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Evidenz und Entscheidung: System unter Druck
10. Jahrestagung des Deutschen Netzwerks Evidenzbasierte Medizin

Deutsches Netzwerk Evidenzbasierte Medizin e. V.

05.03. - 07.03.2009 in Berlin

10 Jahre DNEbM: Was hat sich für die Theorie der Medizin getan?

Meeting Abstract

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  • corresponding author presenting/speaker Johann Behrens - Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, Halle, Deutschland

Evidenz und Entscheidung: System unter Druck. 10. Jahrestagung des Deutschen Netzwerks Evidenzbasierte Medizin. Berlin, 05.-07.03.2009. Düsseldorf: German Medical Science GMS Publishing House; 2009. Doc09ebmV2.3

DOI: 10.3205/09ebm008, URN: urn:nbn:de:0183-09ebm0080

Veröffentlicht: 4. März 2009

© 2009 Behrens.
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Gliederung

Text

Die auffälligste Entwicklung der evidenzbasierten Medizin in den letzten 10 Jahren lässt sich im Verständnis der "internen Evidenz" festmachen, und hier hat die deutsche Diskussion keine geringe Rolle gespielt. Vor 10 Jahren verstand die Literatur (z.B. Sackett et al) unter interner Evidenz etwas im Kopf des Arztes (seine Erfahrung usw.), während Patienten "Präferenzen" hatten. Aber Patienten haben in Krisen oft keine hinreichenden Präferenzen, sondern Ängste und Fragen an die Begegnung mit dem Arzt. Und auch Ärzte haben nicht alles im Kopf oder in Studien, sondern entwickeln ihre handlungsleitende Meinung in der Begegnung mit dem jeweils einzigartigen Patienten. Inzwischen ist weitgehend anerkannt, das "interne Evidence" ein Resultat der Begegnung zwischen individuellen Therapeuten und Patienten ist – im Idealfall ein beiden gemeinsames Verständnis über die Ziele, Umstände und Möglichkeiten der Behandlung (Arbeitsbündnis). Belege dafür finden sich z.B. in Behrens/Langer 2004 (ebn) und inzwischen in Windeler 2008 (ÄZQ) .

Diese Entwicklung ist auch für das Selbstverständnis der Medizin wie der therapeutischen Fächer nicht ganz ohne Bedeutung. Denn ist Pflegewissenschaft eine Wissenschaft, sind Physio- und Ergotherapie und das Hebammenwesen Wissenschaften, ist die Medizin eine Wissenschaft? Der Wissenschaftscharakter der genannten Fächer ist seit langem und bis heute umstritten. Häufig beziehen die Fächer ihren wissenschaftlichen Charakter nur auf kontemplative- "Grundlagenwissenschaften", also z. B. die Biologie oder die Soziologie. Damit erscheinen die genannten Fächer als Anwendungen der natur- oder sozialwissenschaftlichen Grundlagenfächer, ohne selber Wissenschaften zu sein. Denn warum sollte die angewandte Biologie nicht "angewandte Biologie" heißen, sondern "Medizin"? Warum sollte die interdisziplinäre Kombination der angewandten Soziologie zusammen mit der angewandten Biologie nicht "angewandte Biosoziopsychologie" heißen, sondern "Pflegewissenschaft"?

Schon Aristoteles führte den Begriff der Wissenschaft in resoluter Abgrenzung von der Medizin und ihren Einzelfallentscheidungen ein (Nikomachische Ethik), und fast 2500 Jahre später schwanken Gross et al. in ihrer "Theorie der Medizin", was an der Medizin Wissenschaft, Handwerk oder Kunst sei. In dem Beitrag wird vertreten, dass Pflegewissenschaft, die therapeutischen Wissenschaften und die Medizin sehr wohl Wissenschaften mit eigenen, von der Biologie, der Soziologie und der Psychologie zu trennenden Gegenständen und Methoden sind. Diese eigenen Gegenstände sind vernünftige Krisenentscheidung (für den jeweiligen Be-Handlungsbereich) im Arbeitsbündnis mit den jeweils einzigartigen Klienten unter Zukunftsungewißheit und diagnostischer Unsicherheit.

Solche Krisenentscheidungen lassen sich nicht aus den kontemplativen Natur- und Sozialwissenschaften ableiten, wenn sie sich auch deren Erkenntnisse begrenzt zu Nutze machen können (externe Evidence). Dennoch sind solche Krisenentscheidungen nicht einfach Glückssache oder Intuition jenseits aller Vernunft. Vielmehr sind sie wissenschaftlich untersuchbar und begründbar als - in der Begegnung zwischen Therapeuten und Klienten sich aufbauender - interner Evidence.