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23. Wissenschaftliche Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie e. V.

Deutsche Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie e. V.

15. - 17.09.2006, Heidelberg

Die Bedeutung der taktil-kinästhetischen Sinnesmodalität für die Sprachentwicklung

The significance of tactile-kinesthetic senses in language development

Vortrag

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  • corresponding author presenting/speaker Christiane Kiese-Himmel - Abteilung Phoniatrie/Pädaudiologie, Georg-August-Universität Göttingen, Göttingen, Deutschland

Deutsche Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie. 23. Wissenschaftliche Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie. Heidelberg, 15.-17.09.2006. Düsseldorf: German Medical Science GMS Publishing House; 2006. Doc06dgppHT02

Die elektronische Version dieses Artikels ist vollständig und ist verfügbar unter: http://www.egms.de/de/meetings/dgpp2006/06dgpp33.shtml

Veröffentlicht: 5. September 2006

© 2006 Kiese-Himmel.
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Gliederung

Text

Einleitung

Die taktil-kinästhetische Sinnesmodalität ist gleichsam umfassend wie auch außerordentlich differenziert. Sie umfasst verschiedene Qualitäten: Berührung, Druck, Vibration, weiterhin Temperatursinn und Schmerzempfinden. Die Reizaufnahme erfolgt über Mechano-, Thermo- und Nozizeptoren. Diese sind über den ganzen Körper verteilt und befinden sich vor allem in der Haut. Sie sind verschiedenartig in ihrer Bauweise, sprechen auf unterschiedliche Reizfrequenzen an und sind dadurch mit spezifischen Empfindungen verknüpft. Freie Nervenendigungen in den oberen Hautschichten registrieren Wärme, Kälte, Klebrigkeit oder die Konsistenz von Nahrung, wenn diese mit Lippen, Zunge oder Fingern berührt wird. Die Rezeptorendichte ist in den Körperregionen unterschiedlich. Lippen, Zungenspitze, Handinnenfläche, Fingerkuppen und Fußsohlen sind besonders berührungsempfindlich, weil sie viele Rezeptoren haben.

Bei leichter mechanischer Reizung der Haut reagieren die Meissner-Körperchen (im Corium) in der unbehaarten Haut bzw. die Haarfollikel-Rezeptoren (an den Wurzelscheiden der Haare) in der behaarten Haut. Es tritt eine Berührungsempfindung auf, die bei stärkerer Reizung in Druckempfinden übergeht (die Merkelzellen in den untersten Schichten der Epidermis reagieren optimal auf Druck). Die ebenfalls im Corium gelegenen Ruffini-Körperchen reagieren auf Dehnung der Haut. Beschleunigung eines Druckreizes, periodische Erschütterungen, werden durch die Pacini-Körperchen in der Subcutis aufgenommen und führen zu Vibrationsempfindungen. Der Gesamteindruck von Berührung wird meistens durch das Zusammenspiel aller Rezeptorentypen erreicht. Afferente Nervenbahnen leiten die Informationen aus der Peripherie in wenigen Millisekunden über das Rückenmark an Hirnstamm, Thalamus - der höchsten subkortikalen Schaltstelle - bis zu den spezifischen Arealen im parietalen Kortex: den somatosensorischen Projektionsfeldern. Hier laufen taktile Wahrnehmung und Körpergefühl zusammen. Eine ganze Schicht von Nervenzellen ist allein mit der Informationsverarbeitung aus den Händen befasst. Im prämotorischen Kortex werden Gesehenes und Ertastetes miteinander verknüpft.

Taktile, taktil-kinästhetische und vestibuläre Sinnesinformationen sind die Basis von emotionalen, kommunikativen sowie kognitiven Erfahrungen. Die taktil-kinästhetische Sinnesmodalität hilft bei der Orientierung im Raum und beim Erkennen von Objekten. Die Wahrnehmung einer Körperhaltung (Lage im Raum), von Bewegung und des Kraftaufwands für eine Bewegung wird über die sensorenspezifische Reizaufnahme in den Propriozeptoren der Muskelspindeln, Gelenke und Sehnen eingeleitet, unterstützt vom Gleichgewichtsorgan im Innenohr. Wie schnell die kognitiven Fähigkeiten eines Kindes wachsen hängt u.a. von seinen Fähigkeiten zum Explorieren und Manipulieren ab. In diesem Sinn sind motorische Skills wie Krabbeln und Greifen wichtig, weil sie ermöglichen, dass Kinder an Dinge herankommen oder sie in den Mund stecken können. Das gilt genauso für andere motorische Aktivitäten wie Schütteln, Schlagen, Ineinanderstecken („Examining“). Taktil-kinästhetische Objektexploration und Wahrnehmung sind der Weg, der Kindern allmählich zum Erkennen von Mittel-Zweck-Beziehungen verhilft.

Bedeutung von Taktil-Kinästhetik für die Entwicklung des Sprechens

Saugen, Schlucken, Kauen bereiten die artikulatorische Koordination vor und sind Grundlage der Entwicklung von Sprechbewegungen. Das Kind führt mit den Sprechorganen dieselben Bewegungen wie bei der Nahrungsaufnahme aus, also anfangs im Wesentlichen Saugbewegungen. Das orofaziale System ist eine funktionelle senso-motorische Einheit, die des Trainings bedarf. Der „Melkdruck“ der Zunge beim Saugen ist bspw. eine Wachstumsstimulation für den Gaumen. Durch einen Sauger mit großem Loch (wie auch durch habituellen Schnullergebrauch) wird das orofaziale System zu wenig trainiert. Die Beibehaltung des infantilen Schluckmusters mit Vorschieben der Zunge verhindert wirkungsvolle Kaubewegungen und begünstigt eine Hypotonie sowie die Entwicklung orofazialer Dysfunktionen mit negativen Auswirkungen für Schlucken, Sprechen, Körperhaltung. Frühe Essstörungen deuten auf spätere Sprechschwierigkeiten hin. Dass Bewegungsempfindung (Kinästhesie) für die Artikulation von Sprechlauten von Bedeutung ist, ist selbstredend; die fehlerfreie Ausführung von sprechmotorischen Bewegungen ist auf kinästhetische Rückmeldungen angewiesen. Die Mundhöhle des Menschen hat nicht nur eine motorische Funktion für Saugen, Schlucken, Kauen und Sprechen, sondern ist auch ein Wahrnehmungsorgan: Sie übernimmt Tast- und Erkennungsaufgaben.

Bedeutung von Taktil-Kinästhetik für die Entwicklung der Sprache: Beispiel Objektwörter

Entwicklungspsychologische Modelle wie das hierarchische Stufenmodell von Affolter [1], angelehnt an Piagets Stufentheorie der Entwicklung oder das sensorische Integrationsmodell von Ayres [2] postulieren eine Integration von Reizen aus den verschiedenen Sinnesmodalitäten, wobei eine Störung auf einer tieferen Stufe zu einer Beeinträchtigung auf höherer Ebene (z. B. der Sprache) führen kann. Insofern haben alle Sinnessysteme eine Bedeutung für die allgemeine Entwicklung und zugleich für die Entwicklung spezieller Fähigkeiten wie der kortikalen Funktion „Sprache“.

„To learn language infants must develop a conceptual base onto which language can be mapped“ ([7], p. 508). Zunächst weiß ein Kind noch nichts von den Dingen seiner Umgebung, doch schon Säuglinge explorieren beharrlich deren Merkmale und Funktionen taktil-kinästhetisch. Schon Neugeborene können durch Variation des Handdrucks haptisch Informationen aufnehmen [5]. Die senso-motorischen Erkenntniseinheiten werden im Gedächtnis repräsentiert; erst viel später können darauf Wörter bezogen werden.

Exploration ist ein zentrales Entwicklungsprinzip - eine für das junge Kind typische Form des aktiven Lernens. Bei Geburt ist das taktil-kinästhetische Empfinden von Lippen und Mundraum weiter entwickelt als das der Hand, sodass in der ontogenetischen Entwicklung die orale Exploration der manualen vorausgeht. Die Präzedenz des Mundes in der Entwicklung der Tastfunktion spiegelt die anatomische Gesetzmäßigkeit der cephalo-caudalen Entwicklung. Orales Erkunden wird ab dem 3. Monat zugunsten des manualen Erkundens weniger und erlischt beim gesunden Kind im Alter von etwa 1½ Jahren. Blinde Kinder haben eine prolongierte orale Explorationsphase und zeigen undifferenzierte Objektmanipulationen im Vergleich mit sehenden Kindern. Manuelle Exploration nimmt in der 2. Hälfte des 1. Lebensjahres zu und ist als unisensorisches Verhalten ab dem zweiten Geburtstag nur noch selten anzutreffen.

Objektmerkmale werden primär durch die Effekte von Aktionen entdeckt. Die Fähigkeit, Objektmerkmale angemessen zu explorieren wächst auf dem Hintergrund der Entwicklung, insbesondere der von Aufmerksamkeit und Feinmotorik. Im Alter von etwa 3 Monaten werden Objekte als abgrenzbar wahrgenommen, und ab einem Alter von 6 Monaten beginnt die Objektwahrnehmung. Die Ablösung des Faustgriffes durch den Pinzettengriff um den 1. Geburtstag herum ermöglicht es dem Kind, kleine Objekte zwischen den Kuppen von Daumen und Zeigefinger zu ergreifen.

Zum haptischen Erfassen von Objektmerkmalen haben sich bestimmte Explorationsprozeduren (systematische Handbewegungen) bewährt. Objektmerkmale helfen, ähnliche Objekte zu entdecken und in Klassen einzubinden, also zu kategorisieren. Kinder sind hierzu in der Lage, lange bevor sie sprechen.

Perzeptuelle Kategorien sind erforderlich, um die Mitglieder einer Kategorie (Klasse) zu erkennen; sie spezifizieren aber nicht das Konzept, welches eine Kategorie bildet. Frühe Kategorien sind global, weil globale Merkmale schneller verarbeitet werden können. Recht früh - methodenabhängig nachweisbar - unterscheidet ein Säugling die grundlegenden globalen Kategorien „belebt“ vs. „unbelebt“. Unterscheidungen innerhalb einer Klasse, also die Basiskategorisierung, folgen. Zum Schluss kommt die Bildung untergeordneter Kategorien (global-to-basic level shift). Die neuronale Repräsentation von Kategorien erfolgt im frontalen Kortex.

Die Beschaffenheit von Objekten zu erkennen und eine Vorstellung von ihnen aufzubauen, ist Voraussetzung für Wörter, die auf Objekte referieren (Objektwörter). Diese nehmen bei den meisten Kindern eine Schlüsselrolle im frühen Worterwerb ein [4], [3]. Auf der frühesten Stufe der Repräsentation erfolgt die sensorische Verarbeitung von Objektmerkmalen vor allem visuell und taktil-kinästhetisch. So generiert das Kind Informationen für eine präverbale Objektrepräsentation (sensomotorische Schemata). Anfangs sind es immer Merkmale der Erscheinung, die Kindern die Identifikation von Dingen als Exemplar einer Kategorie erlauben. Durch den Vorgang der perzeptuellen Bedeutungsanalyse (perceptual meaning analysis) wird wahrgenommene Information in ein anderes Format überführt, das nicht wahrnehmungsgebunden ist (Image-schemas). Kategorisierung in der 2. Hälfte des 1. Lebensjahres bedient sich nicht nur spürbarer, sondern auch verstärkt visueller Informationen, zum Beispiel ob sich Objekte selbst bewegen können. Ungefähr im Alter von 9 Monaten können Säuglinge Bewegungshandlungen kategorisieren. Die Entwicklung vollzieht sich somit von senso-motorischen Schemata als erste Erkenntniseinheiten zu Image-Schemas (sog. konzeptuelle Primitiven) bis zum Sprachzeichen [6]. Die amerikanische Entwicklungspsychologin Jean Mandler [6] räumt allerdings ein, dass selbst globale Kategorisierung nicht allein auf perzeptuellem Lernen beruhen könnte. Sicher ist aber, dass umso mehr konzeptuelle Anteile involviert sind, je später in der Ontogenese Kategorien gebildet werden.

Fazit und Ausblick

Das Objektrepräsentationsgedächtnis als Basis für Objektwörter ist vor allem visuell und taktil-kinästhetisch, wohingegen die Sprachrepräsentation akustisch und kinästhetisch ist. Ich gehe davon aus, dass eine ungenügende Verarbeitung von Tast- und Berührungsreizen der Hand als eine entwicklungskritische Voraussetzung die Entwicklung konzeptueller Leistungen verzögern kann, gepaart mit Defiziten im lexikalisch-semantischen Erwerb von Objektwörtern. Eine interessante zukünftige Forschung dürfte es sein, den Beitrag der taktil-kinästhetischen Wahrnehmung von Objektmerkmalen an der vorsprachlichen Kategorienbildung für den Objektwortschatzerwerb - operationalisiert durch den Frühindikator „manual-haptische Objektexploration“ - in einer prospektiven Langzeitstudie zu untersuchen mit dem Ziel, einen Marker für das Risiko einer Sprachentwicklungsstörung bereits in der präverbalen Entwicklungsphase zu gewinnen.


Literatur

1.
Affolter F. (1995). Wahrnehmung, Wirklichkeit und Sprache, 7. Auflage. Villingen-Schwenningen: Neckar (Original 1987).
2.
Ayres AJ. (1984). Bausteine der kindlichen Entwicklung. Die Bedeutung der Integration der Sinne für die Entwicklung des Kindes. Berlin, Heidelberg, New York, Tokyo: Springer (Original 1979).
3.
Bates E, Dale P, Thal S. (1995). Individual differences and their implications for theories of language development. In: P. Fletcher & B. MacWhinney (Eds.), The handbook of child language (pp. 96-151). Oxford: Blackwell.
4.
Gentner D. (1982). Why nouns are learned before verbs: Linguistic relativity versus natural partitioning. In: S. Kuczaj II (Ed.), Language development. Vol. 2, Language, thought, and culture (pp. 301-334). Hillsdale/NJ: Erlbaum.
5.
Jouen F, Molina M. (2005). Exploration of the newborn's manual activity: A window onto early cognitive processes. Infant Behavior & Development, 28, 227-239.
6.
Mandler JM. (1992). How to build a baby: II. Conceptual primitives. Psychological Review, 99, 587-604.
7.
Mandler JM. (2004). Thought before language. Trends in Cognitive Sciences, 8, 508-513.