gms | German Medical Science

49. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie (gmds)
19. Jahrestagung der Schweizerischen Gesellschaft für Medizinische Informatik (SGMI)
Jahrestagung 2004 des Arbeitskreises Medizinische Informatik (ÖAKMI)

Deutsche Gesellschaft für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie
Schweizerische Gesellschaft für Medizinische Informatik (SGMI)

26. bis 30.09.2004, Innsbruck/Tirol

Arzneimitteltherapie und Dosierungsberechnung auf einer pädiatrischen Intensivstation: Realisierung im KIS statt Intensivsystem?

Meeting Abstract (gmds2004)

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  • corresponding author presenting/speaker Ixchel Castellanos - Institut für Medizinische Informatik und Biomathematik, Universitätsklinik Münster, Münster, Deutschland
  • Georg Rellensmann - Klinik und Poliklinik für Kinderheilkunde - Allgemeine Pädiatrie, UKM, Münster, Deutschland
  • Thomas Bürkle - Institut für Medizinische Informatik und Biomathematik, Universitätsklinik Münster, Münster, Deutschland

Kooperative Versorgung - Vernetzte Forschung - Ubiquitäre Information. 49. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie (gmds), 19. Jahrestagung der Schweizerischen Gesellschaft für Medizinische Informatik (SGMI) und Jahrestagung 2004 des Arbeitskreises Medizinische Informatik (ÖAKMI) der Österreichischen Computer Gesellschaft (OCG) und der Österreichischen Gesellschaft für Biomedizinische Technik (ÖGBMT). Innsbruck, 26.-30.09.2004. Düsseldorf, Köln: German Medical Science; 2004. Doc04gmds039

Die elektronische Version dieses Artikels ist vollständig und ist verfügbar unter: http://www.egms.de/de/meetings/gmds2004/04gmds039.shtml

Veröffentlicht: 14. September 2004

© 2004 Castellanos et al.
Dieser Artikel ist ein Open Access-Artikel und steht unter den Creative Commons Lizenzbedingungen (http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/deed.de). Er darf vervielf&aauml;ltigt, verbreitet und &oauml;ffentlich zug&aauml;nglich gemacht werden, vorausgesetzt dass Autor und Quelle genannt werden.


Gliederung

Text

Einleitung

Die Verordnung von Medikamenten auf Intensivstationen ist wegen der Vielzahl der zu berücksichtigenden Umstände ein sehr komplexer Vorgang. Dabei entstehende Fehler verursachen Kosten und bedrohen die Patientensicherheit [1]. Besonders komplex und damit fehleranfällig, ist die Verordnung auf pädiatrischen und neonatologischen Intensivstationen [1], [2]. Hier müssen wegen des geringen Körpergewichts der Patienten zusätzliche Berechnungen erfolgen. Dazu gehört beispielsweise eine Flüssigkeitsbilanzierung bis auf den Milliliter (bei Körpergewichten von teilweise unter 500 Gramm), die exakte Berechnung der Elektrolytzufuhr oder die körpergewichtsabhängige Berechung der Wirkstoffmenge in Perfusoren. Diese Berechnungen sind oft mehrfach täglich notwendig.

Problem

Es liegt nahe, dass eine EDV-seitige Unterstützung dieser häufig wiederkehrenden Berechnungen zu einer Vermeidung von Fehlern und damit zu einer Verbesserung der Sicherheit der Patienten führen kann [1]. Klassischerweise werden dazu entweder spezielle Intensivdokumentationssysteme mit hoher Ausfallsicherheit oder aber spezielle Dosierungsprogramme im Standalone-Betrieb eingesetzt.

Eine weniger aufwändige Zwischenlösung die - basierend auf einem Krankenhausinformationssystem und dessen Funktionalität nutzend - zumindest die elementaren Funktionen für die Anordnung der Arzneimitteltherapie und die Dosierungsberechnungen bereitstellt, könnte ein für viele Anwender praktikabler Weg sein.

Am Universitätsklinikum Münster (UKM) gibt es auf zwei Intensivstationen spezielle Intensivdokumentationssysteme, nicht jedoch auf der pädiatrischen Intensivstation. Hier wurde vielmehr seit einigen Jahren ein im Haus von einem der Autoren entwickeltes Dosierungswerkzeug auf der Basis eines Microsoft Word Dokumentes (Version 6.0) mit ca. 120 Wordbasic Makros eingesetzt. Nachdem wir seit Mitte 2000 eine klinikweite elektronische Krankenakte auf der Basis eines kommerziellen KIS (Orbis OpenMed) einführen [3] und die Migration bzw. Pflege dieser Anwendung zu komplex erschien, trat die Abteilung mit dem Wunsch an uns heran, auch die Arzneidokumentation in das KIS zu integrieren.

Lösung

Zunächst wurde ein Grobkonzept für die Umsetzung entwickelt und der notwendige Zeitaufwand abgeschätzt. Auf die detaillierte Erfassung des vorhandenen Funktionsumfanges in Zusammenarbeit mit den klinisch tätigen Kollegen der pädiatrischen Intensivstation folgte die Analyse des etablierten Dokumentationsablaufs. Dann wurde ein neues Ablaufmodell erstellt und es wurden Ziele mit unterschiedlichen Prioritäten festgelegt.

Im Sinne der „layered IT System evolution" wie sie von Lenz und Kuhn [4] beschrieben wird, sollte eine neue Funktionalität, aufbauend auf unserem KIS, nahtlos in dieses integriert in enger Entwicklungsgemeinschaft mit den Anwendern, geschaffen werden.

Mit Hilfe des Entwicklungswerkzeuges Composer [5], das zu dem bei uns eingesetzten KIS verfügbar ist, konnte die volle Funktionalität des Word Werkzeuges in Orbis OpenMed realisiert werden. Es entstand ein zweiseitiges dynamisches OpenMed Formular mit 80 eingelagerten komplexen Aktionen, die auf 224 zum Teil komplex zusammengesetzte Formularfelder wirken.

Aus dem Grobkonzept ergab sich die Vorgabe, alle dynamischen Änderungen von Formularfeldern über die besagten Aktionen abzudecken, um eine Wartbarkeit des doch recht komplexen Formulars zu gewährleisten. Zusätzlich konnten verschiedene Vorteile nutzbar gemacht werden, die sich aus der Anbindung an das KIS ergeben (Verfügbarkeit an allen Arbeitsplätzen, Stammdatenübertragung, automatisierte Altersberechnung etc.).

Für jeden Patienten der Intensivstation wird täglich ein Therapieplan erstellt. Die Bögen des Vortages können kopiert und die bereits erfassten Daten mit nur minimalen Änderungen an die aktuelle Situation angepasst werden. Dadurch wird die Zeit zum Erstellen des Anordnungsbogens erheblich verkürzt und Übertragungsfehler werden reduziert.

Neben der Möglichkeit eine Vielzahl von in der Intensivmedizin häufig verwendeten Substanzen (Sedativa, Analgetika, Vasoaktiva, parenterale und enterale Ernährungslösungen usw.) aus einem Katalog auszuwählen und anzuordnen, übernimmt die Software eine Reihe von Berechnungen. Dazu gehören zum Beispiel: an das Gewicht oder an die Körperoberfläche angepasste Berechnung der Substanzmenge in den ausgewählten Perfusorspritzen, Berechnung der applizierten Flüssigkeitsmenge, der enteralen und parenteralen Ernährung inklusive der prozentualen Zusammensetzung der Ernährungsbestandteile (Kohlenhydrate, Proteine, Fette) und der entsprechenden Kalorienmengen.

Des Weiteren wird die Summe der über verschiedene Medikamente applizierten Elektrolyte wie Natrium, Kalium, Calcium und Magnesium gebildet. Damit wird der Benutzer jederzeit darüber informiert, wie viel eines Elektrolyts ein Patient erhält.

Gleichzeitig mit dem Ausfüllen des Bogens wird eine zusätzliche Seite geöffnet [Abb. 1], die die verschiedenen Medikamente und deren Bestandteile tabellarisch auflistet und die jeweilige Substanzmenge in Einheiten (mg oder mmol) pro kg Körpergewicht, die jeweiligen kcal/kg Körpergewicht sowie die entsprechende Menge in ml einer Lösung einer bestimmten Konzentration berechnet. Dieser Bogen wird als Anordnungsbogen für die in unserer Krankenhausapotheke hergestellten Mischinfusionsbeutel parenteraler Ernährung für Kinder verwendet. Dort werden nach dieser Vorgabe die Mischinfusionen hergestellt [Abb. 1]. An die Exaktheit und Verlässlichkeit der berechneten ml- und mg-Angaben werden deshalb besondere Anforderungen gestellt. Die Erstellung von täglich einem neuen Anordnungsbogen und Ablage in der elektronischen Patientenakte sorgt für eine korrekte Archivierung und Wiederauffindbarkeit der Dokumente. Das Modul steht im regulären Routinebetrieb. Bis heute wurden über 400 Anordnungsbögen für bisher 66 Patienten generiert.

Im Vortrag werden Chancen und Risiken einer solchen Lösung und die Möglichkeiten und Grenzen einer spezifischen intensivmedizinischen Dokumentation innerhalb eines "normalen" KIS diskutiert.


Literatur

1.
Kaushal R, Barker KN, Bates DW. How Can Information Technology Improve Patient Safety and Reduce Medication Errors in Children´s Health Care ?. Arch Pediatr Adolesc Med 2001;155:1002-1007
2.
Kaushal R, Bates DW, Landrigan C, McKenna KJ, Clapp MD, Federico F, Goldmann DA. Medication Errors and Adverse Drug Events in Pediatric Inpatients. JAMA 2001;285:2114-2120
3.
Bürkle T. Wege zur elektronischen Krankenakte - Ein Erfahrungsbericht. PR-Internet 2002;11:100-106.
4.
Lenz R, Kuhn KA. Towards a continuous evolution and adaptation of information systems in healthcare. Int J Med Inform 2004; 73: 75-89
5.
Kuhn KA, Lenz R, Elstner T, Siegele H, Moll R. Experiences with a generator tool for building clinical application modules. Methods of information in medicine 2003;42(1):37-44