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EbM 2008: Evidenzbasierte Primärversorgung und Pflege
9. Jahrestagung Deutsches Netzwerk Evidenzbasierte Medizin und
Kongress der Deutschen Gesellschaft für Pflegewissenschaft

Deutsches Netzwerk Evidenzbasierte Medizin e. V.
Deutsche Gesellschaft für Pflegewissenschaft

22.02. - 23.02.2008 in Witten

Ethik der expliziten Mittelallokation

Meeting Abstract

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  • corresponding author Georg Marckmann - Institut für Ethik und Geschichte der Medizin, Universität Tübingen, Tübingen, Deutschland
  • author Daniel Strech - Institut für Ethik und Geschichte der Medizin, Universität Tübingen, Tübingen, Deutschland

Evidenzbasierte Primärversorgung und Pflege. 9. Jahrestagung Deutsches Netzwerk Evidenzbasierte Medizin und Kongress der Deutschen Gesellschaft für Pflegewissenschaft. Witten, 22.-23.02.2008. Düsseldorf: German Medical Science GMS Publishing House; 2008. Doc08ebmV33

Die elektronische Version dieses Artikels ist vollständig und ist verfügbar unter: http://www.egms.de/de/meetings/ebm2008/08ebm10.shtml

Veröffentlicht: 12. Februar 2008

© 2008 Marckmann et al.
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Gliederung

Text

Hintergrund

Die gerechtigkeitsethischen Aspekte der Mittelverteilung im Gesundheitswesen sind in allgemeiner Form bereits vielfach diskutiert. Noch fehlen aber konkrete Ansätze, die Allokation knapper medizinischer Ressourcen auf eine explizit-transparente und ethisch akzeptable Art und Weise unter Berücksichtigung von wissenschaftlicher Evidenz zur Effektivität und Kosteneffektivität zu regeln. Ein Modell der expliziten Mittelallokation sind gesetzlich verankerte kostensensible Leitlinien (KSLL). KSLL stellen als Instrumente einer expliziten Leistungsbegrenzung nur dann eine ethisch akzeptable Form der Verteilung knapper Mittel dar, wenn formale und materiale Gerechtigkeitskriterien berücksichtigt werden. Im Vortrag werden diese Kriterien als framework „Ethik der expliziten Mittelallokation“ systematisch vorgestellt und im Hinblick auf die Anwendung bei KSLL kritisch diskutiert.

Methoden

Das framework „Ethik der expliziten Mittelallokation“ unterscheidet zwischen formalen und materialen Gerechtigkeitskriterien. Diese Kriterien werden für die Gesundheitsversorgung allgemein und speziell für die KSLL inhaltlich konkretisiert.

Ergebnisse

Das framework „Ethik der expliziten Mittelallokation“ umfasst folgende formale ethische Kriterien: (a) Transparenz, (b) Konsistenz, (c) Legitimität, (d) Begründung, (e) Evidenzbasierung, (f) Partizipationsmöglichkeiten, (g) Minimierung von Interessenkonflikten, (h) Widerspruchsmöglichkeiten und (i) Regulierung. Hinzu kommen materiale Kriterien einer gerechten Mittelverteilung: (j) Medizinische Bedürftigkeit, (k) Erwarteter medizinischer Nutzen und (l) Kosten-Nutzen-Verhältnis. Als Metakriterium ist überdies der Evidenzgrad des erwarteten Nutzens, des Schadens und der Kosten zu berücksichtigen.

Schlussfolgerung/Implikation

Ethisch am ehesten vertretbar erscheint eine Kombination der drei materialen Verteilungskriterien. Zunächst sollte man auf solche Leistungen verzichten, die im Vergleich zur kostengünstigeren Alternative einen nur geringen Nutzengewinn bei erheblichen Zusatzkosten bieten. Bei fehlender Alternative sollten jedoch auch Leistungen mit einem ungünstigeren Kosten-Nutzen-Verhältnis finanziert werden, um „teure“ Patienten nicht vollständig von der medizinischen Versorgung auszuschließen. Die ethische Herausforderung besteht darin, das relative Gewicht der drei materialen Kriterien bei der Mittelverteilung zu bestimmen und bezüglich der zugrundeliegenden Evidenzqualität kritisch und transparent zu reflektieren. Hier ist eine begründete Abwägung im Einzelfall erforderlich.