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23. Wissenschaftliche Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie e. V.

Deutsche Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie e. V.

15. - 17.09.2006, Heidelberg

Zusammenhänge zwischen phonologischem Arbeitsgedächtnis und rezeptivem Wortschatz bei schallempfindungsgestörten Kindern

Relationships between phonological working memory and receptive vocabulary in sensorineural hearing-impaired children

Vortrag

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  • corresponding author presenting/speaker Marcus Reeh - Phoniatrie/Pädaudiologie, Universitätsklinikum Göttingen, Göttingen, Deutschland
  • author Christiane Kiese-Himmel - Phoniatrie/Pädaudiologie, Universitätsklinikum Göttingen, Göttingen, Deutschland

Deutsche Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie. 23. Wissenschaftliche Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie. Heidelberg, 15.-17.09.2006. Düsseldorf, Köln: German Medical Science; 2006. Doc06dgppV30

Die elektronische Version dieses Artikels ist vollständig und ist verfügbar unter: http://www.egms.de/de/meetings/dgpp2006/06dgpp42.shtml

Veröffentlicht: 5. September 2006

© 2006 Reeh et al.
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Zusammenfassung

Hintergrund: Das phonologische Arbeitsgedächtnis (AG) operiert für die Sprachverarbeitung als ein Gedächtnisfenster, das die temporäre Repräsentation gesprochener Strukturen ermöglicht und ist damit eine Voraussetzung für den Wort-Erwerb. Vorliegende Studie ging den Fragen nach, ob hörbehinderte Kinder ein eingeschränktes phonologisches AG haben und falls ja, ob ein defizitäres phonologisches AG mit Einbußen im rezeptiven Wortschatzumfang assoziiert ist. Stichprobe: 72 monosymptomatisch schallempfindungsgestörte Kinder (43 Jungen, 29 Mädchen) im Alter von 3;10 - 8;9 Jahren.

Methodik: Das phonologische AG wurde durch das Zahlenfolgen-Gedächtnis operationalisiert und untersucht mit dem entsprechenden PET-Subtest (Ergebnisse in T-Werten: M=50, SD=10).

Ergebnisse: Im arithmetischen Mittel hatten die Kinder ein altersgemäßes phonologisches AG (mittl. T-Wert 46,8; SD 10,7; Min 25, Max 74). Ein gutes Viertel zeigte Einschränkungen (T-Wert <40), was vermutlich auf eine verminderte Klarheit, mit der akustische Informationen in ihrem phonetischen Speicher repräsentiert werden, zurückzuführen ist. Eine schwache, negative, signifikante Beziehung bestand zwischen dem mittleren Hörverlust und dem phonologischen AG (rho=-0,29; p=0,013): Mit steigendem Hörverlust war seine Funktionsweise kleiner. Eine positive, signifikante Beziehung lag zwischen rezeptivem Wortschatzumfang und phonologischem AG vor (r=0,42; p<0,001): Je größer das phonologische AG für Zahlenfolgen, desto größer war das rezeptive Lexikon.


Text

Einleitung

Das phonologische Arbeitsgedächtnis operiert für die Sprachverarbeitung als ein Fenster, das die temporäre Repräsentation gesprochener Strukturen ermöglicht. Damit ist es eine Voraussetzung für den Wort-Erwerb. Einschränkungen in den zur phonologischen Informationsverarbeitung verfügbaren Mechanismen des phonologischen Arbeitsgedächtnisses („subvokaler Rehearsalprozess“; „phonetischer Speicher“) können zu linguistisch breit gefächerten Verzögerungen und Entwicklungsstörungen der Sprache führen (z. B. [7]). Vorliegende Studie ging der Frage nach, ob schallempfindungsgestörte Kinder ein eingeschränktes phonologisches Arbeitsgedächtnis haben, und falls ja, ob es mit Defiziten im rezeptiven Wortschatzumfang einhergeht.

Methode

Im Rahmen der Sprachentwicklungsdiagnostik der Kinder des Göttinger Hör-Sprachregisters wurde ab einem Alter von 3 Jahren das phonologische Arbeitsgedächtnis testpsychologisch untersucht, operationalisiert durch das Zahlenfolgen-Gedächtnis (PET-Subtest ZFG [1]). Der rezeptive Wortschatzumfang wurde altersabhängig mit sog. Wiedererkennenstests erhoben: ab 3;0 bis 3;11 Jahren mit dem PPVT [6] ab 4;0 bis 8;0 Jahren mit dem Subtest „Bilder-Wortschatz“ aus dem FBIT [10] und hiernach, ab 8;1 Jahren, wieder mit dem PPVT. Die nonverbale Testintelligenz wurde mit der CMMS [5] gemessen bzw. mit den Bunten Matrizen [3], [4]. Alle individuellen Testergebnisse wurden in eine alters- und geschlechtsspezifische Norm hörgesunder Kinder transformiert (T-Wert: M=50, SD=10).

Studienkollektiv

72 Kinder (43 Jungen, 29 Mädchen) im Alter von 3;10 bis 8;9 Jahren mit monosymptomatischen Schallempfindungsstörungen unbekannter Ätiopathogenese bildeten das Studienkollektiv. Ihre Hörstörung wurde im arithmetischen Mittel mit 72,8 (SD 12,7) Monaten diagnostiziert (Min 44, Max 102) und hiernach mit Hörgeräten versorgt (mittl. Hg-versorgungsalter 73,5; SD 12,9 Monate).

41/72 Kinder hatten eine bilaterale Störung (binaural hörgeräteversorgt); die 31 unilateral hörgestörten Kinder trugen jeweils ein Hörgerät. 23 Kinder hatten eine leichtgradige Hörstörung (>20–40 dB), 29 einen mittelgradigen Hörverlust (>41–70 dB) und jeweils 10 Kinder waren hochgradig hörgeschädigt (71–90 dB) bzw. resthörig (>90 dB). Das mittl. Lebensalter zum Zeitpunkt der Sprachentwicklungsdiagnostik betrug 77,1 (SD 13,5) Monate.

Ergebnisse

Im arithmetischen Mittel hatten die Kinder eine altersgemäße Leistung im phonologischen Arbeitsgedächtnis (mittl. T-Wert 46,8; SD 10,7; Min 25, Max 74). Jungen (mittl. T-Wert 47,3; SD 10,2) und Mädchen (mittl. T-Wert 46,1; SD 11,6) unterschieden sich diesbezüglich statistisch nicht bedeutsam voneinander. Die Testergebnisse waren normal verteilt, ca. 26% der Kinder zeigten Einschränkungen (T-Wert <40). Mit steigendem Hörverlust wurde die phonologische Arbeitsgedächtnisleistung für Zahlensequenzen tendenziell kleiner (rho=-0,29; p=0,013). Eine deutliche, positive, signifikante Beziehung lag zwischen dem rezeptiven Wortschatzumfang und dem phonologischen Arbeitsgedächtnis vor (r=0,42; p<0,001): Je größer das phonologische Arbeitsgedächtnis für Zahlenfolgen, desto größer war das rezeptive Lexikon.

Diskussion

Ca. drei Viertel der permanent hörgeschädigten, hörgeräteversorgten Kinder hatten altersgemäße phonologische Verarbeitungsprozesse. Der Korrelationskoeffizient zwischen rezeptivem Wortschatzumfang und der auditiven Zahlenspanne beschreibt einen mäßigen positiven Zusammenhang (.42); demgemäß lässt der Determinationskoeffizient r2 die Aussage zu, dass 18% der Unterschiede im rezeptiven Wortschatzumfang durch entsprechende Unterschiede im phonologischen Arbeitsgedächtnis aufgeklärt werden. Offensichtlich ist die zeitweilige Repräsentation phonologischer Strukturen eine mitbedingende Voraussetzung für den Erwerb neuer Wörter.

Weil ontogenetisch die subvokale Artikulation bei hörgesunden Kindern erst zwischen dem 6. und 7. Lebensjahr einsetzt, ist anzunehmen, dass eine ungenügende phonetische Repräsentation für die nicht altersgemäße Zahlenspanne der untersuchten jüngeren, hörgeschädigten Kinder ursächlich ist. Der phonetische Speicher bildet sich schon im vorsprachlichen Alter aus und ist spätestens ab dem 3. Lebensjahr verfügbar (vgl. [9]) - also zu einem Zeitpunkt, an dem das normalgesunde Kind über einen expressiven Wortschatzumfang von ca. 200 Wörtern (mit 24 Monaten) bis 1000 Wörtern (mit 36 Monaten) bei deutlich größerem rezeptivem Lexikon verfügt.


Literatur

1.
Angermaier M. Psycholinguistischer Entwicklungstest (2., korr. Auflage.). Weinheim: Beltz; 1977.
2.
Baddeley AD. Working memory. Oxford: Oxford University Press; 1986.
3.
Becker P, Schaller S, Schmidtke A. Coloured Progressive Matrices. von Raven JC, Court J, Raven J Jr. (dtsch. Bearb., 2., verbess. Aufl.). Weinheim: Beltz; 1980.
4.
Bulheller S, Häcker H. CPM Manual zu Raven´s Progressive Matrices und Vocabulary Scales. von Raven J, Raven JC, Court JH. Frankfurt: Swets Test Services; 2002.
5.
Burgemeister B, Blum LM, Lorge I. Columbia Mental Maturity Scale (3. Aufl.). New York: Harcourt Brace Jovanovich; 1972.
6.
Dunn LM, Dunn LM. Peabody Picture Vocabulary Test-Revised. Circle Pines/Minnesota: American Guidance Service; 1981.
7.
Götze B, Hasselhorn M, Kiese-Himmel C. Phonologisches Arbeitsgedächtnis, Wortschatz und morpho-syntaktische Sprachleistungen im Vorschulalter. Zeitschrift für Sprache und Kognition. 2000;19:15-21.
8.
Hasselhorn M, Grube D, Mähler C. Theoretisches Rahmenmodell für ein Diagnostikum zur differentiellen Funktionsanalyse des phonologischen Arbeitsgedächtnisses. In: Hasselhorn M, Schneider W, Marx H (Hrsg.). Diagnostik von Lese-Rechtschreibschwierigkeiten. Göttingen: Hogrefe; 2000. p. 167-81.
9.
Hasselhorn M, Werner I. Zur Bedeutung des phonologischen Arbeitsgedächtnisses für die Sprachentwicklung. In: Grimm H (Hrsg.). Enzyklopädie der Psychologie. Themenbereich C Theorie und Forschung, Serie III Sprache, Bd. 3 Sprachentwicklung. Göttingen: Hogrefe; 2000. p. 363-78.
10.
Hebbel G, Horn R. French-Bilder-Intelligenztest (FBIT). Weinheim: Beltz; 1976.