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100 Jahre Phoniatrie in Deutschland
22. Wissenschaftliche Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie
24. Kongress der Union Europäischer Phoniater

Deutsche Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie e. V.

16. bis 18.09.2005, Berlin

Heldentenor oder schwarzer Bass? Untersuchungen zur Aussagekraft des Mutationsverhaltens bei Knaben im Hinblick auf die Postmutations-Singstimme

Dramatic tenor or deep bass? Investigations of the mutational behavior in male boys' choristers

Vortrag

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  • corresponding author presenting/speaker Friedemann Pabst - Krankenhaus Dresden-Friedrichstadt, Städtisches Klinikum, Phoniatrie und Pädaudiologie, Dresden, Deutschland

100 Jahre Phoniatrie in Deutschland. 22. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie, 24. Kongress der Union der Europäischen Phoniater. Berlin, 16.-18.09.2005. Düsseldorf, Köln: German Medical Science; 2005. Doc05dgppV47

Die elektronische Version dieses Artikels ist vollständig und ist verfügbar unter: http://www.egms.de/de/meetings/dgpp2005/05dgpp089.shtml

Veröffentlicht: 15. September 2005

© 2005 Pabst.
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Zusammenfassung

Einleitung: Wir führten retrospektive Untersuchungen zum Stimmwechselverhalten in einem professionellen Knabenchor (Dresdner Kreuzchor) durch. Ziel war es, Aussagen über Mutationsbeginn, Mutationsdauer und Ziel (Tenor- oder Bass-Stimme) zu treffen sowie zu untersuchen, ob sich diese Parameter innerhalb des untersuchten Zeitraumes, eventuell als Äquivalent der Akzeleration, ändern.

Material und Methode: Über den Zeitraum von 1955 bis 1999 konnten Datensätze von 357 Chorsängern im Alter von 8 bis 18 Jahren gewonnen werden. Diese wurden in EXCEL files aufbereitet und mittels SPSS statistisch auf die o. g. Fragestellungen hin untersucht.

Ergebnisse:

1. Der Mutationsbeginn verschiebt sich innerhalb des untersuchten Zeitraums um über 6 Monate nach vorn.

2. Die Mutationsdauer verlängert sich im Untersuchungszeitraum deutlich.

3. Der Wechsel in die Stimmgruppe Bass ist signifikant häufiger als der Wechsel in den Tenor.

4. Über den Untersuchungszeitraum hin wechseln immer mehr Knabenstimmen in den Bass, d. h. die Stimmlage Tenor wird zunehmend seltener.

Diskussion:Die Untersuchungen beleuchten das Phänomen der Akzeleration unter dem speziellen Gesichtspunkt der Mutation bei Knabenstimmen. Daraus ergeben sich Schlussfolgerungen, die u.a. für die Existenz von professionellen Knabenchören von weitreichender Bedeutung sind.


Text

Einleitung

Wir führten retrospektive Untersuchungen zum Stimmwechselverhalten in einem professionellen Knabenchor (Dresdner Kreuzchor) durch. Ziel war es, Aussagen über Mutationsbeginn, Mutationsdauer und -ziel (Tenor- oder Bass-Stimme) zu treffen sowie zu untersuchen, ob sich diese Parameter innerhalb des untersuchten Zeitraumes, eventuell als Äquivalent der Akzeleration, ändern.

Material und Methode

Über den Zeitraum von 1955 bis 1999 konnten Datensätze von 357 Chorsängern im Alter von 8 bis 18 Jahren gewonnen werden. Diese wurden in EXCEL files aufbereitet und mittels SPSS statistisch auf die o. g. Fragestellungen hin untersucht.

Ergebnisse

Von der Gesamtheit der Soprane (266) wechseln 97 in den Tenor und 169 in den Bass, was relativen Anteilen von 36,5% und 63,5% entspricht. Von den Altstimmen (91) wechseln 38 Knaben nach der Mutation in den Tenor (41,8%) und 53 in den Bass (58,2%). Die Zahlen zeigen, dass über alle Jahrgänge betrachtet absolut mehr Knaben nach der Mutationszeit im Bass singen als im Tenor, unabhängig von ihrer Stimmheimat im Knabenchor. So werden aus 266 Sopranen 169 Bässe (63,5%) und aus 91 Altisten 53 Bässe (58,2%); bei beiden Stimmgruppen also mehr als 50%. Der Wechsel in die Stimmgruppe Bass ist signifikant häufiger als der Wechsel in den Tenor.

Des Weiteren konnte die Akzeleration, also die allgemeine Entwicklungsbeschleunigung, der die Kinder und Jugendlichen in den letzten Dezennien unterworfen sind, nachgewiesen werden (Abbildung 1 [Abb. 1]). Der Mutationsbeginn verschiebt sich innerhalb des untersuchten Zeitraums um über 6 Monate nach vorn.

Entgegen der Akzelerationstheorie, die auch eine Verkürzung der Mutationsdauer voraussetzt, stand unsere Beobachtung ihrer Zunahme über den untersuchten Zeitraum (Abbildung 2 [Abb. 2]).

Eine Abhängigkeit zwischen Mutationsbeginn und den Stimmwechselgruppen besteht wie folgt: Alt → Bass beginnt zum durchschnittlich frühesten Zeitpunkt mit der Mutation, die Gruppe Sopran → Tenor am spätesten. Die Werte der anderen Stimmwechselgruppen liegen dazwischen. Die zeitlichen Verschiebungen des durchschnittlichen Mutationsbeginns bewegen sich innerhalb einer Zeitspanne, die kleiner ist als ein Halbjahr.

Diskussion

Unsere Daten belegen mit statistischen Methoden Phänomene, welche als Akzelerationsäquivalente empirisch bekannt sind: Nach dem Stimmwechsel finden sich in Knabenchören zunehmend tiefe Männerstimmen. Der Mutationsbeginn verlagert sich zu früheren Zeitpunkten. Damit kann widersprüchlichen Angaben in der Literatur statistisch gesichert begegnet werden [1], [2].

Entgegen der Akzelerationstheorie, die auch eine Verkürzung der Mutationsdauer postuliert, stand unsere Beobachtung ihrer Zunahme. Dies erklären wir damit, dass ohne eine Verlängerung der Mutationspause die Balance zwischen Knaben- und Männerstimmen im Zuge einer immer früher einsetzenden Mutation und einer damit verbundenen Zunahme der Postmutationsstimmen nicht mehr gegeben wäre. Damit stellt die Zunahme der Mutationsdauer kein echtes Akzelerations-Äquivalent, sondern ein „chorpolitisches" Epiphänomen dar.

Aus den vorgestellten Daten ergeben sich Schlussfolgerungen, die u. a. für die Existenz von professionellen Knabenchören von weitreichender Bedeutung sind.


Literatur

1.
Fischer, P.- M.: Die Stimme des Sängers. Stuttgart/Weimar: Verlag J. B. Metzler, 1993.
2.
Mathelitsch, L., Friedrich, G.: Die Stimme. Berlin/Heidelberg: Springer Verlag, 1995.