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26. Wissenschaftliche Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie e. V.

Deutsche Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie e. V.

11.09. - 13.09.2009, Leipzig

Sensitivität der Elternfragebögen ELFRA-1 und -2 für eine abweichende Sprachentwicklung bei Kindern nach Cochlea Implantation

Vortrag

  • corresponding author presenting/speaker Karen Reichmuth - Klinik und Poliklinik für Phoniatrie und Pädaudiologie, Universitätsklinikum Münster, Münster, Deutschland
  • author Andreas Nickisch - Abteilung für Phoniatrie und Pädaudiologie, Kinderzentrum München, Institut für Soziale Pädiatrie, München, Deutschland
  • author Peter Matulat - Klinik und Poliklinik für Phoniatrie und Pädaudiologie, Universitätsklinikum Münster, Münster, Deutschland
  • author Inga Schmeken - Klinik und Poliklinik für Phoniatrie und Pädaudiologie, Universitätsklinikum Münster, Münster, Deutschland
  • author Cornelia Menke - Klinik und Poliklinik für Phoniatrie und Pädaudiologie, Universitätsklinikum Münster, Münster, Deutschland
  • author Arne Knief - Klinik und Poliklinik für Phoniatrie und Pädaudiologie, Universitätsklinikum Münster, Münster, Deutschland
  • author Jan Swart - Rehabilitationsklinik Werscherberg, Bissendorf, Deutschland
  • author Karin Elixmann-Mittler - Rehabilitationsklinik Werscherberg, Bissendorf, Deutschland
  • author Wolfgang Döring - HNO-Klinik und Cochlea-Implant-Zentrum Rheinland, Universitätsklinikum Aachen, Aachen, Deutschland
  • author Anja Knauf - HNO-Klinik und Cochlea-Implant-Zentrum Rheinland, Universitätsklinikum Aachen, Aachen, Deutschland
  • author Anke Lesinski-Schiedat - Hoerzentrum; Medizinische Hochschule Hannover, Hannover, Deutschland
  • author Sabine von der Haar-Heise - Hoerzentrum, Medizinische Hochschule Hannover, Hannover, Deutschland
  • author Antoinette am Zehnhoff-Dinnesen - Klinik und Poliklinik für Phoniatrie und Pädaudiologie, Universitätsklinikum Münster, Münster, Deutschland

Deutsche Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie. 26. Wissenschaftliche Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie (DGPP). Leipzig, 11.-13.09.2009. Düsseldorf: German Medical Science GMS Publishing House; 2009. Doc09dgppV43

DOI: 10.3205/09dgpp61, URN: urn:nbn:de:0183-09dgpp611

Veröffentlicht: 7. September 2009

© 2009 Reichmuth et al.
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Zusammenfassung

Die sprachlichen Entwicklungsverläufe bei Kindern nach Cochlea Implantation weisen anhaltend eine große Variabilität auf. Wünschenswert ist ein Evaluationsinstrument, das früh abweichende Entwicklungen erkennt. Die ELFRA-Bögen gelten für das Lebensalter 2J als valides Screeningverfahren zur Früherkennung von Risikokindern in der Normalpopulation. In einer multizentrischen Gruppenstudie untersuchten wir die Sensitivität des ELFRA zur Früherkennung einer nicht höraltersgerechten Sprachentwicklung nach Cochlea Implantation. Wir dokumentierten bei 22 kongenital ertaubten, nonverbal unauffälligen Kindern (11w; 11m), die vor Ende des 3.LJ unilateral implantiert wurden (OP 13–33 Mo, Mittel 19, 7 Mo), längsschnittlich die Sprachentwicklung: Prä- & postoperativ mit Höralter (HA) 1J mit ELFRA-1, sowie 1;6 und 2J mit ELFRA-2, sowie einmalig ab HA 3J (range 3;1–4;6J) mit den Sprachentwicklungstests SETK 3-5 (SV, SR, MR), AWST-R & PET-ZFG. 21 von 22 Kindern sind mit HA 1J unauffällig im ELFRA-1, 3 Kinder sind im ELFRA-2 mit HA 2J auffällig. 72,7% der Kinder zeigen später für das HA unterdurchschnittliche Leistungen (T-Werte <40) in mind. einem der sprachlichen Tests, 27,3% sind in allen Tests höraltersgerecht. Die Ergebnisse zeigen eine geringe Sensitivität (ELFRA-1: 6%; ELFRA-2: 19%) des ELFRA für die Stichprobe. Modifizierte Anwendungen des ELFRA-2 mit höherer Vorhersagekraft für die Gruppe der CI-Kinder werden diskutiert.


Text

Hintergrund

Die sprachlichen Entwicklungsverläufe bei Kindern nach Cochlea Implantation weisen anhaltend eine große Variabilität auf [1]. Als Gründe für diese Unterschiede werden das Implantationsalter, das Geschlecht, präoperative Hörerfahrung, Aspekte des sozialen Umfeldes und die Sprechweise der Mütter als wesentliche Einflussfaktoren aufgezeigt [1], [2]. Das kontinuierliche Absinken des Cochlea Implantationsalters bei Kindern auf das erste und zweite Lebensjahr stellt neue Anforderungen an die Evaluation [3]. Wünschenswert ist ein Evaluationsinstrument, das früh eine abweichende Entwicklung erkennt. Fragebögen zur Dokumentation der frühen Hör-Sprachentwicklung gelten als valides und sehr geeignetes und Kosten sparendes Instrument, das auch schon bei sehr kleinen Kindern anwendbar ist [3]. Seit 2000 stehen auch im deutschsprachigen Raum zunehmend standardisierte und normierte Elternfragebögen zur Beurteilung der expressiven Sprachentwicklung zur Verfügung (s. [4], [5] für Überblick). Der ELFRA-2-Elternfragebogen [6], [7] gilt für das Lebensalter 2 Jahre als valides Screeningverfahren zur Früherkennung von Risikokindern in der Normalpopulation. Die Vorhersagekraft des ELFRA-1-Elternfragebogens für das Lebensalter 1 Jahr wird als ungenügend bewertet [5], [8]. Eine Validierung für die Gruppe der CI-Kinder liegt nicht vor. In einer multizentrischen Gruppenstudie untersuchten wir erstmals die Sensitivität des ELFRA-1 und -2 zur Früherkennung einer nicht höraltersgerechten Sprachentwicklung nach Cochlea Implantation.

Methode

Bei 22 kongenital ertaubten Kindern (11 w/11 m), die vor Beendigung ihres 3. Lebensjahres unilateral implantiert wurden (OP 13–33 Monate, Mittel 19,7 Monate), dokumentierten wir längsschnittlich die Sprachentwicklung. 15 Kinder wachsen in einsprachig deutschen Familien auf. 7 Kinder stammen aus zweisprachigen (5 w/2 m) Familien, in denen mindestens ein Elternteil über gute bis sehr gute Deutschkenntnisse verfügt (4 türkisch, 1 russisch, 1 niederländisch, 1 tschechisch). Alle Kinder sind nonverbal altersgemäß entwickelt und werden lautsprachlich rehabilitiert. Entsprechend des OP-Alters bei Cochlea Implantation bildeten wir zwei Gruppen: Gr.1 mit 16 Kindern (13–23 Monate) und Gr.2 mit 6 Kindern (24–33 Monate). Wir setzten präoperativ und im Alter von 12 Monaten den ELFRA-1, sowie im Alter von 18 und 24 Monaten den ELFRA-2 ein. Ab einem Höralter von 3 Jahren (range 3;1–4;10 Jahre) führten wir einmalig mit folgenden Testverfahren eine Abschlussuntersuchung durch: Untertests aus dem Sprachentwicklungstest SETK 3-5 (SV-Satzverständnis, SR-Semantische Relationen und MR-morphologische Regelbildung/ Plural), AWST-R (Aktiver Wortschatztest-revidierte Version) und PET (ZFG-Zahlenfolgegedächtnis). Als auffällig in der Abschlussuntersuchung galten Kinder, wenn sie außer im PET-Zahlenfolgegedächtnis in einem der Sprachtests unterdurchschnittliche Leistungen für das Höralter zeigten (T-Wert <40). Die Anzahl auffälliger Kinder dient als Grundlage zur Berechnung der Sensitivität (Richtipositiv-Rate) des ELFRA-1 und -2. Die Einflussfaktoren Geschlecht, OP-Alter, präoperativer Wortschatz und Zweisprachigkeit auf die ELFRA-Ergebnisse werden über alle Untersuchungsintervalle kontrolliert (Mann-Whitney-U-Test; p<.05).

Ergebnisse

Einflussfaktoren: Es zeigen sich keine signifikanten Unterschiede in den ELFRA-Ergebnissen durch Geschlecht, OP-Alter und Zweisprachigkeit (für Wortschatzentwicklung). Es zeigen sich Unterschiede bei Zweisprachigkeit in der Syntaxentwicklung mit Höralter 24 Monate (p.014). Kinder mit präoperativem produktiven Wortschatz zeigen postoperativ signifikant bessere Leistungen auf den Syntax-Morphologieskalen mit 18 Monaten (Syntax p.038; Morphologie p.01). In der Abschlussuntersuchung erreichen 100% der Kinder mindestens höraltersgemäße Leistungen im Zahlenfolgegedächtnis, 6 davon lebensaltersgerechte Leistungen; 27,3 % (5m/1w) in allen Sprachtests mindestens höraltersgerechte Leistungen, 2 Kinder davon (1m/1w) in allen Sprachtests lebensaltersgerechte Leistungen; 72,7% (6m/10w) in mindestens einem Sprachtest unterdurchschnittliche Leistungen für das Höralter; 3 Kinder davon nur im Untertest MR; weitere 13 Kinder sind in 2–4 Sprachtests auffällig. Insgesamt zeigen sich bei den auffälligen Kindern: 27,3% verzögerte rezeptive Sprachleistungen (SETK 3-5: SV); 63,6% verzögerte Pluralbildung (SETK 3-5: MR); 40,9% eingeschränkter produktiver Wortschatz (AWST-R) und 33,3% eingeschränkte Bildung semantischer Relationen (SETK 3-5: SR). Sensitivität des ELFRA für CI-Kinder: Von den 16 auffälligen Kindern der Abschlussuntersuchung werden im ELFRA-1 (Höralter 12 Monate) 1 als auffällig erkannt (Sensitivität 6%); im ELFRA-2 (Risikokriterien angewandt auf Höralter 24 Monate) 3 als auffällig erkannt (Sensitivität 19%) und im ELFRA-2 (Risikokriterien angewandt auf Höralter 18 Monate) 10 als auffällig erkannt (Sensitivität 63%).

Diskussion

Die große Variabilität der dokumentierten Entwicklungsverläufe nach CI ist nicht durch die kontrollierten Einflussfaktoren und auch nicht durch Zweisprachigkeit erklärbar. Unsere Ergebnisse zeigen untypischer Weise keine geschlechtsspezifischen Unterschiede, so dass eine Stichproben bedingte Verzerrung vermutet wird. Wie Graser [9] beobachten wir intrapersonell inhomogene sprachliche Leistungsprofile mit Stärken in den semantischen Fähigkeiten und Hinweise auf Schwächen in der syntaktisch-morphologischen Entwicklung. Unsere Ergebnisse bestätigen die für die Normalpopulation bereits nachgewiesene geringe Vorhersagekraft des ELFRA-1 auch für die Gruppe der CI-Kinder mit Höralter 12 Monate. Der ELFRA-2 zeigt bei üblicher Anwendung auf 24 Monate eine geringe Sensitivität für abweichende Sprachentwicklung nach CI. Modifizierte Anwendungen des ELFRA-2 mit höherer Vorhersagekraft für die Gruppe der CI-Kinder werden diskutiert.


Literatur

1.
Geers AE. Factors influencing spoken language outcomes in children following early cochlear implantation. Adv Otorhinolaryngol. 2006;64:50-65.
2.
Szagun G. Wie Sprache entsteht – Spracherwerb bei Kindern mit beeinträchtigtem und normalen Hören. Weinheim, Basel: Beltz; 2001.
3.
Nott P, Cowaa R, Brown PM, Wigglesworth G. Assessment of language skills in young children with profound hearing loss under two years of age. Journal of Deaf Studies and Education. 2003;8(4):401-21.
4.
Suchodoletz W, Sachse S. Sprachbeurteilung durch Eltern – Kurztest für die U7 (SBE-2-KT) – Handbuch. Version vom 2.4.2009. Verfügbar unter: http://www.kjp.med.uni-muenchen.de/download/SBE-2-KT-Handbuch.pdf (zuletzt aufgerufen 26.06.09) Externer Link
5.
Sachse S, Suchodoletz W. Variabilität expressiver Sprachleistungen bei zweijährigen Kindern erfasst mit dem ELFRA-2. Sprache-Stimme-Gehör. 2007;31:118-25.
6.
Grimm H, Doil H. Elternfragebögen für die Früherkennung von Risikokindern (ELFRA). Göttingen: Hogrefe; 2000.
7.
Grimm H, Doil H. Elternfragebögen für die Früherkennung von Risikokindern (ELFRA). 2. Aufl. Göttingen: Hogrefe; 2006.
8.
Sachse S. Früherkennung von Sprachentwicklungsstörungen. In: von Suchodoletz W, Hrsg. Früherkennung von Entwicklungsstörungen. Göttingen: Hogrefe; 2005. S 155-89.
9.
Graser P. Sprachentwicklungsstörungen bei Kindern mit Cochlea Implantat. Heidelberg: Edition S, Universitätsverlag Winter; 2007.