gms | German Medical Science

29. Wissenschaftliche Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie e. V.

Deutsche Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie e. V.

21.09. - 23.09.2012, Bonn

Aktuelle Ergebnisse des universellen Neugeborenen-Hörscreening (UNHS) der Berlin-Brandenburger Zentrale und die Meldungen an das DZH

Vortrag

  • author presenting/speaker Maria Elisabeth Spormann-Lagodzinski - Klinik für Audiologie und Phoniatrie, Charité – Universitätsmedizin Berlin, Berlin, Deutschland
  • author Philipp Caffier - Klinik für Audiologie und Phoniatrie, Charité – Universitätsmedizin Berlin, Berlin, Deutschland
  • author Sabine Kramer - Klinik für Audiologie und Phoniatrie, Charité – Universitätsmedizin Berlin, Berlin, Deutschland
  • author Alexios Martin - Klinik für Audiologie und Phoniatrie, Charité – Universitätsmedizin Berlin, Berlin, Deutschland
  • author Anya Reinhardt - Klinik für Audiologie und Phoniatrie, Charité – Universitätsmedizin Berlin, Berlin, Deutschland
  • author Saskia Rohrbach-Volland - Klinik für Audiologie und Phoniatrie, Charité – Universitätsmedizin Berlin, Berlin, Deutschland
  • author Jochen Rosenfeld - Klinik für Audiologie und Phoniatrie, Charité – Universitätsmedizin Berlin, Berlin, Deutschland
  • author Tadeus Nawka - Klinik für Audiologie und Phoniatrie, Charité – Universitätsmedizin Berlin, Berlin, Deutschland
  • corresponding author Manfred Gross - Klinik für Audiologie und Phoniatrie, Charité – Universitätsmedizin Berlin, Berlin, Deutschland

Deutsche Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie. 29. Wissenschaftliche Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie (DGPP). Bonn, 21.-23.09.2012. Düsseldorf: German Medical Science GMS Publishing House; 2012. Doc12dgppV32

DOI: 10.3205/12dgpp57, URN: urn:nbn:de:0183-12dgpp571

Veröffentlicht: 6. September 2012

© 2012 Spormann-Lagodzinski et al.
Dieser Artikel ist ein Open Access-Artikel und steht unter den Creative Commons Lizenzbedingungen (http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/deed.de). Er darf vervielfältigt, verbreitet und öffentlich zugänglich gemacht werden, vorausgesetzt dass Autor und Quelle genannt werden.


Zusammenfassung

Hintergrund: Seit 2009 sollen alle gesund geborenen Neugeborenen (NG) am 3.–5. Lebenstag, spätestens jedoch bis zur U2 ein UNHS erhalten. Die geburtshilflichen Kliniken sollen die Screeningergebnisse sofort der Trackingzentrale melden. In Berlin und Brandenburg geschieht dies über die Trockenblutkarte des Stoffwechselscreenings (empfohlen) oder mit dem Nachmeldeaufkleber des Screening-ID-Bogens. Die Kooperation mit dem Stoffwechselscreening garantiert die fast 100%ige Erfassung aller NG in Berlin und Brandenburg. Die Trackingzentrale hat dadurch über alle NG Informationen zum Stand des UNHS.

Material und Methoden: Retrospektiv wurden die Ergebnisse des UNHS in 2011 für Berlin (B) n=32.531 und Brandenburg (BRB) n=17.309 ausgewertet und miteinander verglichen und die Meldung an das Deutsche Zentralregister für kindliche Hörstörungen (DZH) geprüft.

Ergebnisse: Alle geburtshilflichen Kliniken in Berlin (B) und Brandenburg (BRB) bieten ein UNHS an. Die Erstdokumentation über Trockenblutkarte oder Nachmeldeaufkleber fehlte in B bei 20% der NG, in BRB bei 11,8%. Nach einem ersten Einladungsbrief am 21. Lebenstag, bei Frühgeborenen ab 36. Schwangerschaftswoche meldeten in B 48%, in BRB 40% der Eltern ein Ergebnis nach oder gingen zum Hörscreening. In B war bei 8% der NG das Erstcreening fail, in BRB bei 4,4%. Nach dem ersten Brief gingen in B 65%, in BRB 56% der Eltern zum Kontrollscreening. Ergebnisse des 2. und 3. Briefes liegen mit Jahresabschluss Ende Juni 2012 vor. In B wurde bei 46 NG eine Hörstörung diagnostiziert, in BRB bei 24 NG. In B und BRB wäre die Prävalenz von 1,4:1000 NG fast gleich. Die Hälfte der Kinder wurde bisher an das DZH gemeldet.

Diskussion: Das UNHS zeigt für B und BRB auffällige Unterschiede. In B ist die Erstdokumentation schlechter und das fail-Ergebniss fast doppelt so hoch. Die Compliance der Berliner Eltern ist dagegen besser. Eine Verbesserung der Dokumentation ist unerlässlich. Die Elternkontakte sind für die Trackingzentrale mit hohem finanziellen und personellen Aufwand verbunden. Die Telemedizin könnte eine Lösung sein. Bei der Meldung an das DZH rechnen wir mit einer Verzögerung bis zu einem Jahr.


Text

Hintergrund

Seit 2009 sollen alle gesund geborenen Neugeborenen (NG) im Rahmen der ersten Vorsorgeuntersuchungen am 3.–5. Lebenstag, spätestens jedoch bis zur U2 ein UNHS erhalten. Die geburtshilflichen Kliniken sollen die Screeningergebnisse sofort der Trackingzentrale melden. In Berlin und Brandenburg geschieht dies über die Trockenblutkarte des Stoffwechselscreenings (empfohlen) oder mit dem Nachmeldeaufkleber des Screening-ID-Bogens. Die Kooperation mit dem Stoffwechselscreening garantiert die fast 100%ige Erfassung aller Neugeborenen in Berlin und Brandenburg. Die Berlin-Brandenburger Zentrale für Hörscreening bei Neugeborenen hat dadurch für alle Neugeborenen auch Informationen zum Stand des UNHS.

Material und Methoden

Retrospektiv wurden die Ergebnisse des UNHS in 2011 für Berlin (B) n=32.531 und Brandenburg (BRB) n=17.309 ausgewertet und miteinander verglichen. Regelmäßig verschickte die Trackingzentrale Erinnerungsbriefe an die Eltern, wenn kein Screeningergebnis vorlag oder das Erstscreening „fail“ war. Die Elternreaktionen in Berlin und Brandenburg wurden miteinander verglichen und die Meldungen an das Deutsche Zentralregister für kindliche Hörstörungen (DZH) geprüft.

Ergebnisse

Alle geburtshilflichen Kliniken in Berlin (B) und Brandenburg (BRB) bieten ein UNHS an. Die Erstdokumentation über Trockenblutkarte oder Nachmeldeaufkleber fehlte in Berlin bei 20% der Neugeborenen, in Brandenburg bei 11,8%. Nach einem ersten Einladungsbrief am 21. Lebenstag, bei Frühgeborenen ab 36. Schwangerschaftswoche meldeten in Berlin 48%, in Brandenburg 40% der Eltern ein Ergebnis nach oder gingen zum Hörscreening.

In Berlin lautete bei 8% der Neugeborenen das Ergebnis des Erstscreenings „fail“, in Brandenburg bei 4,4%. Nach dem ersten Brief gingen in Berlin 65%, in Brandenburg 56% der Eltern zum Kontrollscreening.

Die Elternreaktionen auf das zweite und dritte Erinnerungsschreiben nahm in beiden Gruppen sowohl in Berlin als auch in Brandenburg deutlich ab, war jetzt aber in Brandenburg höher. Bei den Kindern ohne Screeningergebnis reagierten in Berlin nur noch 22%, in Brandenburg 27% der Eltern. War das Erstscreening „fail“, meldeten auf den zweiten und dritten Brief 20% der Eltern in Berlin ein Ergebnis, in Brandenburg 27%.

Insgesamt hat die Trackingzentrale aus der Gruppe ohne Erstscreeningergebnis in der Datenbank in Berlin bei 7% der Neugeborenen keine Informationen, in Brandenburg bei 5% (bessere Erstdokumentation über die Trockenblutkarte). Bei den Kindern mit Screeningergebnis “fail“ fehlen in Berlin bei 2% der Kinder Ergebnisse der Hörschwellenbestimmung, in Brandenburg bei 1,3%.

In Berlin wurde bei 47 Neugeborenen eine Hörstörung diagnostiziert, in Brandenburg bei 24 Neugeborenen. In Berlin und Brandenburg ist nach derzeitigem Stand die Prävalenz von 1,4:1000 NG fast gleich. Die Hälfte der Kinder wurde bisher an das DZH gemeldet.

Diskussion

Das UNHS zeigt für Berlin und Brandenburg auffällige Unterschiede. In Berlin ist die Erstdokumentation schlechter und das fail-Ergebnis fast doppelt so hoch. Hier scheinen noch häufigere Schulungen notwendig zu sein. Die Compliance der Berliner auf ein erstes Anschreiben ist dagegen besser als in Brandenburg. Scheuen die Brandenburger die oft langen Arztwege? Erwartungsgemäß nehmen die Reaktionen auf weitere Erinnerungsbriefe ab. Zwar reagierten Brandenburger jetzt häufiger als die Berliner, aber das Ergebnis ist insgesamt unbefriedigend. Die Elternkontakte sind darüber hinaus für die Trackingzentrale mit hohem finanziellen und personellen Aufwand verbunden. Die Veränderung der Dokumentationsart ist unerlässlich. Eine Lösung wäre die telemedizinische Befundmitteilung, wie sie für Brandenburg schon geplant ist. Geprüft wird derzeit auch, ob die Gesundheitsämter bei ausbleibender Elternreaktion tätig werden können. Bisher wurden 50% der Neugeborenen in 2011 in Berlin und Brandenburg, bei denen eine Hörstörung durch das UNHS diagnostiziert wurde, auch an das DZH gemeldet. Erfahrungsgemäß geht das DZH bei der Meldung von einer Verzögerung bis zu einem Jahr aus. Dennoch ist eine frühere und möglichst vollständige Meldung aller Fälle mit bestätigter permanenter kindlicher Hörstörung an das DZH weiter erstrebenswert.


Literatur

1.
G-BA Kinder-Richtlinie (Neugeborenen-Hörscreening). BAnz. 2008 Nr. 146 (S. 3 484) vom 25.09.2008. Available from: http://www.g-ba.de/informationen/beschluesse/681/ Externer Link
2.
Hess M, Scholand C, Gross M. Compliance der Eltern im Rahmen des Neugeborenen-Hörscreenings. In: Gross M, Hrsg. Aktuelle phoniatrisch-pädaudiologische Aspekte 1994, Band 2. Berlin: RGV; 1995.