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25. Wissenschaftliche Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie e. V.

Deutsche Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie e. V.

12.09. - 14.09.2008, Düsseldorf

Musikermedizin – ein neues Fach

Poster

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  • corresponding author presenting/speaker Bernhard Richter - Institut für Musikermedizin, Musikhochschule Freiburg, Freiburg, Deutschland
  • Claudia Spahn - Institut für Musikermedizin, Musikhochschule Freiburg, Freiburg, Deutschland
  • Matthias Echternach - Institut für Musikermedizin, Musikhochschule Freiburg, Freiburg, Deutschland

Deutsche Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie. 25. Wissenschaftliche Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie. Düsseldorf, 12.-14.09.2008. Düsseldorf: German Medical Science GMS Publishing House; 2008. Doc08dgppP23

Die elektronische Version dieses Artikels ist vollständig und ist verfügbar unter: http://www.egms.de/de/meetings/dgpp2008/08dgpp78.shtml

Veröffentlicht: 27. August 2008

© 2008 Richter et al.
Dieser Artikel ist ein Open Access-Artikel und steht unter den Creative Commons Lizenzbedingungen (http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/deed.de). Er darf vervielf&aauml;ltigt, verbreitet und &oauml;ffentlich zug&aauml;nglich gemacht werden, vorausgesetzt dass Autor und Quelle genannt werden.


Gliederung

Zusammenfassung

Auf Einladung des Vorstands der DGPP soll auf 2 Postern das Fach Musikermedizin vorgestellt werden:

Ursprünglich aus den USA kommend, entwickelte sich das Fachgebiet der Musikermedizin in Deutschland innerhalb der letzten fünfzehn Jahre. Die an der gesundheitlichen Betreuung von Musikern beteiligten Berufsgruppen sind in der "Deutschen Gesellschaft für Musikphysiologie und Musikermedizin" (DGfMM) zusammengeschlossen. Seit 1992 finden jährlich Kongresse und Tagungen auf nationaler und internationaler Ebene statt. Der 13. Europäische Kongress für Musikphysiologie und Musikermedizin wird unter dem Motto „State of the Art der Musikermedizin“ vom 26.03.-28.03.2009 in Freiburg stattfinden. Das Fach Musikermedizin war lange Zeit in Deutschland lediglich mit einem Institut im Hochschulbereich an der Hochschule für Musik in Hannover vertreten, jedoch sind in den letzten 3 Jahren in Freiburg, Dresden und Berlin neue Lehrstühle entstanden.

In Deutschland sind derzeit mehr als 40.000 Musiker in professionellen Strukturen im Bereich der klassischen Musik tätig. An deutschen Musikhochschulen werden insgesamt mehr als 25.000 Studenten künstlerisch und pädagogisch ausgebildet. Darüber hinaus bestehen etwa 1000 Musikschulen und zahlreiche Amateurmusikvereinigungen. Insgesamt spielen oder singen in Deutschland rund 8 Millionen Menschen in einer musikalischen Formation, davon 2,8 Millionen Kinder und Jugendliche.

Epidemiologische Untersuchungen zeigen, dass die Berufsgruppe der Musiker durch erhebliche psychische und körperliche Beschwerden belastet ist. Betroffen sind in erster Linie Orchestermusiker (Fishbein et al., 1988; Blum, 1995; Harper, 2002), sowie Chorsänger (Opern-, Rundfunkchöre) und Sänger im Solofach an Theatern und Opernhäusern (Mishra et al., 2000; Tepe et al., 2002), jedoch ebenso freiberuflich im Konzertleben tätige Instrumentalisten (Spahn et al., 2001) und Sänger sowie Musiklehrer an Musikschulen und Gymnasien (Lange, 2003; Fjellmann-Wiklund, 2002 & 2003). Die Beschwerden, unter denen Musiker leiden, resultieren aus den spezifischen Anforderungen, die der Sing- und Spielvorgang selbst mit sich bringt und aus den beruflichen Arbeitsbedingungen, unter denen sie musizieren. So finden sich bei zwei Drittel bis drei Viertel der Orchestermusiker Schmerzen und Probleme des Bewegungssystems (Molsberger et al., 1989; Middlestadt & Fishbein, 1989; Salmon, 1995), die durch jahrelange, zeitintensive einseitige Bewegungsabläufe am Instrument begünstigt werden und häufig durch hinzukommende auslösende Faktoren im psychologischen Bereich (z.B. Konkurrenzdruck, unklare sozio-ökonomische Situation etc.) manifest werden (Spahn et al., 2006). Ein weiteres spezifisches Problem stellen leistungsmindernde Formen des Lampenfiebers bis hin zu Auftrittsängsten dar (Kenny, 2007). Daneben stellen Hörprobleme durch die hohen Schallpegel im Orchester ein typisches Problem bei Orchestermusikern dar (Richter et al., 2007). Aus der genannten Situation leitet sich einerseits ein unmittelbarer Versorgungsbedarf der betroffenen Instrumentalisten und Sänger sowie andererseits die Notwendigkeit zur Prävention berufsspezifischer Erkrankungen bereits im Rahmen der Hochschulausbildung von Musikern ab.

Um diesem Bedarf besser gerecht zu werden, wurde Ende 2005 als Kooperationsprojekt der Hochschule für Musik Freiburg und der Medizinischen Fakultät der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg gemeinsam das Freiburger Institut für Musikermedizin mit den beiden Schwerpunkten „Prävention/Psychosomatik“ und dem Schwerpunkt „Künstlerische Stimmbildung“ gegründet, welches zum Zwecke der Krankenversorgung zusammen mit dem Universitätsklinikum Freiburg ein Behandlungszentrum betreibt.

In den beiden Postern wird die Arbeit des FIM in Forschung Lehre und Krankenversorgung anhand der beiden oben genannten Schwerpunkte vorgestellt.


Text

Obwohl berufsbedingte gesundheitliche Risiken bei Musikern bereits erstmals im 15. Jahrhundert Erwähnung finden und demnach schon lange bekannt sind, ist die Musikermedizin eine junge Disziplin, die sich erst in den letzten zwei Jahrzehnten zu einem eigenständigen Fachgebiet entwickelt hat. In den letzten Jahren nimmt Deutschland mit der zunehmenden Etablierung universitärer Einrichtungen für Musikermedizin eine Spitzenstellung im internationalen Vergleich ein.

Die Bewegung kommt ursprünglich aus den USA, wo aus der Betroffenheit über die im Rahmen von Befragungen zutage getretenen gesundheitlichen Belastungen von Orchestermusikern sowie durch das Outing prominenter Musiker wie L. Fleischer und G. Graffmann, die Performing Arts Medicine entstand.

In Deutschland gründete sich in den achtziger Jahren die Deutsche Gesellschaft für Musikphysiologie und Musikermedizin (DGfMM), die heute etwa 400 Mitglieder besitzt. In ihr sind Berufsgruppen wie Ärzte verschiedener Fachrichtungen (Psychosomatik, Neurologie, Orthopädie, Handchirurgie, HNO und Phoniatrie), Psychologen, Physiotherapeuten (Körpermethodiker) und Logopäden sowie Musikpädagogen und Musiker zusammengeschlossen, die in der medizinischen Betreuung und Behandlung von Musikern, Sängern und Instrumentalisten, tätig sind oder als Musiklehrer oder aus eigener Anschauung mit gesundheitlichen Fragen beim Musizieren zu tun haben.

Vor mehr als 20 Jahren wurde an der Hochschule für Musik und Theater Hannover der in Deutschland erste Lehrstuhl für Musikphysiologie und Musiker-Medizin eingerichtet. Mit Gründung des Freiburger Instituts für Musikermedizin (FIM) an der Hochschule für Musik Freiburg kamen 2005 zwei neue Lehrstühle im Fach Musikermedizin mit den Schwerpunkten Prävention/Psychosomatik und Künstlerische Stimmbildung hinzu. An den Musikhochschulen Dresden und Berlin wurden aktuell neue Lehrstühle für Musikermedizin eingerichtet.

Ausgehend von epidemiologischen Befunden, gemäß derer bis zu zwei Drittel der Berufsmusiker unter musikerspezifischen Beschwerden leiden, entwickelte sich neben der Behandlung von Musikererkrankungen der Bereich der Prävention und Gesundheitsförderung für Musiker. Mittlerweile ist an elf der einundzwanzig deutschen Musikhochschulen ein Lehrangebot im Fach Musikermedizin vertreten, welches zum Ziel hat, Musikstudierende während des Studiums und für ihre spätere Berufstätigkeit in gesundheitlichen Fragen auszubilden. Hierbei ist es wichtig, dass sich die Musikermedizin nicht nur als klinische Disziplin, sondern mit der Musikphysiologie auch als Grundlagendisziplin zur Leistungsverbesserung für Musiker versteht.

Die Verbindung von Musik und Gesundheit rückt gleichzeitig auch die gesundheits- und entwicklungsfördernden Aspekte des Musizierens in den Mittelpunkt. So wirkt sich z.B. Singen nachgewiesenermaßen positiv auf die körperliche und psychische Stabilität und Gesundheit aus. Hiermit ist der gesamte Laienmusikbereich, insbesondere das Chorwesen, angesprochen. Neben der Betreuung professioneller Sänger und Instrumentalisten liegen auch in der Förderung der Musikkultur und der Gesundheitsförderung der Laienmusiker wichtige Aufgaben der Musikermedizin. Denn Musizieren macht primär Freude und ist gesund – erst durch die hohen Anforderungen leistungsbezogenen Musizierens treten gesundheitliche Risiken mit auf den Plan.

Das Freiburger Institut für Musikermedizin (FIM) ist als musikermedizinische Einrichtung erstmals sowohl in der Musikhochschule Freiburg als auch universitär an der Medizinischen Fakultät der Albert-Ludwigs-Universität und dem Universitätsklinikum Freiburg verankert. Seine Aufgabenbereiche umfassen die klassische universitäre Trias Lehre, Forschung und Patientenversorgung.

In der Lehre werden Studierende an der Musikhochschule Freiburg in Musikphysiologie unterrichtet und präventiv auf die Anforderungen des späteren Berufslebens vorbereitet. Im Rahmen des Medizinstudiums wird das Fach Musikermedizin im vorklinischen und klinischen Studienabschnitt an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg angeboten.

Die Forschung enthält sowohl Grundlagenforschung (z.B. stimmphysiologische Fragestellungen) als auch angewandte Forschung (z.B. Gehörschutz im Orchester, Physiologie des Blasinstrumentenspiels, Auftrittsangst und Lampenfieber). Ausgewählte Forschungsergebnisse werden in einer eigenen Schriftenreihe veröffentlicht, in der bisher fünf Bände erschienen sind (http://www.projektverlag.de).

Die Behandlung umfaßt Sänger, Angehörige stimmintensiver Berufe und Instrumentalisten aus dem professionellen und dem Freizeitbereich. Hier besteht ein großer Bedarf, da in Deutschland mehr als 40.000 Musiker in professionellen Strukturen im Bereich der klassischen Musik tätig sind. Die Behandlung der Patienten in der Musikermedizin erfordert in der Regel eine Abstimmung verschiedener Behandler miteinander, weshalb integrierte Behandlungsansätze von Vorteil sind. Das FIM arbeitet deshalb mit einem Netzwerk von Ärzten und Therapeuten anderer Fachrichtungen zusammen.

Im Bereich der Fortbildung bietet das FIM regelmäßig im jährlichen Abstand das „Freiburger Stimmforum“ im Frühjahr sowie das „Freiburger Instrumentalforum“ im Herbst an. Darüber hinaus werden Symposien und internationale Kongresse zusammen mit der Deutschen Gesellschaft für Musikphysiologie und Musikermedizin (DGfMM) zu musikermedizinischen Themen veranstaltet. So findet vom 26.-28.3.2009 ein Internationaler Kongress für Musikphysiologie und Musikermedizin unter dem Thema „Musikermedizin – State of the Art“ an der Hochschule für Musik Freiburg statt.

Weitere Informationen zum FIM und Kongress unter http://www.mh-freiburg.de/fim/.