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10. Deutscher Kongress für Versorgungsforschung, 18. GAA-Jahrestagung

Deutsches Netzwerk Versorgungsforschung e. V.
Gesellschaft für Arzneimittelanwendungsforschung und Arzneimittelepidemiologie e. V.

20.-22.10.2011, Köln

Infektionen mit multiresistenten Erregern: Prävalenz- und Kostenanalysen auf Basis von GKV-Routinedaten

Meeting Abstract

10. Deutscher Kongress für Versorgungsforschung. 18. GAA-Jahrestagung. Köln, 20.-22.10.2011. Düsseldorf: German Medical Science GMS Publishing House; 2011. Doc11dkvf128

DOI: 10.3205/11dkvf128, URN: urn:nbn:de:0183-11dkvf1280

Veröffentlicht: 12. Oktober 2011

© 2011 Linder et al.
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Gliederung

Text

Hintergrund: Multiresistente Erreger (MRE) stellen im Hinblick auf steigende Prävalenzen eine ernste Bedrohung dar. Vor diesem Hintergrund hat das WINEG analysiert, ob und inwieweit sich die GKV-Routinedaten der Techniker Krankenkasse zur Prävalenzbestimmung und Prädiktion der Kostenentwicklung eignen.

Material und Methoden: Untersucht wurden die stationären Abrechnungsdaten aller TK-Versicherten in den Jahren 2006–2010, Aufgreifkriterium waren der OPS-Code 8-987* (Komplexbehandlung bei Besiedlung oder Infektion mit MRE) sowie die ICD-Codes U80.-! (Erreger mit bestimmten Antibiotikaresistenzen) und U81! (Bakterien mit Multiresistenz gegen Antibiotika). Die so ermittelte (Sekundärdaten-) Prävalenz wurde mit der für die Versicherten der TK hochgerechneten (Primärdaten-) Prävalenz von MRE verglichen, wie sie vom Nationalen Referenzzentrum (NRZ) angegeben wird [1].

Hinsichtlich der Kostenbetrachtung wurden stationäre Kosten, ambulante Behandlungen (EBM-Punkte x Orientierungswert) sowie die Inanspruchnahme von Arzneimitteln betrachtet. Ausgewertet wurden zum einen absolute Kosten, zum anderen Mehrkosten gegenüber einer Vergleichsgruppe (Matching nach Basis-DRG und Lebensalterdekaden, Annuisierung für unterjährig Versicherte, Winsorisierung).

Ergebnisse: Im Gegensatz zum ambulanten Bereich wurden MRE im Krankenhaus als ICD-Diagnosen nur in Einzelfällen dokumentiert (17 Diagnosen in 5 Jahren). Im selben Zeitraum wurden 13.121 OPS-Codes 8-987.* dokumentiert, d.h. 520 Versicherte mit MRE pro 100.000 Versicherten in 2010. Dies entspricht etwa 1/3 der vom NRZ geschätzten Prävalenz.

Mehrkosten entstehen ganz überwiegend im stationären Bereich (DRG mit höherem ökonomischen Schwergrad, lange Verweildauern, Rehospitalisierungen), weniger ausgeprägt bei den Arzneimitteln. Insgesamt betrugen die mittleren inkrementellen Kosten für Versicherte mit MRE 20.525 € in 2009. Entsprechend der Größe eines Prävalenz-Korrekturfaktors im Intervall von 1 bis 3 werden die Mehrkosten durch MRE für die TK bis 2015 auf 144 Mio. – 432. Mio. € jährlich ansteigen. Dabei handelt es sich hinsichtlich der Prävalenz zwar um ein Problem vorwiegend der älteren und immungeschwächten Patienten, in Bezug auf die Mehrkosten zeigen jüngere Menschen jedoch eine weit höhere Leistungsinanspruchnahme.

Schlussfolgerung: Als Gründe für die vermutete Nicht-Dokumentation von MRE im Krankenhaus kommen die Vermeidung von Stigmatisierung, vor allem jedoch Fehlanreize in der bestehenden DRG-Systematik in Betracht [2]. Ende Februar hat die Initiative Qualitätsmedizin (IQM) dem DIMDI einen separaten Code für den Methicillinresistenten Staphylococcus aureus mit Unterscheidung des Erwerbs des Erregers vor oder während des aktuellen Krankenhausaufenthaltes vorgeschlagen. Sollte dies mit einer Korrektur des DRG-Systems einhergehen, ist die Eignung von Routinedaten zur Inzidenzbestimmung nosokomialer Infektionen als Qualitätsindikator zu prüfen, nicht zuletzt im Rahmen selektivvertraglicher Regelungen.

Alle bisherigen Kostenbetrachtungen wurden aus Krankenhaussicht erstellt [3], so dass die Krankenkassenperspektive bislang nicht berücksichtigt wurde. Während dem Krankenhaus pro Behandlung ein Minus in Höhe von knapp 6000 € entsteht [4], kommen auf die Krankenkassen weit höhere Kosten mit steigender Tendenz zu. Sollte das neue Hygienegesetz nicht greifen, droht die MRE-Thematik neben allem menschlichen Leid zu einem gesellschaftspolitischen Problem zu werden.


Literatur

1.
Gastmeier P, Behnke M, Schwab F, Geffers C. Das Krankenhaus-Infektions-Surveillance-System (KISS) - aktueller Stand. Das Krankenhaus. 2010;7:645-648.
2.
Linder R, Horenkamp-Sonntag D, Pfenning I, Verheyen F. Quantifizierung stationärer Patientenfallzahlen mit nicht-dokumentierter Infektion multiresistenter Erreger. AGENS-Methodenworkshop der Arbeitsgruppe „Erhebung und Nutzung von Sekundärdaten“ (AGENS) der Deutschen Gesellschaft für Sozialmedizin und Prävention (DGSMP) und der Deutschen Gesellschaft für Epidemiologie (DGEpi) am 14.-15.04.2011 in Köln. Available from: http://www.tk.de/centaurus/servlet/contentblob/339556/Datei/53777/Nicht-Dokumentation-MRE-Infektionen.pdf Externer Link
3.
Korczak D, Schöffmann C. Medizinische Wirksamkeit und Kosten-Effektivität von Präventions- und Kontrollmaßnahmen gegen Methicillin-resistente Staphylococcus aureus (MRSA)-Infektionen im Krankenhaus. Köln: HTA des DIMDI; 2010. http://portal.dimdi.de/de/hta/hta_berichte/hta263zusammenfassung_de.pdf Externer Link
4.
Wernitz MH, Keck S, Swidsinski S, et al. Cost analysis of a hospital-wide selective screening programme für methicillin-resistant Staphylococcus aureus (MRSA) carriers in the context of diagnosis related groups (DRG) payment. Eur Soc Clin Microbiol Infect Dis. 2005;11:466-71.