gms | German Medical Science

67. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Unfallchirurgie
89. Tagung der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Orthopädische Chirurgie
44. Tagung des Berufsverbandes der Fachärzte für Orthopädie

11. bis 16.11.2003, Messe/ICC Berlin

Behandlung der Fibromyalgie mit Na+-Kanal-Blockade und NMDA-Antagonisten

Meeting Abstract (DGOOC 2003)

Deutsche Gesellschaft für Unfallchirurgie. Deutsche Gesellschaft für Orthopädie und orthopädische Chirurgie. Berufsverband der Fachärzte für Orthopädie. 67. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Unfallchirurgie, 89. Tagung der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Orthopädische Chirurgie und 44. Tagung des Berufsverbandes der Fachärzte für Orthopädie. Berlin, 11.-16.11.2003. Düsseldorf, Köln: German Medical Science; 2003. Doc03dguF11-0

Die elektronische Version dieses Artikels ist vollständig und ist verfügbar unter: http://www.egms.de/de/meetings/dgu2003/03dgu0501.shtml

Veröffentlicht: 11. November 2003

© 2003 Schöffel et al.
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Gliederung

Text

Hintergrund

Die Behandlung des Fibromyalgie-Syndroms ist sowohl für Patienten als auch für ihre ärzte frustrierend (1). Die derzeit übliche Polypragmasie ist auch ein Zeichen der Hilflosigkeit, mit der wir heute der Fibromyalgie gegenüberstehen (3). Aktuelle pathogenetische Konzepte gehen davon aus, dass die Fibromyalgie durch eine "up-regulation" der Schmerzverarbeitung charakterisiert ist (2).

Studienziel

Wir führten eine offene Therapiestudie mit dem Ziel durch, die Wirksamkeit und Verträglichkeit einer multimodalen Therapie zu dokumentieren, deren zentraler Bestandteil eine intravenöse Therpie mit Lidocain kombiniert mit Doxepin bzw. Ketamin ist. Ziel der Therapie war, die Symptome der Fibromyalgie zu reduzieren. Primärer Zielparameter war eine Reduktion des Schmerzes, messbar mit der VAS (Visual Analoge Scale) bzw. NRS (Numeric Rating Scale), daneben sollte eine Verbesserung von Schlafstörungen, Zahl der schmerzhaften Tender points und Patientenzufriedenheit ausgewertet werden.

Patienten und Methodik

80 Patienten (76 weiblich, 4 männlich, durchschnittliches Alter 53,4 Jahre), die die ACR-Kriterien der Fibromyalgie erfüllten, wurden in einer offenen Therapiestudie nach dem folgenden Protokoll therapiert: Alle Patienten erhielten neben Standardtherapie (Patientenschulung, Physiotherapy, psychologische Betreuung, medikamentöse Analgesie) - nach entsprechender Aufklärung - eine intravenöse Studienmedikation von 300 mg Lidocain und Doxepin 25mg täglich. Nach drei Tagen fand eine überprüfung der Medikation statt: Patienten mit subjektiver Besserung und Besserung in der VAS um mehr als 3 Punkte wurden für weitere 4 - 7 Tage mit Lidocain/Doxepin behandelt, die anderen Patienten erhielten stattdessen Ketamin 0,5 mg pro kg KG i.v. über 2-3 Stunden für weitere 7 Tage - zusätzlich Amitryptilin 10 mg und vor der Infusion 5 mg Diazepam oral.

Ergebnisse

Beide Behandlungsschemata (Lidocain + Doxepin, Ketamin) wurden subjektiv gut vertragen. Bei 13 Patienten kam es zu einem vorübergehenden Transaminasenanstieg, der bei 3 Patienten über dem dreifachen der Norm lag. 10 Patienten beendeten das Behandlungsprotokoll nicht (2 wegen Diagnoseänderung, 4 wegen fehlender Besserung, 4 wegen NW). Von den verbleibenden 70 Patienten beendeten 38 die Behandlung mit Lidocain/Doxepin, 32 mit Ketamin. Die Schmerz-VAS verbesserte sich von 8,46 (+/- 1,23) zu Behandlungsbeginn auf 6,04 (+/- 1,60) am Tag 3. Zum Ende der Therapie konnte dann ein VAS-Wert von 4,37 +/-1,68 erreicht werden. Dabei war die Verbesserung in der Lidocain/Doxepin-Subgruppe nicht wesentlich verschieden von der in der Ketamin-Gruppe - obwohl diese Patienten auf die ursprüngliche Therapie nicht reagiert hatten. Die übrigen Messparameter (Tender Point Count, Schlaf und Patientenurteil) waren ebenso deutlich gebessert. Eine Nachuntersuchung fand bisher nur bei 27 Patienten statt, und zwar nach einem mittleren Zeitraum von 3 Monaten ( 4 bis 29 Wochen). Auch hier lag die Schmerz-VAS mit 5,5 (+/- 0,94) deutlich unter dem Ausgangswert.

Zusammenfassung

Die systemische Therapie mit Natriumkanal-Blockern wie Lidocain oder mit NMDA-Rezeptor-Blockern (Ketamin), kombiniert mit einer "Standardtherapie", hat sich in unserer Untersuchung als wirksam erwiesen. Das Behandlungskonzept erscheint erfolgversprechend, weil es auf der Vorstellung eines "wind-up" der Schmerzverarbeitung beruht, das über die zwei genannten Wege antagonisiert werden kann. Da aus unserer Untersuchung nicht geschlossen werden kann, inwieweit die Besserung der Symptomatik allein durch die Standardtherapie verursacht wurde bzw. welche Bedeutung der Studientherapie zukommt, sollten die Ergebnisse in kontrollierten randomisierten doppelblinden Studien validiert werden.

Literatur

(1) Brochure by "National Fibromyalgia Research Assn", revised 08/01, P O Box 500, Salem, OR 97308

(2) Gracely RH, Petzke F, Wolf JM, Clauw DJ. Functional MRI Evidence of Augmented Pain Processing in Fibromyalgia. Arthritis Rheum 2002. 1333-1343

(3) Kranzler JD, Gendreau JF, Rao SG. The Psychopharmacology of Fibromyalgia. A Drug Development Perspective. Psychopharmacology Bulletin 2002.165-213

(4) Raphael J, Southall J, Treharne G, Kitas G. Efficacy and adverse effects of intravenous lignocaine therapy in fibromyalgia syndrome. BMC Musculosceletal Disord 2002,21

(5) Ivani-G, Vercellino-C, Tonetti-F..Ketamine: a new look to an old drug.Minerva anesthesiologica (2003), 69, 468-471