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23. Wissenschaftliche Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie e. V.

Deutsche Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie e. V.

15. - 17.09.2006, Heidelberg

Subjektiv wahrgenommene soziale und emotionale Integration hörgeschädigter Grundschüler

Vortrag

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  • corresponding author presenting/speaker Thorsten Burger - Bildungs- und Beratungszentrum für Hörgeschädigte in Kooperation mit der HNO-Uniklinik Freiburg, Stegen, Deutschland
  • author Alexandra Vetter - Psychologisches Institut der Universität Freiburg, Freiburg, Deutschland

Deutsche Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie. 23. Wissenschaftliche Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie. Heidelberg, 15.-17.09.2006. Düsseldorf, Köln: German Medical Science; 2006. Doc06dgppV31

Die elektronische Version dieses Artikels ist vollständig und ist verfügbar unter: http://www.egms.de/de/meetings/dgpp2006/06dgpp43.shtml

Veröffentlicht: 5. September 2006

© 2006 Burger et al.
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Zusammenfassung

Für hörgeschädigte Schüler stehen je nach Bundesland und lokaler Versorgungsstruktur unterschiedliche Formen der Beschulung zur Verfügung. Bei dem Modell der integrierten Beschulung Hörgeschädigter werden Schüler an Regelschulen gemeinsam mit hörenden Schülern von Hörgeschädigtenpädagogen und Regelschullehrern unterrichtet. Ein anderes Modell ist die Beschulung an Sonderschulen für Hörgeschädigte.

Trotz einer bereits lange andauernden Diskussion zu Stärken und Schwächen des jeweiligen Ansatzes liegen nur wenige empirische Befunde darüber vor.

In dem vorgestellten Projekt werden im Raum Südbaden integriert beschulte hörgeschädigte Schüler über eine Selbstbeurteilung (FDI 4-6) zu dem Ausmaß ihrer Integration befragt. Zusätzlich werden Sprachfertigkeiten diagnostiziert und emotionale Auffälligkeiten über den Lehrer erfragt (SDQ-D). Als Kontrollgruppe werden entsprechende Daten von Schülern einer Sonderschule für Hörgeschädigte erfasst. Die angestrebte Fallzahl von ca. 60 Schülern erlaubt eine quantitative Auswertung des gewonnenen Datenmaterials (korrelative Überprüfung der Zusammenhänge der erhobenen Konstrukte und inferenzstatistische Berechnungen zu den unterschiedlichen Beschulungsmodellen).

Auf der diesjährigen DGPP-Jahrestagung können erste Ergebnisse dieses Projekts vorgestellt werden.


Text

Einleitung

Für hörgeschädigte Schüler stehen je nach Bundesland und lokaler Versorgungsstruktur unterschiedliche Formen der Beschulung zur Verfügung. Bei dem Modell der integrierten Beschulung Hörgeschädigter werden Schüler an allgemeinen Schulen gemeinsam mit guthörenden Schülern von Hörgeschädigtenpädagogen und Allgemeinschullehrern unterrichtet. Ein anderes Modell ist die Beschulung an Sonderschulen für Hörgeschädigte. In Deutschland werden etwa 30% der hörgeschädigten Kinder integriert beschult, wobei große regionale und bundeslandbezogene Schwankungen vorliegen [1]. Vor dem Hintergrund der gesetzlich angestrebten räumlichen und kommunikativen Barrierefreiheit behinderter Menschen erscheint dieser Anteil gering, was größtenteils auf die mit der Hörschädigung korrespondierenden Kommunikationsbehinderung zurückzuführen ist. Bislang existiert wenig Literatur, die den Ist-Zustand zum Thema der schulischen Integration schwerhöriger Schüler beschreibt. Preuss-Lausitz [2] stellte fest, dass die Effizienz bezogen auf die schulischen Leistungen gut untersucht und nachgewiesen ist. Bisher wenig untersucht ist allerdings das persönliche Erleben der integriert beschulten hörgeschädigten Kinder. Untersuchungsergebnisse legen nahe, dass die emotionale Integration im Laufe der Schulzeit abnimmt, was als Hauptgrund für Schulwechsel von der Regelschule in eine Sonderschule angesehen wird [1].

Aktuelle Befunde von Hintermair [3], die den Zusammenhang von kommunikativen Fähigkeiten und dem Ausmaß an sozial-emotionalen Problemen hörgeschädigter Kinder aufzeigen, legen nahe, den Forschungsfokus im Feld der integrativen Beschulung auf kommunikative Kompetenz und psychische Belastung zu legen.

In dem hier vorgestellten Kooperationsprojekt des Bildungs- und Beratungszentrums (BBZ) für Hörgeschädigte Stegen und der Universität Freiburg (HNO-Klinik und Psychologisches Institut) werden Grundschüler der Sonderschule und Grundschüler, welche in Außenklassen integriert beschult werden, hinsichtlich der Merkmale „sprachliche Kompetenz“, „sozial-emotionale Probleme“ und „Subjektive Integration“ untersucht.

Methode

Stichprobe: Aus der Grundschule des BBZ Stegen werden 31 Grundschüler der Klassen eins bis vier rekrutiert. Aus den sogenannten Außenklassen (vollständig integrierte Klassen und Klassen mit normalhörenden Partnerklassen) werden weitere 31 Grundschüler der Klassenstufen eins bis vier untersucht.

Instrumente: Das Ausmaß an sozial-emotionalen Problemen des Schülers wird über den SDQ-D [4], welcher von der Klassenlehrerin ausgefüllt wird, erfasst. Das Instrument umfasst 25 Items, die den Skalen „ Hyperaktivität“, „emotionale Probleme“ „Probleme mit Gleichaltrigen“ „Verhaltensauffälligkeiten“ und „Prosoziales Verhalten“ zugeordnet sind.

Die subjektive Integration wird mittels einer Kurzversion des FDI 4-6 [5] erhoben. Aus Gründen der Zeitökonomie und vor allem aber der Gefahr einer Überforderung der Schüler wurden aus den ursprünglich 45 Items die 15 Items mit den jeweils höchsten Faktorladungen für die Kurzversion ausgewählt. Das Instrument besteht aus den Skalen „emotionale Integration“, „soziale Integration“ und „leistungsmotivationale Integration“. Der Fragebogen wird in einer „Eins-zu-Eins“-Untersuchungssituation der Untersucherin mit dem Schüler bearbeitet.

Die kommunikative Kompetenz der Schüler wird durch den HAWIK III Subtest „Wortschatz“ im direkten Kontakt mit dem Schüler erhoben. Zur Erhöhung der Validität wird die sprachliche Kompetenz des hörgeschädigten Kindes zusätzlich durch den Lehrer über Einzelitems des „ELFRA“ eingeschätzt.

Ergebnisse

Das Untersuchungsprojekt befindet sich aktuell in der Datenerhebungsphase. Für einen geringen Teil der sonderbeschulten Kinder (N = 8) liegen bereits erste Befunde zum Sprachstatus vor. Dieser befindet sich erwartungskonform signifikant unterhalb der Norm der Kohorte hörgesunder Geichaltriger. Auf der 23. Jahrestagung der DGPP werden die Ergebnisse der bis dahin abgeschlossenen Untersuchung präsentiert. Die Auswertung und die Präsentation des Datenmaterials erfolgt auf drei Ebenen:

1.
Die Deskription: Eine Beschreibung des Ist-Zustands hinsichtlich der drei Kernkonstrukte „Kommunikative Kompetenz“ „subjekte Integration“ und sozial-emotionale Probleme“.
2.
Der inferenzstatistische Vergleich von Schülern der Sonderschule und der integriert beschulten hörgeschädigten Schüler hinsichtlich der drei Kernkonstrukte
3.
Korrelative Untersuchungen zu dem Zusammenhang der untersuchten Konstrukte.

Diskussion

Mit dem vorzustellenden Forschungsprojekt wird über drei relevante Dimensionen der Ist-Zustand der schulischen Integration hörgeschädigter Schüler untersucht. Im Mittelpunkt steht dabei das subjektive Befinden der Schüler. Wichtiges Anliegen des Forschungsprojekts ist, die Diskussion im Kontext der Integration hörgeschädigter Kinder mit empirischem Material zu bereichern und damit einen Beitrag zur Optimierung der Förderbedingungen schwerhöriger Kinder zu leisten.

Bei der Interpretation der Ergebnisse darf allerdings nicht außer Acht gelassen werden, dass sie aufgrund ihrer beschränkten Fallzahl und der Spezifitäten des jeweiligen geographischen Untersuchungsgebiets natürlich nicht repräsentativ sind.


Literatur

1.
Schmitt J. Hörgeschädigte Kinder und Jugendliche in allgemeinen Schulen: Untersuchung von schulischer Einzelintegration in Bayern unter besonderer Berücksichtigung des Übergangs in die Sekundarstufe. Aachen: Shaker; 2003.
2.
Preuss-Lausitz U. Integrationsforschung: Ergebnisse und "weiße Flecken". In: Eberwein H (Hrsg.). Integrationspädagogik. Basel: 1999. p. 299-306.
3.
Hintermair M. Sozial-emotionale Probleme hörgeschädigter Kinder - erste Ergebnisse mit der deutschen Version des SDQ. Zeitschrift für Kinder- und Jugendpsychiatrie. 2006;34(1).
4.
Woerner W, Becker A, Friedrich C, Rothenberger A. Normierung und Evaluation der deutschen Version des Strength and Difficulties Questionaire (SDQ): Ergebnisse einer repräsentativen Felderhebung. Zeitschrift für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie. 2002;30:105-12.
5.
Haeberlin U. Integration in die Schulklasse. Fragebogen zur Erfassung von Dimensionen der Integration von Schülern. FDI 4 - 6. Bern: Haupt; 1989.