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21. Wissenschaftliche Jahrestagung der DGPP

Deutsche Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie

10. bis 12.09.2004, Freiburg/Breisgau

Biofeedback in der Stimmtherapie: Möglichkeiten und Grenzen

Vortrag

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  • author presenting/speaker Bernhard Richter - Sektion Phoniatrie der Univ.-HNO-Klinik Freiburg, Freiburg, Deutschland

Deutsche Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie. 21. Wissenschaftliche Jahrestagung der DGPP. Freiburg/Breisgau, 10.-12.09.2004. Düsseldorf, Köln: German Medical Science; 2004. Doc04dgppHT07

Die elektronische Version dieses Artikels ist vollständig und ist verfügbar unter: http://www.egms.de/de/meetings/dgpp2004/04dgpp14.shtml

Veröffentlicht: 9. September 2004

© 2004 Richter.
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Zusammenfassung

Stimmtherapien haben zum Ziel, stimmliche Äußerungen und Parameter positiv zu beeinflussen. Zumeist soll die Rauhigkeit oder Behauchtheit einer Stimme verbessert oder auch die Durchdringungsfähigkeit und die Belastbarkeit der Stimme gesteigert werden. Die diesen stimmlichen Eigenschaften zugrundeliegenden Produktions- und Modifikationsmechanismen - sowohl die Tonbildung im Larynx als auch die Klangformung im Ansatzrohr - entziehen sich unserer bewussten Kontrolle.

Eine Möglichkeit, diese unbewussten Vorgänge der bewussten Wahrnehmung und Kontrolle zugänglich zu machen, stellt die Methode des „Biofeedbacks" dar. Beim Biofeedback werden Biosignale erfasst und in visuelle oder akustische Signale umgewandelt, die dem Probanden zur Verfügung gestellt. An der Intensität der Signale kann der Proband erkennen, inwieweit das Biosignal durch mentale oder körperliche Verhaltensmodifikationen verändert wird. In der Stimmtherapie können stimmliche Parameter wie z.B. Grundfrequenz, Air-flow, Schalldruckpegel, spektrale Verteilung o.ä. durch Messinstrumente optisch dargestellt werden. Zur Beurteilung, ob Biofeedback in der Stimmtherapie sinnvoll eingesetzt werden kann muss man zwischen kurzfristigen Veränderungen in der Therapieeinheit und längerfristigen Veränderungen mit positivem Transfer in die Alltagssituation unterscheiden. Bezüglich langfristiger Effekte von Biofeedback in der Stimmtherapie ist die Datenlage bisher nicht eindeutig. Kurzfristige positive Effekte von Biofeedback in der Stimmtherapie werden von mehreren Autoren beschrieben. Nach heutigem Kenntnisstand kann Biofeedback nur dann in der Stimmtherapie sinnvoll eingesetzt werden, wenn die methodenimmanenten Besonderheiten und Limitierungen berücksichtigt werden.


Text

Einleitung

Stimmtherapien haben zum Ziel, stimmliche Äußerungen und Parameter positiv zu beeinflussen. Zumeist soll die Rauhigkeit oder Behauchtheit einer Stimme verbessert oder auch die Durchdringungsfähigkeit und die Belastbarkeit der Stimme gesteigert werden. Die diesen stimmlichen Eigenschaften zugrundeliegenden Produktions- und Modifikationsmechanismen - sowohl die Tonbildung im Larynx als auch die Klangformung im Ansatzrohr - entziehen sich unserer bewussten Kontrolle.

Eine Möglichkeit, diese unbewussten Vorgänge der bewussten Wahrnehmung und Kontrolle zugänglich zu machen, stellt die Methode des „Biofeedbacks" dar, die im Folgenden im Überblick dargestellt werden soll.

Begriffsdefinition

Bevor auf die Anwendung des Biofeedback in der Stimmtherapie eingegangen wird, sind zunächst einige Begriffsdefinitionen notwendig.

Unter Biofeedback versteht man Verfahren, die es den Versuchspersonen ermöglichen, normalerweise unbewusste vegetative Körperfunktionen wie Gehirnaktivität, Blutdruck, Pulsschlag, Muskelspannung zu trainieren und willkürlich zu beeinflussen. Es werden in der Regel Biosignale wie z.B. die Pulsfrequenz erfasst und in visuelle oder akustische Signale umgewandelt, die dem Probanden zur Verfügung gestellt werden. Die Intensität der Signale steht dabei in unmittelbarem Zusammenhang mit der Ausprägung des Biosignals. An der Intensität der Signale kann der Proband erkennen, inwieweit das Biosignal durch mentale oder körperliche Verhaltensmodifikationen verändert wird. Klassische Modalitäten des Biofeedback sind: Atembiofeedback, Muskelfeedback, Herzfrequenz-Biofeedback, Hautwiderstands-Feedback, EEG-Feedback.

Auch stimmliche Parameter wie Grundfrequenz, Air-flow, Schalldruckpegel, spektrale Verteilung o.ä. können in gleicher Weise wie die oben angeführten Biosignale durch Messinstrumente optisch dargestellt werden. Damit können diese Signale im Sinne eines Biofeedbacks in der Stimmtherapie angewendet werden.

Wichtig sind im Zusammenhang mit Anwendung eines Biofeedbackverfahrens auch die Begriffe „Ausführung eines Merkmals (Performance)" und „Lernen".

Unter Performance versteht man die Fähigkeit, einen distinkten Parameter mit einer klar definierten Ausprägung und Qualität in der aktuellen Situation, z.B. einer Therapieeinheit, zu produzieren. Biofeedback fügt dabei dem intrinsischen sensorischen System des Lernenden externe Rückmeldungen über die Performance hinzu.

Lernen bedeutet, dass mögliche Veränderungen (meist im Sinne von Verbesserungen) in der Performance auch stabil außerhalb der Therapieeinheit reproduziert werden können. Die wichtigste Frage dabei ist nicht, inwieweit durch das Biofeedback die Performance in der Therapieeinheit verbessert wird, sondern wie der Transfer zu einer stabilen Verbesserung auch außerhalb des therapeutischen Settings gelingt, also echtes Lernen stattfindet. Andernfalls sind die Effekte des Biofeedback zwar unter den „Laborbedingungen" der kontrollierten Trainingseinheit sichtbar, können jedoch vom Lernenden nicht in der eigentlich für den Therapieerfolg entscheidenden Alltagssituation angewendet werden.

Stand der Forschung

Bezüglich langfristiger Effekte von Biofeedback in der Stimmtherapie ist die Anzahl der Studien noch gering und die Datenlage bisher nicht eindeutig (vgl. [9], [4]). Kurzfristige positive Effekte von Biofeedback in der Stimmtherapie werden von mehreren Autoren beschrieben [11], [3], [8], [7]. Die Produktion von Sprache und Gesang ist auf der physiologischen Ebene abhängig von verschiedenen motorischen und sensorischen Kontroll- und Koordinationssystemen wie der Atmung, der Phonation, der Resonanz und kinästhetisch afferenter Systeme. Dies macht die Definition, welcher Zielparameter sinnvoll mit Gewinn für den Patienten als Biofeedback genutzt werden kann, sehr schwierig. Insbesondere ist die Entscheidung, ob mehr akustisch definierte oder perzeptuale Parameter als Zielkriterien genommen werden sollten, nicht einfach.

Da systematische Studien in der Literatur zur Wirksamkeit von Biofeedback in der Stimmtherapie - vermutlich angesichts der Komplexität der Stimmproduktion - noch fehlen, können bisher nur Analogien zu bereits besser untersuchten Forschungsfeldern gezogen werden. Wesentliche Befunde über den Nachweis und die Art der Wirksamkeit von Biofeedback wurden vor allem im Feld des motorischen Lernens erhoben (vgl. [12]). Dabei zeigte sich, dass die Fokussierung der Aufmerksamkeit auf das Wissen darüber, was trainiert werden soll, nicht notwendigerweise bedeutet, dass man weiß wie man trainieren soll, da die direkte Aufmerksamkeitslenkung auf ein biomechanisches Manöver sowohl die performance als auch den Lerneffekt vermindern kann [5]. So findet man bei Golfspielern schlechtere Lernerfolge, wenn sich die Anweisung, eine Bewegung zu verbessern auf den Arm des Sportlers bezieht (internal locus of attention) als wenn die Aufmerksamkeit auf den Schwung des Schlägers gerichtet ist (external locus of attention) [15]. Wird Biofeedback als Trainingsverstärker eingesetzt, so konnten dieselben Unterschiede im Lernerfolg festgestellt werden [10]. Gleichzeitig ist jedoch auch zu berücksichtigen, dass der externe Fokus nicht zu weit von der eigentlichen Handlung entfernt sein sollte. So konnten mehrere Arbeitsgruppen zeigen, dass beim Golfspiel die Konzentration darauf, wo der Ball landen soll, sowohl die Performance als auch den Lernerfolg schwächt, da dieses Ziel von der eigentlichen Handlung, nämlich wie schwinge ich den Golfschläger optimal, zu weit entfernt war [6], [14]. Wichtig ist also, neben den Termini internal und external noch den Terminus „best locus of attention" einzuführen.

Darüber hinaus konnten Yiu und Kollegen zeigen, dass die Effektivität des Biofeedbacks dadurch gesteigert werden konnte, dass es nicht fortlaufend während einer Trainingseinheit, sondern am Ende derselben eingesetzt wurde (Yiu et al., zit nach Tietze & Verdolini [12]). Eine der Schwierigkeiten beim Einsatz von Biofeedback zur Verbesserung des Trainingserfolges ist der Transfer in eine „wirklichkeitsnahe" Situation, in der kein Biofeedback mehr angewendet werden kann. Hier wurden Verschlechterungen der unter Biofeedback in der Therapieeinheit gebesserten Performance beim „Entzug" des Biofeedbacks beschrieben [13].

Wie kann man nun beim Einsatz von Biofeedback in der Stimmtherapie festlegen, welche Parameter als external oder internal bzw. best locus of attention angesehen werden könnten? Einer Einschätzung von Tietze und Verdolini folgend, scheinen zum einen diejenigen Parameter, die leicht den optischen Darstellungen des Biofeedbacks zugänglich sind, wie akustische Parameter (z.B. Darstellung des „Sängerformanten in VoceVista), als eher zu weit von der eigentlichen Produktion der Stimme entfernt zu sein, zum anderen scheinen direkt mit der Stimmproduktion assoziierte Parameter, wie air-flow, als Beispiel eines internal locus of attention ebenfalls für den optimalen Lernerfolg eher ungeeignet zu sein [12]. Ein konstruktiver Vorschlag von Tietze und Verdolini zur Lösung dieses Dilemmas besteht darin, das Vibrationsempfinden, welches bei der Tonproduktion entsteht - den Sängern und Gesangspädagogen auch unter dem Bergriff des „Singens in die Maske" bekannt - als geeigneten Parameter zu definieren, da es sowohl Elemente einer effektiven (insbesondere den subglottischen Druck und glottischen Luftfluss) als auch einer ökonomischen Stimmgebung (Intensität im Klangspektrum) repräsentiert. Jedoch ist die Messung dieses Parameters im Sinne eines Biofeedbacks ein bisher technisch nicht suffizient gelöstes Problem. Zusätzlich interessant scheint dieser Parameter des Vibrationsempfindens dadurch zu sein, dass er leicht der Imagination, wie sie im mentalen Training verwendet wird, zugänglich ist (vgl. [2]).

Fazit für die Praxis

Biofeedback kann unter Berücksichtigung der oben angeführten Forschungsergebnisse in der Stimmtherapie dann sinnvoll eingesetzt werden (vgl. [1]), wenn die methodenimmanenten Besonderheiten und Limitierungen berücksichtigt werden:

• Verbesserungen der Performance und größerer Lernerfolg sind auch abhängig von der Schwierigkeit der Aufgabe und dem Können des Lernenden vor Beginn der Therapieeinheit (Hebert et al., 1996; Wulf et al., 1998). Bei Anforderungen, die für den Lernenden schwierig sind, können initial häufiger Methoden des Biofeedbacks angewendet werden, als bei einfachen Aufgabenstellungen.

• Unregelmäßiger Einsatz von Biofeedbackbackmethoden - möglichst am Ende einer Trainingseinheit - scheint einen größeren Lerneffekt zu haben als ständiger Einsatz des Biofeedbacks (Weniger scheint hier häufig mehr zu sein).

• Nicht jede Biofeedbackmethode, die in der Therapieeinheit eine deutliche Verbesserung der Performance zeigt, führt zu echtem Lernen, d.h. zu einer langfristigen Verbesserung der Performance.

• Der Einsatz von Biofeedback in der Therapie von Sprech- vs. Singstimme erfordert eine differenzierte Betrachtungsweise. Das Erlernen neuer Muster scheint in der Therapie der Singstimme einfacher, da hier die Stimmgebung zumeist kontrollierter erfolgt als in der Sprechstimme; die Gefahr des „Rückfalls" in alte Stimmgebungsmuster scheint in der Sprechstimme größer zu sein als in der Singstimme.


Literatur

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Wulf, G., Lauterbach, B., & Toole, T. (1999). Learning advantages of an external focus of attention in golf. Research Quarterly for Exercise and Sport, 70, 120-126