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23. Wissenschaftliche Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie e. V.

Deutsche Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie e. V.

15. - 17.09.2006, Heidelberg

Entwicklung der Identität bei Jugendlichen und Erwachsenen nach CI-Implantation

Vortrag

  • corresponding author presenting/speaker Christine Rasinski - Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, Klinik und Poliklinik für Hals-, Nasen-, Ohrenheilkunde, Kopf- und Halschirurgie, Halle (Saale), Deutschland
  • Judith Rodeck - Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, Institut für Rehabilitationspädagogik, Forschungsstelle zur Rehabilitation von Menschen mit kommunikativer Behinderung, Halle (Saale), Deutschland
  • Manuela Mendler - Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, Institut für Rehabilitationspädagogik, Forschungsstelle zur Rehabilitation von Menschen mit kommunikativer Behinderung, Halle (Saale), Deutschland
  • Christa Schlenker-Schulte - Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, Institut für Rehabilitationspädagogik, Forschungsstelle zur Rehabilitation von Menschen mit kommunikativer Behinderung, Halle (Saale), Deutschland
  • Wilma Vorwerk - HNO-Univ.-Klinik Magdeburg, Magdeburg, Deutschland
  • Marianne Fogarasi - Cochlear-Implant-Rehabilitationszentrum Sachsen-Anhalt (CIR), Halberstadt, Deutschland

Deutsche Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie. 23. Wissenschaftliche Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie. Heidelberg, 15.-17.09.2006. Düsseldorf, Köln: German Medical Science; 2006. Doc06dgppV04

Die elektronische Version dieses Artikels ist vollständig und ist verfügbar unter: http://www.egms.de/de/meetings/dgpp2006/06dgpp05.shtml

Veröffentlicht: 5. September 2006

© 2006 Rasinski et al.
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Gliederung

Zusammenfassung

In einer Studie an jugendlichen und erwachsenen CI-Trägern wurden Patientenzufriedenheit und Erfolg der CI-Versorgung analysiert, um Einflussfaktoren zu identifizieren, die den Rehabilitationsverlauf beeinflussen.

In einer prospektiven qualitativen Längsschnittstudie wurden jugendliche und erwachsene CI-Träger durch leitfadengestützte Interviews vor der Cochlear-Implantation und zu zwei Zeitpunkten postoperativ befragt. Auch die im Haushalt lebenden Angehörigen wurden zu zwei Zeitpunkten befragt. In einer retrospektiven Querschnittsstudie erfolgte eine Erhebung durch einen Fragebogen.

Die Befragten sollten Stellung zur Kommunikationsform im Umgang mit anderen Hörgeschädigten und zu Veränderungen im Freundeskreis nehmen. Von Interesse war auch die empfundene Zugehörigkeit zur Gruppe der Gehörlosen/Schwerhörigen/Hörenden vor und nach Cochlear Implantation.

Es zeigt sich, dass postlingual Ertaubte sich eher zur Gruppe der Hörenden zugehörig fühlen, während prälingual und progredient Ertaubte in ihrer Zuordnung unsicher sind. Insbesondere Gebärdensprachnutzer fühlen sich häufig der Gehörlosengemeinschaft zugehörig.

Ein Projekt im Forschungsverbund Rehabilitationswissenschaften Sachsen-Anhalt/ Mecklenburg-Vorpommern.


Text

Einleitung

In einer Studie an jugendlichen und erwachsenen Cochlear Implant (CI)-Trägern wurden Patientenzufriedenheit und Erfolg der CI-Versorgung analysiert, um Einflussfaktoren zu identifizieren, die den Rehabilitationsverlauf beeinflussen. In die Analyse der Lebenssituation nach Cochlear-Implantation ging auch die Beurteilung der empfundenen Identität als Gehörloser/Schwerhöriger und deren Veränderung ein.

Material

Es wurden Jugendliche und Erwachsene mit Cochlear Implant befragt, die zum Zeitpunkt der Implantation mindestens 12 Jahre alt waren und die in Sachsen-Anhalt implantiert und/oder rehabilitiert wurden.

Methode

Die Untersuchung erfolgte in zwei Teilen:

In einer prospektiven qualitativen Längsschnittstudie wurden jugendliche und erwachsene CI-Träger durch leitfadengestützte Interviews vor der Cochlear-Implantation und zu zwei Zeitpunkten postoperativ befragt. Auch die im Haushalt lebenden Angehörigen wurden zu zwei Zeitpunkten befragt.

In einer retrospektiven Querschnittsstudie erfolgte eine Erhebung durch einen Fragebogen.

Die Befragten sollten Stellung zur Kommunikationsform im Umgang mit anderen Hörgeschädigten und zu Veränderungen im Freundeskreis nehmen.

Von Interesse war auch die empfundene Zugehörigkeit zur Gruppe der Gehörlosen/Schwerhörigen/Hörenden vor und nach Cochlear Implantation.

Ergebnisse

Die Frage, inwieweit sich die CI-Träger der Gruppe der Hörenden, Schwerhörigen oder Gehörlosen nach Hörstatus zugehörig fühlen, wurde von den CI-Trägern in Abhängigkeit von der Ertaubungsart unterschiedlich beantwortet:

Postlingual taube CI-Träger fühlen sich in der Mehrheit der Gruppe der Hörenden zugehörig, seltener den Schwerhörigen und vereinzelt den Gehörlosen.

Auch progredient Ertaubte fühlen sich zum großen Teil den Hörenden zugehörig, aber auch den anderen beiden Gruppen.

Prälingual Ertaubte ordnen sich allen drei Gruppen zu, nur ein Drittel fühlt sich in der Gruppe der Hörenden ganz oder teilweise zu Hause.

Die Möglichkeit, mit dem CI eher hörende Freunde zu finden, wird nur von den postlingual Ertaubten überwiegend bejaht, die prälingual und progredient Ertaubten legen sich nicht eindeutig fest.

Die Identitätszugehörigkeit zeigt sich auch in der Nutzung von Gebärdensprache und CI im gehörlosen Freundeskreis. Gebärdensprache wird überwiegend von prälingual Ertaubten, aber teilweise auch von progredient Ertaubten genutzt. Die Nutzung des CI im gebärdenden Freundeskreis wird jedoch von prälingual Tauben in einigen Fällen verneint.

Die Frage, ob sich die CI-Träger nach der Implantation nicht mehr wie vorher der Gehörlosengemeinschaft, sondern der Schwerhörigengemeinschaft zugehörig fühlen, wurde differenziert beantwortet: Es antworteten überwiegend CI-Träger, die vor und zum Teil nach der Implantation Gebärdensprache nutzten. Ein Drittel der Antwortenden war unentschlossen, etwa die Hälfte gab einen solchen Wechsel der Bezugsgruppe nicht an. Stabilität in der Identität zeigt sich bei dieser Frage vor allem bei den prälingual Ertaubten, während die progredient Ertaubten eher verunsichert erscheinen.

Fazit

Es zeigt sich, dass postlingual Ertaubte sich eher zur Gruppe der Hörenden zugehörig fühlen, während prälingual und progredient Ertaubte sich auch den Schwerhörigen und Gehörlosen zuordnen. Insbesondere Gebärdensprachnutzer fühlen sich häufig mit CI der Gehörlosengemeinschaft zugehörig.

Insgesamt sind die prälingual ertaubten CI-Träger in ihrer Identität zu einem größeren Teil stabiler als die postlingual und progredient Ertaubten, die sich in Ihrer Identität nach der Implantation z.T. unsicher waren.

Ein Projekt im Forschungsverbund Rehabilitationswissenschaften Sachsen-Anhalt/ Mecklenburg-Vorpommern.