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29. Wissenschaftliche Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie e. V.

Deutsche Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie e. V.

21.09. - 23.09.2012, Bonn

Sprachentwicklung bei schwerhörigen Kindern mit Deutsch als Zweitsprache

Poster

Deutsche Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie. 29. Wissenschaftliche Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie (DGPP). Bonn, 21.-23.09.2012. Düsseldorf: German Medical Science GMS Publishing House; 2012. Doc12dgppP10

DOI: 10.3205/12dgpp25, URN: urn:nbn:de:0183-12dgpp259

Veröffentlicht: 6. September 2012

© 2012 Schrötzlmair et al.
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Gliederung

Zusammenfassung

Hintergrund: Die frühzeitige Versorgung einer Schwerhörigkeit bei Kindern dient der Vermeidung oder Minderung von Folgestörungen, allen voran der Prophylaxe oder Therapie einer Sprachentwicklungsstörung. Ein Aufwachsen mit Deutsch als Zweitsprache (DaZ) kann ein Risiko für den Spracherwerb im Deutschen darstellen. Für schwerhörige Kinder mit mehrsprachiger Erziehung liegen bislang kaum Daten zur Sprachkompetenz im Deutschen vor.

Material und Methoden: In einer retrospektiven Studie wurde die Sprachentwicklung im Deutschen bei allen gering- bis hochgradig schwerhörigen Kindern mit Migrationshintergrund und DaZ sowie in einer Vergleichsgruppe von schwerhörigen Kindern mit deutscher Muttersprache untersucht, die sich innerhalb des letzten halben Jahres in unserer pädaudiologischen Sprechstunde vorstellten.

Ergebnisse: Die Versorgung der Schwerhörigkeit erfolgte bei allen Kindern innerhalb des ersten Lebensjahres. Die Sprachentwicklung im Deutschen war lediglich bei 2 der 20 schwerhörigen Kinder mit DaZ altersgemäß. Dies entspricht einem deutlich höheren Prozentsatz von Kindern mit Sprachentwicklungsstörung als im Vergleichskollektiv von schwerhörigen Kindern ohne Migrationshintergrund.

Diskussion: Schwerhörige Kinder mit Migrationshintergrund und DaZ bedürfen somit einer besonderen interdisziplinären Versorgung. Eine frühzeitige Förderung dieser Kinder etwa in schulvorbereitenden Einrichtungen ist im Hinblick auf die Sprachentwicklung im DaZ als essentiell einzustufen.


Text

Einleitung und Hintergrund

Die möglichst frühzeitige Erkennung und Versorgung einer Schwerhörigkeit mit geeigneten Hörhilfen oder durch eine Operation erscheint vor allem bei Kindern als medizinisch unbedingt geboten. Insbesondere kann hierdurch das Risiko von Folgestörungen mit teils langwierigem Therapiebedarf wie einer Sprachentwicklungsstörung reduziert werden. Ein Aufwachsen mit Deutsch als Zweitsprache (DaZ) stellt einen unabhängigen Risikofaktor für den Spracherwerb im Deutschen dar. Bislang liegen jedoch kaum Daten darüber vor, in welcher Häufigkeit und in welchem Ausmaß bei Kindern mit DaZ, die zudem noch an einer Schwerhörigkeit leiden, eine Störung des Spracherwerbs im Deutschen vorliegt.

Patienten und Methodik

In die präsentierte Studie wurden retrospektiv die Daten aller Patienten, die im Zeitraum vom 01.06.2011 bis zum 31.05.2012 in der Abteilung für Phoniatrie, Pädaudiologie und Audiologie der Klinik und Poliklinik für Hals-, Nasen- und Ohrenheilkunde, der Ludwig-Maximilians-Universität München am Campus Großhadern vorstellig wurden, systematisch im Hinblick auf das Vorliegen einer Schwerhörigkeit und einer Sprachentwicklungsauffälligkeit untersucht. Als Einschlusskriterien wurden definiert: noch nicht vollendetes 12. Lebensjahr, gering-, mittel- oder hochgradige bzw. an Taubheit grenzende Schwerhörigkeit entsprechend der Kriterien der Deutschen Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie sowie erfolgte Hörgeräteversorgung. Als Ausschlusskriterien wurden definiert: neuropädiatrische Auffälligkeiten, syndromale Erkrankungen, zusätzliche Behinderung, einseitige Hörminderung sowie CI-Versorgung. Ebenso ausgeschlossen wurden Patienten, die keine altersadaptierte Testung der Sprachkompetenz entsprechend der Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie erhalten hatten. Insgesamt konnten 15 schwerhörige Kinder mit DaZ (mittleres Alter 7;0 Jahre) und 19 schwerhörige Kinder mit Muttersprache Deutsch (mittleres Alter 6;0 Jahre) in die Studie eingeschlossen werden. Diese Patienten wurden in Kinder mit DaZ und Kinder mit Muttersprache Deutsch eingeteilt und ein deskriptiver Vergleich der beiden Gruppen im Hinblick auf Alter bei Diagnosestellung, Grad der Schwerhörigkeit (definiert als ordinale Variable 1 = geringgradig, 2 = mittelgradig, 3 = hochgradig, 4 = an Taubheit grenzend), Erhalt einer spezifischen Frühförderung gemäß SGB IX, Besuch einer Krippe bzw. eines Kindergartens (definiert als ordinale Variable: nein = 0, Regelkrippe bzw. -kindergarten = 1, SVE = 2), Art der besuchten Schule (definiert als 1 = Regelschule, 2 = Schule für Hörgeschädigte), Vorliegen einer Sprachentwicklungsauffälligkeit durchgeführt. Die Testung der Sprachentwicklung wurde bei allen Kindern altersangepasst mit deutschsprachigen Instrumenten (SETK2, SETK 3-5, AWST-D, WWT, TROG-D) durchgeführt. Die Sprachkompetenz in der Erstsprache wurde bei den Kindern mit DaZ anamnestisch erhoben. Die Versorgung der Schwerhörigkeit mit Hörgeräten wurde bei allen Kindern unmittelbar nach Diagnosestellung in die Wege geleitet.

Ergebnisse

Kinder mit DaZ wurden tendenziell in jüngerem Lebensalter (2;9 vs. 3;4 Lebensjahre) in unserer Abteilung vorgestellt. Zudem waren in diesem Kollektiv etwas höhergradige Schwerhörigkeiten festzustellen (Grad 2,7 vs. Grad 2,1). In beiden Gruppen erhielten je 73% Frühfördermaßnahmen. Tendenziell etwas häufiger besuchten Kinder mit DaZ eine SVE (1,3 vs. 1,2) oder Schulen (1,7 vs. 1,3). Die Testung der Sprachkompetenz erbrachte folgende Ergebnisse: Bei 93,3% der Kinder mit DaZ war ein nicht altersentsprechender Spracherwerb im Deutschen zu diagnostizieren. Hiervon hatten 86,7% Einschränkungen in der Sprachproduktion als auch eine rezeptive Sprachentwicklungsstörung. Insgesamt litten 93,3% an einer Einschränkung der Sprachproduktion und 86,7% der Kinder mit DaZ an einer rezeptiven Sprachentwicklungsauffälligkeit. Somit liegt der Anteil an Kindern mit DaZ, die zugleich eine Spracherwerbsauffälligkeit im Deutschen aufweisen deutlich höher als bei Kindern mit Muttersprache Deutsch: 73,7% der allein deutschsprachigen Kinder wiesen eine Störung des Spracherwerbs auf, wovon aber nur 31,6% eine rezeptive Sprachentwicklungsstörung hatten. Bei 63,2% dieser Kinder war eine Lautbildungsstörung, bei 52,6% eine rezeptive Sprachentwicklungsstörung festzustellen. Auch beim Vergleich der Sprachkompetenz in der jeweiligen Muttersprache zeigt sich ein auffälligerer Spracherwerb bei Kindern mit DaZ (78,6% vs. 73,7%). Von den Kindern, die nach der Einführung des universellen Neugeborenen-Hörscreenings UNHS untersucht wurden, zeigte jeweils die Hälfte der Kinder (Muttersprache Deutsch oder DaZ) eine Spracherwerbsstörung mit Einschränkung des Sprachverstehens.

Diskussion und Fazit

Kinder mit DaZ haben häufiger einen auffälligen Spracherwerb im Deutschen als Kinder mit Muttersprache Deutsch. Auch das Ausmaß der Sprachauffälligkeit war in dieser Gruppe größer, litten doch 13 von 15 Kindern mit DaZ sowohl an Lautbildungsstörung als auch an einer rezeptiven Sprachauffälligkeit. Die geringere Sprachkompetenz im Deutschen in der DaZ-Gruppe mag bei unserem Patientenkollektiv unter anderem daran liegen, dass die Kinder in der DaZ-Gruppe tendenziell höhergradig schwerhörig waren als die Kinder mit Muttersprache Deutsch. Das teils hohe Alter bei Erstvorstellung erklärt sich durch den Einschluss von Kindern mit Geburt vor der flächendeckenden Einführung des Neugeborenen-Hörscreenings. Zusammengefasst liegt bei Kindern mit DaZ ein erhöhter interdisziplinärer Therapie- und/oder Förderbedarf zur Verbesserung der Sprachkompetenz vor. Allerdings besteht auch bei muttersprachlich deutschsprachigen Kindern häufig eine Lautbildungsstörung, in geringerem Ausmaß auch eine rezeptive Sprachentwicklungsstörung. Besonders mit den verstärkten Bestrebungen zur Inklusion von hörbehinderten Kindern in die Regelschulen muss die oft eingeschränkte Sprachkompetenz der Kinder mit DaZ somit in den notwendigen sonderpädagogischen Aufwand einbezogen werden.