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16. Deutscher Kongress für Versorgungsforschung

Deutsches Netzwerk Versorgungsforschung e. V.

4. - 6. Oktober 2017, Berlin

Anwendung für ein digital gestütztes Arzneimitteltherapie-Management

Meeting Abstract

  • Petra Kellermann-Mühlhoff - BARMER, Wuppertal, Germany
  • Sonja Laag - BARMER, Wuppertal, Germany
  • Till Beckmann - BARMER, Wuppertal, Germany
  • Frank Meyer - Kassenärztliche Vereinigung Westfalen-Lippe, Dortmund, Germany
  • Thomas Müller - Kassenärztliche Vereinigung Westfalen-Lippe, Dortmund, Germany
  • Christiane Muth - Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main, Frankfurt am Main, Germany
  • Ingrid Schubert - Universität zu Köln, Köln, Germany
  • Ute Karbach - Universität zu Köln, Köln, Germany
  • Wolfgang Greiner - Universität Bielefeld, Bielefeld, Germany
  • Hans Joachim Trampisch - Ruhr-Universität Bochum, Bochum, Germany
  • Daniel Grandt - Klinikum Saarbrücken, Saarbrücken, Germany
  • Mani Rafii - BARMER, Berlin, Germany

16. Deutscher Kongress für Versorgungsforschung (DKVF). Berlin, 04.-06.10.2017. Düsseldorf: German Medical Science GMS Publishing House; 2017. DocP234

doi: 10.3205/17dkvf181, urn:nbn:de:0183-17dkvf1812

Veröffentlicht: 26. September 2017

© 2017 Kellermann-Mühlhoff et al.
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Gliederung

Text

Hintergrund: Die Ursachen unzureichender Qualität, Sicherheit und Kosteneffizienz der Arzneimitteltherapie ambulanter Patienten mit Multimorbidität und Polypharmazie sind multifaktoriell und im Wesentlichen durch Organisation und Rahmenbedingungen determiniert und damit nur auf Systemebene zu lösen. Eine vom Aktionsplans AMTS geförderte Studie zeigt, dass 28% der Patienten ambulant vor Krankenhausaufnahme mindestens ein zu hoch dosiertes, 21% ein kontraindiziertes und 13% ein nicht mehr indiziertes Medikament erhielten. Multimorbide Patienten mit Polypharmazie sind besonders gefährdet, Medikationsfehler und vermeidbare Nebenwirkungen der Therapie zu erleiden. Leitlinien für Einzelerkrankungen berücksichtigen Multimorbidität meist nicht oder unzureichend. Zur Gewährleistung von AMTS muss der Arzt in die Lage versetzt werden, vermeidbare Risiken auch unabhängig von einzelnen Patientenkontakten zu identifizieren. Dazu erforderliche Instrumente zur patientenübergreifenden AMTS-Analyse stehen aber bisher nicht zur Verfügung.

Fragestellung: Können Qualität, Sicherheit, Kosteneffizienz und Koordination in der ambulanten Arzneimitteltherapie bei Patienten mit Polypharmazie durch Optimierung der Behandlungsprozesse, strukturierte Arzneimitteltherapieprüfung, qualifizierte IT Unterstützung, Festlegung inhaltlicher Regeln für die Therapieoptimierung, Fortbildung der Ärzte zur Anwendung der Regeln, Monitoring der Effekte sowie Entlohnung des Aufwands die AMTS verbessert werden?

Methode: Versicherte erklären gegenüber dem Hausarzt ihren Beitritt. Danach erhält der Hausarzt elektronischen Zugriff auf die Informationen zum Patienten.

In die Evaluation werden Patienten mit ≥5 für mindestens 2 Quartale gleichzeitig verordneten Arzneimitteln eingeschlossen. Es erfolgen folgende Interventionen:

  • Extraktion von Informationen aus Routinedaten
  • Erstellung des bMP auf Basis von Routinedaten
  • Fremdsprachlicher bMP bei Migrationshintergrund
  • Hinweise auf gefährliche Selbstmedikation in Kombination mit verordneter Therapie
  • Information an Arzt bei stationärer Aufnahme des Patienten
  • Elektronische Unterstützung der ärztlichen AMTS-Prüfung
  • Patientenübergreifende Analysemöglichkeit
  • Patientenspezifische, automatische Hinweise auf neu beschriebene Risiken
  • Pharmakotherapie-Konsil-Service der KVWL
  • AMT(S) Kennzahlen zur Unterstützung der Therapiesteuerung

Die Intervention wird summativ (Wirksamkeit, Kosteneffektivität) und formativ (förderliche / hinderliche Faktoren zur Implementierung) im randomisierten Cluster-RCT-Design evaluiert.

Bisherige Ergebnisse: Als Basis des Projektes wurde ein strukturierter Prozess für die Verbesserung der AMTS ambulant behandelter Patienten mit Polypharmazie durch niedergelassene Ärzte unter Koordination des Hausarztes entwickelt. Zur Ermöglichung des Prozesses kann der Arzt über das geschützte KVWL-Mitgliederportal auf behandlungsrelevante Informationen zum Patienten, welche in Echtzeit aus Abrechnungsdaten der Krankenkasse extrahiert werden, zugreifen. Der Zeitaufwand für die Erstellung des bundeseinheitlichen Medikationsplans wird geringer. Unabhängig von der Praxissoftware wird dem Arzt die AMTS Prüfung eines einzelnen oder aller Patienten seiner Praxis ermöglicht. Bei Krankenhausaufnahme eines Patienten oder Veröffentlichung eines Rote-Hand-Briefs zu einem verordneten Arzneimittel erhält der Arzt einen patienten-spezifischen Warnhinweis. Zur Unterstützung der Therapiesteuerung durch den Arzt werden Kennzahlen zu Qualität, Sicherheit und Kosteneffizienz der Arzneimitteltherapie auf Praxisebene generiert.

Diskussion: Den Ärzten fehlen operationalisierbare Regeln für das Management von Patienten mit Polypharmazie. Auch fehlt ihnen der Zugriff auf behandlungsrelevante Informationen zum Patienten, obwohl diese in Abrechnungsdaten der Krankenkasse enthalten sind. Die fehlende Möglichkeit zur Analyse der Arzneimitteltherapie nicht nur eines, sondern aller behandelten Patienten und das Fehlen von Informationen bei für die Arzneitherapie relevanten Veränderungen sind weitere Beispiele für nur auf Systemebene zu korrigierende Defizite. AdAM beinhaltet 7 Elemente zur Optimierung von Arzneimitteltherapie und AMTS: Optimierung der Behandlungsprozesse, strukturierte Arzneimitteltherapieprüfung, qualifizierte IT Unterstützung, Festlegung inhaltlicher Regeln für die Therapieoptimierung, Fortbildung der Ärzte zur Anwendung der Regeln, Monitoring der Effekte, Entlohnung des Aufwands. Die Einführung einer multifaktoriellen Prozessoptimierung in der Routineversorgung ist immer eine Herausforderung, insbesondere, wenn sie unter den Bedingungen einer Cluster-randomisierten Studie erfolgt.

Praktische Implikationen: Der im Projekt entwickelte und durch innovative IT Unterstützung ermöglichte Prozess der Arzneimitteltherapie in der ambulanten und sektorenübergreifenden Routineversorgung soll flächendeckend in Deutschland für BARMER Versicherte implementiert und für die Nutzung durch weitere Krankenkassen geöffnet werden.