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25. Wissenschaftliche Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie e. V.

Deutsche Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie e. V.

12.09. - 14.09.2008, Düsseldorf

Zur Notwendigkeit neuer Konzepte bei der klinischen Betreuung cochlea-implantierter Kleinkinder

Vortrag

  • corresponding author presenting/speaker Doris Adams - MHH, Hannover, Deutschland
  • Anke Lesinski-Schiedat - MHH, Hannover, Deutschland
  • Wolfgang Kanert - MHH, Hannover, Deutschland
  • Thomas Lenarz - MHH, Hannover, Deutschland

Deutsche Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie. 25. Wissenschaftliche Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie. Düsseldorf, 12.-14.09.2008. Düsseldorf: German Medical Science GMS Publishing House; 2008. Doc08dgppV28

Die elektronische Version dieses Artikels ist vollständig und ist verfügbar unter: http://www.egms.de/de/meetings/dgpp2008/08dgpp35.shtml

Veröffentlicht: 27. August 2008

© 2008 Adams et al.
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Zusammenfassung

Durch das Neugeborenen-Hörscreening sollen hochgradig hörgeschädigte Kinder möglichst früh erfasst und mit einem Hörsystem- gegebenenfalls Cochlea-Implantat- versorgt werden, um die Voraussetzungen zu einem hörgerichteten Lautspracherwerb zu ermöglichen.

In einer retrospektiven Studie wurden die in FDA-Tests erhobenen Daten von 112 Kindern über einen Zeitraum von 24 Monaten nach Erstanpassung (EA) analysiert. Verglichen wurden die Daten von Kindern, die innerhalb des ersten Lebensjahres mit CI versorgt wurden (n=23) und solchen, die im zweiten Lebensjahr cochlea-implantiert wurden (n=89).

Beide Gruppen weisen im ersten Jahr nach EA in ihrer Hör-/Sprachentwicklung keine signifikanten Unterschiede auf.

Im zweiten Jahr nach EA zeichnen sich mit der Möglichkeit zur sprachgebundenen Testung Tendenzen eines unterschiedlichen Entwicklungsverlaufs ab.

Es ist zu überlegen, ob das verwendete Testmaterial zur Dokumentation im ersten Jahr nach EA für diesen frühen Altersbereich angemessen ist, da die Unterschiede im Entwicklungsverlauf erst mit den sprachgebundenen Testmöglichkeiten erfasst werden. Es erscheint notwendig, nach geeigneten Entwicklungsmodellen sowie darauf abgestimmten Bewertungskriterien zu forschen.


Text

Einleitung

Durch das Neugeborenen-Hörscreening sollen hochgradig hörgeschädigte Kinder möglichst früh erfasst und mit einem Hörsystem, gegebenenfalls einem Cochlea-Implantat (CI), versorgt werden. Studien belegen, dass frühzeitig cochlea-implantierte Kinder bessere Chancen auf eine annähernd altersgemäße Lautsprachentwicklung haben [1]. Es gibt Hinweise darauf, dass bei diesen Kindern die Vorteile für den Lautspracherwerb innerhalb ihrer Entwicklung immer deutlicher werden [2] und beispielsweise auch in Korrelation mit der späteren Lesefähigkeit gesehen werden können [3].

Die Chance zu einem muttersprachlich hörgerichteten Lautspracherwerb bei Kindern, die vor dem 4. Lebensjahr implantiert wurden und bei denen keine zusätzlichen Beeinträchtigungen diagnostiziert wurden, liegt bei 50%. Die Gründe dafür sind nach wie vor ungeklärt [4].

Material

Untersucht wurden zwei Gruppen von Kindern. Gruppe 1 (Gr. 1) umfasst alle an der Medizinischen Hochschule Hannover innerhalb ihres ersten Lebensjahres implantierten Kinder (N=61) mit einem mittleren Implantationsalter von 0,76 Jahren. Gruppe 2 (Gr. 2) umfasst alle an der Medizinischen Hochschule Hannover innerhalb ihres zweiten Lebensjahres implantierten Kinder (N=107) mit einem mittleren Implantationsalter von 1,57 Jahren. Studienvoraussetzung war ein muttersprachlich deutsches Elternhaus sowie keine Entwicklungsbeeinträchtigung durch diagnostizierte zusätzliche Behinderungen. Das routinemäßig verwendete sogenannte FDA-Testmaterial [5] basiert auf dem Mainzer Kindersprachtest sowie Übersetzungen und Anpassungen aus dem in den USA standardisierten Satztest „Herr Kartoffelkopf“.

In Anbetracht des Lebensalters wurde grundsätzlich ein Elternfragebogen MAIS [6] und MUSS [7] in der deutschen Version angewendet. Soweit als möglich wurde ergänzend das auditive Verständnis für Silbenmuster und Zweisilber (closed-set), Einsilber (open-set) und Sätze (cued open-set) überprüft.

Methode

Es handelt sich um eine retrospektive Studie. Die Kinder wurden prä-operativ, sechs Monate, zwölf Monate und vierundzwanzig Monate nach Erstanpassung untersucht. Da nicht alle Kinder bereits vierundzwanzig Monate versorgt waren und einige Vorstellungstermine nicht eingehalten wurden sind die Gruppengrößen zu den Testterminen unterschiedlich. Einzelne Tests, vor allem der Satztest, waren altersbedingt lediglich bei einer kleinen Anzahl der Kinder zum Ende des Untersuchungszeitraumes durchführbar.

Ergebnisse

Für die Auswertung der Studie wurden die beiden Gruppen in den einzelnen Tests und zu den vier Untersuchungszeitpunkten direkt miteinander verglichen. Dabei zeigen beide Gruppen in den durch den Elternfragebogen MAIS erhobenen Daten zum Trageverhalten, zur Geräuscherkennung und Geräuschunterscheidung eine annähernd gleiche Entwicklung. Im Trageverhalten 1 ist bereits nach sechs Monate in Gr. 1 mit 93% und in Gr. 2 mit 97% eine gute Akzeptanz des neuen Hörens erreicht. Beim Erkennen der ordnungsgemäßen Funktion des CI zeigt sowohl Gr. 1 mit 60% als auch Gr. 2 mit 74% nach sechs Monaten im Trageverhalten 2 ein gutes Ergebnis. Nach zwei Jahren ist es in beiden Gruppen mit 88% zuverlässig. Die Geräuscherkennung gelingt beiden Gruppen bereits nach sechs Monaten zu 83% und steigert sich bis zum Ende des zweiten Jahres auf 86% in Gr. 1 und 89% in Gr. 2. Bei der Geräuschidentifikation ist die Parallelität beider Gruppen ebenfalls zu beobachten. Hier liegen die Ergebnisse beider Gruppen bereits nach sechs Monaten bei 73% und steigern sich nach weiteren sechs Monaten auf 85% in Gr. 1 und 89% in Gr. 2 sowie im zweiten Jahr auf 88% in Gr. 1 und 91% in Gr. 2.

Im Elternfragebogen MUSS geht es um die expressive Lautsprachentwicklung in den Untertests: Kontrolle der Stimmgebung, Anwendung der Lautsprache und Kommunikationsstrategien. Bei der Kontrolle der Stimmgebung setzt sich der parallele Entwicklungsverlauf beider Gruppen fort. Während in den ersten sechs Monaten auch hier eine deutliche Zunahme auf 58% bei Gr. 1 und 61% bei Gr. 2 zu beobachten ist, findet in den nächsten sechs Monaten jeweils eine Steigerung um ca. 15% und im zweiten Jahr nochmals um jeweils 10% statt. In der Anwendung der Lautsprache zeigt die zweite Gruppe im ersten Jahr nach der Erstanpassung bessere Resultate. Sie erreichen nach sechs Monaten 26% und nach zwölf Monaten 50%. Im Vergleich dazu erzielt Gr. 1 nach sechs Monaten 14% und nach zwölf Monaten 34%. Im zweiten Jahr nach Erstanpassung holt Gr. 1 deutlich auf und erreicht nach vierundzwanzig Monaten 67% im Vergleich zu 72% bei Gr. 2. Eine vergleichbare Entwicklung zeigt sich bei den Kommunikationsstrategien. Hier kann die erste Gruppe nach zwei Jahren 62% und Gr. 2 61% erreichen. Dabei hatte im ersten Jahr die zweite Gruppe mit 36% noch einen Vorsprung zu Gr. 1 mit 25%.

Das Unterscheiden von Silbenmustern und Zweisilbern im closed-set gelingt der ersten Gruppe nach sechs Monaten zu 10% bzw. 8% und der zweiten Gruppe zu je 17%. Beide Fähigkeiten kann Gr. 1 in zum Ende des ersten Jahres auf ca. 40% steigern und zum Ende des zweiten Jahres auf 75%. Dem gegenüber verbessert sich Gr. 2 zunächst auf etwa 60% und erreicht nach zwei Jahren 93%. Eine Testung der Einsilber im open-set (Abbildung 1 [Abb. 1]) und der Sätze “Herr Kartoffelkopf“ im cued open-set (Abbildung 2 [Abb. 2]) ist bei der Gr. 1 erst nach zwei Jahren möglich. Die Ergebnisse liegen bei 33% und 29%. Gr. 2 erreicht nach zwölf Monaten bei den Einsilbern 14% und im Satztest 11%. Diese Kinder steigern sich im zweiten Jahr auf 79% im Einsilberverstehen und 47% im Satzverständnis.

Diskussion

Diese Ergebnisse bestätigen, dass die früher implantierten Kinder Vorteile für die Lautsprachentwicklung haben, da sie zu einem früheren Lebensalter vergleichbare audio-verbale Fähigkeiten entwickeln können.

Die Studie zeigt ebenso, dass Unterschiede in den Entwicklungsverläufen beider Gruppen erst mit dem Einsatz sprachgebundener Testung aufgedeckt werden. Gleichzeitig ist jedoch der Einsatz solcher Testungen innerhalb dieses frühen Altersbereiches, vor allem bei den Kindern der ersten Gruppe, kritisch. Es bleibt ungeklärt, ob die audio-verbalen Fähigkeiten vor allem aufgrund äußerer Bedingungen wie mangelnde Mitarbeit, Ausdauer, Aufgabenverständnis und wenig Aufforderungscharakter durch das Testmaterial zu diesem Zeitpunkt nicht messbar sind. Hier muss beachtet werden, dass das Lebensalter der Kinder der zweiten Gruppe, mit durchschnittlich einem Jahr mehr, eine völlig andere Ausgangsbedingung schafft. Daher ist zu überlegen, ob in der klinischen Betreuung cochlea-implantierter Kleinkinder altersentsprechendere Verfahren im Eigentlichen solche, zur Beobachtung und Beurteilung sprachtragender also vorsprachlicher Fähigkeiten, Anwendung finden müssen. Ebenso sollte ein direkter Vergleich dieser Ergebnisse mit denen normalhörender Kinder erfolgen. Dies könnte zur Klärung beitragen, warum nicht alle, der vor dem zweiten Lebensjahr implantierten Kinder, den Anschluss an eine annähernd normale Lautsprache schaffen.


Literatur

1.
Nicholas JG, Geers AE. Will they catch up? J Speech Lang Hear Res. 2007;50(4):1048-62.
2.
Nicholas JG, Geers AE. Effects of early auditory experience on the spoken language of deaf children at 3 years of age. Ear Hear. 2006;27(3):286-98.
3.
Spencer LJ, Oleson JJ. Early Listening and Speaking Skills Predict Later Reading Proficiency in Pediatric Cochlear Implant Users. Ear Hear. 2008;29(2):270-80.
4.
Reichmuth K, et al. Searching for predictors of language development in hearing impaired children with cochlear implant. Dep. of Phoniatrics and Pediatrics Audiology Muenster. Präsentiert während der ICED. 2005.
5.
Lesinski-Schiedat A, Illg A, von der Haar-Heise S, Battmer RD, Lenarz T. Entwicklung des Sprachverstehens und der -produktion bei Kindern nach Cochlear-Implant-Versorgung: Einfluß des Implantatalters. Sprache Stimme Gehör. 1999;23:110-5.
6.
Robbins AM, Osberger MJ. Meaningful use of speech scale (MUSS). Indiana University School of Medicine, Indianapolis/IN; 1990.
7.
Robbins AM, Renshaw JJ, Berry SW. Evaluating meaningful auditory integration in profoundly hearing impaired-children. Am J Otol. 1991;12 (Suppl.):144-50.