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10. Deutscher Kongress für Versorgungsforschung, 18. GAA-Jahrestagung

Deutsches Netzwerk Versorgungsforschung e. V.
Gesellschaft für Arzneimittelanwendungsforschung und Arzneimittelepidemiologie e. V.

20.-22.10.2011, Köln

Leitliniengerechte Antikoagulation von Patienten mit Vorhofflimmern: Versorgungsforschung auf Basis von Primär- und Sekundärdaten

Meeting Abstract

10. Deutscher Kongress für Versorgungsforschung. 18. GAA-Jahrestagung. Köln, 20.-22.10.2011. Düsseldorf: German Medical Science GMS Publishing House; 2011. Doc11dkvf147

DOI: 10.3205/11dkvf147, URN: urn:nbn:de:0183-11dkvf1476

Veröffentlicht: 12. Oktober 2011

© 2011 Wilke et al.
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Gliederung

Text

Hintergrund: Vorhofflimmern (VHF) ist mit einer Inzidenz von 0,85–4,10 pro 1.000 Personenjahre die häufigste Rhythmusstörung. Sie ist verbunden mit erhöhter Letalität in Folge von Schlaganfällen und thromboembolischen Ereignissen. Leitlinien empfehlen für Patienten mit moderatem/hohem Schlaganfallrisiko (CHADS2 > 1; CHA2DS2-VASc > 1) die orale Antikoagulation (OAK). Daten zur OAK-Versorgung von deutschen VHF-Patienten, die in Hausarztpraxen betreut werden (ca. 90% aller Patienten), liegen bislang nicht umfassend vor. Ziel dieser Studie ist es deshalb, das Ausmaß etwaiger VKA-Unterversorgung in Deutschland zu ermitteln und deren Ursachen zu identifizieren.

Material und Methoden: Im Rahmen der Studie wurden sowohl Beobachtungsdaten als auch Krankenkassendaten ge-nutzt. Zum einen wurde eine Versorgungsforschungsstudie (ACT-AF) mit 71 randomisiert ausgewählten Hausarztpraxen und 786 VHF-Patienten initiiert, in der prospektiv für Ø 6,9 Monate und retrospektiv für 12 Monate die Versorgung dokumentiert wurde. Andererseits wurde mit 2 Krankenkassen eine Datenanalyse mit 184.682 VHF-Versicherten (Gesamtprävalenz 2,066%) durchgeführt, die in den Jahren 2007/2008 mindestens zwei gesicherte ambulante VHF-Diagnosen in 2 unterschiedlichen Quartalen und/oder eine stationäre VHF-Diagnose (ICD-10: I48.-) hatten.

Ein Patient galt dann als OAK-unterversorgt (OAK-UV), wenn er einen CHADS2-Score >1 bzw. CHA2DS2-VASc-Score >1 und keine Kontraindikationen (KI) nach Fachinformation aufwies, dennoch aber nicht mindestens 1 Verordnung einer oralen Antikoagulation pro Jahr erhielt.

Ergebnisse: Das untersuchte GKV-Sample weist ein Durchschnittsalter von 73,4 Jahren auf und ist zu 55,8% männlich (CHADS2-Score 2,52; 86,5% der Patienten mit Hypertonie; 43,9% mit Diabetes). Das ACT-AF-Sample ist durchschnittlich 73,2 Jahre alt (Anteil Männer 54,2%; CHADS2-Score 2,32) aus.

Je nach Anwendung des CHADS2-Score oder des CHA2DS2-VASc-Score weisen 137.571 (74,5%)/167.792 Patienten (90,9%) im Kassendatensatz einen OAK-Bedarf auf; nach Berücksichtigung der KI sind dies 78.032 (42,3%)/102.940 Patienten (55,7%). Im Kassendatensatz ergibt sich eine relative OAK-UV von 47,9% (37.409 Patienten)/48,2% (49.634 Patienten). Davon erhalten 19,6%/18,9% zumindest ASS. In der ACT-AF-Studie zeigten 12,7% der Patienten OAK-UV (davon 64,0% mit ASS). Das auf diesem Datensatz basierende logistische Modell zur Erklärung der OAK-UV zeigte, dass Patienten mit persistierendem bzw. permanentem VHF eine geringere OAK-UV-Wahrscheinlichkeit aufweisen als Patienten mit paroxysmalem VHF (OR 0,310 bei p <0.001). Weiterhin halbiert die Tatsache, dass ein Patient bereits einen Kardiologen konsultierte, die OAK-UV-Wahrscheinlichkeit (OR von 0,511 bei p = 0,004).

Schlussfolgerung: Mit der Analyse konnten erstmals repräsentative und auf einem großen Sample basierende Daten zum Ausmaß der OAK-UV in Deutschland abgeleitet werden. Durch die in die Forschung integrierte Beobachtungsstudie gelang zudem, Patienten- und Arztspezifika, die in Kassendatensätzen nicht enthalten sind, als OAK-UV-Ursachen zu identifizieren. Versorgungsforschungsdesigns, die Primär- und Sekundärdaten verknüpfen, können somit einen deutlichen Erkenntnisgewinn bieten.