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25. Wissenschaftliche Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie e. V.

Deutsche Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie e. V.

12.09. - 14.09.2008, Düsseldorf

Universelles Neugeborenen-Hörscreening: Aspekte des methodischen Vorgehens

Vortrag

  • author presenting/speaker Julia Bräunert - HNO-Klinik des Universitätsklinikums Heidelberg, Heidelberg, Deutschland
  • author Sebastian Hoth - HNO-Klinik des Universitätsklinikums Heidelberg, Heidelberg, Deutschland
  • author Katrin Neumann - Klinik für Phoniatrie und Pädaudiologie der Universität Frankfurt, Frankfurt, Deutschland
  • Hannah Weißschuh - Klinik für Phoniatrie und Pädaudiologie der Universität Frankfurt, Frankfurt, Deutschland
  • corresponding author Cornelia Hornberger - HNO-Klinik des Universitätsklinikums Heidelberg, Heidelberg, Deutschland
  • author Peter Plinkert - HNO-Klinik des Universitätsklinikums Heidelberg, Heidelberg, Deutschland

Deutsche Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie. 25. Wissenschaftliche Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie. Düsseldorf, 12.-14.09.2008. Düsseldorf: German Medical Science GMS Publishing House; 2008. Doc08dgppV04

Die elektronische Version dieses Artikels ist vollständig und ist verfügbar unter: http://www.egms.de/de/meetings/dgpp2008/08dgpp04.shtml

Veröffentlicht: 27. August 2008

© 2008 Bräunert et al.
Dieser Artikel ist ein Open Access-Artikel und steht unter den Creative Commons Lizenzbedingungen (http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/deed.de). Er darf vervielf&aauml;ltigt, verbreitet und &oauml;ffentlich zug&aauml;nglich gemacht werden, vorausgesetzt dass Autor und Quelle genannt werden.


Gliederung

Zusammenfassung

Mit der bevorstehenden Einführung des NHS als verbindliche Leistung werden vielerorts neue Screeningprogramme aufgebaut werden müssen. Am Universitätsklinikum Heidelberg wurden screening, tracking und follow-up in Zusammenarbeit mit der Frauen- und Kinderklinik durchgeführt. Es wurden immer OAE u. ABR und immer beide Ohren untersucht (n=2985 Messungen an 1175 Ohren von 452 Kindern). Unter den üblichen PASS-Kriterien wurden 8 Varianten für ein 1- und ein 2-stufiges Screening-Protokoll ausgewertet: Zwischen 75 u. 99% der Kinder bestehen das Screening, je nachdem ob das bds. Bestehen beider Tests in der 1. Stufe oder das 1-seitige Bestehen zumindest 1 Tests in 2 Stufen gefordert wird. OAE und ABR sind hinsichtlich der PASS-Rate nahezu gleichwertig. Die Analyse der 2985 Einzelmessungen ergibt, dass dies bei den OAE in 77% und bei den ABR in 85% der Fälle gelingt. Die Tests werden in jeder Stufe wiederholt. Bei den OAE sind bis zu 9, bei den ABR 1 Wiederholung ausreichend, um eine Stufenspezifität von 90% zu erreichen. So wird eine Prozessspezifität von 99% erzielt. Der Einarbeitungseffekt spiegelt sich in Lernkurven für Untersuchungsdauer und Elektroden-Impedanz wider: Beide Größen nehmen im Laufe der ersten Monate ab, EEG-Reststörung und Spezifität bleiben gleich. Bei der pädaudiologischen Kontrolluntersuchung von 46 nicht unauffällig gescreenten Kindern wurde der 33 Male angetroffenen Konstellation nicht unauffälliger OAE bei unauffälligen ABR besondere Aufmerksamkeit zugewendet. Die nochmalige Messung der OAE ergab bei 82% der Kontrollen ein unauffälliges Ergebnis. In den anderen Fällen wurden Tubenbelüftungsstörungen diagnostiziert, die sich offenbar auf das OAE-Screening stärker als auf das ABR-Screening auswirken.


Text

Mit der bevorstehenden Einführung des Neugeborenen-Hörscreenings (NHS) als verbindliche Leistung ergibt sich vielerorts die Notwendigkeit, die methodische Durchführung und organisatorische Umsetzung eines Screeningprogramms auf der Basis der gründlichen Vorarbeiten bereits bestehender und ausführlich dokumentierter Pilotprojekte individuell zu erarbeiten. Am Universitätsklinikum Heidelberg wurden screening, tracking und follow-up aus eigenen Ressourcen in Zusammenarbeit mit der Frauenklinik (Ärztlicher Direktor: Prof. Dr. Christof Sohn) und dem Zentrum für Kinder- und Jugendmedizin (Ärztlicher Direktor: Prof. Dr. Georg Hoffmann) durchgeführt, um die Untersuchungsmethoden zu optimieren und das Verhältnis von Aufwand zu Ertrag zu analysieren.

Es besteht heute kaum ein Zweifel mehr daran, dass das NHS nur in der Kombination von OAE (otoacoustic emissions) und ABR (auditory brainstem responses) realisiert werden kann. Daher wurden in dieser Studie nach Möglichkeit immer OAE und ABR (Fischer-Zoth EchoScreen) und immer beide Ohren untersucht (n=2985 Messungen an 1175 Ohren von 452 Kindern). Unter den möglichen und üblichen PASS-Kriterien wurden insgesamt 8 Varianten betrachtet und sowohl für ein einstufiges als auch für ein zweistufiges Screening-Protokoll ausgewertet (s. Tabelle 1 [Tab. 1])

Es ist zu erkennen dass zwischen 75% und 99% der Kinder das Screening bestehen, je nachdem ob das beidseitige Bestehen beider Tests in der ersten Stufe oder das einseitige Bestehen zumindest eines Tests in zwei Stufen gefordert wird, und es zeigt sich weiterhin, dass OAE und ABR hinsichtlich der PASS-Rate nahezu gleichwertig sind. Da jede Screeningstufe i.A. mehrere Versuche beinhaltet, lassen diese Zahlen noch keine Aussage über die Wahrscheinlichkeit zu, mit der ein Test bereits beim ersten Versuch bestanden wird (was unter der in guter Näherung gültigen Annahme, dass alle untersuchten Kinder normalhörend sind, der Spezifität entsprechen würde). Einer Analyse der 2985 Einzelmessungen kann aber entnommen werden, dass dies bei den OAE in nur 77% und bei den ABR in 85% der Fälle gelingt. Um aufwendige Folgemaßnahmen zu vermeiden, werden daher üblicherweise die Tests in jeder Stufe nach Ermessen des Untersuchers wiederholt (falls nicht bereits der erste Versuch ein PASS ergibt). Die Auswertung der Daten unter dem Aspekt von Effektivität und Effizienz zeigt, dass bei den OAE bis zu 9 (!) Wiederholungen und bei den ABR eine Wiederholung erforderlich und ausreichend ist, um eine Stufenspezifität von 90% zu erreichen. Auf diese Weise wird, da dies ebenso für die zweite Stufe (Nachscreening) gilt, eine Prozessspezifität von 99% erzielt.

Die Analyse der Spezifität in Abhängigkeit von der Zeit seit Beginn der Screening-Aktivität zeigt glücklicherweise keine signifikante Entwicklung – gründliche Schulung der Untersucher vorausgesetzt. Der Effekt von Einarbeitung und Routine spiegelt sich aber in den Lernkurven für die Untersuchungsdauer und die Elektroden-Impedanz wieder: Beide Größen nehmen für jeden Untersucher im Laufe der ersten Monate ab, wohingegen die EEG-Reststörung (noise) und (wie erwähnt) die Spezifität gleich bleiben.

Bei der pädaudiologischen Kontrolluntersuchung von 46 nicht unauffällig gescreenten Kindern wurde der insgesamt 33 Male angetroffenen Konstellation nicht unauffälliger OAE bei unauffälligen ABR besondere Aufmerksamkeit zugewendet. Die nochmalige Messung der OAE ergab bei 82% der bisher durchgeführten Kontrollen ein unauffälliges Ergebnis. In den anderen Fällen wurden Tubenbelüftungsstörungen diagnostiziert, die sich offenbar auf das OAE-Screening stärker als auf das ABR-Screening auswirken. Der Frage, ob für diese Konstellation auch falsch unauffällige ABR ursächlich sein können, wird derzeit nachgegangen.