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21. Wissenschaftliche Jahrestagung der DGPP

Deutsche Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie

10. bis 12.09.2004, Freiburg/Breisgau

Hör- und Sprachleistungen bei frühem, mittlerem und spätem Gaumenspaltverschluss

Vortrag

  • author presenting/speaker Rainer Schönweiler - Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, Campus Lübeck, Abteilung für Phoniatrie und Pädaudiologie in der Klinik für Hals-, Nasen- und Ohrenheilkunde, Lübeck, Deutschland
  • author Elisabeth Rüter - Medizinische Hochschule Hannover, Klinik und Poliklinik für Phoniatrie und Pädaudiologie, Hannover, Deutschland
  • Christian Küttner - Medizinische Hochschule Hannover, Klink für Mund- Kiefer- und Gesichts-Chirurgie, Hannover, Deutschland
  • Jarg-Erich Hausamen - Medizinische Hochschule Hannover, Klink für Mund- Kiefer- und Gesichts-Chirurgie, Hannover, Deutschland
  • author Martin Ptok - Medizinische Hochschule Hannover, Klinik und Poliklinik für Phoniatrie und Pädaudiologie, Hannover, Deutschland

Deutsche Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie. 21. Wissenschaftliche Jahrestagung der DGPP. Freiburg/Breisgau, 10.-12.09.2004. Düsseldorf, Köln: German Medical Science; 2004. Doc04dgppV37

Die elektronische Version dieses Artikels ist vollständig und ist verfügbar unter: http://www.egms.de/de/meetings/dgpp2004/04dgpp63.shtml

Veröffentlicht: 9. September 2004

© 2004 Schönweiler et al.
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Zusammenfassung

Kiefer- und/oder Gaumenspalten werden an verschiedenen Behandlungszentren in unterschiedlichem Alter operativ verschlossen, wobei weltweit ein Trend zur Vorverlagerung, teils sogar in das erste Lebensjahr, zu beobachten ist. Dies gründet sich auf die bisher ungeprüfte Hypothese eines Vorteils hinsichtlich der Hör-, Sprech- und Sprachleistungen.

Methode: Es wurden die Hör- und Sprachbefunde von 374 Patienten mit Spalten untersucht, die entweder zwischen dem 24. und 30. Lebensmonat (Gruppe 3, bis 1992), zwischen dem 18. und 24. Lebensmonat (Gruppe 2, 1993 bis 1999) oder zwischen dem 12. und 18. Lebensmonat (Gruppe 1, ab 2000) verschlossen wurden.

Ergebnisse: In den Gruppen 1 und 2 waren gegenüber Gruppe 3 viel häufiger eine seröse Otitis media zu beobachten (p<0,001), die öfter und schon im ersten Lebensjahr die Einlage von Paukenröhrchen (und selten andere Eingriffe an den Ohren) notwendig machten (88,6 % und 75,0 % gegenüber 37,4 %). Im Verlauf jedoch waren in Gruppe 1 hochsignifikant weniger Hörstörungen zu beobachten als in den beiden anderen Gruppen (p<0,001). Außerdem gab es in Gruppe 1 im Alter von etwa 4-5 Jahren hochsignifikant weniger Dyslalien (p<0,001) und offene Nasalität (p=0,003).

Diskussion und Schlussfolgerung: Es bestätigte sich, dass durch einen Gaumenspaltverschluss zwischen dem 12. und 18. Lebensmonat negative sprachliche Folgeerscheinungen wie Dyslalien und offene Nasalität sowie in der Konsequenz die Notwendigkeit von Übungstherapie reduziert werden.


Text

Einleitung

Kiefer- und/oder Gaumenspalten werden an verschiedenen Behandlungszentren in unterschiedlichem Alter operativ verschlossen, wobei weltweit ein Trend zur Vorverlagerung, teils sogar in das erste Lebensjahr, zu beobachten ist [1]. Dies gründet sich auf die bisher ungeprüfte Hypothese eines Vorteils hinsichtlich der Hör-, Sprech- und Sprachleistungen.

Methode

Es wurden die Hör- und Sprachbefunde von 374 Patienten mit Spalten, die entweder zwischen dem 24. und 30. Lebensmonat (Gruppe 3, bis 1992), zwischen dem 18. und 24. Lebensmonat (Gruppe 2, 1993 bis 1999) oder zwischen dem 12. und 18. Lebensmonat (Gruppe 1, ab 2000) verschlossen wurden, untersucht. In allen Gruppen befanden sich zu >96 % Spalten mit Beteiligung des weichen und/oder harten Gaumens und zu <4 % Lippen-Kieferspalten, so dass das Risiko für Schallleitungsschwerhörigkeiten, Störungen der orofazialen Motorik sowie Sprech- und/oder Sprachentwicklungsstörungen vergleichbar war. 40,37 % der Patienten waren weiblich und 59,63 % männlich ohne Unterschiede zwischen den Gruppen (p= 0,637), so dass geschlechtsspezifische Unterschiede bezüglich der „Sprachbegabung" das Ergebnis der Studie nicht beeinflussen konnten.

Der harte Gaumen wurde mit einem Vomerlappen nach Pichler [2] verschlossen, der weiche Gaumen in einer zweiten Sitzung mit einer Velumplastik nach Widmaier [6] (mit einem größeren Stiellappen als in der Originaltechnik beschrieben). Bei starker velopharyngealer Insuffizienz oder Inkompetenz wurde eine Velopharyngoplastik nach Sanvenero-Rosselli [3] durchgeführt.

Bei allen Kindern wurden jährlich der Trommelfellbefund, das Hörvermögen, die Sprech- und Sprachentwicklung und die orofazial-motorische Entwicklung überprüft. Bezüglich der Sprachentwicklung und der orofazial-motorischen Entwicklung wurden nur Befunde ausgewertet, die zwischen 3,5 und 5 Jahren erhoben wurden. Die Unterschiede zwischen den Gruppen wurden mit Chi-Square-Tests und Spearmans Rangkorrelationen auf Signifikanz geprüft (SPSS 11.5 für Windows).

Ergebnisse

In den Gruppen 1 und 2 war gegenüber der Gruppe 3 viel häufiger eine seröse Otitis media zu beobachten ([Tab. 1], p<0,001), die öfter und schon im ersten Lebensjahr die Einlage von Paukenröhrchen (und selten andere Eingriffe an den Ohren) notwendig machte (80,6 % und 75,0 % gegenüber 37,4 %). Im Verlauf jedoch waren bezüglich eines Hörverlust >20 dB keine signifikanten Gruppenunterschiede feststellbar ([Tab. 2], rechts p=0,59, n. s.; links p=0,57, n. s.).

Im Alter von etwa 4-5 Jahren traten in der Gruppe 1 gegenüber den Gruppen 2 und 3 hochsignifikant weniger Dyslalien ([Tab. 3], p<0,001) und offene Nasalität ([Tab. 4], p=0,003) auf. Die Fähigkeiten bezüglich Syntax, Morphologie, aktiver und passiver Wortschatz, Sprachverständnis und orofaziale Motorik unterschieden sich nicht signifikant (p>0,05). Tendenziell waren in der Gruppe 1 weniger Übungstherapien notwendig als in den Gruppen 2 und 3 (p=0,22, n. s.).

Diskussion

Mittelohrschwerhörigkeiten und motorische Entwicklungsstörungen sind als bedeutsame Komorbiditäten bei Spracherwerbsstörungen bekannt [4], [5]. Es stellte sich heraus, dass bei einem frühen Gaumenspaltverschluss (Gruppe 1) nicht wie erwartet seltener, sondern signifikant häufiger Mittelohrschwerhörigkeiten auftraten als bei späterem Spaltverschluss (Gruppen 2 und 3), so dass früher und häufiger Paukenröhrchen eingelegt werden mussten. Mit Paukenröhrchen gab es keine Unterschiede bezüglich des Hörverlusts. Im Endergebnis waren in Gruppe 1 signifikant weniger negative sprachliche Folgeerscheinungen wie Dyslalien und offene Nasalität zu beobachten als bei späterem Verschluss, so dass tendenziell weniger Übungstherapie notwendig wurde.

Die Ergebnisse legen nahe, dass ein früher Gaumenspaltverschluss vorteilhaft für die Aussprache und die Nasalität ist, vorausgesetzt, die häufigeren Mittelohrschwerhörigkeiten werden konsequent mit Paukenröhrchen behandelt. Bezüglich anderer sprachlicher Ebenen konnte kein Vorteil festgestellt werden. Die nachgewiesenen Vorteile sind jedoch sorgfältig mit möglichen Nachteilen in Bezug auf das Oberkiefer- und Mittelgesichtswachstum abzuwägen, die noch nicht ausreichend bekannt sind.


Literatur

1.
Küttner C (2002) Lippen-Kiefer-Gaumenspalten. Teil 2: Interdisziplinäres Behandlungskonzept. DFZ 6:40-46.
2.
Pichler H (1926) Zur Operation der doppelseitigen Lippen-Gaumenspalte. Dtsch Z Chir 195:104.
3.
Sanvenero-Rosselli G (1955). Verschluß von Gaumenspalten unter Verwendung von Pharynxlappen. In: Schuchardt K, Wassmund M (Hrsg.) Fortschritte der Kiefer- und Gesichts-Chirurgie. Bd.1. Thieme, Stuttgart
4.
Schönweiler R, Lisson JA, Schönweiler B, Eckardt A, Ptok M, Tränkmann J, Hausamen JE (1999) A retrospective study of hearing, speech, and language function in children with clefts following palatoplasty and veloplasty procedures at 18-24 months of age. Int J Pediatr Otorhinolaryngol 50:205-217
5.
Schönweiler R, Ptok M, Radü HJ (1998) A cross-sectional study of speech- and language-abilities of children with normal hearing, mild fluctuating conductive hearing loss, or moderate to profound sensoneurinal hearing loss. Int J Pediatr Otorhinolaryngol 44: 251-258
6.
Widmaier W (1959) Ein neues Verfahren zum Verschluss der Gaumenspalten. Chirurg 30:274-278