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29. Wissenschaftliche Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie e. V.

Deutsche Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie e. V.

21.09. - 23.09.2012, Bonn

Unterschiede des Bildungsweges CI-versorgter hörgeschädigter Kinder und Jugendlicher

Vortrag

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  • corresponding author presenting/speaker Dominique Müller - Sächsisches Cochlear Implant Centrum/Univ. HNO-Klinik, Dresden, Deutschland
  • author Bernd Hartmann - Sächsisches Cochlear Implant Centrum/Univ. HNO-Klinik, Dresden, Deutschland
  • author Dirk Mürbe - Sächsisches Cochlear Implant Centrum/Univ. HNO-Klinik, Dresden, Deutschland

Deutsche Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie. 29. Wissenschaftliche Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie (DGPP). Bonn, 21.-23.09.2012. Düsseldorf: German Medical Science GMS Publishing House; 2012. Doc12dgppV52

DOI: 10.3205/12dgpp88, URN: urn:nbn:de:0183-12dgpp882

Veröffentlicht: 6. September 2012

© 2012 Müller et al.
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Zusammenfassung

Hintergrund: Hochgradig hörgeschädigte Patienten bedürfen besonderer Unterstützung für eine gleichberechtige Teilhabe an den Bildungsgütern der Gesellschaft. Über den schulischen Bildungsweg von hörgeschädigten Kindern und Jugendlichen, welche mit einem Cochlea Implantat (CI) versorgt sind, liegen bislang unzureichende Daten vor.

Material und Methoden: Ein für die Erfassung des Bildungsweges in Kindergarten und Schule entwickelter Fragebogen wurde an 204 Patienten des Sächsischen Cochlear Implant Centrums Dresden ausgegeben. Alle befragten Patienten waren zum Zeitpunkt der CI-Versorgung jünger als 18 Jahre und wurden im Zeitraum von 1994 bis 2012 implantiert. Die 141 zurückerhaltenen Fragebögen wurden hinsichtlich des Besuches des Kindergartens (N=126), der Grundschule (N=92) und der weiterführenden Schule (N=64) ausgewertet.

Ergebnisse: Mehr als 80% der befragten Patienten gaben den Besuch eines Regelkindergartens an. Im Durchschnitt des gesamten Beurteilungszeitraumes lernten 50% der Kinder in einer Regelgrundschule, häufig verbunden mit einem Integrationsstatus. Die anderen Grundschüler besuchten überwiegend die Hörgeschädigtenschule. Bei den weiterführenden Schulen (Mittelschule und Gymnasium) lag der Prozentsatz der Regelschüler bei 44%. Andere Schulformen, vor allem die Hörgeschädigtenschule, wurden von 53% der Schüler in Anspruch genommen. Während der Beschulung in der Regelschule wechselten 9 Kinder auf die Hörgeschädigtenschule, der umgekehrte Wechsel wurde von 3 Patienten angegeben.

Diskussion: Die longitudinale Analyse innerhalb des Beurteilungszeitraumes 1994 bis 2012 belegt eine zunehmende Inanspruchnahme des Regelschulbereichs, die in der qualitativ verbesserten und frühzeitigeren CI-Versorgung begründet liegt. Es bedarf weiterer detaillierter Untersuchungen, um Einflussfaktoren wie Implantationsalter, Sprachentwicklungsprofil oder soziale Faktoren hinsichtlich des Bildungsweges CI-versorgter Kinder zu bewerten.


Text

Hintergrund

Seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wird, angeregt durch die Bildungskommission des Deutschen Bildungsrates, vermehrt über Integration behinderter Kinder diskutiert (vgl. [1]). Durch die 2008 vom deutschen Bundestag und Bundesrat ratifizierte UN-Menschenrechtskonvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen ist diese Diskussion unter dem Begriff der Inklusion hoch aktuell. Hochgradig hörgeschädigte Patienten bedürfen besonderer Unterstützung für eine gleichberechtigte Teilhabe an den Bildungsgütern der Gesellschaft. Die Statistischen Veröffentlichungen der Kultusministerkonferenz zeigen jedoch, dass im Jahre 2010 von 16.197 Kindern mit sonderpädagogischem Förderbedarf im Bereich Hören nur 5.210 Schüler in einer allgemeinen Schule betreut wurden (vgl. [2]). Über den schulischen Bildungsweg von hörgeschädigten Kindern und Jugendlichen, welche mit einem Cochlea Implantat (CI) versorgt sind, liegen darüber hinaus keine hinreichenden Daten vor.

Material und Methode

Ein für die Erfassung des Bildungsweges in Kindergarten und Schule entwickelter Fragebogen wurde an 204 Patienten des Sächsischen Cochlear Implant Centrums Dresden ausgegeben. Alle befragten Patienten waren zum Zeitpunkt der CI-Versorgung jünger als 18 Jahre und erhielten im Zeitraum von 1994 bis 2012 ein Cochlea Implantat. Die 141 zurückerhaltenen Fragebögen (Rücklaufquote: 69%) wurden hinsichtlich des Besuches des Kindergartens (N=126), der Grundschule (N=92) und der weiterführenden Schule (N=64) ausgewertet.

Ergebnisse

Der Besuch eines Regelkindergartens wurde von 83% der befragten Patienten angegeben (vgl. Abbildung 1 [Abb. 1]). Von diesen Kindern hatten 59% einen Integrationsstatus. In einen Schwerhörigenkindergarten gingen 10%, die übrigen Kinder wurden in andere Kindergärten, hauptsächlich heilpädagogische und sprachtherapeutische Einrichtungen, aufgenommen.

Im Grundschulbereich lernten 50% der Kinder in einer Regeleinrichtung, 46% dieser Kinder hatten einen Integrationsstatus. Die Schwerhörigengrundschule besuchten 41% der Befragten. Schulen für Mehrfachbehinderte Kinder und Sprachheilschulen wurden als „andere Grundschularten“ angegeben.

Im Bereich der weiterführenden Schulen (Mittelschule und Gymnasium) lag der Prozentsatz der Regelschüler bei 44%, nur 21% davon mit Integrationsstatus. An weiterführenden Schwerhörigenschulen wurden 53% der CI-Kinder betreut.

Innerhalb der Grundschulzeit wechselten sieben Kinder vom Regel- in den Sonderbereich, zwei Kindern gelang der umgekehrte Wechsel. Während der Schulzeit in einer weiterführenden Schule wechselten nochmals zwei Kinder in die Sonderschule und ein Kind von der Schwerhörigenschule in die Regelschule.

Im Anschluss an den Regelkindergarten besuchten 65% der Kinder eine Regelgrundschule, 29% gingen nach dem Regelkindergarten in eine Schwerhörigengrundschule. Der Wechsel vom Schwerhörigenkindergarten auf die Regelgrundschule gelang 13% der Kinder, 87% verblieben auch während der Grundschulzeit im Schwerhörigenbereich. Alle Kinder, die während der Grundschulzeit in der Schwerhörigenschule lernten, besuchten auch anschließend eine weiterführende Förderschule dieser Art. Eine weiterführende Regelschule besuchten 87% der Kinder aus einer Regelgrundschule.

Insgesamt wechselten somit 14% der Schüler von der Regelschule in eine Sondereinrichtung.

Diskussion

Die longitudinale Analyse innerhalb des Beurteilungszeitraumes 1994 bis 2012 belegt eine zunehmende Inanspruchnahme des Regelschulbereichs (vgl. Abbildung 2 [Abb. 2]), was u.a. in der qualitativ verbesserten und frühzeitigeren CI-Versorgung begründet liegt. Darüber hinaus haben sich die Zugangsbedingungen in den Regeleinrichtungen, wie etwa die Aufgeschlossenheit gegenüber Hörschädigungen, verbessert. Besonders deutlich ist die Zunahme des Regelbereiches während der Kindergartenzeit zu erkennen. Kinder, welche im Zeitraum 2007 bis 2012 mit einem CI versorgt wurden, besuchten zu 87% einen Regelkindergarten (N=62). In den Kindergärten scheint eine Integration schwerhöriger Kinder zunehmend besser realisiert werden zu können.

Es bedarf weiterer detaillierter Untersuchungen, um Einflussfaktoren wie Implantationsalter, Sprachentwicklungsprofil oder soziale Faktoren hinsichtlich des Bildungsweges CI-versorgter Kinder zu bewerten.


Literatur

1.
Leonhardt A. Von der Verallgemeinerungsbewegung zur Gegenwart schulischer Integration. In: Leonhardt A, Hrsg. Hörgeschädigte Schüler in der allgemeinen Schule. Stuttgart: Kohlhammer; 2009. S. 9-22.
2.
Statistische Veröffentlichungen der Kultusministerkonferenz. Sonderpädagogische Förderung in Schulen 2001 bis 2010. Dokumentation Nr. 196; 2012. Available from: http://www.kmk.org/fileadmin/pdf/Statistik/KomStat/Dokumentation_SoPaeFoe_2010.pdf Externer Link