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27. Wissenschaftliche Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie e. V.

Deutsche Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie e. V.

17.09. - 19.09.2010, Aachen

Knochenleitungshörgeräte bei Kindern im Vergleich

Vortrag

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  • corresponding author presenting/speaker Wilma Vorwerk - Phoniatrie/Pädaudiologie, Universitätsklinik für HNO-Heilkunde, Magdeburg, Deutschland
  • author Christiane Porsch - Universitätsklinik für HNO-Heilkunde, Magdeburg, Deutschland
  • Daniela Leine - Böckhoff-Hörgeräte, Magdeburg, Deutschland
  • author Christoph Arens - Universitätsklinik für HNO-Heilkunde, Magdeburg, Deutschland

Deutsche Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie. 27. Wissenschaftliche Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie (DGPP). Aachen, 17.-19.09.2010. Düsseldorf: German Medical Science GMS Publishing House; 2010. Doc10dgppV14

DOI: 10.3205/10dgpp22, URN: urn:nbn:de:0183-10dgpp228

Veröffentlicht: 31. August 2010

© 2010 Vorwerk et al.
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Zusammenfassung

Hintergrund: Die Rehabilitation der Gehörgangsatresie mit 60 dB pantonaler Schalleitungsschwerhörigkeit stellt im Säuglings-und Kleinkindalter eine große Herausforderung dar. Die Osseointegration von Knochenleitungshörgeräten ist bis zum 4. Lebensjahr oft mit Komplikationen behaftet. Eine Alternative bieten Hörgeräte im Stirnband (OTOMAG, BAHA-INTENSO, Bruckhoff-BC421).

Aufgrund geringerer Kosten wird von den Krankenkassen die Versorgung mit dem BC 421 gegenüber dem BAHA-INTENSO oft präferiert. In dieser Studie soll untersucht werden, ob beide Versorgungen zu gleichen Ergebnissen führen.

Material und Methoden: In 6 Monaten wurden 2 Kinder mit einseitiger und ein Kind mit beidseitiger Gehörgangsatresie (Goldenharsyndrom), die vorerst mit einem BAHA-INTENSO im Stirnband versorgt wurden zur Implantation des Knochenankers vorgestellt. Während des Aufenthaltes erfolgte die Testung der Diskrimination mit dem INTENSO versus BC 421.

Das durchschnittliche Alter betrug 6 Jahre. Der Entwicklungsstand war altersentsprechend. Die Testung erfolgte mit dem Göttinger Kindersprachverständnistest 2 bei 65 dB. Getestet wurde das schwerhörige Ohr unter Vertäubung der normalhörenden Seite.

Ergebnisse: OHR: 1, 2, 3, 4

INTENSO (Stirnband)

(Diskrimination in %): 80, 80, 70, 90

BC 421 (Stirnband)

(Diskrimination in %): 60, 50, 60, 80

Diskussion: Bei allen untersuchten Ohren zeigte sich eine durchschnittliche Verbesserung der Diskrimination mit dem INTENSO von 17%, wobei bei der bisher geringen Untersuchungszahl keine statistischen Aussagen zu treffen sind. Auch ist zu diskutieren ob das schlechtere Sprachverstehen auf die kürzere Hörerfahrung mit dem BC 421 zurückzuführen ist.

Eine optimale apparative Versorgung spielt im Alter der Hörentwicklung eine erhebliche Rolle. Die Untersuchung soll dazu beitragen beste rehabilitative Lösungen für die Versorgung von Gehörgangsatresien zu finden.


Text

Hintergrund

Die Rehabilitation der ein- oder beidseitigen Gehörgangsatresie mit 60 dB pantonaler Schalleitungsschwerhörigkeit stellt im Säuglings-und Kleinkindalter eine große Herausforderung dar. Eine möglichst frühe Versorgung mit Hörgeräten bis zum 6. Lebensmonat ist die Voraussetzung für einen physiologischen Reifungsprozess und ermöglicht die Synaptogenese der Hörbahn. Beide Prozesse sind abhängig von der Stimulation des auditiven Systems und bilden die Grundlage für eine zeitgerechte Sprachentwicklung des Kindes. Die Versorgung mit konventionellen HdO-Geräten kommt auf Grund des fehlenden Gehörgangs nicht in Betracht. Bei Auslagerung in ein Stirnband erfolgt keine ausreichende Übertragung der akustischen Information. Die früher verwendeten Knochenleitungsbügel führen durch den hohen Anpassdruck zu anatomischen Veränderungen des Mastoids und zu Irritationen der Haut. Bei dem noch liegenden Säugling kommt es zusätzlich zu permanenten Verschiebungen des Bügels auf der Oberfläche.

Durch Branemark wurde die Osseointegration mit Titanelementen erstmals in der Zahnheilkunde angewandt.

Die effektivste Methode der Knochenleitungsübertragung des Schalls wurde von Tjellström entwickelt. 1977 erfolgte die erste Implantation eines Baha, ein osseointegrierter Anker (Branemark-System), auf den ein entsprechendes Knochenleitungshörgerät aufgesetzt wird.

Der Knochenanker wird in Form einer Schraube retroauriculär in den Schädelknochen implantiert. Nach einer Einheilzeit und der sogenannten Osseointegration von 3–6 Monaten, kann das Abutment zur Kopplung an das Hörgerät aufgesetzt werden.

Diese Osseointegration von Knochenleitungshörgeräten ist bis zum 4. Lebensjahr oft mit Komplikationen behaftet. Auf Grund der noch geringen Schädeldicke wird kein fester Halt erreicht. Durch kindliche Manipulationen am Hörgerät lockern sich die Knochenanker oder es treten Entzündungen und Granulationen im Bereich der Hautaustrittsstelle auf. Eine Alternative bieten Knochenleitungs-Hörgeräte im Stirnband, die von verschiedenen Firmen angeboten werden. (OTOMAG, Baha-INTENSO, Bruckhoff-BC421).

Bei der Applikation im Stirnband ist eine größere Verstärkung als bei der Osseointegration des Hörgerätes notwendig, da Stirnband und Kopfschwarte die Schallübertragung erheblich dämpfen. Es werden also Hörgeräte mit einer Verstärkung von mindestens 50 dB verwendet.

Die oben bereits erwähnten Hersteller verfügen über Hörgeräte mit einer entsprechend hohen Verstärkung. Die Übertragungsmodi sind jedoch unterschiedlich. Während das Baha-Softband über eine Kunststoff-Schnappkupplung zur Befestigung des Baha-Soundprozessors verfügt, wird das BC 421 durch das Stirnband auf der Haut platziert. Aufgrund geringerer Kosten wird von den Krankenkassen die Versorgung mit dem BC 421 gegenüber dem Baha-INTENSO oft präferiert. In dieser Studie soll untersucht werden, ob beide Versorgungen zu gleichen Ergebnissen im Sprachverständnis führen.

Methodik

Patientengruppe

In den letzten 6 Monaten wurden 4 Kinder mit einseitiger und ein Kind mit beidseitiger Gehörgangsatresie bei diagnostiziertem Goldenharsyndrom, die vorerst mit einem Baha-INTENSO im Stirnband versorgt wurden, zur Implantation des Knochenankers vorgestellt. Das Durchschnittsalter der Kinder betrug 6 Jahre. Es handelte sich um 2 Jungen mit 3 zu untersuchenden Ohren und 3 Mädchen mit jeweils einseitiger Gehörgangsatresie.

Untersuchung

Während des Aufenthaltes erfolgte die Testung der Diskrimination mit dem INTENSO versus BC 421. Die Testung erfolgte mit dem Göttinger Kindersprachverständnistest 2 bei 65 dB. Getestet wurde das schwerhörige Ohr unter Vertäubung der normalhörenden Seite. Bei den meisten Kindern war auch die Messung unter Störschallbedingungen möglich. Hier erfolgte der gleiche Testaufbau. Das versorgte Ohr wurde wieder bei 65 dB überprüft, bei gleichzeitigem Störschall von 60 dB.

Ergebnisse

Siehe Tabelle 1 [Tab. 1].

Diskussion

Bei allen untersuchten Ohren zeigte sich eine durchschnittliche Verbesserung der Diskrimination mit dem INTENSO von 17%, wobei bei der bisher geringen Untersuchungszahl keine statistischen Aussagen zu treffen sind. Auch ist zu diskutieren, ob das schlechtere Sprachverstehen auf die kürzere Hörerfahrung mit dem BC 421 zurückzuführen ist. Eine längere Tragedauer des BC 421 im Stirnband wurde bei den Kindern auf Grund der Hörentwicklung nicht in Betracht gezogen. Hier müssen korrelierende Untersuchungen bei Kindern geplant werden, die eine Erstversorgung mit dem BC 421 erhielten.

Auffällig ist ein massiver Abfall des Sprachverständnisses im Störschall um mehr als 50% bei den Kindern, die mit einem BC 421 versorgt worden sind. Aber auch hier können fehlende Trainingseffekte eine Rolle spielen.

Zur Bestätigung der Hypothese, dass die akustische Übertragung des BAHA durch den Adapter suffizienter ist, müssen noch weitere Untersuchungen folgen, die jedoch immens wichtig sind, da eine optimale apparative Versorgung im Alter der Hörentwicklung eine erhebliche Rolle spielt. Die Untersuchung soll dazu beitragen, beste rehabilitative Lösungen für die Versorgung von Kindern mit Gehörgangsatresien zu finden.


Literatur

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Bance M, et al. A comparison of the audiometric performance of bone anchored hearing aids and air conduction hearing aids. Otol Neurootol. 2002;23:912-9. DOI: 10.1097/00129492-200211000-00017 Externer Link
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Federspil PA, Plinkert PK. Knochenverankerte Hörgeräte immer beidseitig! HNO. 2002;50(5):405.
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Priwin L, Jonsson R, Hulterantz M, Granstrom G. BAHA in children and adolescents with unilateral or bilateral conductive hearing loss: a study of outcome. Int J Pediatr Otorhinolaryngol. 2007;71:135-45. DOI: 10.1016/j.ijporl.2006.09.014 Externer Link
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Granstrom G. Osseointegrated implants in children. Acta Otorhinolaryngol Suppl. 2000;543:118-21.