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20. Wissenschaftliche Jahrestagung der DGPP Deutsche Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie

Deutsche Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie e. V.

12. bis 14.09.2003, Rostock

Lebensqualität bei Stimmstörungen

Vortrag

  • corresponding author Frank Rosanowski - Universitätsklinikum Erlangen, Abteilung Phoniatrie-Pädaudiologie, Bohlenplatz 21, 91054 Erlangen, 09131-853-3145, 09131-853-9272
  • Volker Köllner - Klinik für Psychosomatik und Psychotherapeutische Medizin, Universitätsklinik Dresden, Fetscherstr.74, 01307 Dresden
  • Ulrich Eysholdt - Universitätsklinikum Erlangen, Abteilung Phoniatrie-Pädaudiologie, Bohlenplatz 21, 91054 Erlangen, 09131-853-3145, 09131-853-9272
  • Ulrich Hoppe - Universitätsklinikum Erlangen, Abteilung Phoniatrie-Pädaudiologie, Bohlenplatz 21, 91054 Erlangen, 09131-853-3145, 09131-853-9272

Deutsche Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie. 20. Wissenschaftliche Jahrestagung der DGPP. Rostock, 12.-14.09.2003. Düsseldorf, Köln: German Medical Science; 2003. DocV27

Die elektronische Version dieses Artikels ist vollständig und ist verfügbar unter: http://www.egms.de/de/meetings/dgpp2003/03dgpp037.shtml

Veröffentlicht: 12. September 2003

© 2003 Rosanowski et al.
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Gliederung

Zusammenfassung

Stimmstörungen können soziale Funktionen eines betroffenen Menschen beeinträchtigen. Zudem berichten dysphone Patienten losgelöst vom individuellen Ursachengefüge von psychischen, aber auch von anderen körperlichen Beschwerden. In den letzten Jahren hat sich die gesundheitsbezogene Lebensqualität LQ als geeignetes Globalmaß zur Erfassung solcher störungsunspezifischen Beeinträchtigungen erwiesen und wurde z.B. auch Zielkriterium in Versorgungsleitlinien. Gegenstand dieser Studie war die Frage, ob die LQ bei Patienten mit Dysphonien gegenüber Stimmgesunden verändert ist, ob sich Geschlechtsunterschiede zeigen und ob Patienten mit funktionellen Dysphonien andere Auffälligkeiten haben als solche mit organischen. 108 Patienten wurde der international gebräuchliche SF-36 Fragebogen zur gesundheitsbezogenen Lebensqualität vorgelegt. Beim Vergleich mit Gesunden zeigte sich eine signifikante Einschränkung der LQ. Unterschiede zwischen Patienten mit funktionellen und organischen Störungen und geschlechtsspezifische Besonderheiten wurden nicht gefunden. Bei der Durchsicht der Literatur fallen erstaunlicher Weise sprach- bzw. kulturgebundene Unterschiede der Veränderung der LQ bei Dysphonien auf. Positive Ergebnisse einer Längsschnittuntersuchung zu Veränderungen der LQ in unterschiedlichen stimmtherapeutischen Prozessen (konservativ - operativ, ambulant - stationär) könnten als Argumentationshilfe bei der komparativen Ressourcenallokation im Gesundheitswesen dienen.


Text

Einleitung

In den letzten Jahren wurde die gesundheitsbezogene Lebensqualität LQ nach der Thematisierung in Krankheitsklassifikationssystemen der Weltgesundheitsorganisation WHO auch zum Endpunktparameter in deutschen Versorgungsleitlinien. Ihre Messung ermöglicht einen störungsunabhängigen Vergleich der subjektiven Beeinträchtigung der Patienten. Für die klinisch-praktische Medizin ist dies auch vor dem Hintergrund gesundheitsökonomischer Veränderungen von Bedeutung, weil sich die Ressourcenallokation für die Untersuchung und Behandlung von Krankheiten und Störungen in Zukunft wohl auch auf diesen auf den ersten Blick „weich" anmutenden Parameter stützen wird. Unstrittig können auch Stimmstörungen zu einer auch erheblichen Beeinträchtigung eines betroffenen Menschen führen. Diese sind nicht nur symptomspezifisch, denn dysphone Patienten berichten losgelöst vom individuellen Ursachengefüge von psychischen, aber auch von anderen körperlichen Beschwerden, die in standardisierten Erhebungsinstrumenten der LQ valide abgebildet werden. Insofern ist es nahe liegend, die LQ bei Patienten mit Dysphonien zu bestimmen. Gegenstand dieser Studie ist zunächst die Frage, ob die LQ bei Patienten mit Dysphonien gegenüber Stimmgesunden verändert ist. Da insbesondere Frauen mit funktionellen Stimmstörungen häufig dem Verdacht unterliegen, ihre Dysphonie habe eine primär „psychische" Ursache oder sei zumindest „psychisch überlagert", sollte weiterhin geprüft werden, ob sich denn Geschlechtsunterschiede nachweisen lassen und ob Patienten mit funktionellen Dysphonien andere Auffälligkeiten haben als solche mit organischen.

Probanden und Methode

115 muttersprachlich deutsche Patienten, die sich konsekutiv wegen einer Dysphonie benigner Ursache erstmals in der Abteilung für Phoniatrie und Pädaudiologie des Klinikums der Universität Erlangen-Nürnberg vorstellten, wurden nach Information über Hintergrund und Inhalt der Studie um ihre Teilnahme gebeten. Sieben lehnten dies ab, so dass insgesamt 108 Patienten im Alter von 45,3 ± 15,1 Jahren untersucht werden konnten. Als Kontrollgruppe dienten 50 stimmgesunde Patienten, 28 Frauen und 22 Männer, im Alter von 47,1 ± 15,5 Jahren.

Die Probanden wurden gemäß dem Konsensuspapier der European Laryngological Society von einem erfahrenen Phoniater untersucht. In der Patientengruppe litten 40 Frauen (29 Männer) an einer organischen Dysphonie (Stimmlippenstillstand n=23, benigne Neubildung i.e. Polyp usw. n=15, chronische Laryngitis n=20, Defektheilung nach endolaryngealer Chirurgie n=9, Stimmlippenatrophie bei Presbyphonie n=2). 24 Frauen (15 Männer) hatten eine funktionelle Dysphonie. Statistisch signifikante Unterschiede der Altersverteilung bestanden beim Vergleich der unterschiedlichen Patientengruppen nicht.

Die Patienten wurden gebeten, den an anderer Stelle ausführlich beschriebenen und international gebräuchlichen SF-36 Fragebogen zur gesundheitsbezogenen Lebensqualität unmittelbar im Anschluss an die klinische phoniatrische Untersuchung und ohne vorherige Mitteilung der Diagnose auszufüllen. Alle Fragen wurden beantwortet, es standen also komplette Datensätze aller 108 Patienten zur Verfügung. Die Daten wurden mit Hilfe von Microsoft ExcelR und des MATLABR Software Pakets ausgewertet.

Ergebnisse

Beim Vergleich mit Gesunden zeigte die Gesamtgruppe dysphoner Patienten eine Einschränkung der LQ. Dieser Unterschied war bei allen Subskalen mit Ausnahme der körperlichen Rollenfunktion und dem psychischen Wohlbefinden statistisch signifikant. Unabhängig von der individuellen Diagnose bestanden zwischen Frauen und Männern des Studienkollektivs keine relevanten Unterschiede. Auch bei der Gegenüberstellung von Patienten mit funktionellen und organischen Störungen wurden keine signifikanten Differenzen gefunden.

Diskussion und Schlussfolgerung

Grundsätzlich kann nach den hier dargelegten Daten eine Einschränkung der LQ bei Patienten mit Dysphonien jedweder benignen Ursache geschlossen werden. Bei der Durchsicht der Literatur fallen erstaunlicher Weise sprach- bzw. kulturgebundene Unterschiede dieser Veränderung der LQ auf: So sind die Punktwerte des Studienkollektivs höher als in einer Studie von Wilson et. al. aus Großbritannien. Die Ursache dafür kann in einer andersartigen Inanspruchnahme der jeweiligen Gesundheitssysteme liegen. Die Annahme, Frauen erlebten ihre Dysphonie anders als Männer, kann im Hinblick auf die LQ verworfen werden. Auch ein geschlechtsspezifischer Unterschied lässt sich nicht belegen. Weiterer Forschungsbedarf besteht im Bereich der Therapiekontrolle, denn positive Ergebnisse einer Längsschnittuntersuchung in unterschiedlich konzipierten stimmtherapeutischen Prozessen (konservativ - operativ, ambulant - stationär) könnten als Argumentationshilfe bei der komparativen Ressourcenallokation im Gesundheitswesen dienen.