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21. Wissenschaftliche Jahrestagung der DGPP

Deutsche Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie

10. bis 12.09.2004, Freiburg/Breisgau

Zur Spirometrie bei einseitigen Stimmlippenlähmungen

Poster

  • author presenting/speaker Sylva Bartel-Friedrich - Univ.-HNO-Klinik der MLU Halle-Wittenberg, Sektion Phoniatrie & Pädaudiologie, Halle/S., Deutschland
  • Dorothea Pilchowski - Univ.-HNO-Klinik der MLU Halle-Wittenberg, Sektion Phoniatrie & Pädaudiologie, Halle/S., Deutschland
  • Ulrike Sievert - Univ.-HNO-Klinik der MLU Halle-Wittenberg, Sektion Phoniatrie & Pädaudiologie, Halle/S., Deutschland
  • Christine Lautenschläger - Institut für Medizinische Epidemiologie, Biometrie und Informatik, MLU Halle-Wittenberg, Halle/S., Deutschland
  • Cornelia Welzel - Univ.-HNO-Klinik der MLU Halle-Wittenberg, Sektion Phoniatrie & Pädaudiologie, Halle/S., Deutschland

Deutsche Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie. 21. Wissenschaftliche Jahrestagung der DGPP. Freiburg/Breisgau, 10.-12.09.2004. Düsseldorf, Köln: German Medical Science; 2004. Doc04dgppP02

Die elektronische Version dieses Artikels ist vollständig und ist verfügbar unter: http://www.egms.de/de/meetings/dgpp2004/04dgpp04.shtml

Veröffentlicht: 9. September 2004

© 2004 Bartel-Friedrich et al.
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Zusammenfassung

Hintergrund/Methoden: Einseitige Stimmlippenlähmungen (URLNP) sind durch Einschränkungen der Stimmqualität und -leistung sowie der Phonationsatmung gekennzeichnet. Zunehmend häufiger geklagte globale Atemprobleme waren Anlass, bei 36 Patienten mit URLNP [mittleres Alter (MW): 54 Jahre, ± 16] und 40 Kontrollen (MW: 49.7 Jahre, ± 17.2) neben dem Stimmstatus bes. die Phonationsatmung (Behauchungsgrad, Atmungstyp/-frequenz, Tonhaltedauer, Äußerungslänge, Phonationsquotient) und die Lungenfunktion mittels Spirometrie (IVC/FVC/VCmax/FEV1/FEV1 % VCmax % vom SW/PEF/MEF25/50/75/FIV1/PIF) zu untersuchen. Ursächlich lagen der URLNP überwiegend Strumaresektionen zugrunde.

Ergebnisse: Durch die verringerte Tonhaltedauer war der Phonationsquotient bei den Patienten signifikant erhöht. Spirometrisch zeigten sich bei Patienten geringere PIF und FIV1-Werte. Während VCmax, FVC und FEV1 nicht eingeschränkt waren, zeigten PEF- sowie MEF-Werte deutliche Reduktionen von weniger als 80% der SW. Gemessen an der relativen 1-Sekundenkapazität bestanden bei keinem Patienten globale Ventilationsstörungen.

Zusammenfassung: Eingeschränkte FIV1/PIF- und PEF/MEF-Werten weisen auf eine obere Atemwegseinengung hin, die mittels Spirometrie untersucht und quantifiziert werden kann. Sie erscheint geeignet, eine Partialobstruktion der oberen Luftwege funktionell zu erfassen. Eine globale Ventilationsstörung ließ sich nicht belegen, ggf. ist die pulmonologische Abklärung nach wie vor anzuraten.


Text

Einleitung

Einseitige Stimmlippenlähmungen (URLNP) sind durch Stimmqualitäts- und Stimmleistungseinschränkungen sowie Störungen der Phonationsatmung gekennzeichnet. Sie verursachen in der Regel keine globale Ventilationsstörung. Die nach eigener Beobachtung zunehmend häufiger geklagten globalen Ventilationsstörungen, vor allem bei gutachterlichen Fragestellungen, waren aktuell Anlass, verschiedene Lungenfunktionsparameter bei URLNP auszuwerten.

Methoden

Bei 39 Patienten mit URLNP [mittleres Alter (MW): 55,5 Jahre (J), ± 14,7 J, Altersspanne: 14-77 J, 24 weiblich] und 48 Kontrollen (MW: 46,8 J, ± 17,3 J, Altersspanne: 17-73 J, 28 weiblich) untersuchten wir neben dem Sprech- und Stimmstatus insbesondere die Phonationsatmung (Behauchungsgrad, Atmungstyp, Tonhaltedauer, adäquate Äußerungslänge, Phonationsquotient, Atemfrequenz) und die Lungenfunktion mittels Spirometrie. Es wurden die dynamischen Lungenvolumina, die Strömungsgeschwindigkeiten nach Inspiration und forcierter Exspiration sowie die Vitalkapazität erfasst [Tab. 1] und zumeist sollwertbezogen statistisch ausgewertet. Hier entsprach eine Abweichung vom Sollwert (SW) nach unten von 80-60% einer leichten, von 59-40% einer mittelgradigen und von unter 40% einer schweren Funktionseinschränkung. Bei Werten von über 80% vom SW wurde von einer normalen Funktion (keine gravierende Funktionseinschränkung) ausgegangen. Ursächlich lagen der URLNP überwiegend Strumaresektionen zugrunde. Weder Patienten noch Kontrollen wiesen Erkrankungen der unteren Luftwege auf.

Ergebnisse

Durch die signifikante Reduktion der Tonhaltedauer (7,7 ± 3,4 vs. 17 ± 4,4, p <0.0001) war der Phonationsquotient [(PQ) = VC/THD) bei den Patienten signifikant erhöht (429,3 ± 186 vs. 204,3 ± 66,3, p = 0.0001), wobei Männer insgesamt höhere PQ-Werte aufwiesen (p = 0.03). Spirometrisch zeigten sich bei Patienten zwar geringere PIF- (MW: 2047 ± 845 vs. 2799 ± 1090) und FIV1- (MW: 1961 ± 747 vs. 2526 ± 815) Werte, die sich jedoch nicht signifikant unterschieden. Vielmehr lagen auch hier höhere Werte bei Männern vor (PIF: p <0.001, FIV1: p <0.001). Während VC max, FVC, VC in und FEV1 mit Werten von im Mittel über 80% vom SW nicht eingeschränkt waren und zwischen Patienten und Kontrollen nicht signifikant differierten, ergaben sich bei den Patienten mit URLNP bezüglich der PEF- (MW: 67,6% SW ± 19,7 vs. 86,8 % SW ± 18,3, p <0.001) sowie MEF75-(MW: 69,5% SW ± 18,5 vs. 92,8% SW ± 23,5, p <0.001) und MEF50-Werte (MW: 71,5% SW ± 22,5 vs. 102,1% SW ± 32, p <0.001) deutliche Reduktionen von weniger als 80% der SW. Die MEF25-Werte lagen im Mittel noch im unteren Normalbereich (MW: 81% SW ± 43,3 vs. 123,8% SW ± 60,4), differierten jedoch signifikant zu den Kontrollen (p <0.001). Dem gegenüber zeigten sich gemessen an der relativen 1-Sekundenkapazität als Parameter zur Beurteilung einer globalen Atmungseinschränkung bei keinem Patienten globale Ventilationsstörungen, da der Normalbereich (>80% vom SW) im Mittel mit 106,1% SW ± 11,4 (vs. 113,4 ± 11,5) gut erreicht wurde. Dennoch lag die relative 1-Sekundenkapazität bei den Patienten auf signifikant niedrigerem Niveau (p = 0.003). Die Tabelle 2 [Tab. 2] fasst die Ergebnisse der Lungenfunktionsparameter zusammen. Die Äußerungslänge war bei 14 Patienten (36%) nicht, bei den verbleibenden 25 Patienten überwiegend leicht (n = 20, 80% bzw. 51% aller Patienten) und nur selten mittelgradig (n = 3, 12% bzw. 8% aller Patienten) oder schwer (n = 2, 8% bzw. 5% aller Patienten) eingeschränkt, wobei ganz überwiegend die Patienten mit eingeschränkter Äußerungslänge auch Schwierigkeiten mit der sinnentsprechenden Atemeinteilung der gesamten intendierten Äußerung hatten. Derartige Phänomene wurden bei Kontrollen nicht beobachtet. Hinsichtlich des Behauchungsgrades konnten zwischen Patienten mit URLNP und Kontrollen signifikant unterschiedliche Verteilungen (p = 0.001) über die verschiedenen Behauchungsgrade herausgearbeitet werden, indem bei Patienten durch den mangelnden Glottisschluss die höheren Behauchungsgrade überwogen. Obwohl die Atemfrequenz bei den URLNP-Patienten signifikant höher als bei Kontrollen lag (MW: 16,6 ± 2 vs. 12,1 ± 2,1, p = 0.006), kommt diesem Parameter eher nur eine relative Bedeutung zu, da er noch im oberen Grenzbereich angesiedelt ist. Bezüglich des Atmungstyps bevorzugten die Patienten hauptsächlich die nicht optimale, unphysiologische Hochatmung (90% vs. 10% Tiefatmung), was ebenfalls erstaunlich häufig bei Kontrollen zu beobachten war (71% Hochatmung vs. 29% Tiefatmung, p < 0.05).

Diskussion

Die Kombination aus eher niedrigen (im unteren Normalbereich bzw. knapp darunter) FIV1- bzw. PIF- und insbesondere jedoch eingeschränkten PEF- und MEF-Werten unter 80% vom SW weist auf eine Einengung der oberen Atemwege hin, die mittels Spirometrie untersucht und quantifiziert werden kann. Die nicht invasive, kostengünstige und leicht durchzuführende spirometrische Untersuchung erscheint daher geeignet, eine Partialobstruktion der oberen Luftwege funktionell zu erfassen. Eine globale Ventilationsstörung ließ sich nicht belegen. Bei zusätzlichen Einschränkungen der relativen 1-Sekundenkapazität ist jedoch eine pulmonologische Abklärung nach wie vor empfehlenswert. Daneben können auch der Phonationsquotient, der Behauchungsgrad, die Äußerungslänge einschließlich der adäquaten, sinnentsprechenden Atemeinteilung zur Beurteilung der Stimmqualität und Stimmleistung bei Patienten mit URLNP gut mit herangezogen werden.


Literatur

1.
Cantarella G, Fasano V, Bucchioni E, Domenichini E, Cesana BM (2003) Spirometric and plethysmographic assessment of upper airway obstruction in laryngeal hemiplegia. Ann Otol Rhinol Laryngol 112: 1014-1020
2.
Fischer J (1995) Krankheiten der Atmungsorgane. In: Sozialmedizinische Begutachtung in der gesetzlichen Rentenversicherung, Gustav Fischer Verlag, Stuttgart, 227-256
3.
Rau R, Beckett R (1984) Aerodynamic assessment of vocal fold function using hand-held spirometers. J Speech & Hearing Disorders 49: 183-188
4.
Vössing M, Waßermann K, Eckel HE, Ebeling O (1995) Die Peak-flow-Messung bei Patienten mit Kehlkopf- und Trachealstenosen. HNO 43: 70-75