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25. Wissenschaftliche Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie e. V.

Deutsche Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie e. V.

12.09. - 14.09.2008, Düsseldorf

Wie repräsentativ ist der Untertest MR aus dem SETK für die Beurteilung der Grammatik und der Sprachentwicklung?

Vortrag

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  • corresponding author presenting/speaker Ulrich Jantzen - Universitätsklinik, Mainz, Deutschland
  • Ghazal Moein - Universitätsklinik, Mainz, Deutschland
  • Alexandra Jehle - Universitätsklinik, Mainz, Deutschland
  • Annerose Keilmann - Universitätsklinik, Mainz, Deutschland

Deutsche Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie. 25. Wissenschaftliche Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie. Düsseldorf, 12.-14.09.2008. Düsseldorf: German Medical Science GMS Publishing House; 2008. Doc08dgppV36

Die elektronische Version dieses Artikels ist vollständig und ist verfügbar unter: http://www.egms.de/de/meetings/dgpp2008/08dgpp46.shtml

Veröffentlicht: 27. August 2008

© 2008 Jantzen et al.
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Zusammenfassung

Einleitung: Sprachentwicklungsdiagnostik ist eine komplexe Aufgabe.

Häufig verwendete Sprachentwicklungstest sind der SETK 3–5 und der SSV 3;0–3;11. Beide Teste (beim SSV nur für die 3-Jährigen) prüfen im Untertest MR (Morphologische Regelbildung) die Pluralbildung als Marker für die grammatische Entwicklung.

Methode: Wir verglichen die Ergebnisse des MR mit der bei uns üblicherweise eingesetzten Diagnostik zur Einschätzung von Syntax und Morphologie anhand des Ravensburger Dysgrammatikermateriales in der Bewertung anhand der Clahsen-Klassifikation.

Die Stichprobe umfasste 201 Kinder im Alter von 4 und 5 Jahren, die in der Klinik für Kommunikationsstörungen wegen des Verdachts auf eine SES vorgestellt wurden oder einen Regelkindergarten in Mainz besucht haben. In unserem Kollektiv hatten von 201 Kindern 89 eine Sprachentwicklungsstörung (mindestens mittleren Grades).

Ergebnis: In der klinischen Einschätzung der grammatischen Entwicklung fand sich bei 91 Kindern ein Entwicklungsrückstand von mindestens 1 Jahr (gegenüber Clahsen-Klassifikation).

Im MR aus dem SETK wurden 65 Kinder als auffällig (T-Wert <40) eingestuft.

Trotz mindestens durchschnittlicher Leistung im MR des SETK 3–5 zeigte die klinische Untersuchung der grammatischen Entwicklung, dass 32 Kinder bezogen auf die Grammatik einen Entwicklungsrückstand von mindestens 1 Jahr, 3 Kinder sogar von mehr als 2 Jahren hatten.

Diskussion: Der Untertest MR aus dem SETK 3–5 erkennt in der Regel Kinder mit auffälliger Syntax und Morphologie. Bei ¼ der Kinder mit unauffälligem Ergebnis im MR des SETK lagen jedoch relevante Defizite in der grammatischen Entwicklung vor.


Text

Einleitung

Sprachentwicklungsdiagnostik ist eine komplexe Aufgabe. Abhängig davon, ob lediglich ein Screening durchgeführt werden soll oder eine Therapie geplant wird, kommen verschiedene Tests zum Einsatz. Im Sprachscreening sollten möglichst alle sprachentwicklungsgestörten Kinder mit einer möglichst kurzen Testzeit erkannt werden (insbesondere hohe Sensitivität wichtig).

Dies kann über die Auswahl einer möglichst repräsentativen sprachlichen Fähigkeit erreicht werden. Neben dem Hörgedächtnis [5] werden häufig die grammatischen Fähigkeiten als Marker für die Sprachentwicklung verwendet. Die Pluralbildung ist ein leicht zu verwendender Marker für die grammatische Entwicklung [1].

Für Zvi Penner [7] stellt die Pluralbildung eine der zentralen grammatischen Fähigkeiten dar, so dass das Training der Pluralbildung ein wichtiger Bestandteil der sprachlichen Förderung ist.

Häufig verwendete Sprachentwicklungstest sind der SETK 3–5 (Testdauer 20–30 min [4]) und der SSV 3;0–3;11 (Kurzform des SETK 3–5, Testdauer max. 10 min [3]). Mit dem SSV soll die Sprachleistungsfähigkeit z.B. im Rahmen der Vorsorgeuntersuchung (z.B. U8) überprüft werden und Risikokinder für eine Sprachentwicklungsstörung erkannt werden. Beide Teste (beim SSV nur für die 3-Jährigen) prüfen im Untertest MR (Morphologische Regelbildung) die Pluralbildung als Marker für die grammatische Entwicklung.

Methode

Wir verglichen die Ergebnisse des MR mit der bei uns üblicherweise eingesetzten Diagnostik zur Einschätzung von Syntax und Morphologie anhand des Ravensburger Dysgrammatikermateriales in der Bewertung anhand der Clahsen-Klassifikation [2]. Darüber hinaus wurden die Ergebnisse des MR und weiterer Unterteste auch mit dem Grad der Sprachentwicklungsstörung verglichen.

Die Stichprobe umfasste 201 Kinder im Alter von 4 und 5 Jahren, die in der Klinik für Kommunikationsstörungen Mainz wegen des Verdachts auf eine SES vorgestellt wurden oder einen Regelkindergarten in Mainz besucht haben. In unserem Kollektiv hatten von 201 Kindern 89 eine Sprachentwicklungsstörung (mindestens mittleren Grades).

Ergebnisse

In der klinischen Einschätzung der grammatischen Entwicklung fand sich bei 91 Kindern ein Entwicklungsrückstand von mindestens einem Jahr (gegenüber der Clahsen-Klassifikation).

In der MR aus dem SETK 3–5 wurden 65 Kinder als auffällig (T-Wert <40) eingestuft. Diese wurden fast ausnahmslos auch klinisch als auffällig eingeschätzt. 136 Kinder erreichten eine mindestens durchschnittliche Leistung in der MR. Bei diesen zeigte die klinische Untersuchung der grammatischen Entwicklung bei 32 Kindern (24%) bezogen auf die Grammatik einen Entwicklungsrückstand von mindestens 1 Jahr, bei 3 Kinder sogar von mehr als 2 Jahren.

Bezogen auf die gesamte Sprachentwicklung fand sich bei unauffälligen Leistungen in der MR bei keinem Kind ein Sprachentwicklungsrückstand von mehr als 2 Jahren und bei 31 von 136 Kindern ein Sprachentwicklungsrückstand von mehr als einem Jahr.

Diskussion

In verschiedenen Verfahren zur Sprachstandserhebung (z.B. KISS [6]) wird die Pluralbildung als eine grammatische Fähigkeit überprüft. Durch den Untertest MR aus dem SETK 3–5 kann in der Regel eine relativ gute Vorhersage dahingehend getroffen werden, ob ein Kind eine auffällige Syntax und Morphologie hat. Bei ¼ der Kinder mit unauffälligem Ergebnis im MR des SETK lagen jedoch relevante Defizite in der grammatischen Entwicklung vor.

Der Untertest MR aus SETK besitzt nicht nur für den Entwicklungsstand der Grammatik, sondern auch für den Gesamtentwicklungsstand der Sprachentwicklung eine hohe prädiktive Kraft. Zur Therapieplanung ist jedoch der Einsatz dezidierterer Testverfahren notwendig.

Abbildung 1 [Abb. 1]

Abbildung 2 [Abb. 2]


Literatur

1.
Berko J. The Child's Learning of English Morphology. Word. 1958;14:150-77.
2.
Clahsen H. Die Profilanalyse. Berlin: Marhold; 1986.
3.
Grimm H, Aktas M, Kießig U. SSV - Sprachscreening für das Vorschulalter, Kurzform des SETK 3-5. Göttingen: Hogrefe Verlag; 2003.
4.
Grimm H. SETK 3–5 Sprachentwicklungstest für drei- bis fünfjährige Kinder. Göttingen: Hogrefe Verlag; 2001. S. 18–20.
5.
Kany W, Schöler H. Fokus Sprachdiagnostik: Leitfaden zur Sprachstandsbestimmung im Kindergarten. Berlin: Cornelsen Verlag; 2007.
6.
Neumann K, Sick U. Das Kinder-Sprach-Screening (KISS) – ein Verfahren zur Feststellung des Sprachstandes vierjähriger Kinder. Vortrag beim DBL-Kongreß 2008 Aachen 22.-24.05.2008. Verfügbar unter: http://www.dbl-ev.de/index.php?id=1311. Externer Link
7.
Penner Z. Plädoyer für eine präventive Frühintervention bei Kindern mit Spracherwerbsstörungen. In: von Suchodoletz W, Hrsg. Therapie von Sprachentwicklungsstörungen: Anspruch und Realität. Stuttgart: Kohlhammer-Verlag; 2002.