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20. Wissenschaftliche Jahrestagung der DGPP Deutsche Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie

Deutsche Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie e. V.

12. bis 14.09.2003, Rostock

Operative und funktionelle Dysphagietherapie bei onkologischen HNO-Erkrankungen

Vortrag

  • corresponding author Ute Gonnermann - Klinik für HNO-Heilkunde, Kopf- und Halschirurgie der Universität Greifswald, Abteilung für Phoniatrie und Pädaudiologie, Walther-Rathenau-Str. 43-45, 03834-866284, 03834-866201
  • author Karin Winter
  • author Stefan Grützenmacher - Klinik für HNO-Heilkunde, Kopf- und Halschirurgie der Universität Greifswald, Walther-Rathenau-Str. 43-45, Tel.: 03834-866217, Fax: 03834-866201
  • author Tadeus Nawka

Deutsche Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie. 20. Wissenschaftliche Jahrestagung der DGPP. Rostock, 12.-14.09.2003. Düsseldorf, Köln: German Medical Science; 2003. DocV30

Die elektronische Version dieses Artikels ist vollständig und ist verfügbar unter: http://www.egms.de/de/meetings/dgpp2003/03dgpp047.shtml

Veröffentlicht: 12. September 2003

© 2003 Gonnermann et al.
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Zusammenfassung

Die orale Nahrungsaufnahme dient nicht nur der Ernährung, sondern beeinflusst auch entscheidend die Lebensqualität und gesellschaftliche Integration des Menschen. Bei onkologischen Kopf- und Halserkrankungen kommt es nach Tumorresektion häufig zu massiven Schluckstörungen, bedingt durch veränderte Strukturen oder als Folge der Bestrahlung. In unserer Abteilung konnten wir eine Zunahme dieser Patientenklientel beobachten und behandelten in den letzten zwei Jahren 24 Patienten mit diesem Störungsbild. Zur Diagnostik und Verlaufskontrolle verwenden wir einen in unserer Abteilung entwickelten Dysphagie-Diagnostikbogen. Die konservativen und operativen Therapiemaßnahmen zur Schluckrehabilitation werden individuell festgelegt. Anhand eines Fallbeispiels wird der Therapieverlauf einschließlich operativ-rekonstruktiver Maßnahmen exemplarisch dargestellt.


Text

Einleitung

Die orale Nahrungsaufnahme dient nicht nur der Ernährung, sondern beeinflusst auch entscheidend die Lebensqualität und gesellschaftliche Integration des Menschen.

Bei onkologischen Kopf- und Halserkrankungen kann es nach Tumorresektion zu Schluckstörungen bedingt durch veränderte Strukturen oder als Folge der Bestrahlung kommen. In unserer Abteilung konnten wir eine Zunahme der Anzahl von Patienten mit Schluckstörungen nach operativer Therapie bei Tumorerkrankung feststellen.

Material und Methode

Von Juli 2002 bis Mai 2003 wurden in der Klinik für Hals-,Nasen-und Ohrenkrankheiten, Kopf- und Halschirurgie der Universität Greifswald insgesamt 165 Patienten wegen maligner Erkrankungen des Epipharynx, Oropharynx, Hypopharynx und des Larynx behandelt [Abb. 1]. Eine Gruppe von 21 Patienten erhielt wegen bestehender Tumoren anderer Lokalisationen eine Neck dissection.

Von den insgesamt 186 Patienten wurden uns 22 zur Therapie wegen Dysphagie vorgestellt. Die Dokumentation der Diagnostik und Veränderungen im Verlauf der Therapie erfolgten anhand unseres Dysphagie-Untersuchungsprotokolls [Abb. 2].

Die Therapie bediente sich konservativer Methoden. Je nach Störungsbild wurden individuell kausale und kompensatorische Verfahren angewandt, u.a. Übungen zur Verbesserung der orofacialen Motorik, Larynxelevation sowie verschiedene Schlucktechniken. In den meisten Fällen wurde die Nahrungskonsistenz verändert.

Ergebnisse

Die Häufigkeit einer therapiebedürftigen Dysphagie betrug bei unseren Tumorpatienten im beobachteten Zeitraum von 11 Monaten 11,8 %. Die Hauptsymptome aller Patienten waren Störungen in der oropharyngealen Phase mit Retentionen in den Valleculae, Rezessus piriformes und in den entstandenen Operationsdefekten im Oropharynx sowie Penetrationen in den Endolarynx. Aspirationen 1.-3.Grades traten bei 77,3% der Dysphagiepatienten auf (1.Grades 6 Patienten, 2.Grades 6 Patienten, 3.Grades 5 Patienten) und aspirationsfreie Schluckstörungen bei 5 Patienten.

Die Therapiedauer erstreckte sich von 1 Woche bis zu 8 Monaten. Bei einem Patienten wurde zusätzlich eine operative Therapie zur Rekonstruktion einer Neoepiglottis erforderlich.

Bei der Aufnahme von Flüssigkeiten traten über den Behandlungszeitraum hinaus noch Probleme auf. Ein guter Therapieerfolg wurde bei fester und breiiger Nahrung erreicht.

Insgesamt konnten sich nach Beendigung der operativen und konservativen Dysphagietherapie 16 von 22 Patienten (72,7%) oral ernähren.

Diskussion

Bei onkologischen Patienten steht die Behandlung des Tumors an erster Stelle. Danach folgt die Rehabilitation der entstandenen Funktionsstörungen.

Gründe für den erschwerten oder aufgehobenen Bolustransport sind Operationsdefekte, Störung der Innervation und Motilitätseinschränkungen des Pharynxschlauches nach Rekonstruktionen.

Eine hohe Inzidenz der Dysphagie bei Larynxteilresektionen ist zu erwarten. So hatten 61 von 65 Patienten in einer Wiener Studie Zeichen einer Aspiration [1]. Sie war bedingt durch unvollständige laryngeale Okklusion oder Retention im Hypopharynx. Weitere Gründe waren Schwäche oder Unbeweglichkeit der Pharynxmuskulatur, Strikturen und Fehlfunktionen des oberen Ösophagussphinkters. Die Inzidenz der Dysphagie unserer untersuchten Patienten mit Larynxteilresektionen lag bei 44,4%.

Denk et al. [2] berichteten von 32 operierten Patienten mit leichter bis schwerer Aspiration. Nach erhaltener funktioneller Schlucktherapie konnten sich 75% der Patienten voll oral ernähren, wobei die Dauer der Schluckstörung variierte. Dieses Ergebnis wird in unseren Untersuchungen mit 72,7% Behandlungserfolg bestätigt. Nach unseren Erfahrungen bestehen Grenzen in der Therapiemöglichkeit postoperativer Dysphagien bei Tumorerkrankungen. Patienten mit Zusatzerkrankungen wie Neuropathie (Alkoholabusus) oder motorische Ungeschicklichkeit zeigten wenig Therapieerfolg und waren auch Anlass für einen Behandlungsabbruch.

Die erfolgreiche Schluckrehabilitation ist entscheidend abhängig vom Ausmaß der Resektion und Rekonstruktion (Platysma-, Pectoralis-, Radialislappen). Prognostisch erwies sich die postoperativ verbliebene Restbeweglichkeit von Glottis und Supraglottis zur Okklusion des Larynx im Schluckakt als günstig. Nach Ausschöpfung der konservativen Möglichkeiten wurden dem Patienten operative Maßnahmen vorgeschlagen.

Das Engagement des Therapeuten und die Motivation des Patienten tragen maßgeblich zur Schluckrehabilitation bei. Die Frühdiagnostik der Tumorerkrankung und ein baldiger Therapiebeginn hinsichtlich operativer und schlucktherapeutischer Maßnahmen ist anzustreben.


Literatur

1.
Kreuzer S-H, Schima W, Schober E, Pokieser P, Kofler G, Lechner G, Denk D-M (2000) Complications after laryngeal surgery: videofluoroskopie of 120 patients. Clin-Radiol. 55 (10): 775-81
2.
Denk D-M, Swoboda H, Schima W, Eibenberger K (1997) Prognostic factors for swallowing rehabilitation following head and neck cancer surgery. Acta- Otolaryngol. 117 (5): 769-74
3.
Bartolomé G et. al (1999) Schluckstörungen: Diagnostik und Rehabilitation. Fischer Verlag München: 297-325