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20. Wissenschaftliche Jahrestagung der DGPP Deutsche Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie

Deutsche Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie e. V.

12. bis 14.09.2003, Rostock

Ergebnisse zum Marburger Konzentrations - Untersuchungsverfahren für Vorschulkinder

Poster

  • corresponding author Ina Ozdyk - Auf dem Wehr 10, 35037 Marburg, Tel.: 06421-617622
  • author R. Berger - Medizinisches Zentrum für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, Abteilung für Phoniatrie und Pädaudiologie, Deutschhausstr. 3, 35057 Marburg, Tel.: 06421-2866439, Fax: 06421-2862824
  • Jens Blechschmidt - Neurologische Klinik am Universitätsklinikum Gießen, Am Steg 14, 35385 Gießen, Tel.: 0641-9945400
  • author Stefan Kreszis - Am Wasser 44, 28759 Bremen, Tel.: 0421/6263843
  • author Hans-Helge Müller - Institut für Medizinische Biometrie und Epidemiologie der Philipps-Universität Marburg, Bunsenstr. 3, 35037 Marburg, Tel.: 06421-2866209, Fax: 06421-2868921

Deutsche Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie. 20. Wissenschaftliche Jahrestagung der DGPP. Rostock, 12.-14.09.2003. Düsseldorf, Köln: German Medical Science; 2003. DocP28

Die elektronische Version dieses Artikels ist vollständig und ist verfügbar unter: http://www.egms.de/de/meetings/dgpp2003/03dgpp069.shtml

Veröffentlicht: 12. September 2003

© 2003 Ozdyk et al.
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Zusammenfassung

Ein Zusammenhang zwischen Sprachentwicklung und Konzentrationsfähigkeit gilt als immer wahrscheinlicher. In der Diagnostik und Behandlung sprachentwicklungsverzögerter Kinder spielt deshalb die Beurteilung von Aufmerksamkeit und Konzentrationsfähigkeit eine zunehmende Rolle. Ein entsprechender Konzentrationstest steht derzeit allerdings noch nicht zur Verfügung. Wir haben das Marburger Konzentrations-Untersuchungsverfahren für Vorschulkinder (MKVK) in Anlehnung an das Konzentrations-Handlungs-Verfahren von Koch und Pleissner entwickelt und bereits vorgestellt. Es wurde zunächst an gesunden, später dann an schwerhörigen und auditiv wahrnehmungsgestörten Kindern erprobt. Hierbei zeigten sich hinsichtlich der benötigten Zeit und der Fehlerzahl signifikante Unterschiede zwischen der auffälligen und der unauffälligen Gruppe. In einer Folgeuntersuchung haben wir 57 sprachentwicklungsverzögerte Vorschulkinder aus zwei unterschiedlichen Populationen mit dem selben Konzentrationsverfahren getestet und diese mit 56 unauffälligen Kindern verglichen. Auch hier konnten signifikante Unterschiede bezüglich der Fehlerrate und der Zeit festgestellt werden. Mit diesen Ergebnissen wird erneut nachgewiesen, dass das von uns entwickelte Untersuchungsverfahren eine gute Möglichkeit bietet, Aussagen zur Konzentrationsfähigkeit bei Vorschulkindern abgeben zu können. Wir empfehlen deshalb dieses Verfahren für den Einsatz in der täglichen Praxis.


Text

Einleitung

Die Frage nach dem Zusammenhang zwischen der Konzentrationsleistung eines Kindes und der Sprachentwicklung ist bislang nicht ausreichend geklärt. Darüber hinaus steht derzeit noch kein adäquates Testverfahren zur Beurteilung des Konzentrationsvermögens von Kindern im Vorschulalter zur Verfügung.

In Anlehnung an das Konzentrations - Handlungs - Verfahren von Koch und Pleissner haben wir das Marburger Konzentrations - Untersuchungsverfahren für Vorschulkinder (MKVK) entwickelt, ein Kartensortierverfahren, das an gesunden Kindern erprobt und in einer Folgeuntersuchung auch an schwerhörigen und auditiv wahrnehmungsgestörten Vorschulkindern durchgeführt wurde. Hierbei zeigten sich hinsichtlich der benötigten Zeit und der Fehlerzahl signifikante Unterschiede zwischen der auffälligen und der unauffälligen Gruppe. Im Rahmen einer neuen Studie wandten wir das Testverfahren nun an Kindern mit einer verzögerten Sprachentwicklung an. Hierzu wurden zwei Untergruppen betrachtet, bestehend aus Kindern aus der Abteilung für Phoniatrie und Pädaudiologie der Universitätsklinik Marburg und Kindern aus einem Sprachheilkindergarten.

Wir verglichen sowohl diese beiden Gruppen miteinander, um die Unabhängigkeit des Testverfahrens von äußeren Bedingungen zu überprüfen, als auch die Ergebnisse aller sprachentwicklungsverzögerten Kinder mit den Ergebnissen der unauffälligen Vorschulkinder aus der vorangegangenen Studie.

Material und Methoden

Es handelt sich um ein einfaches Karten-Sortier-Verfahren, bestehend aus einem Kartensatz von 80 Karten. Auf jeder Karte sind zwölf verschiedene Symbole zu sehen, die anhand von zwei Merkmalen (Hund und Gans) vier verschiedenen Stapeln zugeordnet werden müssen: Hund und Gans, nur Hund, nur Gans, weder Hund noch Gans. Die zum Einordnen aller 80 Karten benötigte Zeit sowie die dabei gemachten Fehler werden notiert.

Die erste untersuchte Gruppe bestand aus 42 Kindern, die zur Untersuchung in die Abteilung für Phoniatrie und Pädaudiologie der Marburger Universitätsklinik kamen und nach Einwilligung der Eltern getestet wurden. Drei dieser Kinder brachen den Test vorzeitig ab, so dass insgesamt die Ergebnisse von 39 Kindern in die Berechnung eingingen.

Als Vergleichsgruppe dienten 19 Kinder aus dem AWO-Sprachheilkindergarten in Schürfelde bei Meinerzhagen, die ebenfalls nach entsprechender Einwilligung der Eltern untersucht wurden. In dieser Gruppe war ein Kind nicht in der Lage, den Test bis zum Ende durchzuführen, so dass nur die Ergebnisse von 18 Kindern berücksichtigt werden konnten.

Zusätzlich verglichen wir die gewonnenen Testergebnisse mit Ergebnissen von 56 gesunden Vorschulkindern, die in einer früheren Studie mit Hilfe des gleichen Testverfahrens erhoben wurden. An dieser Untersuchung hatten ursprünglich 58 Kinder teilgenommen, von denen zwei aber den Test vorzeitig beendeten.

Ergebnisse

Die auffälligen Kinder aus der Universitätsklinik Marburg waren zwischen 4,0 und 7,5 Jahre alt. Sie benötigten zwischen 314 sec und 1100 sec zum Sortieren der 80 Karten (Mittelwert 594,5, Median 582, Standardabweichung 185,5). Die Anzahl der Fehler lag zwischen 0 und 18 (Mittelwert 4,1, Median 3, Standardabweichung 4,1). Es ließen sich hinsichtlich der Zeit- und der Fehlerwerte keine Unterschiede zwischen Mädchen und Jungen feststellen.

In der zweiten Gruppe auffälliger Kinder, die in einem Sprachheilkindergarten getestet wurde, lag das Alter der Kinder zwischen 3,7 und 6,5 Jahren. Sie benötigten zum Sortieren der Karten zwischen 373 sec und 899 sec (Mittelwert 597,8, Median 613, Standardabweichung 168,1) und machten zwischen 0 und 20 Fehler (Mittelwert 5,2, Median 3, Standardabweichung 4,9). Auch in dieser Gruppe konnten keine geschlechtsspezifischen Unterschiede festgestellt werden.

Die gesunden Kinder der Vergleichsgruppe waren zwischen 5,2 und 8,4 Jahre alt. Die benötigte Zeit zum Sortieren der Karten lag zwischen 275 sec und 692 sec (Mittelwert 409,5, Standardabweichung 103,2), die Fehlerzahl lag zwischen 0 und 8 Fehlern (Mittelwert 2,4, Standardabweichung 2,1). Unterschiede zwischen Mädchen und Jungen wurden auch hier nicht festgestellt.

Durch den U -Test von Wilcoxon, Mann und Whitney konnte bewiesen werden, dass zwischen den beiden Gruppen auffälliger Kinder keine signifikanten Unterschiede hinsichtlich der Zeit (p=0,756) oder der Fehlerzahl (p=0,37) bestehen. Vergleicht man hingegen die Gesamtheit der auffälligen Kinder mit der Gruppe unauffälliger Kinder, so ergibt sich für die Zeit ein p-Wert < 0,0001 und für die Fehler ein p-Wert von 0,005. Folglich unterscheiden sich auffällige und unauffällige Kinder sowohl anhand der Zeit als auch anhand der Fehlerzahl signifikant.

In den vorausgehenden Studien wurde die Differenzierung nach Arbeitsstilen als Ansatz zur Unterscheidung zwischen auffällig und unauffällig vorgestellt. Hiernach können die getesteten Kinder in vier Gruppen aufgeteilt werden:

1.S&W - schnell und wenig Fehler

2.S&V - schnell und viele Fehler

3.L&W - langsam und wenig Fehler

4.L&V - langsam und viele Fehler

Die Trennung zwischen schnell und langsam, vielen und wenigen Fehlern erfolgt am jeweiligen Mittelwert der Gruppe der unauffälligen Kinder (409,5 sec und 2,4 Fehler).

Bei den gesunden Kindern sind die ersten drei Gruppen ungefähr gleich stark vertreten (jeweils ca. 30%), die vierte Gruppe bildet den kleinsten Anteil mit ungefähr 9%.

Im Gegensatz dazu ist bei den auffälligen Kindern die vierte Gruppe mit ca. 50% am stärksten vertreten, gefolgt von der Gruppe 3, die 33% ausmacht, während die Gruppen 1 und 2 nur mit ca. 7 bzw. 8% vertreten sind.

Diskussion

Das von uns eingesetzte Konzentrationsverfahren war problemlos mit Vorschulkindern durchzuführen. Die gewählten Auswertungskriterien Zeit und Fehlerzahl ließen signifikante Unterschiede zwischen den Leistungen der auffälligen und der gesunden Kinder deutlich werden. Die auffälligen Kinder benötigten im Durchschnitt mehr Zeit und machten mehr Fehler als die gesunden Kinder.

Mit diesen Ergebnissen wird erneut nachgewiesen, dass das von uns entwickelte Untersuchungsverfahren eine gute Möglichkeit bietet, Aussagen bezüglich der Konzentrationsfähigkeit bei Vorschulkindern abgeben zu können. Wir empfehlen deshalb dieses Verfahren für den Einsatz in der täglichen Praxis.


Literatur

1.
Berger, R.; Böddeker, I.; Kreszis S.: Zur Validierung eines Konzentrationsverfahrens für Vorschulkinder. In: Aktuelle phoniatrisch-pädaudiologische Aspekte, Band 8, Median Verlag von Kilisch Horn GmbH, Heidelberg, 2001
2.
Blechschmidt, J.; Berger, R.; Böddeker, I.; Kreszis, S.: Neuere Ergebnisse zur Validierung eines Konzentrationsverfahrens für Vorschulkinder. In: Aktuelle phoniatrisch-pädaudiologische Aspekte, Band 9, Median Verlag von Kilisch Horn GmbH, Heidelberg, 2002
3.
Blechschmidt, J.: Untersuchung zur Konzentrationsfähigkeit und zur Normwerterhebung eines Konzentrations-Untersuchungs-Verfahrens für Vorschulkinder. Inaugural-Dissertation, Marburg, 2003
4.
Kreszis, S.: Untersuchungen zur Validierung eines Konzentrationsverfahrens an normalhörigen Vorschulkindern. Inaugural-Dissertation, Marburg, 2003