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26. Wissenschaftliche Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie e. V.

Deutsche Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie e. V.

11.09. - 13.09.2009, Leipzig

Wie schätzen Eltern die Nützlichkeit des ELANs ein?

Vortrag

  • corresponding author presenting/speaker Christiane Kiese-Himmel - Universitätsmedizin, Göttingen, Deutschland
  • Anke Buschmann - Frühinterventionszentrum, Heidelberg, Deutschland
  • Bettina Jooss - Frühinterventionszentrum, Heidelberg, Deutschland
  • Ann-Katrin Bockmann - Univ.-Institut für Psychologie, Hildesheim, Deutschland

Deutsche Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie. 26. Wissenschaftliche Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie (DGPP). Leipzig, 11.-13.09.2009. Düsseldorf: German Medical Science GMS Publishing House; 2009. Doc09dgppV38

DOI: 10.3205/09dgpp54, URN: urn:nbn:de:0183-09dgpp545

Veröffentlicht: 7. September 2009

© 2009 Kiese-Himmel et al.
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Zusammenfassung

Einleitung: Der ELAN, ein reliabler, valider Elternfragebogen zur Beurteilung des expressiven Wortschatzes 16–26 Monate alter Kinder, ist ökonomisch und verfügt über Normwerte. Als weiterer Gütebeleg sollte die Nützlichkeit aus Elternsicht erhoben werden.

Methode: Einschätzung mittels eines standardisierten Evaluationsbogens (4 Items mit dichotomer Antwort „ja“ vs. „nein“ und 1 ordinalskaliertes Item von „schlecht“ bis „sehr gut“) sowie Urteil zu Einsatzsituation und -ort (jeweils 4 Items mit dichotomer Antwort).

Studienkollektiv: 123 Eltern von monolingual deutschsprachig aufwachsenden Kindern aus dem Großraum Heidelberg und Stuttgart (68 Jungen, 55 Mädchen; mittl. Alter: 21,8; SD 3,3 Monate).

Ergebnisse: 76% glaubten, dass der ELAN die sprachlichen Fähigkeiten ihres Kindes zutreffend erfasst. 22% wurden durch die Bearbeitung unsicher, ob ihr Kind sprachlich altersgerecht entwickelt ist. 37% hat der ELAN geholfen, die sprachlichen Fähigkeiten ihres Kindes besser einschätzen zu können. Nach dem Ausfüllen glaubten 58% eine Vorstellung davon bekommen zu haben, welche Wörter Kinder in solch jungem Alter sprechen können. 67% schätzten den Nutzen des ELANs zur Früherkennung einer Sprachverzögerung als „sehr gut“ bzw. „gut“ ein, und nur 3% sahen eine schlechte Nützlichkeit. Ebenfalls 67% präferierte den ELAN bei der U7 einzusetzen, wollte ihn jedoch nicht im Wartezimmer (77%), sondern zu Hause (69%) ausfüllen.

Fazit: Der ELAN wird von Eltern als nützliches Instrument anerkannt.


Text

Einleitung

Der ELAN [1] ist ein reliabler und valider standardisierter Elternfragebogen zur Beurteilung des expressiven Wortschatzumfangs 16 bis 26 Monate alter Kinder; er stellt ein normiertes Screeninginstrument zur Indikation einer spezifischen Fein- wie auch Differentialdiagnostik dar. Anliegen einer Studie war es, seine „Akzeptanz“ – seit 1986 als Gütekriterium durch das Testkuratorium anerkannt – und seine Nützlichkeit zu bestimmen. Hier vorgestellt werden die Schätzurteile der Antwortenden zu Nützlichkeit sowie zu Einsatzsituation und -ort des ELANs.

Methode

Postalisch wurden im Rahmen der Evaluation eines Förderprogramms für die frühe Sprachentwicklung 239 Elternfragebögen ELAN an KiTas im Großraum Heidelberg und Stuttgart gesandt, welche dort Eltern mit einem Kind im entsprechenden Alterssegment mit Bitte um Bearbeitung ausgehändigt wurden. Ein eigens konzipierter Evaluationsbogen zur Akzeptanz des ELANs war beigefügt und sollte nach der Bearbeitung des ELANs ausgefüllt werden. Die Einschätzung der Nützlichkeit des Instruments war durch 4 Items mit dichotomem Antwortformat „ja“ vs. „nein“ und einem ordinalskalierten Item von „schlecht“ bis „sehr gut“ vorzunehmen; die Meinung zum Einsatzsetting des ELANs wurde durch 4 Items mit dichotomer Antwortmöglichkeit eingeholt. Beide Bögen waren anschließend wieder in der KiTa abzugeben.

Studienkollektiv

Es konnten die Bögen von 123 Kindern (68 Jungen, 55 Mädchen; mittleres Alter: 21,8; SD 3,3 Monate) ausgewertet werden, da mehrsprachig aufwachsende Kinder wie auch zu junge (zwei 15-monatige) und zu alte Kinder (n=66 im Alter >26 Monate) sowie Kinder ohne Evaluationsbogen ausgeschlossen werden mussten. 85 Kinder (69%) der bereinigten Stichprobe kamen aus dem Heidelberger Wohngebiet, 38 (31%) aus dem Stuttgarter.

Ergebnisse

Die Rücklaufquote war mit knapp 80% hoch.

76% der Studienteilnehmer glaubten, dass der ELAN die sprachlichen Fähigkeiten ihres Kindes zutreffend erfasst.

22% wurden durch die Bearbeitung unsicher, ob ihr Kind sprachlich altersgerecht entwickelt ist.

Unterteilt man das Studienkollektiv in Kinder mit nicht altersgemäßem ELAN-Wortschatz (PR<25) – das waren 25 (12 Jungen, 13 Mädchen; mittleres Alter: 21,1; SD 3,7 Monate) und solche mit altersgerechtem ELAN-Vokabular – das waren 98 (56 Jungen, 42 Mädchen; mittleres Alter: 21,9; SD 3,2 Monate), sieht das anders aus: 60% der Antwortenden zu Kindern mit nicht altersgemäßen Wortschatz wurden durch den ELAN verunsichert, ob ihr Kind sprachlich altersgerecht entwickelt ist, aber nur 12% der Antwortenden zu Kindern mit unauffälligem Wortschatz (signifikant auf dem 5%-Niveau nach Bonferroni-Korrektur: p=0,00294; Fishers exakter Test).

37% hat der ELAN geholfen, die sprachlichen Fähigkeiten ihres Kindes besser einschätzen zu können.

58% haben nach der Bearbeitung des ELANs eine Vorstellung davon bekommen, welche Wörter Kinder in solch jungem Alter sprechen können.

67% schätzten den Nutzen des ELANs zur Früherkennung einer Sprachverzögerung als „sehr gut“ bzw. „gut“ ein, und nur 3% sahen eine „schlechte“ Nützlichkeit.

Die Mehrheit (ebenfalls 67%) präferierte, den ELAN bei der U7 einzusetzen, wollte ihn jedoch nicht im Wartezimmer (77%), sondern zu Hause ausfüllen (69%). Als Gründe hierfür wurden u.a. genannt: „Weil eine gewissenhafte Bearbeitung lange dauere“; “zu Hause sei man ungestört, habe mehr Ruhe und Zeit zum Überlegen“ – „vor allem wenn nicht gleichzeitig das Kind zu beaufsichtigen ist oder Dutzende Kinder herumturnen“; „man mit dem Partner über das eine oder andere diskutieren könne“.

Für eine fachliche Anleitung beim Ausfüllen sprachen sich nur 6% aus.

Diskussion

Der ELAN hat für seine Bearbeiter Augenschein-Validität, d.h. die Messintention ist durchschaubar. Die Antwortenden (überwiegend Mütter, gefolgt von beiden Elternteilen) hielten sich offenbar für Entwicklungsexperten, denn 63% von ihnen gaben an, dass der ELAN ihnen nicht mehr geholfen habe, die sprachlichen Fähigkeiten ihres Kindes besser einzuschätzen – und nur gut die Hälfte (58%) konnte überhaupt noch über die Vielfältigkeit des frühen Vokabulars im Kindesalter informiert werden.

Klaiber, Sachse & v. Suchodoletz stellten 2005 eine Studie [2] vor, in der Mütter von ein- und zweijährigen Kinder den ELFRA-1 resp. ELFRA-2 sowie einen Fragebogen zu Schwierigkeiten und Problemen beim Ausfüllen dieser Elternfragebögen zugeschickt bekamen. Die Rücklaufquote betrug 61% (ELFRA-1: n=239) bzw. 74% (ELFRA-2: n=251). Die Akzeptanz des ELFRA-1 war deutlich geringer als die des ELFRA-2. Bei Kindern mit auffälligem Befund waren die Eltern beim Ausfüllen unsicherer. Das war auch in der vorliegenden Studie der Fall.

Fazit

Mit dem ELAN liegt eine realitätsangemessene, nützliche Untersuchungsvariante zur Beurteilung des expressiven Wortschatzumfangs im frühen Kindesalter vor. Die vorliegende Evaluation ist als ein Beitrag zur Qualitätssicherung der Entwicklungsdiagnostik zu verstehen.


Literatur

1.
Bockmann AK, Kiese-Himmel C. ELAN - Eltern Antworten. Elternfragebogen zur Wortschatzentwicklung im frühen Kindesalter. Göttingen: Beltz; 2006
2.
Klaiber S, Sachse S, von Suchodoletz W. Verständlichkeit und Akzeptanz der Elternfragebögen zur Früherkennung von Sprachentwicklungsstörungen (ELFRA-1 und ELFRA-2). Vortrag auf dem XXIX. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie in Heidelberg; 16.-19. März 2005.
3.
Testkuratorium der Förderung deutscher Psychologenverbände. Beschreibung der einzelnen Testkriterien für die Testbeurteilung. Diagnostica. 1986;32:358-60.