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27. Wissenschaftliche Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie e. V.

Deutsche Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie e. V.

17.09. - 19.09.2010, Aachen

Hörvermögen bei Patienten mit Aphasie

Poster

  • author presenting/speaker Silke Kreter - Hals-, Nasen-, Ohrenklinik und Poliklinik, Schwerpunkt Kommunikationsstörungen, Universitätsmedizin der Johannes Gutenberg-Universität Mainz, Deutschland
  • author Sabine Nospes - Hals-, Nasen-, Ohrenklinik und Poliklinik, Schwerpunkt Kommunikationsstörungen, Universitätsmedizin der Johannes Gutenberg-Universität Mainz, Deutschland
  • author Monika Cichorowski - NRW Neurologisches Reha-Zentrum, Wiesbaden, Deutschland
  • Annette Schlindwein - NRW Neurologisches Reha-Zentrum, Wiesbaden, Deutschland
  • corresponding author Annerose Keilmann - Hals-, Nasen-, Ohrenklinik und Poliklinik, Schwerpunkt Kommunikationsstörungen, Universitätsmedizin der Johannes Gutenberg-Universität Mainz, Deutschland

Deutsche Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie. 27. Wissenschaftliche Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie (DGPP). Aachen, 17.-19.09.2010. Düsseldorf: German Medical Science GMS Publishing House; 2010. Doc10dgppP24

DOI: 10.3205/10dgpp74, URN: urn:nbn:de:0183-10dgpp743

Veröffentlicht: 31. August 2010

© 2010 Kreter et al.
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Zusammenfassung

Hintergrund: Patienten mit Aphasie, die an einer Schwerhörigkeit leiden, verstehen Sprache schlechter als Normalhörende und sind deshalb ohne HNO-ärztliche Therapie bzw. Hörgeräteversorgung schlechter zu rehabilitieren.

Material und Methoden: In dieser Pilotstudie wurden 88 Patienten einer neurologischen Reha-Klinik mindestens 2 Wochen nach links cerebraler Ischämie mit einer durch logopädische Diagnostik gesicherten Aphasie otoskopisch und tonaudiometrisch untersucht. Wegen der zu erwartenden Sprachverständnisprobleme wurde auf eine Sprachaudiometrie verzichtet. Wegen einer MRSA-Infektion (3,4%), wegen obturierendem Cerumen oder nicht ausreichender Kooperation wurden Patienten ausgeschlossen. Bei 72 Patienten (33 Frauen/38 Männer, 42–88 Jahre) wurden beidseitige Tonaudiogramme erhoben. Die Diagnose einer hörgerätebedürftigen Schwerhörigkeit erfolgte gemäß der Begutachtungsanleitung Schwerhörigkeit des Medizinischen Dienstes der Spitzenverbände [1] (Hörverlust auf dem besseren Ohr 30 dB oder mehr in mindestens einer Prüffrequenz zwischen 500 und 3000 Hz).

Ergebnisse: Nicht bei allen Aphasikern konnte eine Tonaudiometrie durchgeführt werden. 8 Patienten (9%) benötigten eine HNO-ärztliche Ohrreinigung, 5 (5,7%) hatten den Test nicht verstanden oder kooperierten nicht ausreichend. Bei 72 Aphasiepatienten wurden beidseitige Tonaudiogramme erhoben. Davon zeigten 17 Patienten (24%) eine hörgerätebedürftige Schwerhörigkeit. Nur 2 dieser Patienten waren bereits mit Hörgeräten versorgt.

Diskussion: Es ist zu empfehlen, Aphasiker vor oder während der Rehabilitationsbehandlung HNO-ärztlich zu untersuchen/zu behandeln, eine Tonaudiometrie durchzuführen, sowie ggf. mit Hörgeräten zu versorgen.


Text

Einleitung/Hintergrund

Aphasien sind erworbene Sprachstörungen, die als Folge einer linkshemisphärischen Hirnschädigung auftreten. Rund 80% sind Folge einer zerebrovaskulären Erkrankung, insbesondere des Schlaganfalls [2]. Die Sprachstörung bedeutet für den Patienten eine Einschränkung bis hin zum völligen Verlust der Sprache als Kommunikationsmittel. Dies führt zu einer schweren psychosozialen Belastungssituation für Patienten und Angehörige. Die deutsche Gesellschaft für Neurologie schätzt die jährliche Inzidenz neuaufgetretener therapiebedürftiger Aphasien auf 25.000, die Prävalenz auf ca. 70.000 [3]. Neben anderen Faktoren ist eine solide Hörleistung des Patienten eine wesentliche Voraussetzung für die bestmögliche Rehabilitation. Diejenigen Patienten, die neben der Aphasie an einer hörgerätebedürftigen Schwerhörigkeit leiden, verstehen Sprache schlechter, und sind daher ohne Hörgerät schlechter zu rehabilitieren.

Wir untersuchten, wie viele Patienten mit einer therapiebedürftigen Aphasie Hörgeräte benötigen und nicht damit versorgt sind. Darüber hinaus wurde das Hörvermögen der Aphasiker im Vergleich zur altersentsprechenden Normalbevölkerung betrachtet.

Methodik

In dieser Pilotstudie wurden 88 Patienten des Neurologischen Reha Zentrums Wiesbaden mindestens 2 Wochen nach links cerebraler Ischämie mit einer durch logopädische Diagnostik gesicherten Aphasie untersucht. Einschlusskriterien waren: Aphasiepatienten nach Schlaganfall jeden Alters; Einschluss auch von Patienten mit otologischen Vorerkrankungen; Audiometrierbarkeit sowie eine schriftliche Einverständniserklärung nach einem Aufklärungsgespräch über die Zielsetzung der Studie. Zunächst wurde durch Eigen- und/oder Fremdanamnese bzw. Akteneinsicht geklärt, ob der Patient otologische Vorerkrankungen hatte oder bereits Hörgeräte/Cochlea-Implantate vorhanden waren. Die Patienten wurden otoskopisch untersucht und ein Weber-Test durchgeführt. Die Luftleitungshörschwelle für reine Töne wurde in dB jeweils bei 250/500/1000/2000/4000/8000 Hz mittels pulsierender Sinustöne ermittelt. Alle Patienten wurden im gleichen ruhigen Raum von derselben Untersucherin audiometriert. Die Patienten gaben der Untersucherin durch Drücken eines Knopfes, oder wenn dies nicht möglich war, durch Lautäußerungen, Augenzwinkern oder ähnliches das Signal, den Ton gehört zu haben. Wegen der durch die Aphasie bedingten Sprachverständnisprobleme und expressiven Sprachprobleme wurde auf eine Sprachaudiometrie verzichtet.

Die Diagnose einer hörgerätebedürftigen Schwerhörigkeit erfolgte nach den tonaudiometrischen Kriterien gemäß der Begutachtungsanleitung Schwerhörigkeit des Medizinischen Dienstes der Spitzenverbände [1].

Ergebnisse

Von den 88 Patienten mussten 3 Patienten wegen einer MRSA-Infektion und 13 Patienten aufgrund obturierenden Cerumens oder nicht ausreichender Kooperation aus der Studie ausgeschlossen werden. Bei 72 Patienten wurden beidseitige Tonaudiogramme erhoben. Nicht bei allen Aphasikern konnte eine Tonaudiometrie durchgeführt werden. 8 Patienten (9%; 95%-Konfidenzintervall 4–17%) benötigten eine HNO-ärztliche Ohrreinigung, 5 (5,7%; 95%-Konfidenzintervall 2–12%) hatten den Test nicht verstanden oder kooperierten nicht ausreichend. Bei 72 Aphasiepatienten wurden beidseitige Tonaudiogramme erhoben. (35 Frauen/37 Männer, 42–88 Jahre) Davon zeigten 15 Patienten (21%; 95%-Konfidenzintervall 12–32%) tonaudiometrisch eine beidseitige hörgerätebedürftige Schwerhörigkeit (Hörverlust auf dem besseren Ohr 30 dB oder mehr in mindestens einer Prüffrequenz zwischen 500 und 3000 Hz). Nur 2 dieser Patienten waren bereits mit Hörgeräten versorgt. Bei 3 weiteren Patienten war eine einseitig bestehende Schwerhörigkeit festzustellen, die tonaudiometrisch gemäß Begutachtungsanleitung Schwerhörigkeit (tonaudiometrischer Hörverlust bei 2.000 Hz oder bei mindestens 2 Prüffrequenzen zwischen 500 und 3000 Hz mindestens 30 dB) eine Indikation zur einohrigen Hörgeräteanpassung darstellt.

Darüber hinaus wurde die Hörleistung der Aphasiker im Vergleich zur altersgematchten Isonormkurve betrachtet. Dabei fiel auf, dass die aphasischen Patienten im Tieftonbereich tendentiell schlechter hörten. (Bei den Frequenzen 250, 500, 1000 Hz im Durchschnitt 6 dB im Vergleich zur Altersnom).

Diskussion

Unsere Untersuchung zeigte, dass ein Fünftel der Patienten mit Aphasie unter einer versorgungsbedürftigen Hörstörung litt und noch keine Hörgeräte trug. Zudem fanden sich 3 Patienten mit einer tonaudiometrisch nach der Begutachtungsanleitung versorgungsbedürftigen einseitigen Hörstörung. Wir empfahlen eine Hörgeräteanpassung in erster Linie bei beidseitiger Schwerhörigkeit, da hier – im Gegensatz zur einseitig betonten Schwerhörigkeit – die audioverbale Kommunikationsfähigkeit z.B. bei der logopädischen Therapie des Patienten durch Hörgeräte sicher optimiert werden kann.

Die Aphasie ist für den Patienten eine kognitive und emotionale Belastung. So muss natürlich individuell für jeden Patienten abgewogen werden, ob eine Tonaudiometrie als diagnostische Massnahme einzusetzen ist. Jedoch zeigen die Erfahrungen aus der Datenerhebung in dieser Studie, dass die Mehrzahl dieser Patienten durchaus in der Lage war, die Tonaudiometrie zu verstehen und adäquat durchzuführen. Zudem hatten viele Patienten schon einmal einen Hörtest durchgeführt und somit Erfahrung mit der Untersuchungsmethode.

Zur Sicherung eines möglichst guten Sprachverstehens innerhalb der sprachbezogenen Rehabilitation ist zu empfehlen, jeden Aphasiker zu otoskopieren und ein Tonaudiogramm anzufertigen. Bei Cerumen obturans und/oder der Verdachtsdiagnose einer Schwerhörigkeit muss eine HNO-ärztliche Untersuchung/Behandlung incl. Kontroll-Tonaudiogramm und falls notwendig auch eine Hörgeräteversorgung erfolgen.


Literatur

1.
Begutachtungsanleitung Schwerhörigkeit, 4. Auflage auf Empfehlung des MDS, beschlossen nach §213 SGB V am 29.10.2004, Richtlinie nach §282 Satz 3 SGB V. 2004.
2.
Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Neurologie: Rehabilitation aphasischer Störungen nach Schlaganfall. In: Diener HC, Putzki N. Leitlinien für die Diagnostik und Therapie in der Neurologie. 4. Aufl. Stuttgart: Thieme; 2008.
3.
Huber W, Poeck K, Springer L. Klinik und Rehabilitation der Aphasie. Stuttgart: Thieme; 2006.