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23. Wissenschaftliche Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie e. V.

Deutsche Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie e. V.

15. - 17.09.2006, Heidelberg

Die tracheoösophageale Ersatzstimme: Stimmhandicap versus Krankheitsbewältigung

Vortrag

Deutsche Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie. 23. Wissenschaftliche Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie. Heidelberg, 15.-17.09.2006. Düsseldorf, Köln: German Medical Science; 2006. Doc06dgppV18

Die elektronische Version dieses Artikels ist vollständig und ist verfügbar unter: http://www.egms.de/de/meetings/dgpp2006/06dgpp24.shtml

Veröffentlicht: 5. September 2006

© 2006 Rosanowski et al.
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Zusammenfassung

Die tracheoösophageale Ersatzstimme TE gilt wegen ihrer Ähnlichkeit mit der ursprünglichen Stimme eines Laryngektomierten als “state of the art” der Stimmrehabilitation der Betroffenen, auch wenn sie beim Vergleich mit Normalstimmen immer „auffällig“ ist. In dieser Studie, einem Teilprojekt eines von der Deutschen Krebshilfe geförderten Forschungsvorhabens, ging es um die Frage, wie die subjektive Beeinträchtigung durch die Auffälligkeit der Ersatzstimme mit Mechanismen der Krankheitsbewältigung zusammenhängt. Dafür wurden n=25 Männer im Alter von 60,7 ± 8,3 Jahren mit einer unterschiedlich guten TE (Provox-Stimmventilprothese) mit dem Voice Handicap Index VHI in der von der berichtenden Arbeitsgruppe früher vorgestellten deutschen Version sowie mit den kommerziell erhältlichen Trierer Skalen der Krankheitsbewältigung TSK untersucht. Für die Analyse wurde jeweils der Gesamtscore des VHI den Ergebnissen der Subskalen der TSK gegenübergestellt. Statistisch signifikante Korrelationen wurden bei der Gegenüberstellung des VHI mit den TSK-Subskalen „Rumination“ und „Suche nach Information“ gefunden, nicht jedoch für den Zusammenhang mit den Subskalen „Suche nach sozialer Einbindung“, „Bedrohungsabwehr“ und „Suche nach Halt in der Religion“. Erstaunlicherweise besteht kein Zusammenhang des VHI mit sozial-kommunikative Aspekte berührende Mechanismen der Krankheitsbewältigung.


Text

Hintergrund

Die tracheoösophageale Ersatzstimme TE gilt wegen ihrer Ähnlichkeit mit der ursprünglichen Stimme eines Laryngektomierten als “state of the art” der Stimmrehabilitation der Betroffenen, auch wenn sie beim Vergleich mit Normalstimmen immer „auffällig“ ist. Die subjektive Belastung durch die auffällige Stimme kann mit dem Voice Handicap Index VHI gemessen werden: In einer früheren Studie der berichtenden Arbeitsgruppe hatten sich weitgehend unabhängig vom selbst empfundenen Ausmaß der Stimmstörung sehr heterogene VHI-Werte gezeigt, die als Ausdruck des individualdiagnostischen Wertes des Erhebungsinstrumentes interpretiert wurden – ein durchgängiges Stimmhandicap der Gruppe der Laryngektomierten gibt es also offenbar nicht. In einer anderen früheren Studie zur Krankheitsbewältigung dieser Patienten wurde mit den Trierer Skalen zur Krankheitsbewältigung insofern ein sehr ähnliches Ergebnis mit auch dort interindividuell sehr heterogene Werte gefunden, die ebenfalls die Individualität des Konstruktes und nicht seine Störungsspezifität belegten.

In dieser Studie an anderen Testpersonen, einem Teilprojekt eines von der Deutschen Krebshilfe geförderten Forschungsvorhabens, ging es um die Frage, wie die subjektive Beeinträchtigung durch die Auffälligkeit der Ersatzstimme mit Mechanismen der Krankheitsbewältigung zusammenhängt.

Patienten und Methoden

Untersucht wurden n=25 Männer im Alter von 60,7 ± 8,3 Jahren mit einer seit mehr als einem Jahr unterschiedlich gut funktionierenden TE (Provox-Stimmventilprothese). Zum Zeitpunkt der Datenerhebung bestand bei keinem der Patienten ein Tumorrezidiv oder eine Metastasierung. Erhebungsinstrumente waren der Fragebogen zum Voice Handicap Index VHI in der von der berichtenden Arbeitsgruppe früher vorgestellten deutschen Version sowie die kommerziell erhältlichen Trierer Skalen der Krankheitsbewältigung TSK. Für die Analyse wurde jeweils der Gesamtscore des VHI den Ergebnissen der Subskalen der TSK gegenübergestellt.

Ergebnisse

Statistisch signifikante Korrelationen (p<0,01) wurden bei der Gegenüberstellung des VHI mit den TSK-Subskalen „Rumination“ und „Suche nach Information“ gefunden, nicht jedoch für den Zusammenhang mit den Subskalen „Suche nach sozialer Einbindung“, „Bedrohungsabwehr“ und „Suche nach Halt in der Religion“.

Diskussion

Nach den Ergebnissen besteht kein durchgängiger Zusammenhang des Stimmhandicaps mit unterschiedlichen Mechanismen der Krankheitsbewältigung.

Das Leiden an der im Vergleich mit Gesunden gestörten Stimme hängt mit dem eher grübelnden, in sich gekehrten und wenig kommunikativen Bewältigungsstil („Rumination“) zusammen, also mit der gestörten Bereitschaft bzw. Befähigung zur Nutzung sozial-kommunikativer Ressourcen. Dies könnte Ausdruck der veränderten Nutzbarkeit der Stimme sein. Für diese Annahme spricht, dass das Stimmhandicap auch mit der TSK-Skala „Suche nach Information“ zusammenhängt. Dagegen spricht, dass die „Suche nach sozialer Einbindung“ und das Stimmhandicap statistisch nicht signifikant zusammen hängen. Möglicherweise spielen beim gefundenen Zusammenhang zwischen der Rumination und dem Simmhandicap auch eher von der Persönlichkeit des Betroffenen abhängige Aspekte eine Rolle oder aber komorbide emotionale Aspekte wie Ängstlichkeit und Depressivität. Dies ist in Zukunft zu untersuchen.

Die Bewältigungsmechanismen „Bedrohungsabwehr“, also ein das Krankheitsgeschehen eher negierender oder bagatellisierender Stil, und „Suche nach Halt in der Religion“, eine die individuelle spirituelle Verankerung belegende Bewältigungsform, hängen entsprechend ihrer lautsprachlichen Realisierung im Alltag nicht mit dem Stimmhandicap zusammen.

Fazit für die Praxis

Das Leiden an der Auffälligkeit auch einer funktionierenden tracheoösophagealen Ersatzstimme und Mechanismen der Krankheitsbewältigung sind zumindest teilweise unabhängige Konstrukte. In Abhängigkeit von der individuellen klinischen Fragestellung sollten also ggf. beide gemessen werden. Der Einfluss der Persönlichkeit und/oder komorbider emotionaler Störungen ist unklar und soll in Zukunft untersucht werden.

Danksagung

Diese Arbeit wird von der Deutschen Krebshilfe (AZ 106266) gefördert.


Literatur

1.
Schuster M, Hoppe U, Kummer P, Eysholdt U, Rosanowski F. Krankheitsbewältigungsstrategien laryngektomierter Patienten. HNO. 2003;51:337-43.
2.
Schuster M, Lohscheller J, Hoppe U, Kummer P, Eysholdt U, Rosanowski F. Voice handicap in laryngectomees with tracheoesophageal speech. Folia Phoniatrica et Logopaedica. 2004;56:62-7.
3.
Schuster M, Toy H, Lohscheller J, Eysholdt U, Rosanowski F. Lebensqualität und Stimmbeeinträchtigung Laryngektomierter mit Stimmventilprothesen. Laryngo-Rhino-Otol. 2005;84:101-7.