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26. Wissenschaftliche Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie e. V.

Deutsche Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie e. V.

11.09. - 13.09.2009, Leipzig

Entwicklung der Stimmleistung und -qualität im Kindes- und Jugendalter – ein interdisziplinäres Betreuungskonzept

Vortrag

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  • corresponding author presenting/speaker Michael Fuchs - Abteilung für Stimm-, Sprach- und Hörstörungen (Phoniatrie und Audiologie), Klinik und Poliklinik für HNO-Heilkunde/Plastische Operationen, Leipzig, Deutschland

Deutsche Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie. 26. Wissenschaftliche Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie (DGPP). Leipzig, 11.-13.09.2009. Düsseldorf: German Medical Science GMS Publishing House; 2009. Doc09dgpHA01

DOI: 10.3205/09dgpp76, URN: urn:nbn:de:0183-09dgpp768

Veröffentlicht: 7. September 2009

© 2009 Fuchs.
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Gliederung

Text

Das Leipziger interdisziplinäre Konzept stellt modellhaft dar, wie ein Team aus Medizinern, Logopäden, Gesangspädagogen und Pädagogen unter prophylaktischen, diagnostischen und therapeutischen Aspekten bei der Ausbildung und Betreuung der Kinder- und Jugendstimme zusammenarbeiten kann. Auf der Basis eines Netzwerkes bestehen die Aufgaben der Phoniatrie in der Diagnostik und Therapie von Stimmstörungen, in Tauglichkeitsbeurteilungen für eine erhöhte stimmliche Aktivität und in der Dispensairebetreuung von Kindern und Jugendlichen mit einer erhöhten stimmlichen Aktivität. Weiterhin bildet die Kooperation die Grundlage für interdisziplinäre Forschungsaktivitäten sowie für Lehr- und Fortbildungsangebote. Ein gemeinsamer aktueller Wissensstand über physiologische, pathophysiologische und pädagogische Grundlagen der Kinder- und Jugendstimme und ein fächerübergreifendes Verständnis der spezifischen Nomenklaturen stellen dabei unabdingbare Voraussetzungen für eine effiziente Kooperation mit einer gemeinsamen „Sprache“ dar, die ihre Begrifflichkeiten aus der Medizin, der Sprechwissenschaft, der Musik und der Pädagogik bezieht. Die interdisziplinäre Kommunikation bedarf klarer Definitionen und eines ständigen Austausches über Inhalte, Benennungen und Innovationen aus interferierenden Arbeitsbereichen, was durch die Netzwerkstruktur realisiert wird.

Durch Untersuchungen stimmlich nicht trainierter und regelmäßig in Chören singender Kindern und Jugendlicher mit größeren Probandenzahlen konnte erstmalig mit einer einheitlichen Methodik gezeigt werden, dass regelmäßiges Singen Stimmleistungs- und -qualitätsparameter signifikant verbessert. Insbesondere lassen sich die Tonhöhen- und Dynamikumfänge deutlich erweitern. Die Ergebnisse ergänzen bisher unvollständige Normwertbereiche des Wachstums des Stimmapparates. Sie unterstützen die Beurteilung stimmlicher Veränderungen im Kontext der körperlichen und psychointellektuellen Entwicklung, das sicherere Erkennen pathologischer Deviationen und die Einschätzung der Tauglichkeit für erhöhte stimmliche Belastungen [1].

Durch vergleichende Untersuchungen monozygoter Zwillinge konnte der Einfluss genetischer im Vergleich zu exogenen Faktoren auf die stimmliche Entwicklung beschrieben werden. Ein Maß für die genetische Determination ist die ermittelte signifikant größere Ähnlichkeit der Stimmleistungs- und -qualitätsparameter bei monozygoten Zwillingen gegenüber nicht verwandten Personen. Die Ergebnisse bei erwachsenen Zwillingen können bedingt auf das Kindes-, aber insbesondere auf das Jugendalter übertragen werden und erlauben Rückschlüsse auf einen vergleichbaren Grad der Tauglichkeit für einen späteren stimmintensiven Beruf [2].

Für die differenziertere Beurteilung der sängerischen Aktivität bei Kindern und Jugendlichen als bisher wurde eine neue Klassifikation entwickelt, mit der erstmals jeweils graduell die stimmliche Belastung und die gesangspädagogische Betreuung und zusätzlich das gleichzeitige Erlernen eines Hochdruck-Blasinstruments erfasst werden. Die Evaluation der Klassifikation zeigte eine sichere Zuordnung der untersuchten Probanden zu den Klassifikationsgraden unabhängig vom Beruf und Wissensstand des Beurteilers. Damit gelingen auf dem Niveau eines Gruppenvergleiches für wissenschaftliche Studien eine differenziertere Beurteilung und eine Standardisierung der interdisziplinären Kommunikation [3].

Die erstmalige Untersuchung des Einflusses der sängerischen Aktivität zeigte positive Effekte auf Stimmleistungsparameter, die Eigenwahrnehmung der Stimme und den bewussten Umgang mit der eigenen Stimme: Je höher der Grad der stimmlichen Belastung und der gesangspädagogischen Betreuung, desto besser ist die Eigenwahrnehmung und die bewusste Kontrolle der Stimme bei Kindern und Jugendlichen entwickelt. Zudem differenziert sich diese Fähigkeit mit zunehmendem Alter. Je intensiver das Stimmtraining, desto größer ist außerdem der Tonhöhenumfang der jungen Stimmen. Die Fähigkeit zur Produktion eines Schwelltones (messa di voce) steigt mit der Intensität und Regelmäßigkeit der Singstimmbelastung [4].

Insbesondere bei regelmäßig singenden Jugendlichen stellt die Mutation einen kritischen Abschnitt der stimmlichen Entwicklung dar, da die Qualität und Leistungsfähigkeit der Stimme infolge des Larynxwachstums vorübergehend eingeschränkt und das Stimmlippenepithel vulnerabel ist. Longitudinaluntersuchungen konnten zeigen, dass eine exakte Diagnostik des Stimmwechselbeginns und die sichere Vorhersage der verbleibenden Zeit bis zum Beginn (als eine wichtige Information für den Gesangspädagogen für dessen Planung der Besetzung jeder einzelnen Stimme) mit klinischen und Laborparametern möglich ist. Die sicherste Prädiktion gelingt mit dem Blutspiegel von Testosteron in Zusammenschau mit dem laryngealen Befund und den Stimmleistungsparametern. Ebenso kann die Wachstumsrate durch wiederholte Messungen der Körpergröße differentialdiagnostisch eingesetzt werden [5].

Auch akustische Analysen der Sprechstimme mit den akustischen Größen Jitter, Shimmer und die Irregularitätskomponente sowie der Voice Range Profile Index aus dem Singstimmprofil können differentialdiagnostische und prädiktive Informationen zur Mutation erbringen. Dadurch ist alternativ zur Blutentnahme und Laborbestimmung mit etablierten phoniatrischen und hno-ärztlichen sowie logopädischen Methoden eine interdisziplinäre Begleitung der „Stimme im Wachstum“ möglich. Alle genannten Verfahren ermöglichen eine frühzeitige Erkennung des Stimmwechsels und entsprechende gesangspädagogische Maßnahmen in Abhängigkeit vom Ausmaß der sängerischen Aktivität. Damit lassen sich Stimmschäden durch eine zu große Belastung während des Larynxwachstums vermeiden [6].

Das Leipziger interdisziplinäre Konzept beinhaltet gleichermaßen die Betreuung von nicht stimmlich aktiven Kindern und Jugendlichen, insbesondere bei der Prophylaxe, Diagnostik und Therapie von Stimmstörungen. Für die spezialisierte fachärztliche Diagnostik wurden auf der Grundlage eines internationalen Literatur-Review und eigener Untersuchungsergebnisse aktuelle Normwertbereiche und Besonderheiten der Wachstumsdynamik des gesamten Stimmapparates im Kontext der körperlichen Entwicklung zusammengestellt. Dadurch konnten auch Altersbereiche identifiziert werden, in denen für verschiedene Anteile des Stimmapparates noch keine Normwerte vorliegen [7].

Für die Diagnostik von Stimmstörungen und Erkrankungen des Stimmapparates im Kindes- und Jugendalter steht ein großes Spektrum an Methoden der Endoskopie (mit permanenter technischer Verbesserung der Bildqualität und der Analyse der Stimmlippenschwingung), der perzeptiven und apparativen Diagnostik der Stimmleistung und -qualität sowie der Psychosomatik und Gesangspädagogik zur Verfügung. Eine aktuelle Übersicht ordnet die Verfahren der alters- und entwicklungsabhängigen Bedingungen zu und empfiehlt konkrete diagnostische Prozeduren für die verschiedenen klinischen und nicht-klinischen Fragestellungen einschließlich der Tauglichkeitsuntersuchungen. Die interdisziplinäre Zusammenarbeit bietet auch Vorteile durch Kombinationen therapeutischer Optionen: Stimmübungsbehandlungen einschließlich Stimmschonung und apparativer Hilfsmittel, stimmhygienische Beratung, psychosomatische/psychologische Therapie und Operationen [8], [9].

Die Darstellung der Netzwerkstruktur und der Aufbau eines Kompetenzzentrums für stimmliche Entwicklung und Gesundheit schließt auch die konsiliarischen Funktionen für Kinder und Jugendliche aus weiter entfernten Städten sowie die Planung und Durchführung interdisziplinärer Studien, die gemeinsame Bewertung der Ergebnisse eigener Studien und den Transfer der Erkenntnisse in die tägliche Arbeit ein. Nicht zuletzt muss es auch als eine gemeinsame Aufgabe verstanden werden, interdisziplinäre Fortbildungsangebote und Publikationen über Grundlagen, Forschungsergebnisse und Innovationen bei der Betreuung der Kinder- und Jugendstimme anzubieten und die relevanten Informationen unter prophylaktischen Aspekten Kindern, Jugendlichen und deren Eltern zu präsentieren.


Literatur

1.
Fuchs M, Heide S, Hentschel B, Gelbrich G, Thiel S, Täschner R. Einfluss der körperlichen Entwicklung und der sängerischen Aktivität auf Stimmleistungsparameter bei Kindern und Jugendlichen. HNO. 2006;54:971-80.
2.
Fuchs M, Oeken J, Hotopp H, Täschner R, Hentschel B, Behrendt W. Die Ähnlichkeit monozygoter Zwillinge hinsichtlich Stimmleistungen und akustischer Parameter und ihre mögliche klinische Bedeutung. HNO. 2000;48:462-9.
3.
Fuchs M, Meuret S, Geister G, Pfohl W, Thiel S, Dietz A, Gelbrich G. Empirical criteria for establishing a classification of singing activity in children and adolescents. J Voice. 2008;22:649-57.
4.
Fuchs M, Meuret S, Thiel S, Täschner R, Dietz A, Gelbrich G. Influence of singing activity, age and sex on voice performance parameters, on subjects' perception and use of their voice in childhood and adolescence. J Voice. 2009;23:182-9.
5.
Fuchs M, Behrendt W, Keller E, Kratzsch J. Methoden der Vorhersage des Eintrittszeitpunktes der Mutation bei Knabenstimmen: Untersuchungen bei Sängern des Thomanerchores Leipzig. Folia Phoniatr Logop. 1999;51(6):261-71.
6.
Fuchs M, Froehlich M, Hentschel B, Stuermer IW, Kruse E, Knauft E. Predicting mutational change in the speaking voice of boys. J Voice. 2007;21:169-78.
7.
Fuchs M. Landmarken der physiologischen Entwicklung der Stimme bei Kindern und Jugendlichen. Laryngo Rhino Otol. 2008;87:10-6.
8.
Fuchs M. Entwicklungsspezifische Diagnostik und Therapie von Stimmstörungen bei Kindern und Jugendlichen. Laryngo Rhino Otol. 2008;87:86-91.
9.
Fuchs M, Meuret S, Stuhrmann NC, Schade G. Stimmstörungen im Kindes- und Jugendalter. HNO. 2009;57:603-14.