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27. Wissenschaftliche Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie e. V.

Deutsche Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie e. V.

17.09. - 19.09.2010, Aachen

Verbesserte Kommunikation zwischen Eltern und ihren hörgeschädigten Kleinkindern – Ergebnisse zum Münsteraner Elterntraining

Vortrag

Deutsche Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie. 27. Wissenschaftliche Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie (DGPP). Aachen, 17.-19.09.2010. Düsseldorf: German Medical Science GMS Publishing House; 2010. Doc10dgppV51

DOI: 10.3205/10dgpp75, URN: urn:nbn:de:0183-10dgpp751

Veröffentlicht: 31. August 2010

© 2010 Reichmuth et al.
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Zusammenfassung

Hintergrund: Responsives Verhalten bedeutet, dem Kind die Initiative in der Kommunikation zu überlassen, prompt auf Kommunikationsversuche zu reagieren und darauf ausgestaltend einzugehen [1]. Eltern hörgestörter Kleinkinder zeigen im Vergleich zu Eltern normal-hörender Kinder weniger responsives Verhalten [2] und neigen zu initiativ kontrollierendem Verhalten [3]. Ziel des Münsteraner Elterntraining zur Kommunikationsförderung hörgeschädigter Kleinkinder [4] ist die Stärkung elterlicher Responsivität als nachweislich wesentliche kommunikationsfördernde Verhaltensweise im frühen Spracherwerb.

Material und Methoden: Wir dokumentierten per Video die Interaktion von 12 Eltern hörgeschädigter Kleinstkinder (mittl. LA: 9 Mon.) direkt vor und nach dem Training, sowie 3 Monate nach Abschluss. Die Veränderung des elterlichen Verhaltens wurde anhand folgender Variablen gemessen: (1) Responsivität („dialogisches Echo“, Spiegeln nonverbaler kindlicher Signale und Handlungen; (2) initiatives Verhalten. Die Zufriedenheit der Eltern mit dem Training wurde mit standardisierten und eigenen Fragebögen gemessen.

Ergebnisse: Verhaltensveränderungen durch das Training zeigen sich in einer deutlichen Zunahme responsiven und einer Abnahme initiativen Verhaltens. Die Eltern bewerten das Elterntraining sehr positiv (Mittelwert 3,7 auf Skala 0–4).

Diskussion: Das Münsteraner Elterntraining stellt eine spezifische und effektive Frühintervention zur Kommunikationsförderung von Eltern hörgeschädigter Säuglinge und Kleinstkinder dar. Es wird für die therapeutische Begleitung der Eltern nach Diagnoseeröffnung im Neugeborenenhörscreening empfohlen.


Text

Einleitung und Hintergrund

Responsives Verhalten bedeutet, dem Kind die Initiative in der Kommunikation zu überlassen, regelmäßig und prompt auf Kommunikationsversuche zu reagieren und darauf ausgestaltend einzugehen [1]. Eltern hörgestörter Kleinkinder zeigen im Vergleich zu Eltern normal-hörender Kinder weniger responsives Verhalten [2] und neigen zu initiativ kontrollierendem Verhalten [3]. Ziel des Münsteraner Elterntraining zur Kommunikations-förderung hörgeschädigter Kleinkinder [4] ist die Stärkung elterlicher Responsivität als nachweislich wesentliche kommunikationsfördernde Verhaltensweise im frühen Spracherwerb. Die Effektivität des Münsteraner Elterntrainings wird an den Veränderungen im kind-orientierten Kommunikationsverhalten der Eltern im Rahmen einer Interventionsstudie überprüft. Erwartet werden die Zunahme des responsiven Verhaltens und die Abnahme des primär initiativen Verhaltens.

Material und Methoden

Wir dokumentierten jeweils per Videoaufnahmen die Interaktion von 12 Eltern mit ihren hörgeschädigten Kleinstkindern (mittleres Lebensalter: 9 Monate) in einer semi-strukturierten Spielsituation direkt vor und nach dem zwei-monatigen Training, sowie drei Monate nach Trainingsabschluss. Zu jedem Messzeitpunkt wurden vier Minuten der 15-minütigen Spielsequenz mit Hilfe der Software Interact® (Mangold) analysiert. Dabei wurde die Veränderung des elterlichen Verhaltens anhand folgender Variablen gemessen: (1) Responsivität in Form des „dialogischen Echos“ sowie des „Spiegelns“ nonverbaler kindlicher Signale und Handlungen; (2) initiatives Verhalten in Form des Einführens neuer Spiel- und Kommunikationsangebote mit neuem Aufmerksamkeitsfokus. Die Zufriedenheit der Eltern mit dem Training wurde mit standardisierten und eigenen Fragebögen gemessen.

Ergebnisse

In den bisher analysierten Daten (fünf Mütter) zeigt sich bei der Messung direkt nach dem Training eine im Vergleich zu vor Beginn des Trainings deutliche Zunahme des sogenannten Dialogischen Echos (s.a. [2]), dem Kernverhalten der Responsivität (siehe Abbildung 1 [Abb. 1]). Das Verhältnis von kindlichen Kommunikationsangeboten zu elterlichem Dialogischen Echo nahm von 8% (mean; range 0–25%) auf 49% (mean; range 8–71%) zu (Fisher’s combined probability test: χ2=61,3; df=10: p<.0001).

Dieses Ergebnis gilt für Eltern von Kindern mit und ohne zusätzliche Entwicklungsdefizite gleichermaßen. Eine erste Inspektion der Daten zeigt darüber hinaus die Abnahme des kommunikationshemmenden initiativen Verhaltens der Eltern. Die Eltern selbst bewerten Inhalte, Durchführung und Nutzen des Elterntrainings sehr positiv. Im standardisierten „Fragebogen zur Zufriedenheit mit der Behandlung“ (Abidin, 1990) beträgt der Mittelwert 3,3 (Skala von 0–4); in dem selbst entwickelten „Fragebogen zur Beurteilung des Münsteraner Elterntrainings“ beträgt der Mittelwert 3,4 (Skala 0–4).

Diskussion

Das Münsteraner Elterntraining stellt eine spezifische und effektive Frühintervention zur Kommunikationsförderung von Eltern hörgeschädigter Säuglinge und Kleinstkinder dar. Dies gilt für Eltern von Kindern mit isolierten Hörschäden ebenso wie für (schwerst) mehrfachbehinderte Kinder. Wir empfehlen das Münsteraner Elterntraining für die therapeutische Begleitung der Eltern nach Diagnoseeröffnung im Neugeborenenhörscreening.


Literatur

1.
Schlack HG. Handeln statt Behandeln. In: Leyendecker, Horstmann. Große Pläne für kleine Leute – Grundlagen Konzepte und Praxis der Frühförderung. München: Reinhardt Verlag; 2000.
2.
Horsch U. Dialogue and education in the preverbal period – A study on the situation of deaf and hard of hearing infants in the early educational process [Dialog und Bildung in der Vorsprachlichkeit – Zur Situation Hörgeschädigter Kinder in der Frühpädagogik]. Sprache Stimme Gehör. 2008;32(1):18-25. DOI: 10.1055/s-2007-993229 Externer Link
3.
Harrigan S, Nikolopoulos TP. Parent interaction course in order to enhance communication skills between parents and children following pediatric cochlear implantation. Int J Pediatric Otorhinolaryngology. 2002;66(2):161-6. DOI: 10.1016/S0165-5876(02)00243-4 Externer Link
4.
Glanemann R, Reichmuth K, Embacher A, Matulat P, am Zehnhoff-Dinnesen A. Münsteraner Elterntraining zur Kommunikationsförderung bei Kleinkindern mit Hörschädigung – ein Forschungsprojekt. In: Gross M, am Zehnhoff-Dinnesen A, eds. Aktuelle phoniatrisch-pädaudiologische Aspekte. Mönchengladbach: Rheinware Verlag; 2009. p. 17. Avilable from: http://www.egms.de/de/meetings/dgpp2009/09dgpp63.shtml Externer Link