gms | German Medical Science

23. Wissenschaftliche Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie e. V.

Deutsche Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie e. V.

15. - 17.09.2006, Heidelberg

Hirnstammaudiometrie im Melatonin-induzierten Schlaf bei Kindern - Erfahrungsbericht von 250 Untersuchungen

Brainstem audiometry in melatonin-induced sleep in children - a field report of 250 investigations

Vortrag

  • corresponding author presenting/speaker Claus-Michael Schmidt - Universitätsklinikum Münster Klinik und Poliklinik für Phoniatrie und Pädaudiologie, Münster, Germany
  • Arne Knief - Universitätsklinikum Münster Klinik und Poliklinik für Phoniatrie und Pädaudiologie, Münster, Germany
  • Dirk Deuster - Universitätsklinikum Münster Klinik und Poliklinik für Phoniatrie und Pädaudiologie, Münster, Germany
  • Peter Matulat - Universitätsklinikum Münster Klinik und Poliklinik für Phoniatrie und Pädaudiologie, Münster, Germany
  • Antoinette am Zehnhoff-Dinnesen - Universitätsklinikum Münster Klinik und Poliklinik für Phoniatrie und Pädaudiologie, Münster, Germany

Deutsche Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie. 23. Wissenschaftliche Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie. Heidelberg, 15.-17.09.2006. Düsseldorf, Köln: German Medical Science; 2006. Doc06dgppV36

Die elektronische Version dieses Artikels ist vollständig und ist verfügbar unter: http://www.egms.de/de/meetings/dgpp2006/06dgpp54.shtml

Veröffentlicht: 5. September 2006

© 2006 Schmidt et al.
Dieser Artikel ist ein Open Access-Artikel und steht unter den Creative Commons Lizenzbedingungen (http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/deed.de). Er darf vervielf&aauml;ltigt, verbreitet und &oauml;ffentlich zug&aauml;nglich gemacht werden, vorausgesetzt dass Autor und Quelle genannt werden.


Zusammenfassung

Die Hirnstammaudiometrie (BERA) als eine der wichtigsten Untersuchungsmethoden in der Pädaudiologie gelingt häufig nur in Sedierung oder Vollnarkose. Seit 2003 führen wir in der Klinik und Poliklinik für Phoniatrie und Pädaudiologie des Universitätsklinikums Münster Hirnstammaudiometrien im Melatonin-induzierten Schlaf durch. Melatonin induziert einen natürlichen Schlaf ohne die Risiken einer Sedierung. Insgesamt 250 Kinder (142 m, 108 w) mit Verdacht auf Hörstörung wurden untersucht, Klick-induzierte und Notched-Noise-BERA- Messungen durchgeführt. Bei 216 von 249 Kindern oder 86,7% (123 m, 93 w) gelang eine Klick-BERA, bei 115 von 155 Kindern (74,2%) im Anschluss eine Notched-Noise-BERA. Die Erfolgsraten waren deutlich altersabhängig: Bei Kindern bis 1 Jahr schlugen 4%, bei Kindern über 3 Jahre 25% der Untersuchungen fehl. Die Erfolgsraten zeigten keine Geschlechterdifferenz. Zusammenfassend konnte mit der Hirnstammaudiometrie im Melatonin-induzierten Schlaf eine Untersuchungsmethode etabliert werden, die sich als gute Alternative zur Sedierung erwiesen hat, insbesondere bei Kindern bis 3 Jahren. Das Verfahren wird von den Eltern gut angenommen und beschleunigt die Diagnostik von Hörstörungen in der klinischen Routine. Die Anzahl der Vollnarkosen für Hirnstammaudiometrien im Universitätsklinikum Münster konnte um über 80% von über 60 (2000 bis 2002) auf 12 (2005) reduziert werden.


Text

Einführung

Dass Hirnstammaudiometrien bei Kindern in Melatonin-induziertem Schlaf möglich sind, konnten wir in einer vorangehenden Studie zeigen [2]. Ziel dieser Untersuchung war es, die Methode bei einer großen Gruppe von Kindern zu evaluieren und die möglichen Einflussfaktoren Alter und Geschlecht zu betrachten. Weiterhin war von Interesse, ob die Häufigkeit von Vollnarkosen reduziert werden kann.

Patienten und Methoden

250 Kinder mit Verdacht auf Hörstörung wurden im Melatonin-induzierten Schlaf hirnstammaudiometrisch untersucht. Das Melatonin, von unserer Klinikapotheke synthetisch hergestellt, wurde in Wasser aufgelöst verabreicht: Kinder bis zu einem Jahr erhielten 5 mg, Kinder zwischen 1 und 6 Jahren 10 mg und ältere Kinder 20 mg. Im Einzelfall wurde die Dosierung variiert.

Durchführung der Messung:

1.
Reinigung der Elektrodenklebestellen
2.
Gabe von Melatonin (Dosierung s.o.)
3.
Einschlafen: Kinderwagen/ im Arm/ BERA-Raum (je n. Alter/ Vigilanz)
4.
Positionierung auf Liege, Elektroden anbringen, Kopfhörer aufsetzen
5.
Beginn Klick mittlerer Pegel (45-55 dB), Ohren alternierend beschallen
a) wenn bei mittleren Pegeln kein Potential, direkt Pegelerhöhung
b) Wenn Reizantwort, erst Schwelle bestimmen, dann höhere Pegel (überschwellige Diagnostik)
6.
Bei V. a. einseitige Schwerhörigkeit erst schwerhöriges Ohr messen
7.
Nach Klick ggf. NN-Messung
8.
Untersuchungsende: Wenn BERA komplett bzw. Kind aufwacht und nicht wieder einschläft, bei Nicht-Einschlafen Abbruch nach max. 60 Minuten
9.
Vor Entlassung abschließende ärztliche Untersuchung. Etwaige Besonderheiten nach Entlassung wurden telefonisch erfasst.

Ergebnisse

250 Kinder (142 m, 108 w) wurden untersucht. Das Alter variierte von 1 Monat bis 13,7 Jahren, der Mittelwert lag bei 2,3 Jahren (Standardabweichung (SD) 2,2 Jahre). 230 Kinder schliefen nach Melatoningabe ein, die mittlere Einschlafzeit lag bei 32 (SD 21) Minuten. Eine Klick-BERA gelang bei 216 Kindern (86,7%; 123 m, 93 w, mittleres Alter 2,2 Jahre). Bei 154 Kindern wurde anschließend eine NN-BERA durchgeführt. Bei einem Kind wurde ohne vorherige Klick-BERA direkt eine NN-BERA durchgeführt. NN-Messungen gelangen bei 115 Kindern (74,7%) in mindestens 2 Frequenzen: in allen vier Frequenzen bei 44, in drei Frequenzen bei 44, in zwei Frequenzen bei 27 Kindern. Die Anzahl in Vollnarkose durchgeführten Messungen konnte von 74 (2001) auf 12 (2005) reduziert werden, eine Verminderung von 83,8%. Bei 34 Kindern gelang keine BERA (mittleres Alter 3,2 Jahre, SD 1,9 Jahre). Der Untersuchungserfolg war nicht von Geschlecht oder Ausmaß des Hörverlustes, jedoch vom Alter der Patienten abhängig. Die Misserfolgsquote betrug 4% bei den unter 1-Jährigen, 12% bei Kindern zwischen einem und drei Jahren und 25,4% bei Kindern älter als drei Jahre. Unerwünschte Nebenwirkungen traten nicht auf.

Diskussion

Um Hirnstammaudiometrien bei Kindern durchzuführen, ist meist eine Sedierung oder Narkose notwendig. Dies ist mit gesundheitlichen Risiken für das Kind und mit personellem und logistischem Aufwand verbunden. Melatonin als körpereigenes Epiphysenhormon, das zur Regulierung des Schlaf-Wach-Rhythmus ausgeschüttet wird, hat eine schlafinduzierende, jedoch keine sedative Wirkung. Unerwünschte Nebenwirkungen konnten in Langzeitstudien nicht nachgewiesen werden [3]. In den meisten Industrieländern ist Melatonin frei verkäuflich. Da keine Medikamentenzulassung besteht, erfolgt der Einsatz in Deutschland als „off-label-use“.

Wir haben 250 Kinder im Melatonin-induzierten Schlaf untersucht. Die Erfolgsquote liegt bei insgesamt 86,7%, vergleichbar mit EEG- Untersuchungen [1], [4]. Dies rechtfertigt unseren Erachtens vor Veranlassung einer Sedierung oder Narkose den Versuch einer BERA im Melatonin-induzierten Schlaf. Der Anteil der Kinder, bei denen die Untersuchung nicht gelang, stieg mit zunehmendem Alter an. Ältere Kinder zeigten ein stärkeres Interesse für ihre Umgebung, der Schlaf ließ sich weniger leicht herbeiführen.

Notched-Noise-Messungen im Anschluss gelangen nicht immer (Erfolgsquote 74,7%), besonders nicht in allen Frequenzen, da die Dauer der Messung (ca. 1,5 Stunden für Klick und NN auf beiden Seiten) die Schlafphase (meist knapp eine Stunde) oft überschreitet. Infolgedessen sind u. U. mehrere Messungen für die frequenzspezifische Hörschwellenermittlung notwendig. Diese können aber nach erfolgter Bestätigung der Schwerhörigkeit durch Klick-Messung auch parallel zur Hörgeräteversorgung stattfinden, so dass diese nicht verzögert wird. Andere pädaudiologische Einrichtungen berichteten uns über niedrigere Erfolgsquoten. Grundsätzlich sind bei einer Untersuchung im Schlaf alle Weckreize zu minimieren.

Mögliche Schwierigkeiten:

1.
Kind schläft auch nach 30 Minuten nicht ein => ggf. erneute Melatoningabe, alternativ: mit Untersuchung beginnen, Schallreiz wirkt schlafinduzierend. Die während der Wachphase gemessenen Kurven im Schlaf erneut messen und artefakthaltige Wachkurven verwerfen.
2.
Kind wacht während Untersuchung auf => weiter beschallen (siehe 1.)

Wie auch bei der Sedierung kann im Gegensatz zur Narkose keine Mittelohrsanierung durchgeführt werden, was die Anwendung auf Kinder ohne Mittelohrproblematik beschränkt oder ein zweizeitiges Vorgehen erfordert. Insgesamt ist die BERA-Messung im Melatonin-induzierten Schlaf eine gute Alternative zur Sedierung oder Vollnarkose mit hoher Erfolgsquote vor allem bei jüngeren Kindern und hoher Akzeptanz bei den Eltern. Durch die Unabhängigkeit von anderen Fachdisziplinen (Anästhesie) wird die Diagnostik der kindlichen Schwerhörigkeit im klinischen Alltag beschleunigt.


Literatur

1.
Milstein V, Small JG, Spencer DW. Melatonin for sleep EEG. Clin Electroencephal. 1998;29:49-53.
2.
Schmidt CM, Bohlender JE, Deuster D, Knief A, Matulat P, Lamprecht-Dinnesen A. Melatonin als Alternative zur Sedierung bei Durchführung einer Hirnstammaudiometrie bei Kindern. Laryngo-Rhino-Otologie. 2004;83:523-8.
3.
Seabra ML, Bignotto M, Pinto LR Jr, Tufik S. Randomized, double-blind clinical trial, controlled with placebo, of the toxicology of chronic melatonin treatment. J Pineal Res. 2000;29:193-200.
4.
Wassmer E, Carter PF, Quinn E, Mc Lean N, Wesh G, Seri S, Whitehouse WP. Melatonin is useful for recording sleep EEGs: a prospective audit of outcome. Dev Med Child Neurol. 2001;43:735-8.