gms | German Medical Science

67. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Unfallchirurgie
89. Tagung der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Orthopädische Chirurgie
44. Tagung des Berufsverbandes der Fachärzte für Orthopädie

11. bis 16.11.2003, Messe/ICC Berlin

Das übersehene Kompartmentsyndrom - was kann man noch machen?

Kurzbeitrag (DGU 2003)

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  • U. Holz - Stuttgart

Deutsche Gesellschaft für Unfallchirurgie. Deutsche Gesellschaft für Orthopädie und orthopädische Chirurgie. Berufsverband der Fachärzte für Orthopädie. 67. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Unfallchirurgie, 89. Tagung der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Orthopädische Chirurgie und 44. Tagung des Berufsverbandes der Fachärzte für Orthopädie. Berlin, 11.-16.11.2003. Düsseldorf, Köln: German Medical Science; 2003. Doc03dguE2.1-4

Die elektronische Version dieses Artikels ist vollständig und ist verfügbar unter: http://www.egms.de/de/meetings/dgu2003/03dgu0392.shtml

Veröffentlicht: 11. November 2003

© 2003 Holz.
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Gliederung

Text

Die verspätete oder unvollständige Druckentlastung beim Kompartmentsyndrom führt an den Extremitäten zur fibrotischen Kontraktur der Muskeln und zur Nervenschädigung durch Narbenkompression und Anoxie. Richard von Volkmann hat 1881 in seinem ersten Bericht diese Kontraktur und Lähmung noch als reine myogene Ischämie angesehen.

Die Kaskade der Gewebsschädigung beginnt mit der Ischämie, welche Muskelnekrosen, fibroblastische Proliferationen, Narbenkontrakturen und Verwachsungen von Sehnen und Muskeln induziert.

Muskelverkürzungen und auf der Antagonistenseite Muskelüberdehnungen verursachen Deformierung und Einsteifung. Gleichzeitig kommt es durch die Nervenschädigung zur Muskelparese oder Paralyse im Kompartment und im distal davon liegenden Innervationsgebiet.

Beim übersehenen Kompartmentsyndrom findet man eine Kombination aus unterschiedlich stark ausgeprägten Kontrakturen und Muskelschwächen, je nach Betroffenheit der Muskelgruppen und Nerven. Die ischämische Muskulatur und die Nekrosen begünstigen das Eintreten einer Infektion, unter anderem auch Gasbrandinfektionen. Die notwendigen Debridements verstärken den bleibenden Gewebsschaden und über die Infektion können Knochen und Gelenke zerstört werden.

Folgen des übersehenen Kompartmentsyndroms:

lokal:

Muskelnekrose

Ischämische Kontraktur

Neurologische Ausfälle

Infektion

Verzögerte Frakturheilung

Verlust der Gliedmaße

allgemein:

Crush-Syndrom

Nierenversagen

Arrhythmie (Hyperkaliämie)

MOV (Multiorganversagen)

Das Ausmaß der Schäden nach übersehenem Kompartmentsyndrom ist eng gekoppelt an den Zeitpunkt der Fasziotomie. Bei Verletzungen, die erfahrungsgemäß häufiger zu einem Kompartmentsyndrom führen (Frakturen mit schwerem Weichteilschaden, geschlossen und offen) und bei bewusstlosen Patienten, die druckgeschädigte Gliedmaßen aufweisen, ist daher die Fasziotomie zum frühest möglichen Zeitpunkt indiziert, unabhängig von einer apparativen Messung des Kompartmentdruckes.

Wird dieser Zeitpunkt versäumt, so kommt es an den oberen Gliedmaßen typischerweise zur ischämischen Kontraktur der Unterarmbeuger und der Handbinnenmuskulatur. Am Unterschenkel und Fuß sind in erster Linie der Musculus tibialis posterior, der Musculus flexor hallucis und der Musculus flexor digitorum von der Kontraktur betroffen.

Typische Kontrakturstellungen sind an der Hand die Flexionskontraktur des Handgelenkes, die Krallenhand und die Adduktionskontraktur des Daumens.

Die Hand kann auch in Mittelstellung erstarren.

Am Fuß ist die typische Fehlstellung der Pes equinovarus, das „Short foot Syndrom", die Krallenzehen und die Hammerzehen. Selten wird eine isolierte Kontraktur der langen Beugersehne an den Zehen beobachtet (Mallet-Zehe).

Zumeist sind die Fehlstellungen an Hand und Fuß komplexer Natur und deshalb bedarf auch die Rekonstruktion eines vielschichtigen und individuellen Therapiekonzeptes.

Grundzüge der Rekonstruktion sind:

Neurolysen

Exzision von Muskelnekrosen und Narben

Sehnendesinsertion

Sehnenverlängerung

Sehnentransposition

Muskelverpflanzung

Arthrodesen

Kontrakturen der Zehen werden durch Tenotomien und durch Sehnenverpflanzung korrigiert.

Zur Korrektur des Fußes stehen je nach Deformität folgende Verfahren zur Verfügung:

Achillessehnen-Z-Tenotomie

Dorsale Kapsulotomie

Musculus tibialis posterior-Release oder -Resektion

Musculus flexor digitorum longus-Resektion

Musculus flexor hallucis longus-Resektion

Plantaraponeurosendurchtrennung

Triplearthrodese.


Literatur

1.
Lanz U, Felderhoff J: Ischämische Kontrakturen an Unterarm und Hand, Handchir Mikrochir Plast Chir 2000; 32: 6-25.
2.
Willy C, Sterk J, Gerngroß H: Das Kompartmentsyndrom, Hefte zu "Der Unfallchirurg", Heft 267