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27. Wissenschaftliche Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie e. V.

Deutsche Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie e. V.

17.09. - 19.09.2010, Aachen

Besteht eine Abhängigkeit zwischen produktivem Wortschatz und Grammatikverständnis unter Berücksichtigung des Intelligenzquotienten?

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  • author presenting/speaker Elisabeth Smith - Sektion Phoniatrie und Pädaudiologie, HNO-Univ.-Klinik, Ulm, Deutschland
  • author Sibylle Brosch - Sektion Phoniatrie und Pädaudiologie, HNO-Univ.-Klinik, Ulm, Deutschland
  • corresponding author presenting/speaker Nora Budde - Sektion Phoniatrie und Pädaudiologie, HNO-Univ.-Klinik, Ulm, Deutschland

Deutsche Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie. 27. Wissenschaftliche Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie (DGPP). Aachen, 17.-19.09.2010. Düsseldorf: German Medical Science GMS Publishing House; 2010. Doc10dgppP21

DOI: 10.3205/10dgpp66, URN: urn:nbn:de:0183-10dgpp662

Veröffentlicht: 31. August 2010

© 2010 Smith et al.
Dieser Artikel ist ein Open Access-Artikel und steht unter den Creative Commons Lizenzbedingungen (http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/deed.de). Er darf vervielfältigt, verbreitet und öffentlich zugänglich gemacht werden, vorausgesetzt dass Autor und Quelle genannt werden.


Zusammenfassung

Hintergrund: Im Rahmen der Sprachentwicklung scheinen produktive und rezeptive Sprachleistungen eng assoziiert zu sein. Ziel unserer Untersuchung ist es, zu überprüfen, in welcher Form eine Beziehung zwischen produktivem Wortschatz und Grammatikverständnis in einer Gruppe von Kindern mit Sprachauffälligkeiten und einem heterogenen kognitiven Entwicklungsstand besteht.

Material und Methoden: Das Kollektiv besteht aus einer in der Abteilung für Phoniatrie und Pädaudiologie Ulm vorgestellten Gruppe von 47 Kindern im Alter zwischen 3,6 und 11,3 Jahren. Mit Hilfe des altersnormierten TROG-D wurde das Grammatikverständnis und der produktive Wortschatz mit den jeweils altersangepassten Tests (AWST-R, WWT 6–10) untersucht. Bei allen Kindern lag ein Gesamt-IQ Wert zur Abschätzung der kognitiven Fähigkeiten vor.

Ergebnisse: Zwischen Grammatikverständnis und produktivem Wortschatz besteht eine hohe Assoziation. Der Korrelationskoeffizient zwischen Grammatikverständnis und IQ fällt geringer aus, zwischen produktivem Wortschatz und IQ sogar noch niedriger. Nach Herausnahme des Einflussfaktors IQ ergibt sich ein noch größerer Zusammenhang zwischen Wortschatz und rezeptiver Grammatik.

Diskussion: Es zeigt sich somit eine starke Abhängigkeit zwischen Grammatikverständnis und produktivem Wortschatz. Der IQ-Wert hat einen höheren Einfluss auf die Grammatik, die als komplexere kognitive Fähigkeit zu bewerten ist, als auf den Wortschatz. Interessanterweise besteht unter Berücksichtigung des Einflussfaktors IQ eine noch ausgeprägtere Assoziation zwischen Grammatikverständnis und produktivem Wortschatz.


Text

Hintergrund

Im Rahmen der Sprachentwicklung müssen rezeptive und produktive Sprachleistungen, Wortschatz und Grammatik zusammenwirken. Bisher wurden vorwiegend Untersuchungen diesbezüglich an kognitiv beeinträchtigten Kindern durchgeführt [1]. Ziel unserer Untersuchung ist es, zu überprüfen, welche Beziehung zwischen produktivem Wortschatz und Grammatikverständnis bei Kindern mit Sprachauffälligkeiten besteht – sofern man sie in eine Gruppe mit unterdurchschnittlicher Intelligenz und eine Gruppe mit durchschnittlicher bis überdurchschnittlicher Kognition einteilt.

Material und Methoden

Das Gesamtkollektiv besteht aus einer in der Abteilung für Phoniatrie und Pädaudiologie Ulm vorgestellten Gruppe von 46 Kindern im Alter zwischen 3,6 und 11,3 Jahren. Insgesamt 12 Kinder (26,1%) davon wachsen mehrsprachig auf. Mit Hilfe des altersnormierten TROG-D wurde das Grammatikverständnis und der produktive Wortschatz mit den jeweils altersangepassten Tests (AWST-R, WWT 6-10) untersucht. Bei allen Kindern lag ein Gesamt-IQ-Wert zur Abschätzung der kognitiven Fähigkeiten vor (MW 94,76; SD 15,20). Bei 14 Kindern (30,4% der Ausgangstichprobe) lag der IQ unter/gleich 85, diese bildeten die Gruppe der intelligenzgeminderten Kinder (IQ kleiner/gleich 85) mit sprachlichen Auffälligkeiten (im Folgenden als Gruppe 1 bezeichnet). Die 32 restlichen Kinder wurden in der Gruppe der sprachauffälligen Kinder mit mindestens durchschnittlicher Intelligenz (IQ größer 85) zusammengefasst (Gruppe 2). Nach Betrachtung der Verteilungen in den beiden IQ-Gruppen zeigte sich, dass jeweils keine Normalverteilungen vorliegen, daher wurde für die Signifikanzanalyse der Spearman-Rang-Korrelationskoeffizient sowie der Median berechnet.

In beiden Gruppen konnte ein normales Hörvermögen in der pädaudiologischen Diagnostik bei vorhandenen Sprachauffälligkeiten laut Expertenurteil (Phoniater) diagnostiziert werden. Das mittlere Alter lag in beiden Gruppen vergleichbar bei 6½ Jahren (ca. 80 Monaten). Allerdings war in der Gruppe 2 (IQ>85) der Anteil der mehrsprachigen Kinder mit 18,8% deutlich geringer als in der Gruppe 1 (IQ≤85) mit 38,5%. Auch bei den Kindern, die im häuslichen Umfeld eine weitere Sprache hören, konnte aufgrund mehrjährigen Kindergarten- bzw. Schulbesuchs gewährleistet werden, dass sie ursächliche Sprachschwierigkeiten haben – und nicht mangelnde Deutschkenntnisse.

Ergebnisse

Nach Aufteilung der Patientenklientel in zwei Gruppen entsprechend des Intelligenzquotienten lag der Median des Intelligenzquotienten (IQ) der Gruppe 2 bei 100 und der Gruppe 1 bei 81.

Die Werte im Grammatikverständnis und im produktiven Wortschatz sind in beiden IQ-Gruppen recht ähnlich. Mit einem Prozentrang-Median von 17,0 im TROG-D und einem Prozentrang-Median von 11,0 im AWST-R bzw. WWT 6-10 zeigen die Kinder mit durchschnittlichem IQ in beiden Sprachdomänen unterdurchschnittliche Sprachleistungen. Dagegen liegen die Prozentrang-Mediane in der Gruppe der intelligenzgeminderten Kinder mit 1,5 für den TROG-D und 2,5 für den Wortschatztest sogar im sehr schwachen Bereich. Somit zeigen sich zwar deutliche Unterschiede zwischen Gruppe 1 und Gruppe 2, innerhalb der Gruppen bewegen sich die Wortschatz- und Grammatikwerte jeweils auf einem ähnlichen Leistungsniveau.

Getrennt nach den IQ-Gruppen betrachtet, ergeben sich signifikante Korrelationen zwischen Grammatikverständnis und produktivem Wortschatz (Gruppe 2: Spearman-Rho 0,64, p=0,00, n=32 und Gruppe 1: Spearman-Rho 0,66, p=0,01; n=14). Was die Stärke der Korrelation anbetrifft, finden sich hierbei jedoch keine Unterschiede zwischen der Gruppe der normalintelligenten und der intelligenzgeminderten Kinder.

Eine weitere interessante Beobachtung ergibt sich über alle Probanden hinweg: je älter die Patienten, egal welchen IQs, zum Zeitpunkt der Untersuchung sind, desto niedriger sind die altersnormierten mittleren Prozentrang-Werte im Grammatikverständnis (3–4 Jahre: PR 38,3; 5–6 Jahre: 20,3; 7–8 Jahre: 12,9) und tendenziell auch im Wortschatz (3–4 Jahre: PR 37,8; 5–6 Jahre: 20,3; 7–8 Jahre: 20,7). Somit zeigt sich, dass die Gruppe der älteren sprachauffälligen Kinder, die zur Vorstellung in die Klinik kommen, tendenziell schwächere sprachliche Fähigkeiten aufweisen.

Diskussion

Es zeigt sich somit eine starke Korrelation zwischen Grammatikverständnis und produktivem Wortschatz, gleichermaßen bei der kognitiv eingeschränkten Teilstichprobe, wie auch in der Teilgruppe der Kinder mit durchschnittlicher Intelligenz. Die sprachlichen Leistungen hängen also unabhängig vom Modus (rezeptiv, produktiv), den Sprachebenen (Lexikon, Grammatik etc.) und dem Intelligenzquotienten zusammen. Die rezeptiven und expressiven sprachlichen Schwächen aller untersuchten Kinder lassen sich mit dem erwartbaren Profil der Klinikklientel erklären. Erwartungsgemäß wirkte sich der Aspekt der Mehrsprachigkeit in beiden IQ-Gruppen dahingehend aus, dass diese Kinder in beiden überprüften Sprachebenen schlechter abschnitten als die einsprachigen Vergleichskinder. Die tendenziellen Leistungsdifferenzen in den Sprachtests zwischen den IQ-Gruppen bei ein- und mehrsprachigen Kindern blieben aber vergleichbar. Produktiver Wortschatz und rezeptive Grammatik scheinen in den beiden IQ-Gruppen nicht nur zusammenzuhängen, sondern bewegen sich auch auf einem sehr ähnlichen Leistungsniveau. Die Kinder mit unterdurchschnittlichem IQ haben jedoch im Mittel wesentlich schlechtere Sprachleistungen als die ebenfalls sprachauffälligen, aber durchschnittlich intelligenten Vergleichskinder. Das bedeutet, dass die kognitiv eingeschränkten Kinder auch im Bereich der Sprache wesentlich größere Schwierigkeiten haben. Da die Aufgabenstellungen (Zeigen bzw. Benennen von Bildern) in den verwendeten Testverfahren wenig komplex waren, ist davon auszugehen, dass die Leistungsdifferenz zumindest nicht durch fehlendes Aufgabenverständnis verursacht wurde.

Zusammenfassend ist also eine starke Beziehung zwischen Wortschatz und Grammatik – unabhängig von den kognitiven Fähigkeiten und Ein- bzw. Mehrsprachigkeit – zu beobachten. Bisher bestätigt wurden diese Zusammenhänge lediglich bei Kleinkindern in einem relativ frühen Spracherwerbsstadium [2]. Die Befunde der vorliegenden Untersuchung belegen jedoch auch anhaltende Zusammenhänge zwischen Syntax und Wortschatz mit zunehmendem chronologischen Alter (Altersspanne zwischen 3 und 11 Jahren).


Literatur

1.
Facon B, Facon-Bollengier T, Grubar JC. Chronological age, receptive vocabulary and syntax comprehension in children and adolescents with mental retardation. Am J Ment Retard. 2002;107(2):91-8. DOI: 10.1352/0895-8017(2002)107<0091:CARVAS>2.0.CO;2 Externer Link
2.
Thal DJ, O'Hanlon L, Clemmons M. Validity of a Parent Report Measure of Vocabulary and Syntax for Preschool Children With Language Impairment. Journal of Speech, Language, and Hearing Research. 1999;42:482-96.