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20. Wissenschaftliche Jahrestagung der DGPP Deutsche Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie

Deutsche Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie e. V.

12. bis 14.09.2003, Rostock

Lese-Rechtschreibstörungen bei Erwachsenen: Eine Erweiterung der diagnostischen Betrachtungsweise

Vortrag

  • corresponding author Eberhard Seifert - Station Phoniatrie, Universitätsklinik für Hals-, Nasen- und Ohrenkrankheiten, Hals-, Kiefer- und Gesichtschirurgie, Inselspital, CH-3010 Bern, Schweiz, Tel. 0041 31 632 33 49, Fax. 0041 31 632 31 93
  • Alexander Zimmermann - Station Phoniatrie, Universitätsklinik für Hals-, Nasen- und Ohrenkrankheiten, Hals-, Kiefer- und Gesichtschirurgie, Inselspital, CH-3010 Bern, Schweiz, Tel. 0041 31 632 33 49, Fax. 0041 31 632 31 93
  • Isabelle Schaller Gilg - Station Phoniatrie, Universitätsklinik für Hals-, Nasen- und Ohrenkrankheiten, Hals-, Kiefer- und Gesichtschirurgie, Inselspital, CH-3010 Bern, Schweiz, Tel. 0041 31 632 33 49, Fax. 0041 31 632 31 93
  • Jürg Kollbrunner - Station Phoniatrie, Universitätsklinik für Hals-, Nasen- und Ohrenkrankheiten, Hals-, Kiefer- und Gesichtschirurgie, Inselspital, CH-3010 Bern, Schweiz, Tel. 0041 31 632 33 49, Fax. 0041 31 632 31 93

Deutsche Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie. 20. Wissenschaftliche Jahrestagung der DGPP. Rostock, 12.-14.09.2003. Düsseldorf, Köln: German Medical Science; 2003. DocV50

Die elektronische Version dieses Artikels ist vollständig und ist verfügbar unter: http://www.egms.de/de/meetings/dgpp2003/03dgpp098.shtml

Veröffentlicht: 12. September 2003

© 2003 Seifert et al.
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Zusammenfassung

Ungefähr 5% aller deutschen Erwachsenen besitzen lediglich die Rechtschreibkenntnisse von Viertklässlern. Für die Erwachsenen bedeutet es meist eine erhebliche Überwindung, sich diese Schwäche einzugestehen und professionelle Hilfe aufzusuchen. Wenn sie sich aber doch dazu entscheiden, geschieht dies oft aus einer persönlichen Umbruchsituation heraus. In den letzten drei Jahren stellten sich 30 Patienten im Alter von 15-47 Jahren mit V.a. Lese-Rechtschreibstörung (LRS) vor. Es erfolgte eine HNO-Untersuchung, eine standardisierte Überprüfung des Lesens und des Schreibens, ein Audiogramm und ein Gespräch mit Logopäde und Psychologe. Nach einer interdisziplinären Fallbesprechung wurde den Patienten ein Vorschlag zum Procedere unterbreitet. 87% der Patienten wiesen eine LRS auf. Die daraus abzuleitenden therapeutischen Konsequenzen variierten je nach Art der Motivation der Hilfesuchenden: 23% der Patienten wünschten nur, sich vor einer Prüfung mit einer Bescheinigung abzusichern; 37% zeigten ein ernsthaftes Bedürfnis, aus beruflichen oder privaten Ambitionen besser Lesen und Schreiben zu lernen und 57% hatten aus einer persönlichen Krisensituation heraus die Vorstellung entwickelt, wenn sie besser schreiben könnten, würden sich ihre psychosozialen Probleme weitgehend auflösen. Eine patientengerechte LRS-Diagnostik darf also nicht nur symptomorientiert bleiben, sondern muss beachten, welche Bedeutung die LRS in einer bestimmten Phase für die Betroffenen haben kann.


Text

Einleitung

Störungen des Lesens und des Schreibens treten bei 3-5% der Kinder und Jugendlichen auf, dabei sind Jungen häufiger betroffen als Mädchen. Ungefähr 5% der deutschen Erwachsenen haben nur ein Rechtschreibniveau von Viertklässlern [1], bei 0.75-3% der Erwachsenen spricht man von funktionalem Analphabetismus. Die Betroffenen sind also nicht in der Lage, die Schriftsprache für sich im Alltag zu nutzen. Die Lese-Rechtschreibstörung (LRS) ist also kein vorübergehendes Entwicklungsphänomen, sondern eine Störung, die das ganze Leben beeinflussen kann [2].

Bei der Diagnostik und Betreuung der Kinder und Jugendlichen mit einer LRS kommt den Schulen eine zentrale Bedeutung zu. Wollen Erwachsene gegen die LRS angehen, müssen sie sich selbst professionelle Hilfe suchen, die regional ganz unterschiedlich organisiert sein kann. Die Station Phoniatrie der Universitäts-HNO-Klinik in Bern ist eine solche Anlaufstelle, an die sich Erwachsene mit der Fragestellung nach einer LRS wenden können.

Ziel dieser Untersuchung war es, die unterschiedlichen Motive der jugendlichen und erwachsenen Patienten herauszuarbeiten, die sich mit dem Verdacht auf eine LRS in unserer Sprechstunde vorstellten.

Material und Methode

In den letzten drei Jahren kamen 30 Patienten mit dem V.a. eine LRS zur Untersuchung. Es handelte sich um 12 Frauen und 18 Männer im Alter zwischen 15 und 48 Jahren (Mittelwert=27.1 J).

Die Abklärung beinhaltete zunächst die folgenden Verfahren: Nach einem Einführungsgespräch mit Logopäde/-in und Psychologe erfolgte die detaillierte Untersuchung des Lesens und des Schreibens. Dazu gehörte das Schreiben eines freien Textes zu einem Bild von Paul Klee und zu einer Bildergeschichte, der Diagnostische Rechtschreibtest für 3. Klassen (DRT 3) oder das Inventar implizierter Rechtschreibregeln (IiR), das Lesen eines skurrilen Textes mit Überprüfen des Lesesinnverständnisses und das laute Lesen des Textes „Sommerferien" von Hermann Hesse. Es wurde untersucht, ob sich die Patienten bei der Bedienungsanleitung eines Faxgerätes eher an den Pictogrammen oder am Text orientierten. Zur Überprüfung der visuellen Wahrnehmung mussten die Patienten die komplexen Figuren nach Rey abzeichnen und nach einer Zeit aus dem Gedächtnis reproduzieren. Ausserdem wurde der Test d2 durchgeführt (Hogrefe 1962). Die auditive Merkfähigkeit wurde mit dem Mottier-Test überprüft. Es folgte eine Ohrmikroskopie und ein Audiogramm, ggfs. eine Testung der Intelligenz und eine Abschlussbesprechung mit einem Vorschlag zum weiteren Vorgehen. Für die komplette Diagnostik wurden insgesamt drei Termine benötigt.

Da sich aber nach den ersten 15 Patienten herausstellte, dass die motivationalen Hintergründe gegenüber der eigentlichen Frage der LRS oft im Vordergrund standen, wurde das Setting bei den folgenden Patienten -auch aus Zeitgründen- auf einen einzigen Termin verkürzt.

Nach dem Gespräch mit Logopäde/-in und Psychologe wurde das Lesen und Schreiben nur noch screeningartig untersucht. Dieses standardisierte Screening umfasste das Schreiben eines freien Textes zu dem Bild von Paul Klee, ein Diktat verschiedener Sätze aus der Hamburger Schreibprobe (HSP) und das laute Lesen mit anschliessendem Überprüfen des Lesesinnverständnisses anhand der „Carl-Bally-Geschichte" aus dem Basel-Minnesota-Test zur Differentialdiagnose der Aphasie (BMTDA). Ein Audiogramm und eine Ohrmikroskopie wurden vorausgesetzt. Nach einer kurzen interdisziplinären Fallbesprechung wurde den Patienten ein Vorschlag zum weiteren Procedere unterbreitet. Die gesamte Abklärung konnte so auf etwa zwei Stunden reduziert werden.

Ergebnisse

Von den 30 Patienten besuchten 20 die Primarschule (entspricht der deutschen Hauptschule), sieben die Sekundarschule (entspricht der deutschen Realschule) und drei das Gymnasium. Bei allen Patienten lagen normale ohrmikroskopische und audiologische Befunde vor.

Bei insgesamt 26 Patienten (87%) wurde eine LRS diagnostiziert. Dabei konnte die Diagnose sowohl mit der vollständigen Testreihe als auch mit dem verkürzten Verfahren eindeutig gestellt werden. Eine zusätzliche, ausführlichere Diagnostik war bei keinem der nach dem Screeningverfahren untersuchten Patienten notwendig.

Die Motivation der Hilfesuchenden, sich an eine Fachstelle zu wenden, variierte aber erheblich. Sieben Patienten (23%) wünschten nur, sich vor einer Prüfung mit einer ärztlichen Bescheinigung abzusichern. Elf Patienten (37%) zeigten aus beruflichen oder privaten Ambitionen ein ernsthaftes Bedürfnis, besser Lesen und Schreiben zu lernen und 17 Patienten (57%) hatten aus einer persönlichen Krisensituation heraus die Vorstellung entwickelt, wenn sie besser schreiben könnten, würden sich ihre Probleme größtenteils lösen. Bei den fünf Patienten mit mehreren Motivationsgründen handelte es sich um solche, die entweder eine Bescheinigung wünschten oder eine Therapie suchten, dazu aber auch eine akute psychosoziale Problematik präsentierten, von der sie im Gespräch erkannten, dass diese auch (oder sogar primär) ernst genommen werden sollte.

Die Ergebnisse im einzelnen:

Alle sieben Patienten der ersten Gruppe (Motiv: Bescheinigung) hatten eine LRS. Sechs von ihnen wurde eine Bescheinigung ausgestellt und einem Gymnasiasten eine solche für die anstehende Abiturprüfung in Aussicht gestellt. Bei 9/11 Patienten (82 %) der zweiten Gruppe (Motiv: besser Schreiben lernen) lag eine LRS vor. Ihnen wurde zu einer logopädischen Therapie oder einem Kurs „Lesen und Schreiben für Erwachsene" geraten. Den restlichen zwei Patienten dieser Gruppe wurde ein Deutschkurs bzw. eine Hilfe zur Aneignung einer besseren Lerntechnik empfohlen. Bei 14/17 Patienten (82%) der letzten Gruppe (Motiv: Krisensituation) konnte eine LRS diagnostiziert werden. Zu den Krisensituationen zählten unter anderem eine chronische Ehekrise, zweimal ein Mutter-Tochter-Konflikt, akademisch vorgebildete und den Patienten bedrängende Eltern, eine Trennung von der psychisch kranken Ehefrau, eine Entwurzelung aus der heimatlichen Kultur usw.. Elf Patienten wurde eine psychologische Beratung vorgeschlagen, dieses Angebot wurde von neun Patienten aufgegriffen, sechs erhielten eine Empfehlung zur Psychotherapie, die in mindestens zwei Fällen stattfand. Eine Förderung zur Verbesserung der Lese- und Rechtschreibkenntnisse wurde bei acht (47%) dieser Patienten eingeleitet.

Diskussion

Die vorgestellten Ergebnisse bedeuten also, dass bei über der Hälfte der Patienten, die wegen einer LRS eine Fachstelle aufsuchten, der Schriftspracherwerb -bewusst oder unbewusst- als Aufhänger benutzt wurde, sich mit einem Problem an eine Fachinstanz zu wenden. Daher wurde im Verlauf des untersuchten Zeitraums das diagnostische Profil von einer sehr ausführlichen Beurteilung des Lesens und Schreibens zugunsten einer mehr „motivational" orientierten Diagnostik geändert. Die Betrachtung lediglich der Schriftsprache wäre bei diesen Patienten nur symptomorientiert geblieben und hätte die jeweilige individuell zentrale Frage der Patienten nicht berücksichtigt. Je nach den Motiven, die einen Erwachsenen -meist nach jahrelangem Zögern- zur Abklärung einer LRS führen, sind also unterschiedliche therapeutische Schlussfolgerungen zu ziehen. Dabei ist nicht nur die Schwere der Störung zu berücksichtigen, sondern gerade auch die Bedeutung, welche die Störung biographisch und in der aktuellen Lebenssituation des Patienten hat [3]. Nur durch eine ganzheitliche Betrachtungsweise, die diese Hintergründe des Störungsbildes LRS berücksichtigt, kann es gelingen, dem Patienten eine adäquate Therapieform anbieten zu können.


Literatur

1.
Haffner J., Zerah-Hartung C., Pfuller U., Parzer P., Strehlow U., Resch F. Auswirkungen und Bedeutung spezifischer Rechtschreibprobleme bei jungen Erwachsenen. Zeitschrift für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie 26; 1998: 124-135
2.
Esser G., Wyschkon A., Schmidt H.M. Was wird aus Achtjährigen mit einer LRS - Ergebnisse im Alter von 25 Jahren. Zeitschrift für klinische Psychologie und Psychotherapie 31; 2002: 235-242
3.
Döbert M. Schriftsprachunkundigkeit bei deutschsprachigen Erwachsenen. In: Eicher T. (Hrsg.): Zwischen Leseanimation und literarischer Sozialisation. Konzepte der Lese(r)förderung. Oberhausen 1997: 117-139