gms | German Medical Science

26. Wissenschaftliche Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie e. V.

Deutsche Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie e. V.

11.09. - 13.09.2009, Leipzig

Münsteraner Elterntraining zur Kommunikationsförderung bei Kleinkindern mit Hörschädigung – ein Forschungsprojekt

Vortrag

  • author presenting/speaker Reinhild Glanemann - Klinik und Poliklinik für Phoniatrie und Pädaudiologie, Universitätsklinikum Münster, Münster, Deutschland
  • corresponding author Karen Reichmuth - Klinik und Poliklinik für Phoniatrie und Pädaudiologie, Universitätsklinikum Münster, Münster, Deutschland
  • author Andrea Embacher - Klinik und Poliklinik für Phoniatrie und Pädaudiologie, Universitätsklinikum Münster, Münster, Deutschland
  • author Peter Matulat - Klinik und Poliklinik für Phoniatrie und Pädaudiologie, Universitätsklinikum Münster, Münster, Deutschland
  • author Antoinette am Zehnhoff-Dinnesen - Klinik und Poliklinik für Phoniatrie und Pädaudiologie, Universitätsklinikum Münster, Münster, Deutschland

Deutsche Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie. 26. Wissenschaftliche Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie (DGPP). Leipzig, 11.-13.09.2009. Düsseldorf: German Medical Science GMS Publishing House; 2009. Doc09dgppV45

DOI: 10.3205/09dgpp63, URN: urn:nbn:de:0183-09dgpp631

Veröffentlicht: 7. September 2009

© 2009 Glanemann et al.
Dieser Artikel ist ein Open Access-Artikel und steht unter den Creative Commons Lizenzbedingungen (http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/deed.de). Er darf vervielfältigt, verbreitet und öffentlich zugänglich gemacht werden, vorausgesetzt dass Autor und Quelle genannt werden.


Zusammenfassung

Elternbeteiligung und ein früher Interventionsbeginn (<11 Mo) sind wesentliche Einflussfaktoren für eine erfolgreiche Lautsprachentwicklung hörgeschädigter Kinder. Ziel des Projektes ist die Entwicklung, Durchführung und Evaluation eines Kommunikationstrainings für Eltern hörgeschädigter Säuglinge und Kleinkinder unmittelbar nach der Erstversorgung mit einer technischen Hörhilfe. Probanden sind Eltern prälingual hörgeschädigter Kinder (bis max. 2½ J) mit abgesicherter ein- oder beidseitiger versorgungspflichtiger Hörschädigung max. 4 Monate nach Diagnoseeröffnung. Es handelt sich um eine klinische Interventionsstudie mit nicht-randomisiertem Gruppenvergleich zwischen einer Behandlungs- und einer Kontrollgruppe. Die Effektivität des Elterntrainings wird an den Veränderungen (1) im kindorientierten Kommunikationsverhalten der Eltern, (2) des erlebten Stress- und Belastungsempfindens der Eltern sowie der elterlichen Einschätzung ihrer eigenen persönlichen und sozialen Ressourcen im Vergleich zur Kontrollgruppe gemessen. Das Training umfasst 6 Gruppen- und 2 Einzeltrainingstermine. Es erfolgen 1 Vor- und 2 Nachuntersuchungen 1 Woche & 3 Monaten nach Training (semistrukturierte Eltern-Kind-Interaktion/ Video und standardisierte Fragebögen/ PSI-K-36; SOC-9; F-SozU-K-22). Im Mai 2009 startete die erste von 6 geplanten Gruppen (je 4-6 Elternteile). Wir werden über Methodik, erste Erfahrungen und Ergebnisse berichten.


Text

Einleitung/Hintergrund

Die sprachliche, kognitive und soziale Entwicklung eines hörgestörten Kindes hängt nicht allein von der Schwere der Behinderung ab, sondern wird zudem wesentlich durch die Art der Interaktion zwischen Kind und Bezugspersonen beeinflusst [1]. Ein früher Interventionsbeginn (unter 11 Monaten) und ein hohes Level an Elternbeteiligung sind nachweislich wesentliche Einflussfaktoren für erfolgreiche Lautsprachentwicklung hörgeschädigter Kinder [2]. Zur Gewährleistung einer möglichst regelrechten Hörbahnreifung und Sprachentwicklung werden international die Diagnosestellung in den ersten drei Lebensmonaten und die Hörgeräteversorgung mit Einleitung der Hör-Sprachtherapie innerhalb der ersten sechs Lebensmonate gefordert [3]. Eine fördernde Umgebung, das Vertrauen der Eltern in ihre eigene Kompetenz und ihre vorhandenen intuitiven Fähigkeiten (z.B. Responsivität) und die Behinderungsverarbeitung innerhalb der Familie sind dabei sehr wichtige Einflussfaktoren [1]. Elterliche Responsivität stellt für die frühe Hör-Sprachentwicklung eine wesentliche Verhaltensweise dar und gilt als gut trainierbar [4], [5], [6]. Sie zeigt sich außerdem als wichtige Komponente für die sozial-emotionale und kognitive kindliche Entwicklung.

Das „Münsteraner Elterntraining zur Kommunikationsförderung bei Kleinkindern mit Hörschädigung“ nimmt bewährte Elemente aus existierenden Programmen zur Kommunikations- und Sprachförderung [4], [7], [8] in modifizierter Form auf, um den Bedürfnissen der Eltern von hörgeschädigten Säuglingen und Kleinkindern gerecht zu werden. Das Training unterstützt die Eltern in ihren intuitiven Fähigkeiten und Ressourcen zur Förderung ihres Kindes, insbesondere der Responsivität. Damit entspricht es dem Paradigmenwechsel vom übungsorientierten zum beziehungsorientierten Ansatz in der frühen Förderung entwicklungsauffälliger Kinder, der in den letzten Jahren stattgefunden hat und wissenschaftlich evaluiert werden muss. Die durch das universelle Neugeborenen-Hörscreening zunehmend bereits in den ersten Lebensmonaten identifiziert hörgeschädigten Kinder verlangen ein zeitnahes und umfassendes Behandlungskonzept, das die Eltern miteinbezieht. Das hier beschriebene Forschungsprojekt soll Evidenz für die Wirksamkeit eines Elterngruppentrainings erbringen.

Methode

Design: Es handelt sich um eine klinische Interventionsstudie mit nicht-randomisiertem Gruppenvergleich zwischen einer Behandlungs- und einer Kontrollgruppe.

Probanden: Eltern von prälingual hörgeschädigten Kindern mit abgesicherter ein- oder beidseitiger versorgungspflichtiger Hörschädigung maximal 4 Monate nach Diagnoseeröffnung. Das Höchstalter der Kinder beträgt 2½ Jahre und sie befinden sich noch auf präverbalem Entwicklungsniveau. Die Hörstörung kann auch Teil einer Mehrfachbehinderung sein. Ausschlusskriterien sind eine schwere Sehbehinderung des Kindes sowie nicht ausreichende Deutsch- oder Lautsprachkenntnisse des teilnehmenden Elternteils. Insgesamt sind 6 Gruppen geplant, jede Gruppe besteht aus 4-6 Elternteilen. Insgesamt sind für die Behandlungs- und Kontrollgruppe je ca. 30 Teilnehmer vorgesehen.

Durchführung: Das Training besteht aus sechs Gruppenterminen ohne Kind sowie zwei Einzeltrainings mit Kind. Die inhaltlichen Schwerpunkte des Trainings liegen u.a. in den folgenden Bereichen: Vermittlung des natürlichen frühen Sprachlernprozesses, Bewusstmachung und Intensivierung intuitiv verwendeter Sprachlehrstrategien, Vermittlung zusätzlicher spracherwerbsfördernder Verhaltensweisen. Bei der Bearbeitung dieser Themen werden die Eltern stark mit einbezogen, denn eine hohe Elternpartizipation hat sich in ähnlichen Programmen als signifikanter Faktor für die Effektivität gezeigt. Folgende Methoden kommen zum Einsatz: Videodemonstrationen und Kurzvorträge, Einschätzung der Kommunikationsentwicklung bei anderen Kindern (Video), Kleingruppenarbeit, Rollenspiele, Selbstreflexion, Hausaufgaben, Einzelberatungstermine mit Video-Feedback. Das erste Training startete im Mai 2009.

Evaluation: Die Effektivität des Elterntrainings wird an den Veränderungen im kindorientierten Kommunikationsverhalten der Eltern und des erlebten Stress- und Belastungsempfindens der Eltern sowie der elterlichen Einschätzung ihrer eigenen persönlichen und sozialen Ressourcen im Vergleich zur Kontrollgruppe gemessen. Es erfolgen 1 Vor- und 2 Nachuntersuchungen 1 Woche und 3 Monate nach Training (semistrukturierte Eltern-Kind-Interaktion/Video und standardisierte Fragebögen/PSI-K-36; SOC-9; F-SozU-K-22). Die Eltern bewerten das Elterntraining nach der letzten Sitzung zudem anhand des FBB.

Ergebnisse

Das erste Training startete im Mai 2009. Es wird von den Eltern gut angenommen und insgesamt positiv bewertet. Das Konzept erweist sich methodisch, inhaltlich und in der Durchführung als angemessen. Bezüglich des elterlichen Kommunikationsverhaltens erwarten wir einen Anstieg kommunikationsfördernder Verhaltensweisen (z.B. Responsivität) und die Abnahme von kommunikationshemmenden Verhaltensweisen (z.B. Initiative). Des Weiteren erwarten wir bei den Eltern eine Verminderung des Stress- und Belastungserlebens.


Literatur

1.
Hintermair M. Familie, kindliche Entwicklung und Hörschädigung. Theoretische und empirische Analysen. Heidelberg: Universitätsverlag Winter; 2005.
2.
Moeller MP. Early intervention and language development in children who are deaf and hard of hearing. Pediatrics. 2000;106(3):E43.
3.
Gross M, Buser K, Freitag U, Hess MM, Hesse V, Hildmann A, Hildmann H, Hippel K, Lenarz T, Lindbauer-Eisenach U, Plinkert P, Pohlandt F, Ptok M, Reuter G, Rossi R, Schnitzer S, Thyen U, Vetter. Universelles Hörscreening bei Neugeborenen - Empfehlungen zu Organisation und Durchführung des universellen Neugeborenen-Screenings auf angeborene Hörstörungen in Deutschland. Z Geburtshilfe Neonatol. 2004;208:239-45.
4.
Girolametto LE, Greenberg J, Manolson A. Developing Language Skills: The Hanen Early Language Parent Program. Seminars in Speech and Language. 1986;7:367-82.
5.
Harrigan S, Nikolopoulos TP. Parent interaction course in order to enhance communication skills between parents and children following pediatric cochlear implantation. International Journal of Pediatric Otorhinolaryngology. 2002;66(2):161-6.
6.
Horsch U. Dialogue and education in the preverbal period - A study on the situation of deaf and hard of hearing infants in the early educational process [Dialog und Bildung in der Vorsprachlichkeit - Zur Situation Hörgeschädigter Kinder in der Frühpädagogik]. Sprache Stimme Gehör. 2008;32(1):18-25.
7.
Buschmann A. Heidelberger Elterntraining zur frühen Sprachförderung- Trainermanual. München: Elsevier Verlag; 2009.
8.
Möller D, Spreen-Rauscher M. Frühe Sprachintervention mit Eltern - Schritte in den Dialog. Stuttgart: Thieme Verlag; 2009. (Forum Logopädie).