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Dreiländertagung D-A-CH
24. Wissenschaftliche Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie e. V.

Deutsche Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie e. V.

28. - 30.09.2007, Innsbruck, Österreich

Defizite im Kurzzeitgedächtnis (KG) bei Sprachentwicklungsstörungen (SES)

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  • corresponding author presenting/speaker Andreas Nickisch - Abtg. Phoniatrie und Pädaudiologie, Kinderzentrum München, Institut für Soziale Pädiatrie, München, Deutschland
  • author Rüdiger von Kries - Kinderzentrum München, Institut für Soziale Pädiatrie, München, Deutschland

Deutsche Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie. Sektion Phoniatrie der Österreichischen Gesellschaft für HNO-Heilkunde, Kopf- und Halschirugie. Schweizerische Gesellschaft für Phoniatrie. Dreiländertagung D-A-CH, 24. Wissenschaftliche Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie e.V.. Innsbruck, Österreich, 28.-30.09.2007. Düsseldorf: German Medical Science GMS Publishing House; 2007. Doc07dgppP17

Die elektronische Version dieses Artikels ist vollständig und ist verfügbar unter: http://www.egms.de/de/meetings/dgpp2007/07dgpp48.shtml

Veröffentlicht: 28. August 2007

© 2007 Nickisch et al.
Dieser Artikel ist ein Open Access-Artikel und steht unter den Creative Commons Lizenzbedingungen (http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/deed.de). Er darf vervielf&aauml;ltigt, verbreitet und &oauml;ffentlich zug&aauml;nglich gemacht werden, vorausgesetzt dass Autor und Quelle genannt werden.


Zusammenfassung

Einleitung: Bei SES ist bislang offen, ob Unterschiede im KG zwischen expressiver (ESES) und rezeptiver SES (RSES) bestehen.

Methode: 21 Kinder mit ESES und 21 mit RSES wurden untereinander nach Alter und nonverbalem IQ sowie auch mit 21 sprachunauffälligen Kindern (KO) gematched. Die Gruppeneinteilung in ESES und RSES erfolgte über 5 Subtests aus dem Heidelberger Sprachentwicklungstest, die auch bei allen KO vorgenommen wurden. Mittelwerte (M) und 95%-Konfidenzintervalle (95KI) wurden berechnet.

Ergebnisse: ESES und RSES unterschieden sich im auditiv-verbalen KG (Zahlen- und Sinnlossilbenfolgen) von den KO, jedoch ohne Differenzen zwischen ESES und RSES. Dagegen war das rein visuelle KG (Symbolfolgen) bei RSES (M=43.2; 95KI=39.3-47.0) signifikant schlechter (ANOVA-p=.022; posthoc Student-Newan-Keuls-Test p<.05) gegenüber ESES (M=49.0; 95KI=45.3-52.7) und den KO (M=50.6; 95KI=45.8-55.4), während sich zwischen ESES und KO keine Gruppendifferenzen ergaben. Im visuell-motorischen KG (Handbewegungsfolgen) bestanden keine signifikanten Gruppenunterschiede.

Diskussion: KG-Defizite bei SES sind häufig, insbesondere das auditiv-verbale KG betreffend. ESES und RSES unterscheiden sich hierbei nicht. Zusätzlich sind bei Kindern mit RSES Einschränkungen des rein visuellen KG nachweisbar, jedoch nicht bei ESES. Insofern scheinen RSES nicht nur komplexer vom Umfang der betroffenen Sprachebenen zu sein, sondern zusätzlich zu den verbal-auditiven häufiger auch visuelle KG-Störungen aufzuweisen.


Text

Einleitung

Zahlreiche Studien wiesen übereinstimmend Defizite im auditiv-verbalen KG bei Kindern mit SES im Vergleich zu sprachunauffälligen Kontrollkindern nach, sowohl für Kunstwörter [2], [4], [5], [6], [11], [12], [15], [16], [17], für Zahlen [8], [10], [11], [12], [15], [18] als auch für Realwörter [9], [13]. Dagegen waren die Ergebnisse für visuelle KG-Leistungen bei SES-Kindern uneinheitlich (Gruppendifferenzen signifikant [3], [7], [9], [11] bzw. nicht signifikant [2], [1], [10], [18]). Bei den bisherigen Studien bestanden, sowohl für die Untersuchungen zum auditiv-verbalen als auch zum visuellen KG, die untersuchten sprachauffälligen Gruppen vorwiegend aus SLI mit rezeptiven Anteilen, rezeptiven SES (RSES) oder Gruppen, in denen expressive SES (ESES) und RSES vermischt wurden. Bislang wurde nicht untersucht, ob Unterschiede in den verschiedenen KG-Leistungen zwischen ESES und RSES bestehen.

Methode

21 Kinder mit ESES und 21 mit RSES wurden untereinander nach Alter und nonverbalem IQ sowie auch mit 21 sprachunauffälligen Kindern (KO) gematched. Alle Kinder wiesen ein regelrechtes peripheres Hörvermögen beidseits auf, einen nonverbalen IQ über 85, keine neurologischen Auffälligkeiten, keine strukturellen Erkrankungen der Sprechorgane und keine autistische Störungen. Die Gruppeneinteilung in ESES und RSES erfolgte über 5 Subtests aus dem Heidelberger Sprachentwicklungstest (rezeptive Tests: Verstehen grammatischer Strukturen, Korrektur semantischer Inkonsistenzen; expressive Tests: Satzbildung, Wortfindung, Imitation grammatischer Strukturen). Alle Tests wurden auch bei allen KO vorgenommen. Eine SES wurde definiert, wenn mindestens zwei der fünf Subtests aus dem HSET schlechter als eine Standardabweichung (SD) vom Mittelwert (MW) lagen. Wies der MW aus den beiden rezeptiven Tests zusätzlich einen T-Wert unter 40 auf, wurde eine RSES klassifiziert, bei Werten über 40 eine ESES. Alle Kontrollkinder zeigten T-Werte von über 40 in allen 5 Subtests aus dem HSET.

Das Altersmatching erfolgte innerhalb einer Altersspanne von 13 Monaten (mittlere Differenz 6.9 Monate, SD 4.3 Monate), das IQ-Matching (nonverbaler IQ im HAWIK oder K-ABC) innerhalb einer IQ-Spanne von 14 Punkten (mittlere Differenz 6.2, SD 4.3).

Die KG-Leistungen aller Kinder wurden beurteilt über die Subtests Zahlenfolgengedächtnis und Symbolfolgengedächtnis (jeweils Psycholinguistischer Entwicklungstest), den Mottiertest sowie den Subtest Handbewegungen aus dem K-ABC.

Gruppenunterschiede wurden über die MW und die 95%-Konfidenzintervalle (KI) untersucht, bei signifikantem ANOVA-p-Wert erfolgte posthoc der Student-Newman-Keuls-Test (SNKT).

Ergebnisse

Die Gruppen-MW der KO, ESES und RSES unterschieden sich nicht bezüglich Alter und nonverbaler Intelligenz. Hinsichtlich des expressiven Sprachquotienten unterschieden sich beide SES-Gruppen von den Kontrollkindern (KO), jedoch ergaben sich keine Gruppen-MW-Differenzen zwischen ESES und RSES. Bezüglich des rezeptiven Sprachquotienten (RSQ) unterschieden sich alle drei Gruppen voneinander: während der RSQ der RSES deutlich unterdurchschnittlich lag, fand sich der RSQ der ESES zwar schlechter als derjenige der KO, aber noch im Durchschnittsbereich (Tabelle 1 [Tab. 1]).

ESES und RSES unterschieden sich bezüglich der MW im auditiv-verbalen KG (Zahlen- und Sinnlossilbenfolgen) von den KO, jedoch ohne MW-Differenzen zwischen ESES und RSES (Tabelle 2 [Tab. 2]). Dagegen lagen die Gruppen-MW des rein visuellen KG (Symbolfolgen) bei RSES signifikant schlechter gegenüber ESES und den KO (SNKT jeweils p<.05), während sich zwischen ESES und KO keine Gruppen-MW-differenzen ergaben. Im visuell-motorischen KG (Handbewegungsfolgen) waren die Werte der RSES im Vergleich zu den KO und den ESES leicht zu geringeren T-Werten hin verschoben, jedoch ohne signifikante Gruppen-MW-unterschiede in der ANOVA (Tabelle 2 [Tab. 2]).

Diskussion

Auditiv-verbale KG-Defizite bei SES sind häufig. ESES und RSES unterscheiden sich hierbei nicht. Dies steht in Einklang mit den Ergebnissen anderer Autoren (siehe oben). Zusätzlich weisen die Kinder mit RSES auch Einschränkungen des rein visuellen KG auf. Die Inkonsistenzen der Befunde anderer Autoren führen wir zurück auf die dort prinzipiell nicht erfolgte Gruppenaufteilung in ESES und RSES sowie zusätzlich auf zu geringe Studienpopulationen [10], im Vorfeld zur Studie nicht beurteilte rezeptiven Sprachleistungen [18] oder Untersuchungen mit Arbeitsgedächtnisaufgaben, jedoch nicht mit Symbolfolgen [2].

Insofern scheinen RSES nicht nur komplexer vom Umfang der betroffenen Sprachebenen zu sein, sondern zusätzlich auch generalisierte KG-Störungen aufzuweisen. Dies könnte eine Ursache der schlechteren Therapieerfolge bei RSES [14] darstellen. Es wird empfohlen, bei jeder SES eine Diagnostik der verschiedenen auditiven KG-Leistungen vorzunehmen sowie im Fall von auditiven KG-Auffälligkeiten auch das visuelle KG zu untersuchen.


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