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EbM – ein Gewinn für die Arzt-Patient-Beziehung?
Forum Medizin 21
11. EbM-Jahrestagung

Paracelsus Medizinische Privatuniversität, Deutsches Netzwerk Evidenzbasierte Medizin e. V.

25.02. - 27.02.2010, Salzburg, Österreich

Potentielle schwere Interaktionen bei Patienten mit Polypharmazie – Ergebnisse einer Pilotstudie: Unterschiedliche Klassifizierung von Interaktionen in verschiedenen Datenbanken

Meeting Abstract

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EbM – ein Gewinn für die Arzt-Patient-Beziehung?. Forum Medizin 21 der Paracelsus Medizinischen Privatuniversität & 11. EbM-Jahrestagung des Deutschen Netzwerks Evidenzbasierte Medizin. Salzburg, 25.-27.02.2010. Düsseldorf: German Medical Science GMS Publishing House; 2010. Doc10ebm008

DOI: 10.3205/10ebm008, URN: urn:nbn:de:0183-10ebm0086

Veröffentlicht: 22. Februar 2010

© 2010 Gundl et al.
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Gliederung

Text

Hintergrund: 61% der Patienten ≥65 Jahre nehmen regelmäßig Arzneimittel (AM) ein, Patienten ≥75 Jahre im Durchschnitt 7,5±3,8 Stück [1], [2]. Bei Patienten mit mehr als einer Medikation wurden in 44,5% der Fälle potentielle Interaktionen (IA) entdeckt [3], bei Patienten mit mehr als 6 AM sogar 66% [2]. Mehr als 5% aller Klinikeinweisungen in Europa erfolgen aufgrund von Arzneimittelereignissen, zu welchen auch IA zählen [4]. Wirkungsvolle Interventionsstrategien zur Vermeidung potentieller IA sind bisher wenig untersucht.

Im Rahmen einer Pilotstudie sollten die Zahl der IA bei Patienten mit Polypharmazie eruiert werden. Bei wie vielen Prozent sind potentielle schwere IA möglich? Welche Unterschiede ergeben sich zwischen den verschiedenen Interaktionsdatenbanken (DB)?

Material/Methoden: Im Zuge der Pilotstudie wurden Patienten (Alter ≥65 J, ≥5 AM) von vier Hausärzten im Bundesland Salzburg rekrutiert. Die AM wurden mithilfe der DB Lexicomp, Scholz und Drug-REAX auf IA überprüft. Die Ergebnisse der „schweren“ und „sehr schweren“ IA wurden verglichen.

Nicht relevante IA (z.B. Digitoxin + Calcium (p.o), Bisphosponate (inj.)+ Calcium) wurden nicht bewertet.

Ergebnisse: Die Medikation von 23 Patienten wurde analysiert. Die Patienten waren im Durchschnitt 72 Jahre alt und nahmen 11 AM (Range 6–17; inklusive pflanzliche, zugelassene AM) ein. Schwere IA wurden in Lexicomp bei 82,6%, in Scholz bei 78,3% und in Drug-REAX bei 60,9% der Patienten beobachtet.

In einem Fall (4,3%) fanden Lexicomp und Drug-REAX eine „sehr schwere“ IA. Scholz klassifizierte diese IA nur als „schwer“.

Insgesamt wurden 48 verschiedene IA eruiert, davon 33 in Lexicomp, 38 in Scholz und 26 in Drug-REAX. Fünf dieser IA wurden in alle drei DB als schwer oder sehr schwer bewertet (Clopidogrel/Omeprazol, Cumarine/Salicylate, Tramadol/SSRIs, Nitrate/ PDE-5-Hemmer sowie Ginkgo/Salicylate). Beobachtet wurde diese Übereinstimmung bei sechs Patienten.

Zehnmal wurden in zwei DB dieselben schweren IA für einen Patienten beschrieben (bei 15 Pat.), 33 IA wurden je nur in einer Datenbank. Tabelle 1 [Tab. 1].

Schlussfolgerung/Implikation: Eine hohe Prevalenz für IA bei Patienten mit Polypharmazie zeigt sich in allen DB. Die evaluierten DB zeigen sehr unterschiedliche Bewertungen von IA und stimmen nur in wenigen Fällen überein. Eine besondere Problematik stellen AM dar, die nur in Österreich oder BRD bekannt sind und in internationalen DB nicht beachtet werden, z.B. Rilmenidin, Metamizol, Lercarnidipin.

Bei Studien, die IA zwischen AM bewerten, sollte ersichtlich sein, aufgrund welcher DB die Bewertung vorgenommen wurde. Im Einzelfall müssen mögliche IA mit Hilfe evidenz-basierter Daten extra recherchiert werden.


Literatur

1.
Rathore SS, Mehta SS, Boyko WL Jr, Schulman KA. Prescription medication use in older Americans: a national report card on prescribing. Fam Med. 1998;30(10):733-9.
2.
Schuler J, Dückelmann C, Beindl W, Prinz E, Michalski T, Pichler M. Polypharmacy and inappropriate prescribing in elderly internal-medicine patients in Austria. Wien Klin Wochenschr. 2008;120(23-24):733-41.
3.
Tulner LR, Frankfort SV, Gijsen GJ, van Campen JP, Koks CH, Beijnen JH. Drug-drug interactions in a geriatric outpatient cohort: prevalence and relevance. Drugs Aging. 2008;25(4):343-55.
4.
Kongkaew C, Noyce PR, Ashcroft DM. Hospital admissions associated with adverse drug reactions: a systematic review of prospective observational studies. Ann Pharmacother. 2008;42(7):1017-25.