches Krebsregister Niedersachsen, Oldenburg, Deutschland

Kooperative Versorgung - Vernetzte Forschung - Ubiquitäre Information. 49. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie (gmds), 19. Jahrestagung der Schweizerischen Gesellschaft für Medizinische Informatik (SGMI) und Jahrestagung 2004 des Arbeitskreises Medizinische Informatik (ÖAKMI) der Österreichischen Computer Gesellschaft (OCG) und der Österreichischen Gesellschaft für Biomedizinische Technik (ÖGBMT). Innsbruck, 26.-30.09.2004. Düsseldorf, Köln: German Medical Science; 2004. Doc04gmds148

Die elektronische Version dieses Artikels ist vollständig und ist verfügbar unter: http://www.egms.de/de/meetings/gmds2004/04gmds148.shtml

Veröffentlicht: 14. September 2004

© 2004 Merzenich et al.
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Gliederung

Text

Einleitung

Ein wesentlicher Risikofaktor für die Entwicklung von Tumoren der Atemwege ist das Zigarettenrauchen. Eine Datenanalyse des Epidemiologischen Krebsregisters Niedersachsen (EKN) untersucht für im Regierungsbezirk Weser-Ems in den Diagnosejahren 2000-2003 aufgetretene Tumoren den Rauchstatus bei der Erstdiagnose. Den Erkrankten ist der mögliche Beitrag des Rauchens zur Krankheitsentstehung zumeist bewusst. Die Konfrontation mit der Krebsdiagnose ist ein Anlass, sich mit dem eigenen negativen Gesundheitsverhalten auseinander zu setzen. Es wird untersucht, inwieweit bei den verschiedenen Diagnosen die Tatsache der Diagnosestellung Einfluss auf die Bereitschaft hat, mit dem Rauchen aufzuhören.

Methoden

Nach einem Stufenaufbauplan begann die systematische Datensammlung des EKN am 1. Januar 2000 im Regierungsbezirk Weser-Ems und hat 2003 mit Einbeziehung des Regierungsbezirkes Hannover die Flächendeckung erreicht. Die Erhebung des Rauchstatus sowie relevanter soziodemografischer Variablen erfolgte durch den Einsatz eines selbstauszufüllenden Fragebogens, der dem Patienten im Rahmen der klinischen Behandlung bzw. Nachsorge durch das betreuende medizinische Personal ausgehändigt wurde. Die Datenanalyse zum Rauchverhalten umfasst folgende Diagnosegruppen für die Diagnosejahre 2000 bis 2003: Lunge, Kehlkopf, Mund-Rachen-Tumoren, Mammakarzinom, Gebärmutter, Ovar, Prostata, Hoden, Speiseröhre, Darm und Harnblase. Da die Fragebogendaten für den betrachteten Zeitraum nur von der Nachsorgeleitstelle Osnabrück vorliegen, beschränkt sich die Datenanalyse zudem auf deren regionalen Einzugsbereich. Nachfolgend werden deskriptive statistische Kenngrößen für Tumoren der Lunge und der als Gruppe zusammengefassten Tumoren des Kehlkopfes, der Mundhöhle und des Rachens vorgestellt. Im Vergleich werden die Befragungsergebnisse von Patienten mit Darmkrebs herangezogen.

Ergebnisse

Innerhalb eines Gesamtkollektivs von N=4.571 gemeldeten Tumorpatienten der Nachsorgeleitstelle Osnabrück lagen für n=3.275 Personen (71,6%) Angaben zum Rauchverhalten bei der Erstdiagnose vor. Bei Tumoren der Lunge (n= 262) und Tumoren des Kehlkopfes, der Mundhöhle und des Rachens (n=94) geben 41,2% bzw. 52% der Befragten an Raucher zu sein. Exraucher sind zum Zeitpunkt der Befragung 47,7% bzw 32%. Demgegenüber findet sich bei Patienten mit Erstdiagnose Darmkrebs (n=915) ein Anteil rauchender Personen von 10,2% und ein Anteil ehemaliger Raucher von 27,7%. Eine geschlechtsspezifische Betrachtung bestätigt für die männlichen Patienten mit Tumoren der Lunge und des Mund-Rachen-Raumes den hohen Anteil an Rauchern und Exrauchern, während bei den weiblichen Patienten der Anteil der Raucherinnen (38,1%) und Exraucherinnen (23,8%) niedriger liegt. Geschlechtsspezifische Unterschiede im Risikoverhalten zeigen sich weiterhin im hohen Anteil der Nichtraucherinnen von 82% bei Erstdiagnose Darmkrebs, gegenüber 43,5% Nichtrauchern bei männlichen Darmkrebspatienten.

Eine Beeinflussung des Rauchverhaltens durch die Diagnosestellung wird durch die Betrachtung der Aufgabe des Rauchens im zeitlichen Zusammenhang mit der Erstdiagnose sichtbar. Von allen Exrauchern mit Lungenkrebs geben 28% noch im Diagnosejahr das Rauchen auf. Der entsprechende Anteil beträgt bei den Darmkrebspatienten 7,9%.

Wie differenziert das Aufgeben des Rauchens beeinflusst wird verdeutlicht sich durch einen Vergleich der mittleren Anzahl von Exrauchern je Kalenderjahr in den 20 bzw. 30 Jahren vor der Diagnosestellung mit der Anzahl Exraucher im Jahr der Diagnosestellung [Tab. 1].

Während sich bei Darmkrebspatienten die Anzahl der Exraucher je Jahr verglichen mit dem Mittelwert vorheriger Jahre im Diagnosejahr etwa verdreifacht, steigt sie bei den Lungenkrebspatienten im Diagnosejahr auf über das Zehnfache.

Diskussion

Unter Berücksichtigung der Bedeutung des Rauchens in der Ätiologie von Tumoren der Atemwege sowie der jeweils zugrunde liegenden Alters- und Geschlechtsverteilung entsprechen die vorgelegten Zahlen den Erwartungen. Allerdings dürfte eine methodische Schwäche der vorgestellten Befragung von Krebspatienten in der Verzerrung des Antwortverhaltens durch die Diagnosestellung bestehen, d.h. in der Forcierung der „richtigen Antwort". Zudem wurde der Fragebogen durch medizinisches Personal übergeben, was weiterhin eine Beeinflussung des Antwortverhaltens in Richtung soziale Erwünschtheit lenken dürfte. Es kann mit den vorliegenden Informationen zudem keine sichere zeitliche Abfolge von Ursache (Diagnose) und Wirkung (Aufgabe des Rauchens) präzisiert werden.

Auch unter Berücksichtigung der genannten methodischen Schwächen zeigen die vorgelegten Zahlen, dass durchaus eine Motivation zur Verhaltensänderung bei Krebspatienten besteht. Dies gilt insbesondere für die Diagnosen, bei denen die große Bedeutung des Rauchens an der Krebsentstehung allgemein in der Bevölkerung bekannt ist. Sowohl hinsichtlich des therapeutischen Erfolges, als auch unter Berücksichtigung der Lebensqualität von Krebspatienten sollte dieses Potential genutzt werden.

Die vorgelegte Beschreibung der Befragungsdaten wird die Grundlage einer weiterführenden multivariaten Analyse sein, in der die Bedeutung der Faktoren Geschlecht, Lebensalter und weiterhin des Berufes einer näheren Betrachtung unterzogen wird. Informationen zu Zweittumoren liegen zur Zeit für ein nur begrenztes Personenkollektiv vor. Soweit möglich wird auf die Betrachtung des Rauchverhaltens beim Vorliegen eines Zweittumors ergänzend eingegangen.